news

Bielsa: Der einflussreichste Trainer der Welt

Marcelo Bielsa holte in vier Jahrzehnten nur vier Titel. Doch alle lieben ihn.

Bielsa: Der einflussreichste Trainer der Welt Foto: © getty

Er ist der Lieblingstrainer deiner Lieblingstrainer. Er hat den Fußball in diesem Jahrtausend so sehr geprägt wie kaum ein anderer Trainer. Er gewann in vier Jahrzehnten gerade mal vier Titel. Sie nennen ihn schlicht und ergreifend El Loco, der Verrückte.

Es gibt unzählige Anekdoten über Marcelo Bielsa. Nicht wenige davon haben mit seiner Obsession für Zahlen zu tun. Schon in jungen Jahren hat es sich der Argentinier zur Aufgabe gemacht, den Fußball zu vermessen.

Die Legende besagt, Bielsa nenne das größte Fußball-Videoarchiv der Welt sein eigen. In den 1980er-Jahren, also lange bevor das Internet Datentransfer problemlos möglich machte, ließ er sich von einem Onkel aus Spanien Dutzende VHS-Kassetten per Post schicken, sah sich Tausende Spiele an.

Seine Erkenntnisse: Es gibt im Fußball 29 verschiedene Formationen, 17 defensive Strategien, 26 Möglichkeiten, einen Gegenspieler vom Ball zu trennen, fünf Wege in den Deckungsschatten des Gegners und elf Möglichkeiten, in den Strafraum zu gelangen.

(Text wird unter dem Video fortgesetzt)

Daraus leitete Bielsa im Laufe der Jahre 120 Übungen ab, um einem Spieler alle Grundlagen des Fußballs beizubringen. Dass es damit aber längst nicht getan ist, erfahren alle Spieler, die mit dem 64-Jährigen in Berührung kommen, recht schnell. Als Coach von Espanyol studierte er während seines ersten Monats im Amt 27 Einwurf-Varianten ein.

Mit 51 Video-Kassetten zum Bewerbungsgespräch

Dieser Mann zerlegt den Fußball in alle Einzelteile. Es kann schon mal vorkommen, dass er einem Spieler mittels Lackstift auf dem Fußballschuh markiert, wo er den Ball genau zu treffen hat. „Ich durfte mal ein Auge auf seine Trainingspläne werfen. Er besitzt Hunderte davon“, staunte Andre-Pierre Gignac nach der gemeinsamen Zeit in Marseille.

<<< Leeds gegen Barnsley, Do., ab 18 Uhr, im LIVE-Stream >>>

Aber zurück zu dieser Sache mit den Videos. Es gibt wohl kaum einen anderen Menschen auf Gottes Erde, der so viele Fußballspiele gesehen hat wie der Argentinier. Einmal nach seinen Plänen für die Weihnachtsfeiertage gefragt, erklärt er vollen Ernstes, er werde zwei Stunden täglich Sport machen und 14 Stunden am Tag Videos analysieren. Angeblich hat sich Bielsa die Fähigkeit angeeignet, zwei Spiele gleichzeitig verfolgen zu können. Es wäre nicht verwunderlich, würde das stimmen.

Als der Coach 1997 die Chance auf ein Vorstellungsgespräch bei Velez Sarsfield bekam, hatte er 51 Video-Kassetten im Schlepptau, anhand derer er das Verbesserungspotenzial des Teams veranschaulichen wollte. Er bekam den Job. Rund 30 Jahre später wollte Leeds-Sportdirektor Victor Orta den Trainer für ein Engagement in der zweiten englischen Liga begeistern, sprach Bielsa auf die Mailbox. Als „El Loco“ am nächsten Morgen zurückrief, hatte er sich schon sieben Spiele von Leeds angesehen.

Foto: © getty

Auch von seinen Spielern erwartet Bielsa schon seit Beginn seiner Trainerkarriere, dass sie sich aktiv mit dem nächsten Gegner beschäftigen. Zum Start seiner Laufbahn wies er Spieler an, zumindest drei Artikel über das bevorstehende Spiel zu lesen.

Benjamin Mendy erzählte aus Bielsas Zeit in Marseille: „Er hat mich vor die Videos gesetzt und ich bin eingeschlafen. Aber er war glücklich. Ich war geschockt! Nach einer Zeit habe ich mir dann die Videos ein wenig angesehen. Als wir einmal darüber gesprochen haben, hat er mir erklärt: ‚Du hast geschlafen und geschlafen und geschlafen, aber an dem Tag, an dem du dir zum ersten Mal das Video angesehen hast, war es deine eigene Entscheidung. Hätte ich dich dazu gezwungen, hätte es dich ja doch nicht interessiert.‘ Er ist einfach zu gut!“

Der Fußball-Professor stammt aus einer bekannten argentinischen Familie. Praktisch alle in seiner Familie waren Anwälte oder Politiker – oder beides. Sein Bruder Rafael war unter Nestor Kirchner sogar Außenminister. Seine Schwester Maria Eugenia ist Architektin und war Vize-Gouverneur von Santa Fe.

Nur Bielsa hatte keine Lust auf all das, mit 15 Jahren verließ er sein Zuhause, um bei den Newell’s Old Boys Fußballer zu werden. Zwei Tage später war er aus dem Internat geflogen, weil er sich geweigert hatte, sein Moped vom Gelände zu schaffen. Seine Karriere als Verteidiger war kaum erwähnenswert und auch kurz. Bald entschied sich der Mann aus Rosario für ein Sportstudium.

Er wollte die Beine des schlafenden Jungen sehen

Mit 25 Jahren trat er seinen ersten Trainerjob an – er coachte ein Universitätsteam in Buenos Aires. Obwohl er es dort mit Amateuren reinsten Wassers zu tun hatte, verlangte er seinen Schützlingen im Training alles ab. 20 Spieler hatte er ausgewählt, nachdem er rund 3000 Kicker bei Probetrainings auf die Beine gesehen hatte.

Als Bielsa anschließend einen Job im Nachwuchs der Newell’s Old Boys bekam, konzentrierte er sich auf die Talentefahndung. Er teilte Argentinien in 70 Sektionen auf, fuhr – auch aufgrund seiner Flugangst – mit seinem Fiat 147 Tausende Kilometer landein, landaus und hielt Sichtungstrainings ab.

Während seiner Scouting-Fahrten stieß er auch auf einen Jungen namens Mauricio Pochettino. Mitten in der Nacht, um 2 Uhr, klopfte Bielsa im Provinznest Murphy an eine Türe und hatte Glück, dass sie geöffnet wurde. Dieser Fremde erklärte der Dame, die tatsächlich öffnete, dann, dass er sich gerne die Beine ihres 13-jährigen Sohnes ansehen würde. Bielsas Wunsch wurde erfüllt, er erblickte Beine, die in seinen Augen wie jene eines Fußballers aussahen und verpflichtete Pochettino daraufhin.

Der Kicker, der später mit Bielsa zu einer WM fahren sollte, bestätigt die Geschichte bei jeder Gelegenheit: „Ich bin in der Früh aufgewacht und meine Mutter hat mir davon erzählt. Ich nur so: ‚Komm schon, das hast du doch nur geträumt! Was hast du bitte getrunken, bevor du ins Bett gegangen bist?‘“

Alle lieben ihn

Der Argentinier, der Tottenham 2019 in Finale der Champions League geführt hat, bezeichnet Bielsa als seine größte Inspiration, seinen „Fußball-Vater“. Auch Diego Simeone, Jorge Sampaoli und viele mehr zählen zu den Anhängern Bielsas. Und Pep Guardiola sowieso.

"Meine Bewunderung für Bielsa ist riesig"

Pep Guardiola

„Wenn du Trainer werden willst, musst du diesen Typen treffen“, hat Gabriel Batistuta Guardiola einmal gesagt. Kurz vor seinem Karriereende als Spieler war es dann soweit. Das Treffen auf Bielsas Ranch in Maximo Paz soll ein wenig ausgeartet sein – rund elf Stunden lang hat das Duo angeblich über Fußball diskutiert, Dutzende Zettel mit Taktiken vollgekritzelt und auf dem Laptop zahlreiche Video-Sequenzen analysiert.

„Meine Bewunderung für Bielsa ist riesig. Er macht Spieler viel, viel besser. Und er hat mir mit seinen Ratschlägen sehr geholfen“, sagt Guardiola über Bielsa.

Menotti und Bilardo vereint

Es scheint fast, als habe die spanischsprachige Trainerschule alleine dank Bielsa die jahrzehntelange Frage zwischen Cesar Luis Menotti (Weltmeistertrainer 1978) und Carlos Bilardo (Weltmeistertrainer 1986) überwunden. Seit den 1980er-Jahren gab es zwei Richtungen: Menottis politisch links angesiedelter, romantischer Fußball und Bilardos rechter, pragmatischer Kick. Bielsa hat beide Schulen vereint.

Foto: © getty

„Ich habe 16 Jahre meines Lebens damit verbracht, ihnen zuzuhören – acht Jahre Menotti, der Inspiration priorisiert, acht Jahre Bilardo, der Funktionalität priorisiert. Ich habe versucht, das Beste von beiden zu nehmen“, sagte der Leeds-Trainer einmal.

Doch auch Rinus Michels, Erfinder des Total Voetbal, Milan-Architekt Arrigo Sacchi und die uruguayische Trainer-Legende Oscar Tabarez gelten als große Einflüsse des Trainers.

Bielsa selbst predigt vier Kern-Prinzipien: Konzentration, permanente Beweglichkeit, Fluidität und Improvisation. Sein Stil ist offensiv. Sturmläufe von Spielern aller Positionen und hoher Druck auf den Gegner zeichnen seine Mannschaften aus. „Architekt des Chaos“, nannte ihn „FourFourTwo“ angesichts des überfallsartigen Stils einmal.

Der Wunsch zu sterben

Funktioniert das mal nicht so, wie es soll, ist der 64-Jährige zutiefst getroffen. Nach einer 0:6-Niederlage in seiner Anfangszeit als Trainer sperrte sich der Argentinier in seinem Zimmer ein: „Ich habe das Licht abgedreht, die Vorhänge zugezogen und die wahre Bedeutung der oft so leicht dahingesagten Worte ‚Ich will sterben‘ verstanden. Ich bin in Tränen ausgebrochen, ich konnte einfach nicht verstehen, was um mich herum geschah. Ich habe gelitten“, erzählte er.

Einmal fragt Bielsa seinen Landsmann und Trainerkollegen Jorge Valdano während eines gemeinsamen Flugs: „Denkst du manchmal darüber nach, dich nach einer Niederlage umzubringen?“ Nach der WM 2002 ist er als argentinischer Teamchef völlig am Boden zerstört, nach der Gruppenphase ist schon Schluss. Der Coach entschuldigt sich bei der Mannschaft und erfährt großen Zuspruch der Stars, die ihn reihenweise umarmen.

Jahr Trainer von Jahr Trainer von
1992-1993 Newell's (ARG) 1993-1995 Atlas (MEX)
1995-1996 America (MEX) 1997-1998 Velez (ARG)
1998 Espanyol (ESP) 1998-2005 Argentinien
2007-2011 Chile 2011-2013 Bilbao (ESP)
2014-2015 Marseille (FRA) 2016 Lazio (ITA)
2017 Lille (FRA) seit 2018 Leeds (ENG)

Diego Simeone, damals Mittelfeldspieler im Nationalteam, erinnert sich: „Das sagt alles über seinen Charakter. Er hält in guten und schlechten Zeiten alle zusammen. Er ist ein Genie, dem man einfach folgen muss!“

Bayern-Profi Javi Martinez, der in Bilbao unter Bielsa gespielt hat, schwärmt: „Er ist ein­zig­artig. Er ist ein Trainer, der dich kör­per­lich kom­plett ans Limit bringt. Er weiß ein­fach, wie er alles aus dir her­aus­pressen kann, dich auf dein abso­lutes Topni­veau bringt. Aber ich habe bei ihm nicht nur sport­lich viel gelernt, son­dern bin auch mensch­lich gewachsen. Manchmal dau­erten seine Anspra­chen eine Stunde lang, ohne dass er ein ein­ziges Wort über Fuß­ball ver­loren hätte. Er hat ein­fach nur über das Leben geredet.“

Der Baske weiter: „Ich kann mich noch an ein Spiel erin­nern, als wir mit Bilbao gegen Bar­ce­lona gespielt haben. San Mamés, Abend­spiel, es hat geregnet, Bielsa gegen Pep. Tak­tisch war das ein­fach unglaub­lich. Es war das schönste Fuß­ball­spiel, das ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.“

Die legendäre Pressekonferenz des Spions

Dass der Trainer-Guru gerne spricht, wissen Journalisten nur zu gut. Einzel-Interviews gibt es bei Bielsa keine, er will niemanden bevorzugen oder benachteiligen. Dafür arten Pressekonferenzen gut und gerne mal in zweistündige Sitzungen aus. In Marseille hat der Argentinier vier Dolmetscher verschlissen, die alle irgendwann einfach überfordert waren.

Die legendärste Pressekonferenz gab er vor rund einem Jahr in England. Der Leeds-Coach wurde von Frank Lampard, damals Trainer bei Derby County, beschuldigt, einen Spion zu dessen Training geschickt zu haben. Das Thema schlug hohe Wellen, jede Menge Pressevertreter waren gekommen, um Bielsas Stellungnahme zu hören, nicht wenige rechneten mit einem Rücktritt.

Foto: © getty

Der Trainer nahm alle Schuld auf sich, konnte aber die Aufregung nicht so recht verstehen. Schließlich habe er gegen kein Gesetz verstoßen und überhaupt beobachte er die Trainings jedes nächsten Gegners. Das sei schließlich professionelles Verhalten.

70 Minuten lang zeigte Bielsa Folie um Folie, zerlegte Derby County in alle Einzelteile, referierte über jedes Detail. Bielsa kenne Lampards Team besser als Lampards selbst, witzelte die englische Presse danach. Möglicherweise stimmte das sogar.

Doch es gibt auch die Schattenseiten in der erstaunlichen Karriere des Südamerikaners. 2015 tritt er nach dem ersten Saisonspiel als Trainer von Marseille zurück. Ein Jahr später unterschreibt er als Coach von Lazio, löst den Vertrag aber zwei Tage später wieder auf, weil ihm versprochene Spieler doch nicht unterschreiben.

Und dann ist da eben die ziemlich bescheidene Titelsammlung: Meister mit Newell’s 1991 und 1992, Meister mit Velez 1998 und die Olympische Goldmedaille 2004 mit Argentinien. „Wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der jeder Triumph gefeiert wird, und denjenigen, die nicht triumphieren, vergibt man nicht. Aber für mich ist die Art und Weise, wie ich Dinge tue, wichtiger“, erklärt Bielsa.

Der kauzige Argentinier wird gewiss nicht als erfolgreichster Trainer in die Fußballgeschichte eingehen, einer der einflussreichsten ist er aber allemal. Und zumindest ein bisschen verrückt.

<<< Leeds gegen Barnsley, Do., ab 18 Uhr, im LIVE-Stream >>>

Kommentare