"Schluss mit Mittelmaß"

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Stoss: "Sportler für Sportler sachlich analysieren!"

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Schnellschüsse wird es keine geben. Aber dennoch wurde scharf geschossen bei der abschließenden Olympia-Bilanz von ÖOC-Präsident Karl Stoss und General Peter Mennel im Austria House.

Gegenüber von Tower Hill machten die beiden höchsten Olympia-Funktionäre im Land keine Gefangenen.

„Abgerechnet wird am Schluss“, sagten die beiden Vorarlberger nach den ersten Enttäuschungen in London – und meinten damit die Triple-Null im Medaillenspiegel.

Abgerechnet wurde wirklich, allerdings nicht in Gold, Silber und Bronze sondern mit dem heimischen Sport-System, mit Team Rot-Weiß-Rot, mit dem Gießkannen-Prinzip bei der Förderung.

 

ÖOC-Präsident Karl Stoss spricht bei LAOLA1 über:

 

… den Medaillen-Nuller in London: „Wenn wir Bilanz ziehen, so steht an erster Stelle, dass wir seit 1964 das erste Mal ohne Medaille sind. Leider wurde die rot-weiß-rote Fahne kein einziges Mal aufgezogen. Das tut weh und schmerzlich. Ich habe die Niederlagen persönlich miterlebt, mitgelitten und bin sehr traurig.“

 

… den schmalen Grat zwischen Erfolg und Misserfolg: „Es liegt alles so eng beisammen, gerade bei Olympischen Spielen. Das mussten wir hier erleben, auch wenn es das eine oder andere Mal hauchdünn war. Immerhin hatten einige tolle Talente, wie Lisa Zaiser, Lara Vadlau oder Ivona Dadic super Ergebnisse, die für die Zukunft hoffen lassen.

 

… zu viele „Olympia-Touristen“ dank aufgeweichter Limits: „Wir werden uns das in der Nach-Analyse ganz genau anschauen und Sportler für Sportler sachlich durchgehen. Pauschal-Urteile helfen uns in dieser Situation nur wenig. Eines möchte ich aber klarstellen: Die Limits werden immer noch von internationalen Fachverbänden festgelegt – und nicht vom ÖOC.“

 

… mangelhafte Strukturen für Spitzensport: „Leider sind die Grundvoraussetzungen in Österreich nicht gegeben, um in der Spitze mitzuhalten. Caro Weber trainiert in einer Halle, die nicht hoch genug ist, um ihre Ball-Übungen durchzuführen. Zudem gibt es keine Heizung. Österreich verfügt über keinen Wildwasser-Kanal. Aber es geht jetzt nicht darum, mit dem Finger zu zeigen, sondern nach Lösungen zu suchen.“

 

… die ersten Schritte nach der Nullnummer: „Es bringt nichts, wenn wir die Verantwortlichkeit auf Verbände, Vereine oder die Politik schieben. Die Sportler haben auch eine Eigenverantwortung, wir als ÖOC sorgen nur für die Rahmenbedingungen. Leider gibt es in Österreich eine Nivellierung vom Mittelmaß – und das in allen Bereichen. Aber gerade im Sport muss der Leistungsgedanke ganz vorne stehen.“

 

… Fehler auf Seiten des ÖOC: „Wir sind offen für jede Art von sachlicher Kritik. Aber man muss auch sehen, dass wir zwar für die Periode einer Olympiade, also die vier Jahre zwischen den Spielen für die Sportler verantwortlich sind, in unsere Verantwortlichkeit kommen sie aber erst kurz vorher. Und dann sind wir nur für organisatorische Dinge, wie Akkreditierung, Logistik oder die Quartiere zuständig.“

… eine Neustrukturierung des Förderwesens: „Ich bin dafür, dass man sich ganz genau anschaut, wie das in anderen Ländern geregelt wird. Bei uns ist Spitzensport das Team Rot-Weiß-Rot, das im Verteidigungsministerium angesiedelt ist. Laut Rechnungshofbericht wurden in den vergangenen 18 Monaten 5 Mio. Euro aufgewendet, aber nur 850.000 Euro, also rund 17 Prozent, gingen an die hier in London anwesenden Olympia-Athleten. Fast genauso viel wurde für Marketing verwendet, da muss man schon auch einmal fragen: Wofür?“

 

… sein Bauchweh beim Team Rot-Weiß-Rot: „Aktuell werden rund 400 Athleten unterstützt. Da muss sich schon einmal anschauen, wer da eigentlich gefördert wird. Bei den Olympischen Spielen 2004 waren es noch 200, also die Hälfte. Wir treten als ÖOC für gezieltere Förderungen ein.“

 

… mehr Effizienz bei der Sport-Förderung: „Die Förderung gehört in eine Hand gelegt, es braucht eine klare Verantwortlichkeit. Da ist sicher auch die Sporthilfe ein Thema, das man sich anschauen muss. Wir haben derzeit kein Mitspracherecht, aber es ist unser Wunsch, dass wir hier näher dran sind und der Bereich Förderung im Spitzensport in die Hände des ÖOC gelegt wird.“

 

… sein Verhältnis zu Sportminister Norbert Darabos: „Es gibt keinen Konflikt, das wurde nur von den Medien hochstilisiert. Wir sind alt genug, dass wir beide wissen, dass es nur um die Sache geht und nicht um persönliche Dinge. Wir müssen uns an einen Tisch setzen und eine sachliche Analyse betreiben: Was war gut, was schlecht? Und wo gibt es Verbesserungspotenzial?“

 

… das Suchen und Finden von Prime-Sportarten: „Auch hier bedarf es einer genauen Analyse. Man muss herausarbeiten, wo Österreich in der Spitze dabei ist. Unser 16 Top-Ten-Plätze sind schön. Aber jetzt geht es darum, zu schauen wo es Sinn macht, gezielt und verstärkt zu fördern. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass man sich anschaut, welche Strukturen es gibt, wieder einmal in einer Mannschaftssportart bei Olmypia vertreten zu sein.“

 

… das ÖOC als Anlaufstelle für den Spitzensport: „Ich habe uns ins Spiel gebracht, da wir für die Olympischen Spiele verantwortlich sind. Es geht nicht um die komplette Sport-Förderung, sondern nur um den Spitzensport, also das Team Rot-Weiß-Rot. Hier muss eine Bündelung her, denn trotz Geldsegen fallen die Erfolge nicht vom Himmel. Wir haben mit den Verantwortlichen vom Team GB (Großbritannien, Anm.) gesprochen, die haben diesen Weg vor 15 Jahren eingeschlagen und sind jetzt die Nummer drei hinter den USA und China.“

 

… ÖSV-Präsident Schröcksnadel als „Retter“ für den Sommersport: „Ich schätze ihn sehr und habe deshalb auch alles getan, um ihn als Vize-Präsident ins ÖOC zu holen. Denn der ÖSV ist der erfolgreichste und effizienteste Verband in Österreich. Das ist großartig, aber man muss schon auch sagen, dass Wintersport etwas anderes als Sommersport ist. Aber wir werden sicher sprechen, so wie wir das auch in der Vergangenheit immer getan haben.“

 

… einen „Rat der Weisen“ aus ehemaligen Sport-Größen: „Es schwirren so viele Namen herum, da muss ich mich nicht auch noch am Name-Dropping beteiligen. Aber es ist schon so, dass wir die Sportlerinnen und Sportler noch stärker einbinden wollen. Wir lassen auch gerade eine Athletenkommission wählen, die dann auch im ÖOC-Vorstand sitzen wird.“

 

Aufgezeichnet von Stephan Schwabl

 

 

 

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