Wie Gattuso Milan wieder eine Identität gab

Wie Gattuso Milan wieder eine Identität gab Foto: © getty
 

Kämpfer, Beißer, Mann fürs Grobe.

Es gibt einige Bezeichnungen für jenen Spielertyp im zentralen Mittelfeld, der in den 2000er-Jahren von kaum einem so sehr verkörpert wurde wie von Gennaro Ivan Gattuso bei Milan.

Als Spieler hat "Rino" alles erreicht. Er wurde zweimal italienischer Meister, zweimal Champions-League-Sieger und Weltmeister 2006.

Als Trainer sorgte der 40-Jährige bis vergangenen Herbst eher abseits des Sportlichen für Aufsehen.

So kam er in Griechenland zwischendurch selbst für die Spielergehälter beim finanziell arg gebeutelten OFI Kreta auf und stellte sogar nach seinem Rücktritt 50.000 Euro für nicht bezahlte Gehälter zur Verfügung.

Mit Pisa schaffte Gattuso 2016 den Aufstieg in die Serie B. Doch als sich auch dort grobe Budgetprobleme auftaten, schmiss er zunächst hin, kehrte aber nur fünf Wochen später wieder zurück.

Ein Kämpfer ist Gattuso also auch an der Seitenlinie. An seinen taktischen Fähigkeiten als Coach hegten Beobachter in Italien jedoch bislang Zweifel. Zu Unrecht, wie sich derzeit herausstellt.

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Kein Gegentor in den letzten fünf Spielen

Nach dem Großeinkauf im Sommer bliesen die "Rossoneri" unter Vincenzo Montella zum Großangriff auf den Titel und wurden bitter enttäuscht. Überzeugende Auftritte, wie in der Europa League gegen Austria Wien, blieben die Ausnahme.

In der heimischen Serie A verlor Milan unter Montella alle Duelle gegen direkte Konkurrenten um die vordersten Plätze. Taktisch vermochte der frühere Stürmer, der seit Saisonbeginn auf ein 3-5-2-System setzte, bei weitem nicht das Optimum aus der individuell vorhandenen Klasse des Kaders herauszuholen.

Nach 14 Spieltagen war Montellas Zeit abgelaufen. "Wir hatten hohe Erwartungen in ihn, aber im November war der Punkt erreicht, an dem wir realisierten, dass die Resultate den Investitionen nicht gerecht wurden", erklärte Vorstandsboss Marco Fassone vor ein paar Tagen gegenüber "Radio Anch'io Sport".

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Der Glaube an den Kader war da, der Glaube an einen Umschwung unter Gattuso fehlte aber zunächst auch innerhalb des Vereins: "Wir haben das so nicht erwartet und können vor seiner Arbeit nur den Hut ziehen. Ich muss auch Sportdirektor Massimilano Mirabelli gratulieren, der mich dazu gebracht hat, diese Entscheidung zu treffen."

Gattuso überzeugte die Vereinsverantwortlichen unter anderem mit seiner bis dahin überzeugenden Saison mit Milans Primavera, die unter seiner Führung acht von zwölf Pflichtspielen gewann.

"Am meisten überrascht hat mich die Geschwindigkeit, mit der Gattuso die Spieler motivieren konnte. Die Spieler glauben an ihn und so haben sich die Dinge gedreht", erklärt Fassone.

Dynamik durch Kessie und Bonaventura

War sein Debüt mit dem Last-Minute-Ausgleich gegen das bis dahin punktlose Benevento noch ein Schlag in die Magengrube, feilte Gattuso in der Folge erfolgreich an der Ausrichtung seiner Mannschaft, die seit mittlerweile zwölf Pflichtspielen ungeschlagen ist und die letzten fünf Partien (Serie A + Europa League) ohne einziges Gegentor gewann.

Taktisch kehrte Milan unter Gattuso zu einem 4-3-3 zurück. Jenes System, dass auch Montella noch in der Vorsaison praktizieren ließ. In Ballbesitz wird daraus eine Art 3-4-3, in dem die Außenverteidiger aufrücken und der defensive Mittelfeldspieler (zumeist Lucas Biglia) nach hinten abkippt.

Die Außenspieler der vordersten Reihe, beim 2:0-Sieg über die Roma zuletzt Hakan Calhanoglu und Suso, lassen sich mitunter nach hinten fallen. Während das zu Beginn von Gattusos Amtszeit bedeutete, dass die Solospitze meist auf sich alleine gestellt war, behob der Trainer das Problem damit, dass die beiden zentralen Mittelfeldspieler (Franck Kessie und Giacomo Bonaventura) eine dynamischere Rolle einnehmen und den Stürmer unterstützen.

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Damit unterstreicht Gattuso die Vorzüge von Kessie und Bonaventura im Passspiel und Abschluss. In dieser Saison sind beide an einem Drittel aller Milan-Tore beteiligt, 75 Prozent davon wurden unter Trainer Gattuso erzielt.

Bei Ballverlust birgt diese Herangehensweise zwar Gefahren, da es im Gegenpressing zur Unordnung kommen kann, defensiv zeigt Milan insgesamt aber klar ansteigende Form. Seit Jahreswechsel hat das Team in sieben Serie-A-Spielen nur drei Gegentore kassiert. Lediglich beim Spitzenduo Napoli (2) und Juventus (0) waren es weniger.

Juve-Legende: "Ein Team, das wieder weiß, was es zu tun hat"

"Gattuso lässt uns härter arbeiten, speziell im taktischen Bereich. Unter Montella haben wir viel weniger gemacht, das ist jetzt ganz anders. Das Resultat sieht man auf dem Platz", lobte Kessie unlängst gegenüber "Mediaset Premium" seinen Trainer und gab dem alten eine auf den Deckel.

Durch die starken Leistungen zuletzt hat sich Milan wieder an die internationalen Startplätze herangearbeitet. Nach dem Coppa-Rückspiel (Hinspiel: 0:0) am Mittwoch (ab 20:45 Uhr LIVE bei LAOLA1.tv) wartet schon am Sonntag das hochbrisante Derby gegen das 2018 ins Straucheln geratene Inter.

Mit einem Sieg könnten auch die Champions-League-Plätze wieder realistischerweise ins Auge gefasst werden. "Wir müssen immer daran glauben. Sag niemals nie", meint Fassone.

Das Momentum haben die "Rossoneri" derzeit klar auf ihrer Seite. Und damit hat vor einigen Wochen wohl kaum jemand gerechnet. "RINATI" (auf Deutsch: neugeboren) - so lautete die Titelschlagzeile der "Gazzetta dello Sport" am Dienstag, die auch an Gattusos Spitzname "Rino" erinnern soll.

Mit seiner Arbeit hat der Kalabrier bewiesen, dass er nicht nur ein Kampfschwein war, sondern auch ein Taktikfuchs ist. Das ringt sogar Juventus-Legenden wie Dino Zoff höchsten Respekt ab: "Gattuso hat Milan wieder eine Identität gegeben. Ich weiß nicht, ob sie das Level halten können, aber das ist jetzt wieder ein Team, das weiß, was es zu tun hat."


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