'Jeder hat das Gefühl, dass es fair ist'

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"Bei der Vermarktung muss man mehr tun"

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Es begann mit einem weißen Blatt Papier.

2011 wurde Fritz Enzinger damit beauftragt, der großen Langstrecken-Historie von Porsche ein neues Kapitel hinzuzufügen.

Als Leiter des LMP1-Projektes (Le Mans Prototyp, Klasse 1) oblag es dem 59-Jährigen, ein komplettes Team neu aufzubauen. Aus einer Handvoll wurden über 260 Mitarbeiter, aus Entwürfen der Porsche 919 Hybrid - aus dem Projekt ein Erfolg.

Im zweiten Jahr der Teilnahme gelangen heuer der Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans, in der Hersteller- und der Fahrer-Gesamtwertung.

Es war eine Saison für die Ewigkeit.

2015: A season for eternity.

2015: A season for eternity.Our thanks go out to the teams, our partners and sponsors and the entire Porsche Motorsport family. Join us and relive the historic achievements of this year in this video.

Posted by Porsche on Saturday, November 28, 2015

Nicht nur Porsche, die Langstrecken-WM im Allgemeinen erfreut sich steigender Popularität - auch abseits des Klassikers in Le Mans

Was das für einen möglichen Formel-1-Einstieg Porsches bedeutet, wo sich die Serie verbessern muss und welcher alte Bekannte ihn unlängst überrascht hat, erzählt Enzinger im LAOLA1-Interview.

LAOLA1: Ein großartiges Jahr liegt hinter Ihnen und dem gesamten Porsche-Team. Wie schaltet man als Motorsport-Top-Manager am besten ein paar Gänge zurück und kommt zur Ruhe?

Fritz Enzinger: Nachdem wir wirklich alles gewonnen haben und das neue Auto beim Test in Aragon war und dort alles planmäßig gelaufen ist, kann über den Jahreswechsel wirklich Ruhe einkehren und man genießt, was heuer passiert ist. Ideal gelingt mir das zuhause in der Steiermark. Dort geht es nicht um das Thema Motorsport, da gehe ich Skifahren oder mit dem Hund spazieren und bin bei der Familie. 

LAOLA1: Lässt sich in zwei, drei Punkten zusammenfassen, warum es vor beziehungsweise während dieses Jahres so schnell so steil nach oben gegangen ist?

Enzinger: Die Lernkurve des Teams in den letzten beiden Jahren war entscheidend. Da konnten wir neue Strukturen schaffen. Das war ein Vorteil, aber gleichzeitig auch die größte Herausforderung. Es war eine intensive Zeit, angefangen von Baubesprechungen über Diskussionen zum Reglement und der gleichzeitigen Akquise von neuen Leuten. Als das Team dann komplett war, ist es sehr schnell gegangen. Die Lernkurve vom ersten Rollout bis zum Sieg in Le Mans war extrem steil. Jetzt haben wir 260 Mitarbeiter aus über 20 Nationen. Der Fokus lag am Anfang immer auf Le Mans. Als wir dort gewonnen haben, wollten wir die Hersteller-Führung behalten. Als uns das auch gelungen war, wurde der Fahrertitel zum Sahnehäubchen.

LAOLA1: Wie ist es Ihnen gelungen, dass das Team so schnell gewachsen ist und gleichzeitig sofort funktioniert hat?

Enzinger: Bei den Schlüsselpositionen habe ich gewusst, wen ich hole, weil ich diese Leute schon von meiner Zeit bei BMW in der Formel 1 kannte. Ich habe ihnen die Verantwortung gegeben, ihr eigenes Team aufzubauen. Einerseits war das die technische Entwicklung mit Alexander Hitzinger an der Spitze. Der anderen großen Einheit steht Andreas Seidl als Teamchef vor. Beide hatten freie Hand, und es herrschte eine hohe Loyalität. 

LAOLA1: Das Vertrauen von Porsche Ihnen gegenüber muss dabei auch sehr groß gewesen sein.

Enzinger: Die Chance, die ich bei Porsche bekommen habe, dass man bei null anfangen kann, ist sehr selten und unglaublich besonders. Bei Porsche spürt man sofort die große Historie. Ich kenne mehrere Leute, die mit unterschiedlichen Marken in Le Mans gewonnen haben, aber bei Porsche ist das noch einmal etwas Anderes. Die Erwartungshaltung war natürlich hoch. Im ersten Jahr haben wir auch gemerkt, dass Le Mans noch zu früh für unser junges Team kam. Dafür war es 2014 der perfekte Abschluss, dass wir das letzte Rennen der Saison in Sao Paulo aus eigener Kraft gewinnen konnten. Daraus konnten wir enorme zusätzliche Motivation für 2015 mitnehmen. Und das Jahr war dann richtig gut. Die Aerodynamik war zu Beginn ein Kompromiss, weil wir sie für Le Mans ausgelegt hatten, aber es war eben unser wichtigstes Ziel, dort ein siegfähiges Auto zu haben. Das hatten wir. Trotzdem: Was in diesen 24 Stunden tatsächlich passiert, kann man nie vorhersagen. Dass es 2015, in unserem zweiten Anlauf, schon zum Sieg gereicht hat, war großartig.

LAOLA1: Wie gelingt es dem Team, nach den ganzen Erfolgen die Motivation auch für 2016 hoch zu halten?

Enzinger: Wichtig ist, die Bodenständigkeit beizubehalten. Trotz der Erfolge dürfen wir den Druck für die Entwicklung des neuen Autos nicht herausnehmen. Wir haben alle Komponenten überprüft und weiterentwickelt. Dadurch konnten wir schon Anfang Dezember in Aragon den ersten Dauerlauf absolvieren. Das zeigt, dass wir nicht locker lassen. Ob das Auto gut genug entwickelt worden ist, sieht man erst, wenn die Konkurrenz vor Ort ist. Bis dahin werden wir aber nichts dem Zufall überlassen. Und in Le Mans wollen wir wieder ein siegfähiges Auto haben, auch wenn wir nur mit zwei Autos fahren werden. 

LAOLA1: Wie schnell ist man sich diesbezüglich mit Audi einig geworden?

Enzinger: Das war überhaupt kein Problem. Wolfgang Ullrich ist ja auch Österreicher, wir verstehen uns gut. Und Audi hatte gleichfalls das Bestreben, Kosten einzusparen. Ein drittes Auto ist einfach ein Mehraufwand. Sowohl logistisch als auch finanziell.

LAOLA1: Wie würden sie die Rivalität zwischen den Herstellern generell beschreiben? 

Enzinger: Ich glaube, es ist jedem der drei Hersteller Audi, Toyota und Porsche – Nissan war ja nur kurzzeitig dabei – bewusst, dass die Serie funktionieren muss. Es nützt niemandem, wenn wir uns gegenseitig abseits der Rennstrecke attackieren. Wichtig ist das Reglement. Jeder hat das Gefühl, dass es fair ist. Man sieht es daran, dass völlig unterschiedliche Konzepte verfolgt werden, die zum Erfolg führen können.

LAOLA1: Dadurch entstehen sehr spannende Rennen.

Enzinger: Wenn zwischen Audi und uns – wie in dieser Saison – nach sechs Stunden die ersten drei Autos innerhalb von nur 15 Sekunden sind, dann ist das extrem gut. Da gab es auch richtig gute Zweikämpfe. Vom Sport her sind wir komplett richtig unterwegs.

LAOLA1: Worin liegt noch Verbesserungspotenzial?

Enzinger: Was die Vermarktung der Serie betrifft, muss man deutlich mehr unternehmen. Im Fokus steht Le Mans, aber bei den anderen Rennen geht mehr. Da muss man allerdings auch Geduld haben. Es ist schwierig, ein Sechs-Stunden-Rennen in ein TV-Format zu bringen, keine Frage. Viele haben das Sitzfleisch für maximal eineinhalb Stunden. Da muss man eine Möglichkeit finden und womöglich den letzten Teil des Rennens live zeigen und den Rest in Highlights. So wird das Ganze ansprechender. Klar, die Formel 1 ist einfach eine Mega-Plattform, gegen die wird das immer schwierig sein. Aber die Langstrecken-Fans sind auch ein ganz anderes Publikum.

LAOLA1: Bei Porsche hat man sich bis 2018 zum Engagement in der WEC bekannt. Bedeutet das, dass Sie auch so lange dort involviert sein werden?

Enzinger: So ist der Plan, ja. 2018 wird das technische Reglement wieder neu festgelegt. Gleichzeitig versucht man von Anfang an, die Kosten zu reduzieren. Wir werden zum Beispiel nie mehr als zehn Rennen haben, im nächsten Jahr sind es neun mit dem Neuzugang Mexiko. Wir versuchen die Anzahl der Motoren festzulegen, also maximal fünf für alle Rennen. Auch die Testtage wurden reglementiert auf 40 Tage, gleiches gilt für die Windkanalstunden, die runtergesetzt wurden. Somit behält man diese Parameter im Griff und das Budget bleibt kalkulierbar. Dadurch erwacht vielleicht noch bei ein oder zwei weiteren Herstellern Interesse, in die WEC einzusteigen. Für die Ingenieure sind die Freiheiten extrem groß. Das macht die Sache als Forschungslabor für Hersteller schon sehr interessant. Gerade was den Antrieb betrifft, ist die Formel 1 viel restriktiver und ganz genau definiert. Bei uns muss es mehr Freiheiten geben, weil man ja unterschiedlichste Antriebskonzepte zulässt, um maximalen Nutzen für zukünftige Straßenfahrzeuge zu generieren. 

LAOLA1: Führt das alles dazu, dass man unter diesen Bedingungen bei Porsche kaum Interesse hat, in die Formel 1 einzusteigen?

Enzinger: Für mich persönlich ist klar, dass es einen Auftrag bis 2018 in der Langstrecke gibt. Es wird immer wieder gesagt, dass eine Marke des Konzerns in die Formel 1 einsteigt. Aufgrund der aktuellen Situation sehe ich es eher unwahrscheinlich. Ich beziehe mich hier aber nur auf Porsche. Welche Motorsport-Strategien in Wolfsburg überlegt werden, dazu kann ich mich nicht äußern.

 

LAOLA1: Mit Juan-Pablo Montoya hat zuletzt ein weiterer Ex-Formel-1-Fahrer den Sprung ins WEC-Auto gemacht und hat einen Porsche getestet. Wie ist es dazu gekommen?

Enzinger: Ich habe ihn damals bei Williams-BMW kennengelernt, der Kontakt ist aber in den letzten Jahren abgebrochen. Er hat mir aber zum Le-Mans-Sieg gratuliert, und so hat sich das entwickelt. Juan war auch in Austin und unglaublich interessiert an vielen Details. Der Rookie-Test einen Tag nach dem Rennen in Bahrain hat sich dann perfekt angeboten, um ihm eine Chance zu geben. Man hat gemerkt, was für ein Racer er ist. Sobald er das Handling des Porsche 919 Hybrid raushatte, ist er richtig gute Zeiten gefahren. Er will sicher irgendwann einmal in Le Mans starten, 2016 ist es aber weder bei ihm noch bei uns möglich.

LAOLA1: Wie man sich in der WEC als ehemaliger F1-Pilot gut einfügen kann, hat Mark Webber gezeigt. Wie hat sich das bei ihm entwickelt?

Enzinger: Das war interessant. Als er zum ersten Mal gesagt hat, dass er sich das vorstellen kann, habe ich ihm empfohlen: Komm zu uns und baue das Team mit uns neu auf. Das war ähnlich wie die Situation damals bei Red Bull. Unsere Erwartungen hat er dann bei weitem übertroffen. Er ist eine ganz besondere Persönlichkeit. Wie offen er mit anderen Fahrern umgeht und seine Erfahrung teilt, gerade mit Brendon (Hartley, Anm.) und Timo (Bernhard, Anm.) – die drei sind schon ein geniales Team. Sie wissen, dass das Auto geteilt wird und nur so schnell ist wie der langsamste Pilot. 

LAOLA1: In Österreich sucht man spätestens seit dem Abschied von Alexander Wurz in dieser Saison vergeblich nach einem Top-Piloten. Sowohl in der LMP1 als auch in der Formel 1. Warum ist das so?

Enzinger: Ich habe erst vor kurzem mit Toto Wolff wieder einmal darüber gesprochen. Klar gibt es jüngere, die irgendwo am Weg sind. Aber es gibt keinen, der sich richtig angeboten hätte und an dem kein Weg vorbei führt. Man hat zwei permanente Rennstrecken in Österreich, dass beim Nachwuchs nicht mehr passiert, wundert mich. Denn die Begeisterung für den Motorsport ist in Österreich da. 

 

Das Interview führte Andreas Terler

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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