Warum Rapid (k)ein Kommerzklub ist

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Was für den Stier das rote Tuch ist, stellt für Fans der Tradition der Begriff „Kommerz“ dar.

Insbesondere die roten Bullen aus Salzburg gelten als Kommerzklub. In Zeiten von Ablösesummen jenseits der 200-Millionen-Euro-Schallmauer muss sich aber wohl jeder Verein mit der zunehmenden Kommerzialisierung auseinandersetzen.

Vor dem Bundesliga-Duell RB Salzburg gegen den SK Rapid (Sonntag, 16:30 Uhr, LIVE im LAOLA1-Ticker) geht LAOLA1 daher der Frage nach, wie sich Kommerz überhaupt definieren lässt und wie ein Traditionsklub wie Rapid damit umgeht.

Zwei Ziele als Besonderheit

Spiele aus den 70ern sehen heutzutage nur noch wie Stehpartien aus. Ähnlich schnell haben sich auch die wirtschaftlichen Begebenheiten verändert.

Dafür ist hilfreich, zunächst einmal den Fußballmarkt als Ganzes zu beleuchten. LAOLA1 sprach daher mit Harald Oberhofer, Professor für empirische Wirtschaftsforschung an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO).

Der 34-Jährige erklärt das Charakteristikum des Fußballmarktes: „Streng genommen ist er ein Markt wie jeder andere. In der EU gelten die gleichen Regeln wie in jedem anderen Wirtschaftszweig. Einen Unterschied gibt es aber doch: Ein normales Unternehmen, das Güter oder Dienstleistungen produziert, will als wesentliches Ziel den Gewinn maximieren. Ein Fußballunternehmen will aber auch den sportlichen Erfolg dazu.“

„Auch Rapid ist ein Kommerzklub“

Kein Verein kann sich also leisten, die wirtschaftlichen Belange außer Acht zu lassen.

Gerade in der österreichischen Fußball-Bundesliga fungierten in den vergangenen zwei Jahrzehnten Konkurse des FC Tirol (2002), Schwarz-Weiß Bregenz (2005), GAK (2007, 2008, 2009, 2012,), Austria Kärnten (2010) und Austria Salzburg (2015) als Mahnmale.

„Zu einem gewissem Grad muss jedes vernünftige Management eines Fußballvereins auf den kommerziellen Erfolg achten. Das sieht man auch beim Bau des Allianz-Stadions. Insofern ist auch Rapid ein Kommerzklub“, so Oberhofer.

„Rapid ist kein Kommerzklub“

„Nein, wir sind kein Kommerzklub“, widerspricht Geschäftsführer Wirtschaft Christoph Peschek vom SK Rapid. „Weil wir nicht Fußball spielen, um Geld zu verdienen, sondern wir verdienen Geld, um erfolgreich Fußball spielen zu können.“

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Für den 33-Jährigen liegt Kommerz dann vor, wenn man „die Identität und Werte eines Klubs zugunsten eines wirtschaftlichen Mehrwerts von Investoren oder Unternehmen aufgibt und der ursprüngliche Zweck einer Sache in den Hintergrund getreten ist. Das ist beim SK Rapid mit Sicherheit nicht der Fall.“

„Wir sind ein Mitgliederverein und stehen zu unserer Tradition. Bei gleichzeitigem Wissen, dass wir innovative Wege beschreiten müssen, um die sportliche Wettbewerbsfähigkeit sicherstellen zu können.“

Darunter fällt „beispielweise, dass wir die Käfig-Tour ins Leben gerufen haben, um gemeinsam mit der youngCaritas Käfig-League Kinder für den Fußball und den SK Rapid zu begeistern oder dass wir im Allianz-Stadion mit dem SK Rapid Business Club eine Netzwerk-Plattform etabliert haben.“

Größte VIP-Tribüne des Landes

Gerade das Allianz-Stadion ist für WU-Experte Oberhofer ein passendes Beispiel: „Kommerzialisierung bedeutet auch das Ausschöpfen aller Möglichkeiten, um die finanziellen Einnahmen zu steigern.“

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54 Millionen Euro kostete Österreichs momentan modernstes Stadion, das in der ersten Saison 2016/2017 im nationalen Bewerb den Umsatz zur Spielzeit davor von 22 Millionen Euro auf rund 30 steigerte, wiewohl auch größere Aufwendungen damit verbunden waren. Bei 28.600 Zuschauern Gesamtkapazität bietet die Haupttribüne 2.300 Business Seats an, davon 41 Logen für VIP-Gäste. Kurzum: Die größte VIP-Tribüne des Landes.

„Wenn man den Stadionnamen an einen Hauptsponsor verkauft, geht es natürlich darum, Geld zu verdienen. Für einen Traditionsklub wie Rapid bietet das natürlich Konfliktpotential.“

Peschek betont Tradition

Tradition vs. Kommerz im eigenen Haus sozusagen. Peschek betont Ersteres: „Ab der zweiten Bandenreihe treten die Sponsoren in Grün-Weiß auf. Ein absoluter Blickfang sind das grünweiß-rotblau-weißgrüne Balkenmuster, welches ebenfalls Teil unserer Identität ist und der integrierte Rapid-Schriftzug auf den Tribünen. Am Gerhard-Hanappi-Platz begrüßt die Rapid-Fans ein rund 20 Meter hohes Klubwappen. Es gibt viele klare Statements zum SK Rapid, wie es das von uns allen geliebte Gerhard-Hanappi-Stadion in dieser Form gar nicht hatte.“

Der Klub pflege die Tradition, für deren Definition der Geschäftsführer Wirtschaft den britischen Staatsmann Thomas Morus (1478-1535, von der römisch-katholischen Kirche heiliggesprochen) zitiert: „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“.

Wappen, Klubfarben und Vereinsname sind für Peschek unantastbar. Der Stadionname gehöre nicht zwingend dazu. „Für uns war aber immer klar, dass der SK Rapid in Wien-Hütteldorf beheimatet ist und dass der Neubau ohne Unterstützung eines Naming-Right-Partners nicht möglich gewesen wäre. Eine Umbenennung des Gerhard Hanappi-Stadions wäre für mich undenkbar gewesen.“

Weststadion vs. Allianz-Stadion

Teile der hartgesottenen Rapid-Fans sprechen lieber vom Weststadion. In internationalen Wettbewerben heißt die Sportstätte auch offiziell so, weil die UEFA diesbezüglich Werbung verbietet.

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Wirtschafts-Fachmann Oberhofer versteht die Anhänger. Er verweist wiederum auf die Unterscheidung zwischen sportlichen und wirtschaftlichen Zielen: „Der Fan möchte ins Stadion gehen und die Mannschaft dort siegen sehen. Alles andere muss den Fan auch nicht interessieren. Der Verein selber muss sich aber auch die andere Seite anschauen.“

„Ein bisschen mehr Einfühlungsvermögen gegenüber dem Verein wäre wahrscheinlich manchmal hilfreich, um nicht ganz so emotionale Debatten zu haben.“

Rekordzahlen kommen Ticketpreisen zugute

SK Rapid steht ja nicht für Sparklub, sondern Sportklub Rapid“, lächelt Peschek. „Insofern ist absolut nachvollziehbar, dass die sportliche Tabellensituation entscheidend ist. Mir geht’s ja persönlich auch nicht gut, wenn unsere sportliche Performance nicht mit unseren Erwartungen mithält. Dennoch ist meine Aufgabe, kühlen Kopf zu bewahren.“

Mit Erfolg. Das negative Eigenkapital konnte in den letzten Jahren konsequent abgebaut werden. Der Geschäftsbericht der Saison 2015/2016 (16/17 folgt erst im Herbst) spricht von 11,6 Millionen Euro Gewinn (Bestwert in Bundesliga). Dazu kommen 10,3 Millionen Euro mittlerweile positives Eigenkapital, eine Steigerung des nationalen Budgets von 17,8 Millionen aus der Saison 2011/12 auf derzeit rund 30 Millionen.

„Die wirtschaftliche Entwicklung des SK Rapid ist sehr positiv. Wir haben den höchsten Zuschauerschnitt, die meisten Vereinsmitglieder. All das ist ja auch ein Ergebnis aller Aktivitäten, die beim SK Rapid getätigt werden. Wir wollen die bestmöglichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für sportliche Erfolge zur Verfügung stellen und dies nachhaltig.“


Veton Berisha ist Rapids neuester Einkauf:
(Text geht unter dem Video weiter!)


Davon profitiert letztlich auch der „Block West“. Massiv gestiegenen Ticket-Preisen wie in der Premier League erteilt der Geschäftsführer Wirtschaft eine Abfuhr. „Als Rapid-Mitglied kostet die Jahreskarte im Block West durchschnittlich zehn Euro pro Bundesliga-Spiel. Im Familiensektor kostet eine Kinderkarte fünf Euro und die Begleitperson zahlt 20 Euro. Wir haben im Allianz-Stadion auf sozialverträgliche Preise geachtet und sind uns unserer sozialen Verantwortung bewusst, in diesem Bereich sind wir auch sehr aktiv.“

Nachsatz: „Wir wollen natürlich Titel gewinnen. Bei zehn Euro Eintritt für alle ohne Sponsoren und ohne Einnahmen einer VIP-Tribüne wäre das aber schwierig“.

Fans tragen zu Wirtschaftserfolg bei

Aber auch die Fans selbst tragen zum wirtschaftlichen Erfolg bei.

Einerseits hat Rapid den mit Abstand höchsten Zuschauerschnitt, 2016/2017 in der Bundesliga einen rund doppelt so hohen wie der Zweite Sturm Graz.

Team Zuschauerschnitt 2016/2017
SK Rapid 21.128
SK Sturm Graz 10.574
RB Salzburg 8.260
FK Austria 7.521
SCR Altach 5.305
SV Ried 4.066
WAC 4.023
SKN St. Pölten 3.743
SV Mattersburg 3.580
FC Admira 2.818

„Zusätzlich ist Wien im Vergleich zu allen anderen Bundesligastandorten der mit Abstand größte Markt und Rapid kann zusätzliche höhere Einnahmen, etwa durch Trikotverkäufe und Ähnlichem, erwirtschaften“, so WU-Experte Oberhofer.

„Tradition wird nicht kommerzialisiert“

Peschek bestätigt zwar, dass seit dem Einstieg von Red Bull die Tradition durchaus wichtiger geworden sei. „Das hat vielleicht nochmals zu einer deutlicheren Abgrenzung gegenüber anderen Klubs geführt.“

„Ich sehe jedoch keine kommerzielle Ausnutzung der Tradition. Sie ist Teil unserer Identität und das stellen wir auch zur Schau und leben sie. Das gibt uns die Kraft, unsere ruhmreiche Geschichte mit innovativen Wegen auch in eine erfolgreiche Zukunft führen zu können.“

„Ob jetzt jemand Rapid-Badeschlapfen trägt oder die Rapid-Edition vom Ottakringer-Bier trinkt: Viele Menschen sind stolz darauf, Rapidler zu sein und wollen das zeigen. Unter dem Motto 'Von der Wiege bis zur Bahre' schaffen wir daher für Fans Angebote, ihre Bedürfnisse gerne gemeinsam mit ihrem Herzensverein zu befriedigen und möglichst viel Zeit ihres Lebens mit dem SK Rapid zu verbringen.“

Der finanzielle Gewinn für den Verein sei der angenehme Nebeneffekt: „Für einen Fan ist es umso besser zu wissen, dass er nicht nur sich, sondern auch dem Verein etwas Gutes tut.“

Die Fans wiederum produzieren die lautstarke Stimmung bei Heimspielen. Für Peschek ein „unique selling point“, also ein Alleinstellungsmerkmal am österreichischen Fußballmarkt. Wie sehr Fans die Marke Rapid tragen, möchte er aber nicht bewerten: „Grundsätzlich ist niemand größer als der Klub. Viele betrachten Rapid als Art 'Gesamtkunstwerk', das sich aus vielen unterschiedlichen Facetten der Gesellschaft zusammensetzt und darüber hinaus zu verstehen ist. Ich möchte die Rapid-Fans nicht auf einen Wirtschaftsfaktor reduzieren, weil das Menschen sind, die für diesen Verein leben.“

Eine Frage der Definition

Wirtschaftsexperte Oberhofer kommt zu einem klaren Fazit: „Man kann die Globalisierung nicht aufhalten, sondern muss schauen, wie man sich unter diesen Rahmenbedingungen am besten positioniert. Rapid positioniert sich als Traditionsklub, muss aber trotzdem Kompromisse eingehen und dann eben auch mehr Kommerz zulassen. Natürlich könnte man auch sagen: Tradition ist wichtiger. Dann darf man aber nicht jammern, wenn man international nicht konkurrenzfähig ist. Das ist dann mehr Amateur- als Profisport.“

Für Peschek ist der Begriff „Kommerz“ „in der heutigen Zeit einfach anders in der Begriffsbedeutung aufgeladen". „Natürlich haben wir auch wirtschaftliche Ziele. Der Grundantrieb kommt aber aus dem Ziel, sportlich erfolgreich sein zu können. Das ist der wesentliche Unterschied zu Grundphilosophien anderer Klubs. Der SK Rapid wurde als 1. Wiener Arbeiter Fußball-Club gegründet, um Fußball zu spielen und nicht um als Teil einer Marketingstrategie ein Produkt zu bewerben.“

Es bleibt also festzuhalten: Auch ein Traditionsklub wie der SK Rapid muss sich für den kommerzialisierten Markt wappnen. Wie man dann diese wirtschaftlichen Maßnahmen nennt und aus welchem Motiv diese erfolgen, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Textquelle: © LAOLA1.at

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