Hausleitner: Platz 2 für Ferrari "unerreichbar"

 

Die ersten drei Rennen einer mehr als besonderen Formel-1-Saison sind geschlagen. Eines ist wie immer: Mercedes dominiert das Geschehen.

Lewis Hamilton ist schon nach drei Rennen auf dem besten Weg zu seinem siebenten WM-Titel, womit er den Rekord von Michael Schumacher einstellen würde.

"Ja, wir können Lewis Hamilton zum Titel gratulieren. Das habe ich eigentlich schon getan, bevor die Saison losgegangen ist. Für mich war er der erste Anwärter auf den WM-Titel, das hat er bis jetzt bärenstark und ohne Tadel bestätigt. An ihm führt kein Weg vorbei", sagt Ernst Hausleitner.

Im LAOLA1-Interview erklärt der ORF-Kommentator, warum es die Konkurrenz Mercedes in dieser Saison besonders leicht macht und warum Ferrari zurecht genau dort steht, wo sie aktuell sind. Außerdem erzählt Hausleitner von einem geplatzten Interview mit Sebastian Vettel aufgrund der Corona-Vorkehrungen:

LAOLA1: Können wir Lewis Hamilton schon zum WM-Titel gratulieren?

Ernst Hausleitner: Ja, wir können Lewis Hamilton gratulieren. Das habe ich eigentlich schon getan, bevor die Saison losgegangen ist. Für mich war er der erste Anwärter auf den WM-Titel, das hat er bis jetzt bärenstark und ohne Tadel bestätigt. An Lewis Hamilton führt kein Weg vorbei. Es wird ihm aber heuer noch um die Spur leichter gemacht, weil sich mit Ferrari ein traditioneller Gegner aus der Vergangenheit zur Gänze verabschiedet hat. Die werden sich auch im weiteren Saisonverlauf nicht erholen. Der zweite Gegner, Red Bull, hat seine Anlaufschwierigkeiten gehabt. Ihnen traue ich es aber noch eher zu, die Probleme bald in den Griff zu bekommen. Allerdings ist der Rückstand von Max Verstappen auf Hamilton schon nach drei Rennen gegeben (30 Punkte, Anm.). In einer WM, von der wir jetzt nicht wissen, wie viele Rennen sie überhaupt umfassen wird, ist das schon zu Saisonbeginn ein herber Rückschlag für Red Bull. Ich glaube, es wird ein Solo für Lewis Hamilton werden.

LAOLA1: Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis Hamilton den WM-Rekord von sieben Titeln von Michael Schumacher bricht.

"Es steht für mich außer Frage, dass Hamilton alle – wirklich alle – Rekorde von Michael Schumacher brechen wird."

Hausleitner: Jede Epoche hat ihren Superstar, der Superstar unserer Epoche ist Lewis Hamilton. Es steht für mich außer Frage, dass er alle – wirklich alle – Rekorde von Michael Schumacher brechen wird.

LAOLA1: Ist für die anderen Fahrer Platz zwei von vornherein das Maximum?

Hausleitner: Es ist tatsächlich so, dass Platz zwei das Maximum ist, was ein Fahrer in der Fahrer-WM und ein Team in der Konstrukteurs-WM in dieser Saison erreichen kann. Aber für Ferrari ist selbst dieses Ziel in eine nahezu unerreichbare Ferne gerückt. Das wird die Saison prägen: Es wird Teams geben, die überraschen können, wie Racing Point oder McLaren, und es wird Teams geben, die enttäuschen werden und versuchen, diese Flaute zu beenden – allen voran Ferrari. Da wird viel Brisanz drin sein. Deswegen glaube ich, dass die Saison trotzdem interessant sein wird. Und ich hoffe doch sehr stark, dass Red Bull irgendwann stark genug sein wird, um Lewis Hamilton und Mercedes zu fordern.

LAOLA1: Was steckt hinter der Krise bei Ferrari?

Hausleitner: Es gibt viele Theorien dazu, aber es ist schon augenscheinlich, dass das Auto nicht mehr läuft, seitdem man gewisse Schlupflöcher im Motoren-Reglement geschlossen hat. Das hat schon im Herbst für viel Aufregung und Diskussionen gesorgt. Es war auch nicht nach jedermanns Geschmack, wie man das dann versucht hat, mit der FIA unter den Teppich zu kehren. Aber es wurde ja mittlerweile von Teamchef Mattia Binotto bestätigt, dass es genau das ist, was sie am meisten getroffen hat, dass ihnen einfach die Power im Motor fehlt. Das Auto ist aber auch aerodynamisch kein gutes und darum liegt Ferrari in der Konstrukteurs-WM aktuell nur auf Platz fünf. Genau dort gehören sie momentan hin.

LAOLA1: Wie schätzt du die Zukunft von Sebastian Vettel ein? Hört er auf oder macht er weiter und wenn ja, wo?

Hausleitner: Es hat mich überrascht, wie ehrlich Vettel an die Presse gegangen ist und über die Vorgehensweise von Ferrari, die ihn sichtlich kränkte, gesprochen hat. Ich dachte ursprünglich, wenn er bei Ferrari keinen Platz mehr hat, wird er seine Karriere beenden. Vettel ist ein bodenständiger Mensch, er hat eine Frau und drei Kinder, ein glückliches Privatleben und weiß mit seiner Familie etwas anzufangen. Jetzt bin ich aber schon der Ansicht, dass er bei Aston Martin andocken und dort in der nächsten Saison fahren wird. Dafür spricht, dass das Auto heuer extrem gut geht, es ist im Moment vielleicht sogar das zweitstärkste im Feld. Das Auto wird in der kommenden Saison nicht viel anders sein als heuer, die Entwicklung ist dermaßen eingefroren, dass sich da nicht viel tut. Das heißt, die Nummer-2-Stellung von Racing Point – in Zukunft Aston Martin – wird vielleicht Bestand haben und das ist etwas, was Vettel reizen könnte. Deswegen glaube ich, dass er dort unterschreiben wird.

LAOLA1: Gegen Racing Point laufen aktuell Proteste, die Konkurrenz hält das Auto für nicht regelkonform. Werden die Proteste Erfolg haben?

Hausleitner: Grundsätzlich glaube ich, dass die Proteste nicht von Erfolg gekrönt sein werden, weil die Autos ja homologiert sind. Die FIA hat sich die Boliden angesehen und ich gehe davon aus, dass man da schon mit so viel Bedacht agiert hat, dass man nicht nachträglich aus der Meisterschaft genommen werden wird. Otmar Szafnauer, Teamchef von Racing Point, sieht das relativ gelassen und sagt, das ist eigentlich Zeitverschwendung, man weiß, wie das Reglement aussieht. Ich glaube ganz einfach, dass der FIA da im Schreiben des Reglements irgendetwas durchgerutscht ist, z.B. eben diese Bremsbelüftung, und es von Racing Point mehroderweniger von Mercedes übernommen wurde, aber nicht in einem strafbaren Ausmaß. Man wird diesbezüglich das Reglement – wie es in der Formel 1 immer ist – wieder enger stecken und noch einmal schreiben, dass es künftig nicht mehr möglich ist. Aber ich glaube nicht, dass Racing Point in irgendeiner Art und Weise bestraft werden kann.

(Interview wird unter dem Video fortgesetzt)

LAOLA1: Wie hast du die ersten Geisterrennen erlebt?

Hausleitner: In der Steiermark war es nahezu wie bei einem normalen Rennen, denn da haben wir noch die Gelegenheit gehabt, an der Rennstrecke zu kommentieren. Wir waren zwar außerhalb des Red Bull Rings, aber wir hatten unsere Kommentatoren-Kabine direkt an der Strecke. Wir haben den Motorenlärm und die Atmosphäre von außen mitbekommen, freilich ohne Fans. Ein Rennen aus dem Studio in Wien zu kommentieren wie beim Ungarn-GP ist schwieriger. Das ist natürlich Arbeitsleid, aber auch an das wird man sich gewöhnen müssen. Für die Fans am TV-Gerät macht es, glaube ich, keinen großen Unterschied. Die Quoten der ersten drei Rennen waren überragend, wir hatten teilweise 49 Prozent Marktanteil. Ich habe schon im Vorfeld gesagt, dass ein Geisterrennen in der Formel 1 besser zu ertragen ist, als ein Geisterspiel im Fußball, und darin habe ich mich jetzt bestätigt gefühlt.

LAOLA1: Wie genau wurden die Sicherheits- und Hygienevorschriften eingehalten?

Hausleitner: Das Protokoll bei den Rennen in Spielberg war wirklich extrem engmaschig und wurde penibelst kontrolliert und eingehalten. Es ist eine Heerschar an Security-Personal bei nahezu jedem Baum gestanden, damit ja niemand aufs Gelände kommt, der dort nicht hingehört. Ich hatte auch ein Erlebnis: Ich hätte ein Interview mit Sebastian Vettel führen sollen und bin in der Früh noch zum Corona-Test gegangen. Trotz eines negativen Testergebnisses durfte ich Vettel aber nicht treffen, weil ich nicht für diese Zone am Gelände akkreditiert war. Ich habe das dann auch akzeptiert, denn so muss es sein, dass nicht jeder das Protokoll auf den Kopf stellen kann. Dieses Beispiel bestätigt, wie rigoros hier vorgegangen wird und dass es keine Ausnahmen gibt.

LAOLA1: Würde ein positiver Corona-Fall im Fahrerlager das Sicherheitskonzept gefährden?

Hausleitner: Man sagt ja, dass man für alles gerüstet ist und es war bereits im Vorfeld zu hören, dass selbst ein positiv getesteter Pilot nicht für eine Renn-Verschiebung sorgen würde, sondern dass man einfach auf den Ersatzpiloten zurückgreifen würde. Genauso ist es bei entscheidenden Personen – Ingenieure, Mechaniker usw. Mittlerweile hat jedes Team eine Backup-Truppe und ist doppelt aufgestellt. Ich glaube allerdings, dass man irgendwann die Reißleine ziehen würde, wenn die Zahl der Infizierten im Formel-1-Zirkus zu hoch wäre.

LAOLA1: Die nächste Station ist Silverstone: Wer wird Zweiter hinter Hamilton?

Hausleitner: Ich glaube, dass gerade in Silverstone Mercedes noch überlegener sein wird als in Ungarn, es ist eine Strecke mit einer hohen aerodynamischen Anforderung. Denn man darf eines nicht vergessen: Die ursprüngliche Stärke von Mercedes, die sie zu Beginn der Turbo-Hybrid-Ära hatten, nämlich der überlegene Motor, ist nicht mehr der ganz große Pluspunkt. Das Auto ist einfach als Gesamtkonzept das beste im Feld – das muss man einfach so hinnehmen, egal ob es einem gefällt oder nicht. Deshalb wird es auch in Silverstone am besten funktionieren, dort werden sie die Muskeln spielen lassen.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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