Plädoyer für CR7

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Plädoyer für CR7

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Wenn ihm etwas misslingt, ist die Schadenfreude stets riesig. So manches an Cristiano Ronaldo mag nerven. Aber er ist auch oft schlicht ein netter Typ. Und der beste Fußballer der Welt.

Auf dem Platz und neben dem Platz (auf den Spuren von CR7)

Die Häme der österreichischen Fans war riesig, als Portugals Nummer 7 den Elfmeter gegen das ÖFB-Team an die Stange geschossen hat. In der Emotion auch legitim. Das ist Fußball. Mittlerweile ist das heimische Team allerdings längst zu Hause, der Kapitän zurückgetreten und allgemeines Wundenlecken angesagt. Jetzt lacht der Kapitän der Portugiesen, er ist mit seiner Mannschaft noch in Frankreich und spielt am Sonntag das Finale der EURO 2016. Cristiano Ronaldo hat am Einzug in dieses Endspiel, wie meistens, wenn er wo mitwirkt, wesentlichen Anteil.

Dass der inzwischen 31-jährige von der Insel Madeira ein Top-Fußballer ist, bestreiten nicht einmal seine größten Kritiker. Er ist wahrscheinlich der kompletteste Fußballer, der zurzeit durch die Gegend läuft. Technik, Schnelligkeit, Übersicht und Kopfballspiel (wie hoch ist er beim Tor gegen Wales gesprungen? Fünf Meter?) - alles da und alles in unglaublicher Qualität. Ob er nun spielerisch besser als Lionel Messi ist, oder nicht, ist ehrlich gesagt zweitrangig. Wäre ich ein Trainer, hätte ich jedenfalls lieber Cristiano Ronaldo in meiner Mannschaft.

Einige Faktoren, die zur reinen fußballerischen Fähigkeit hinzukommen, machen ihn nämlich zu einer außergewöhnlichen Gesamterscheinung. Ja, seine Attitüde nervt, sein Narzissmus kann anstrengend sein und über die Größe seines Egos braucht man auch nicht zu streiten. Überlebensgroß wird es ziemlich gut treffen. Aber: Ronaldo ist mehr als ein Weltklasse-Kicker in eigener Sache, wie etwa Zlatan Ibrahimovic. Während der nämlich mit sich, für sich und dann, wenn es zufällig gepasst hat, auch für Schweden oder seinen jeweiligen Klub gekickt hat, ist CR7 ein absoluter Teamplayer. Er ist nicht er und daneben irgendein beliebiges Team. Er ist Teil der Mannschaft, wenn auch deren Anführer.

"Zlatan Ibrahimovic hätte eine Gruppenphase wie jene von Ronaldo mit Portugal psychisch nicht durchgestanden"

Ronaldo ordnet sich systemisch unter. Was Fernando Santos bei dieser EURO spielen lässt, ist nicht die Lieblingssache von Ronaldo, der gerne am Flügel in einer Dreierangriffsreihe spielt, wie bei Real Madrid. Oder früher beim Nationalteam. Bei Portugal 2016 muss er die zentral orientierte Doppelspitze gemeinsam mit Nani geben. Hat ihm zu Beginn nicht behagt, Ronaldo haderte in der Gruppenphase. Aber er hat standgehalten. Zlatan Ibrahimovic, um noch einmal diesen Vergleich zu bemühen, hätte eine Gruppenphase wie jene von Ronaldo mit Portugal psychisch nicht durchgestanden. Er hätte entweder eine Rote Karte bekommen, den Trainer öffentlich angemault oder sonst eben seine „unfähigen“ Mitspieler. Ronaldo hat ein Mikrofon in den See geworfen, damit hatte es sich dann aber auch mit dem abreagieren.

Er hat sich dieses Turnier erkämpft, sich von Spiel zu Spiel gesteigert und jetzt im Semifinale gegen Wales endgültig die Früchte der harten Arbeit geerntet. Deswegen ist er ein Star. Deswegen gebührt ihm Respekt. Das hebt ihn von den meisten anderen ab. Nervige Jubelposen hin, weinerliches Jammern ab und zu her. Das hebt ihn ab von Zlatan, das unterscheidet ihn von Messi, der, wie gerade eben wieder bei der Copa America, den trotzigen Stinkstiefel gibt, wenn es nicht läuft. Und ganz nebenbei bemerkt: Cristiano Ronaldo watscht keine Teamkollegen und ist bis dato nicht durch Steuerhinterziehung aufgefallen. Auch sonst fristet er, für ein Celebrity seines Ausmaßes, ein mehr oder weniger skandalfreies Dasein.


Portugal-Fans machen Frankreich unsicher:


Und nicht zuletzt blitzt immer wieder durch, dass der Typ ein netter Kerl ist. CR7 ist sich für kein Selfie zu schade, amüsiert sich mit Fotobombern beim Mannschaftsbild vor einem Halbfinale bei der Europameisterschaft und ist auch in früheren Jahren immer wieder durch die eine oder andere feine Aktion aufgefallen. Seine faire Geste gegenüber Gareth Bale, der bei diesem Turnier noch am ehesten in seiner Rolle mit Ronaldo vergleichbar scheint, nach dem Spiel gegen Wales tut ein Übriges. Viele, sogar sogenannte Fachleute, lassen sich von ein paar lächerlichen Attitüden, diskussionswürdiger Aufmachung oder der einen oder anderen Kasperlpose blenden. Schade.

Es ist vielleicht auch ein Phänomen unserer Zeit, sich nur der Oberfläche zu widmen, wenig bis nichts zu hinterfragen und die Häppchen weiterzukauen, die ein anderer schon vorgekaut hat. Würde man den Portugiesen in seiner Gesamtheit bewerten, dürfte man aus meiner Sicht nicht zu so einem spöttischen Urteil kommen, wie es zu oft der Fall ist. Am Sonntag steht CR7 mit der Seleções de Portugal in seinem zweiten Finale bei einer Europameisterschaft nach 2004. Damals, noch blutjung, weinte er bittere Tränen nach der Niederlage gegen Otto Rehhagels Treterbande. Ob es dieses Mal im Finale gegen den Gastgeber für den ganz großen Wurf und den EURO-Pokal reicht, wird man sehen. Griezmann und Co. werden schwer zu biegen sein. Aber wer weiß, so schlecht könnte das portugiesische Ding mit Ronaldo in neuer Rolle gegen die taktisch eher einfach gestrickten Franzosen vielleicht gar nicht aussehen. In jedem Fall könnte im Fall der Fälle niemand sagen, Ronaldo hätte nicht auch mit der Nationalmannschaft einen großen Titel verdient.

 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Nun beschäftigt er sich als Betreiber der Podcast-Plattform "blackfm.at" mit den Geschehnissen bei den Schwarz-Weißen. Bei LAOLA1 verfasst er in regelmäßigen Abständen Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick und nun speziell zur EURO 2016.


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