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Downhill-Ass Höll: "Wieso kriege ich weniger als ein Mann?"

Valentina Höll ist zum fünften Mal Weltcup-Gesamtsiegerin. Im Interview spricht sie über ihre Entwicklung, jene des Sports - und warum ihre Disziplin kein Thema für Olympia sein wird.

Downhill-Ass Höll: "Wieso kriege ich weniger als ein Mann?" Foto: © IMAGO / Sebastian Sternemann
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2001 geboren, ist Valentina "Vali" Höll das Maß aller Dinge im Mountainbike-Downhill-Sport - und das nicht erst seit gestern.

2018 und 2019 wurde sie sowohl Junioren-Weltmeisterin als auch -Weltcupsiegerin. 2021 gelang ihr letzteres bei den Erwachsenen, 2022 wurde sie erstmals Weltmeisterin.

In den letzten drei Jahren gewann sie sowohl Weltcup als auch Weltmeisterschaft. Auch diese Saison schaffte sie den Gesamt-Weltcup-Sieg. Es ist ihr fünfter. Die Frau hat also alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Außer einer olympischen Medaille.

Wenn Höll aber nicht vom Downhill auf Cross-Country wechselt, wird das auch nichts mehr.

Im Vorfeld der WM vom 26. bis 30. August im Val di Sole nordwestlich von Trient nahm sie sich für LAOLA1 Zeit, um über Olympia, die Entwicklung des Sports im Allgemeinen und für die Frauen im Speziellen zu sprechen.

LAOLA1: Wird es nicht irgendwann fad, wenn man so viel gewinnt?

Valentina Höll: Das finde ich gar nicht. Es gibt immer höhere Erwartungen und es ist immer schwieriger zu gewinnen. Von dem her habe ich viel Motivation.

Es ist ein Fakt, dass es bereits zu viele Athleten bei den Olympischen Sommerspielen gibt, und sie sind sehr am struggeln, dass die Disziplinen gehalten werden, die dabei sind. Also ist es unwahrscheinlich, dass sie neue dazunehmen.

Vali Höll

LAOLA1: Wie hat sich das Feld verändert? Die Tür zu Olympia ist ja zu, hatte das Auswirkungen?

Höll: Das Thema Olympia war im Downhillsport immer so ein Hin und Her, aber wir wissen, glaube ich, alle, dass es nicht passieren wird. Die Olympischen Sommerspiele sind immer so voll. Ich bin ja im Athletenkomitee der UCI mit dabei und es ist ein Fakt, dass es bereits zu viele Athleten bei den Olympischen Sommerspielen gibt. Und sie sind sehr am struggeln, dass die Disziplinen gehalten werden, die dabei sind. Also ist es unwahrscheinlich, dass sie neue dazunehmen. Das ist also nichts, was dich als junges Mädel antreibt. Mit diesem Traum wächst man nicht auf. Du machst das, weil du Downhill fahren willst.

LAOLA1: Kommt man sich dann nicht trotzdem gefrotzelt vor, wenn Breakdance und Moderner Fünfkampf mit dabei sind?

Höll: Das ist eben die Frage. Das Format ist extrem spannend und leicht zu verstehen. Wie alpines Skifahren ist es brutal spannend anzusehen und leicht zu verfolgen. Du brauchst kein Vorwissen, wie etwas funktioniert oder wie Punkte gezählt werden. Die schnellste Zeit gewinnt, du musst keine drei Stunden warten, bis es vorbei ist.

Ich habe auch das Gefühl, dass Downhill langsam zur neuen Trendsportart wird. Es dauert einfach ein bisschen, es ist nicht Rennradsport und nicht so viel Geld drin wie bei der Tour de France, wo der Verband UCI dahintersteht. Aber es hilft nichts, wir müssen einfach unser Ding machen – in der Szene ist es schon sehr cool. Es wäre schon gut, diesen Traum zu haben, aber vielleicht ist es andersrum auch besser.

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Downhill ist kein Kindergeburtstag.
Foto: ©GEPA

LAOLA1: Vielleicht kommt ja noch der Push dadurch, dass diese ganze Winter-Infrastruktur auch für das Mountainbiken gut geeignet ist.

Höll: Es ist mit den schneearmen Wintern voll interessant zu sehen, was los ist mit den Schulklassen. Im Westen verweigern sich noch immer die Schulen (Anm.: gegenüber Mountainbike-Wochen). Ich weiß nicht wirklich, wieso. Klar, es ist ein bisschen gefährlich und es kann immer etwas passieren. Aber ob du eine Ski- oder Mountainbike-Woche machst, ändert am Risiko nichts.

LAOLA1: Grundsätzlich ist Downhillfahren sehr snackable Content für Instagram und Co. Du hast mit 13 den ersten Sponsorenvertrag unterschrieben. Wie hat sich der Sport in den letzten zehn, 15 Jahren verändert?

Höll: Ich habe am Anfang gar nicht gewusst, dass Downhill überhaupt ein Ding ist oder es Weltcup-Rennen gibt. 2011 habe ich das das erste Mal so richtig mitbekommen. Dann habe ich mir das angeschaut und es megacool gefunden. Anders als bei den Profiskifahrerinnen war aber nicht so klar, dass man davon leben kann. Die Hälfte der Mountainbikerinnen musste sowieso im Winter hackeln. Jetzt ist es extrem professionell. Es ist so elitär geworden, überhaupt Weltcup zu fahren, dass alle Fahrerinnen in professionellen Teams sind. Sie haben richtige Verträge.

Ich bin in der glücklichen Lage, davon gut leben zu können, kann viel sparen, smarte Sachen machen. Aber ich bin eine der Topfahrerinnen und dieses Glück hatte nicht jede. Es ist interessant, weil nach Corona hat das Biken sehr gestruggelt. Mein altes Team ist letztes Jahr bankrottgegangen und ich musste ein neues suchen. Es gab einen Hype um den Sport und jeder Sport hat irgendwann ein Loch.

Wir wollen, dass es schwierig ist, dass alle ihre Grenzen pushen. Gerade dieses Jahr ist das Frauenfeld sehr spannend und ich merke auch, dass viele meinen, dass unsere Rennen saucool anzusehen sind.

LAOLA1: Wenn man vielleicht abgesehen von dieser Entwicklung denkt: Man muss schon ein entspanntes Verhältnis zu Verletzungen haben, wenn man sich am Bike den Berg runterschmeißt, oder? Wie einfach oder schwierig ist es, mit Rückschlägen umzugehen – ja, du hast die WM vier Mal gewonnen, aber wie sind dann Rückschläge wie eine Verletzung vor der Heim-WM oder die Pleite des Rennstalls zu verdauen?

Höll: Das ist alles Part of the Game, du kennst das Risiko und weißt, was passieren kann. Ich bin zwar erst 24 Jahre alt, muss aber zugeben, dass du mit zunehmendem Alter mitkriegst, was bei anderen passieren kann. Dann denkst du immer mehr nach. Es ist ein Fakt, dass das mit 16, 17 oder 18 Jahren schon leichter ist. Du bereitest dich aber so gut wie möglich auf alles vor und trainierst, dass du dich nicht verletzt und damit weniger passiert, wenn du dich verletzt.

Die anderen Sachen kann man eh nicht kontrollieren. Das ist im ganzen Leben so, nicht nur, wenn man mit dem Fahrrad den Berg runterfährt. Und dann musst du das Beste daraus machen. Als das mit meinem Team passiert ist, hatte ich die Chance, neu durchzustarten. Die Resultate sind sehr gut, darüber bin ich megahappy. Du musst die Möglichkeiten einfach nutzen, auch wenn es nicht geplant ist.

LAOLA1: Wie sieht deine weitere Karriereplanung aus? Anne-Caroline Chausson war neun Mal Weltmeisterin.

Höll: Das habe ich auch oft gehört. Ich habe sehr viel Respekt vor allen, die öfter gewonnen haben. Aber es waren andere Zeiten. Ich denke, man konnte sich schon noch mehr Fehler erlauben. Das Feld ist jetzt so brutal dicht, da darfst du dir nichts erlauben. Das ist aber saucool, weil bei den Männern das ja auch so ist – wir haben ein extrem hohes Level. Dann schaut das Podium jedes Wochenende anders aus und genau darauf haben wir hingearbeitet.

Wir wollen, dass es schwierig ist, dass alle ihre Grenzen pushen. Gerade dieses Jahr ist das Frauenfeld sehr spannend und ich merke auch, dass viele meinen, dass unsere Rennen saucool anzusehen sind. Klarerweise hast du deine persönlichen Ziele, aber du willst den Sport insgesamt attraktiver machen. Und in dem Zusammenhang sind wir auf einem extrem guten Weg.

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Vali Höll ist DAS Gesicht des Downhills in Österreich. Sie kann gut davon leben, die Männer bekommen dennoch mehr
Foto: ©GEPA

LAOLA1: Wann ist das eigentlich so geswitcht, dass die Spitze breiter wird?

Höll: Ich glaube, es war einfach auch die neue Generation, die ein, zwei Jahre nach mir gekommen ist. Sie haben die Chance, den Sport professionell zu machen, weil immer mehr Teams checken, welche Chancen es bietet, Frauensport zu unterstützen.

Es brauchte Role Models, weil davor hattest du weniger Möglichkeiten, überhaupt ein Vorbild zu finden. Und jetzt gibt es in fast jedem Land ganz viele coole Vorbilder, die zeigen, was möglich ist. So kann man mehr Kids inspirieren. Diese Zeit hat es gebraucht. Je mehr man uns in den Medien sieht, in Zeitungen, auf Social Media, desto leichter ist es zu sehen, dass du das auch machen willst.

LAOLA1: Frauen sind im Sport generell unterrepräsentiert. Wie ist das deiner Erfahrung nach im Downhill?

Höll: Ich bin mega lucky, dass ich in Österreich das Aushängeschild für Downhill bin. Deswegen bin ich in den Medien gut vertreten und die Nachwuchsfahrerinnen sind in Österreich stärker als die Jungs. Da haben wir echt einen guten Job gemacht, da müssen die Jungs nachziehen. Deswegen freut es mich, dass ich gut vertreten bin. Gemeinsam mit Rosa Zierl und Lina Frener sind wir in den kommenden Jahren ein echt starkes Frauenteam. In Österreich haben wir also die Oberhand. Die Bike-Medien versuchen es auch generell, dass Männer und Frauen gleichmäßig dargestellt werden.

Schaut man dann aber auf den Paycheck, sieht man schon, dass die Männer mehr verdienen. An diesem Punkt fighten wir: Wieso kriege ich weniger als ein Mann, obwohl ich mehr Siege habe? Man merkt also schon, dass es schwieriger ist, dass Marketing-Abteilungen und Brands das einsehen und mit der Zeit gehen. Mein Management ist sehr dahinter, dass wir einen frischen Wind in die Szene bekommen. Wegen uns werden Bikes verkauft, fangen Mädels an und kaufen dann wieder welche.

Am Anfang war schon das Problem, dass viele dachten, dass ich egoistisch oder verbissen bin. Jetzt tue ich mir leichter als damals, als man mich mit 17, 18 Jahren in diese Welt mit all den Kameras hineingeschubst hat.

LAOLA1: Das heißt: Es geht im Radsport in die Richtung, dass Frauen dasselbe verdienen sollen, wie es im Tennis bei den Grand-Slam-Turnieren der Fall ist?

Höll: Das ist extrem cool im Tennis. Aber sie haben auch sehr große Deals mit bekannten Marken wie Nike oder Lacoste. Das ist noch einmal eine andere Geschichte. Bei uns sind die Summen kleiner.

LAOLA1: Wie ist es für einen persönlich, das Aushängeschild für deinen Sport zu sein und dann quasi alle Fragen zu beantworten?

Höll: Das ist positiv und entspannt. Ich bin eh sehr offen, man merkt auch, wenn mir etwas nicht taugt. Ich bin eben, wie ich bin, und sehr natürlich. Am Anfang war schon das Problem, dass viele dachten, dass ich egoistisch oder verbissen bin. Da muss man mich schon besser kennenlernen und dann sind die Leute überrascht, dass ich beispielsweise sehr lustig bin.

Jetzt tue ich mir leichter als damals, als man mich mit 17, 18 Jahren in diese Welt mit all den Kameras hineingeschubst hat. Du veränderst dich in dem Alter so stark, aber es ist immer jemand da, der dich beurteilt und kommentiert. Das ist nicht fair, wenn man selber nicht weiß, wer man ist. Jetzt habe ich mehr Selbstvertrauen. Früher hatte ich einfach nur Schiss, jetzt traue ich mich zu zeigen, wie ich bin.

LAOLA1: Kommt das Mentale oftmals zu kurz?

Höll: Ich arbeite mit einer Sportpsychologin, aber ich musste meine Persönlichkeit erst einmal finden und dazu braucht es schlichtweg Zeit.

LAOLA1: Was würdest du deinem Teenager-Ich heute mitgeben, was du jetzt erst weißt?

Höll: Man soll sich nicht auf Resultate fixieren. Ich hatte immer Angst, dass man nur mit mir spricht, weil ich gut im Radfahren bin. Aber das ist kompletter Bullshit. Die Menschen mögen mich, weil ich ich bin, und wenn ich nicht Radl fahren würde, hätte ich genauso meine Freunde. Du bist nicht durch deine Resultate definiert. Radlfahren ist extrem cool und gibt einem viele Möglichkeiten, was man dann machen kann. Aber am Ende ist es nur Radlfahren. Es ist wichtiger, was man abseits davon macht.

LAOLA1: Wir danken für das Gespräch!

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