Taktik-Analyse: Schwächen im ÖFB-Aufbau überdeckt

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Gegen Moldawien mussten für Österreich unbedingt drei Punkte her, um zumindest weiterhin nicht ganz den Anschluss an die Spitze in der Qualifikationsgruppe D zu verlieren.

Dazu schickte Teamchef Marcel Koller seine Mannschaft erstmal in einem neuen System auf den Platz und setzte auf eine bereits vielfach geforderte Formation mit einer Dreierkette.

Gegen Moldawien gelang der Pflichtsieg, offenbarte jedoch Schwächen im Spielaufbau und in der Konterabsicherung. Die Taktik-Analyse von 90minuten.at:

Die Highlights der Partie gegen Moldawien:

(Text wird unter dem Video fortgesetzt)


Eine Dreierkette kam bisher nur im EM-Gruppenspiel gegen Island zum Einsatz, ein bekanntermaßen nicht gerade gelungenes Experiment. Die Formation damals war jedoch eine andere als im Spiel gegen Moldawien. Gegen Island versuchte es Marcel Koller mit einem 3-4-1-2, nun sollte ein 3-4-3 den Weg zum Erfolg bringen.

Die Dreierkette kommt immer mehr in Mode

Das 3-4-3 ist eine von zuletzt immer mehr Mannschaften eingesetzte Grundformation, allerdings ist die vom Nationalteam verwendete Variante eher ungewöhnlich. Das 3-4-3 von Marcel Koller war eines mit einer breiten Raute im Mittelfeld. Das heißt, dass es im Zentrum eine klare Aufteilung gab mit Ilsanker als Sechser und Junuzovic davor als Zehner, daneben hatten Alaba und Lazaro sehr breite Grundpositionen als Flügelverteidiger.

"Man könnte es auch als 3-1-3-3 bezeichnen."

Man könnte es daher auch als 3-1-3-3 bezeichnen. Etwas häufiger im internationalen Fußball ist da schon eine enge Raute, wie sie etwa von Johan Cruyff bevorzugt und zum Beispiel von Barcelona im Champions-League-Achtelfinalrückspiel gegen Paris Saint-Germain praktiziert wurde. Viele Mannschaften setzen aber eher auf ein 3-4-2-1, bei dem die offensiven Flügelspieler mehr Richtung Zentrum einrücken sind und die zentralen Mittelfeldspieler eher auf einer höher agieren - Fiorentina, Dortmund oder Chelsea nutzen dies beispielsweise.

Bei gegnerischem Ballbesitz wurde aus dem 3-4-3 ein 5-4-1, Alaba und Lazaro agierten also auf einer Höhe mit den drei Innenverteidigern. Dies passierte aber nur selten, da Österreich ohnehin die meiste Zeit über in Ballbesitz war und Moldawien hauptsächlich in Umschaltsituationen angriff. Ansonsten spielte Moldawien - angetreten in einem 4-4-1-1 - hohe Bälle in die Spitze, konnte diese aber kaum sichern. Eine klare Pressingsituation der Österreicher im 5-4-1 gab es daher in der ersten Halbzeit lediglich einmal zu beobachten. In dieser presste Österreich sehr vorsichtig und übte nur wenig Druck auf den gegnerischen Spielaufbau aus, ähnlich verliefen auch die Pressingszenen in Hälfte 2, wo Moldawien gegen Spielende noch zu einigen längeren Ballbesitzphasen kam.

Verbesserungspotential im Spielaufbau

Für Österreich gab es neben den Abläufen im Pressing auch große Veränderungen im Ballbesitzspiel, wobei im Spielaufbau bereits in der Vergangenheit zumeist auf eine Dreierkette gesetzt wurde, diese aber flexibel durch einen abkippenden Sechser hergestellt wurde.

Nun übernahm Prödl den zentralen Part, Hinteregger und Dragovic spielten daneben als sogenannte Halbverteidiger. Ilsanker blieb zentral davor und bildete mit den Verteidigern eine Raute, die gemeinsam den Spielaufbau übernahm.

Diese vier Spieler waren nur sehr geringem Druck des Gegners ausgesetzt, die vorderen zwei Spieler im moldawischen 4-4-1-1 verteidigten recht passiv und waren einfach zu überspielen.

Die 4vs1 Überzahl der Raute gegen den vordersten Stürmer war daher etwas unnötig, stattdessen hätte man eventuell mehr Spieler innerhalb der gegnerischen Defensivformation positionieren beziehungsweise die Halbverteidiger weiter vorschieben können.

Hinteregger beginnt den Spielaufbau von links, nach Zuspiel auf Ilsanker lässt dieser auf ihn zurückprallen anstatt aufzudrehen und auf Dragovic zu verlagern. Hinteregger rückt weiter vor, aber der Ballvortrag ist sehr linear und einfach auszurechnen.Hinteregger beginnt den Spielaufbau von links, nach Zuspiel auf Ilsanker lässt dieser auf ihn zurückprallen anstatt aufzudrehen und auf Dragovic zu verlagern. Hinteregger rückt weiter vor, aber der Ballvortrag ist sehr linear und einfach auszurechnen.

In der Regel wurde der Spielaufbau über Hinteregger gestartet und dieser dribbelte weiträumig an, lief zumeist mit Ball recht locker an den moldawischen Stürmern vorbei. Dabei legte er recht linear einige Meter mit dem Ball zurück, die Stürmer attackierten ihn dabei zwar nur sehr geringintensiv, die beiden Viererketten jedoch hatten dadurch schon Zeit, um Richtung Ball zu schieben und die dortigen Optionen zuzustellen. Die österreichischen Angriffe wurden so nicht ideal vorbereitet und konnten nur sehr simpel ausgespielt werden. Auffällig war auch, dass viele der gespielten langen Bälle gar nicht notwendig waren. Österreich hätte im Spielaufbau etwas ruhiger den Ball zirkulieren lassen können, um den Gegner laufen zu lassen und nach Lücken zu suchen. Um Hintereggers Stärken im Spielaufbau mehr zur Geltung zu bringen wäre es etwa möglich gewesen, den Spielaufbau vermehrt über Dragovic zu starten und dann auf die linke Seite zu verlagern, was dem Augsburger Verteidiger mehr Platz zum Andribbeln und für seine präzisen Vertikalpässe gegeben hätte.

Typische Struktur Österreichs im Offensivspiel.Typische Struktur Österreichs im Offensivspiel.

Österreichs starke linke Seite

Dass Österreich trotzdem über die linke Seite so gefährlich wurde, lag neben Hintereggers großartigen Qualitäten in der Spieleröffnung vor allem an den individualtaktischen Fähigkeiten von David Alaba und Marko Arnautovic. Die beiden harmonierten hervorragend und stellten die stark mannorientierten Moldawier vor große Probleme.

Moldawiens 4-4-1-1 war stark mannorientiert angelegt. In der Verteidigung wurde Burgstaller stets sehr eng von den beiden Innenverteidigern bewacht, die Außenverteidiger orientierten sich an Sabitzer und Arnautovic und verfolgten deren Bewegungen auch aus der Abwehr heraus. Die Flügelspieler hatten immer Alaba und Lazaro im Auge, wenn diese höher aufrückten gingen die Flügelspieler auch mit, wodurch öfters eine Fünferkette entstand, vereinzelt waren sogar Defensivstaffelungen mit einer Sechserkette zu sehen.

Alaba und Arnautovic bespielten dies sehr intelligent mit einem variablen Bewegungsspiel. Mal besetzte Alaba den Flügel und Arnautovic rückte ein, mal war es umgekehrt. Dadurch beschäftigten sie die Moldawier, die auf ihre Bewegungen immer nur mit kurzer Verzögerung reagieren konnten. Arnautovic ließ sich öfter sehr druckvoll zurückfallen und zog damit den gegnerischen Außenverteidiger aus seiner Position, dies öffnete Raum für den hinterlaufenden Alaba. Alaba vorderlief aber auch in einigen Szenen, verschaffte sich mit Auftaktbewegungen ein wenig Raum und reagierte generell gut auf die wechselnden Positionierungen von Arnautovic. Mit diesen verschiedenen Mitteln konnten sie sich vor allem in der Anfangsphase entscheidende Vorteile gegen die mannorientierte Defensive verschaffen und am Flügel durchbrechen.

Alaba ist leicht eingerückt, Arnautovic bleibt breiter. Durch diesen schnellen Positionswechsel konnte Raum und Arnautovic ein leichter Vorteil gegenüber seinem Gegenspieler geschaffen werden. Hinteregger nutzt dies mit einem guten Pass in die Tiefe aus.Alaba ist leicht eingerückt, Arnautovic bleibt breiter. Durch diesen schnellen Positionswechsel konnte Raum und Arnautovic ein leichter Vorteil gegenüber seinem Gegenspieler geschaffen werden. Hinteregger nutzt dies mit einem guten Pass in die Tiefe aus.

Mangelnde Absicherung für Konter

In der ORF-Analyse wurde die starke linke Seite zurecht gelobt, von der rechten Seite wurde mehr gefordert. Roman Mählich kritisierte dabei in der Halbzeit vor allem die zu enge Positionierung von Valentino Lazaro, der sich im Gegensatz zu Alaba oder Arnautovic nicht durchgehend an der Outlinie positionierte. Dies hatte aber auch seine Gründe. Bei Angriffen über die rechte Seite bewegte er sich sehr wohl so breit wie möglich, wie aber bereits erwähnt wurde durch den Spielaufbau viel öfter über links angegriffen und dann rückte Lazaro in den Halbraum, um dort für mehr Absicherung zu sorgen und die Mannschaft besser vor Kontern zu schützen. Lösen konnte Lazaro dieses Problem dadurch jedoch nicht, die schlechte Konterabsicherung war eine Schwachstelle im Spiel der Österreich.

Durch die breite Raute war die Zentrumsbesetzung mangelhaft. Alaba und Lazaro standen sehr breit, Junuzovic nur in der Anfangsphase tiefer und mit Fortlauf des Spiels immer mehr im Zehnerraum. Dadurch waren die Abstände zwischen den Spielern sehr groß und Stefan Ilsanker hatte im Zentrum alleine enorm viel Raum abzudecken. Dies alleine zu bewältigen war sogar für die Antizipations- und Gegenpressingmaschine Ilsanker nicht möglich und das ballferne Einrücken von Lazaro tat dem nur wenig Abhilfe.

Lazaro rückt in den ballfernen Halbraum, Ilsanker hat dennoch sehr viel Raum um sich.Lazaro rückt in den ballfernen Halbraum, Ilsanker hat dennoch sehr viel Raum um sich.


Ilsanker verlässt seine Position, um sich Lazaro und Sabitzer auf der Seite anzubieten. Alaba steht breit, Junuzovic im Strafraum. Moldawien kann nach Balleroberung einen aussichtsreichen Konter starten.Ilsanker verlässt seine Position, um sich Lazaro und Sabitzer auf der Seite anzubieten. Alaba steht breit, Junuzovic im Strafraum. Moldawien kann nach Balleroberung einen aussichtsreichen Konter starten.


Moldawien konnte dadurch immer wieder einige Konter starten. Diese wurden letztlich nie wirklich gefährlich, da aufgrund des tiefen Abwehrpressing die zu überwindende Distanz bis zum österreichischen Tor sehr lang war und außerdem noch Österreichs Dreierkette an der Mittellinie wartete. Österreich schaffte es aber durch die schlechte Kontervermeidung nicht eine höhere Dominanz und Spielkontrolle auszuüben und vielleicht sogar über Gegenpressingszenen Chancen zu kreieren. Außerdem konnte Moldawien bis zur österreichischen Dreierkette durchaus Tempo aufnehmen und es entstanden Situationen, welche für die drei Verteidiger nicht einfach zu lösen waren und in vielen Fällen in Fouls endeten. Die daraus resultierenden Standardsituationen konnte Moldawien jedoch nicht nutzen.

"Außerdem konnte Moldawien bis zur österreichischen Dreierkette durchaus Tempo aufnehmen und es entstanden Situationen, welche für die drei Verteidiger nicht einfach zu lösen waren."

Die schlechte Konterabsicherung war ein strukturelles Problem im 3-4-3. Durch die breite Raute sind die Abstände zwischen den Spielern einfach recht groß und das strategisch wertvolle Zentrum wird vernachlässig. Koller ließ dieses System 70 Minuten lang spielen, dann brachte er Marc Janko für Lazaro und stellte auf ein 4-4-2 um. Alaba und Dragovic übernahmen die Außenverteidigerpositionen (Alaba interpretierte diese Rolle weitaus offensiver als Dragovic), ansonsten änderte sich wenig, nur das Janko neben Guido Burgstaller das Sturmzentrum verstärkte. Nur fünf Minuten nach der Umstellung gelang auch der so wichtige Führungstreffer. Arnautovic zog in die Mitte und flankte auf den gut einlaufenden Sabitzer. Nach einem moldawischen Ausrutscher folgte im Konter später noch der zweite Treffer. Verdient, die Chancenkreation der Österreicher war dennoch verbesserungswürdig. Gegen einen schwachen Gegner konnte man sich zwar viele Abschlüsse erarbeiten, diese waren aber nur selten aus aussichtsreichen Positionen.

Das neue System bot eine interessante Abwechslung und ist sicherlich noch verbesserungswürdig in den Abläufen, jedoch zeigten sich auch durch die Formation bedingte Probleme. Die Aufteilung mit der breiten Raute schien nämlich generell etwas unpassend. Eine enge Raute bietet etwa den großen Vorteil der Dominanz des Zentrums und der Halbräume, der strategisch wichtigsten Zonen des Spielfelds. Bei einem 3-4-3 oder 3-4-2-1 sind dafür die Voraussetzungen für ein Flügelspiel besser, wesentlich dafür ist die Rautenbildung auf dem Flügel mit Halbverteidiger-Flügelverteidiger-Achter-Flügelstürmer. Bei Österreich wurde nur recht flache Dreiecke zwischen Hinteregger, Alaba und Arnautovic gebildet, gute Kombinationen sind damit schwierig. Junuzovic hing als Zehner etwas in der Luft, er konnte das Flügelspiel nur wenig unterstützen, im Zwischenlinienraum wurde er jedoch auch nicht eingebunden und in tieferen Zonen war die Abstimmung mit Ilsanker und den Halbverteidigern verbesserungswürdig. Zudem wäre aufgrund der etwas größeren Abstände als im 4-2-3-1 ein etwas passstärkerer Spieler als Ilsanker in diesem System wohl vorteilhaft.

Fazit

Gegen Moldawien war diese Leistung ausreichend und der Sieg verdient. Überzeugend war diese Leistung jedoch nicht. Die Konterabsicherung war eine Schwachstelle, das Ballbesitzspiel in der neuen Formation sicher noch nicht ideal. So war der Spielaufbau zu linear, Angriffe wurden oft schlecht vorbereitet und man verpasste es, gegen einen sehr passiven Gegner noch mehr Kontrolle auszuüben. Entscheidend war die starke linke Seite um Arnautovic und Alaba, welche aufgrund ihrer individuellen Qualität den Gegner vor große Probleme stellte und die mannschaftliche Leistung aufbesserte.


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