"Ich bin kein Selbstdarsteller"

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"Man muss irgendwann eine aufs Maul bekommen"

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Die erste Trainingswoche des ÖFB-Camps in Stegersbach war für Ramazan Özcan wohl eine Art Déjà-vu.

Vor fünf Jahren verbrachte er die EURO-Wochen in der südburgenländischen Idylle, nachdem er aufgrund der Erkrankung von Helge Payer und einer Verletzung von Christian Gratzei als Torhüter Nummer drei in den Kader für das große Heim-Event aufrückte.

Damals war er soeben mit Hoffenheim in die deutsche Bundesliga aufgestiegen und galt als heiße Nationalteam-Zukunftsaktie am Goalie-Sektor.

„Ich bin kein Selbstdarsteller“

Sein missglücktes ÖFB-Debüt gegen Italien im Sommer 2008, als ihm gegen den damals amtierenden Weltmeister beim 2:2 in Nizza ein bitteres Eigentor unterlief, war jedoch für längere Zeit der Anfang vom Ende seiner Nationalteam-Träume.

Bis ihn Teamchef Marcel Koller für die WM-Qualifikations-Spiele gegen Färöer und in Irland anstelle des verletzten Robert Almer in den Kader berief. Auch gegen Schweden ist „Rambo“ wieder mit von der Partie.

Möglich wurde dies durch gute Leistungen für den deutschen Zweitligisten Ingolstadt, bei dem er sich nach einigen glücklosen Vereins-Jahren im Herbst 2011 einen Stammplatz eroberte.

In dieser Saison absolvierte er 32 der 3. Liga-Partien. „Für mich persönlich ist es nach Wunsch verlaufen. Aber jeder, der mich kennt, weiß: Ich bin kein Selbstdarsteller. Schlussendlich ist die Mannschaft wichtig. Wir hatten in dieser Saison Aufs und Abs. Im Endeffekt waren wir froh, dass wir die Spielzeit ohne größeren Schaden beendet haben.“

Höhenluft und Talfahrt in Ingolstadt

Damit spielt Özcan auf den Umstand an, dass sich der Verein aus Bayern gegen Ende der Saison dem Relegationsplatz bedenklich näherte – jenen im Kampf um den Klassenerhalt wohlgemerkt.

Denn im Herbst spiele Ingolstadt phasenweise sogar in den Top 5 mit, schnupperte also Höhenluft, ehe im Kalenderjahr 2013 nur vier Siege gelangen. Am Ende reichte es für den 13. Tabellenplatz.

Trainer Thomas Oral musste nach dieser Talfahrt seinen Hut nehmen. Thomas Linke, der Sportdirektor mit Salzburg-Vergangenheit, fahndet derzeit nach einem Nachfolger.

Teamchef Marcel Koller holte Özcan zurück ins Nationalteam

„Ich habe immer betont, dass wir Menschen sind. Jeder Mensch hat schwierige Zeiten im Leben, jeder Mensch macht Fehler.  Als Sportler ist es immer wichtig, nie aufzustecken, immer Gas zu geben. Zudem ist Demut ganz wichtig. Man muss irgendwann eine aufs Maul bekommen, damit man schätzt, was man hat.“

Mit dem einen oder anderen unglücklichen Wechsel will sich der Keeper gar nicht mehr beschäftigen: „Ich möchte nicht in die Vergangenheit schauen, irgendetwas nachtrauern oder nachschlagen. Das ist nicht meine Art und Weise.“

Dass der aktuelle Aufwärtstrend jedoch gut tut, nachdem er die Schattenseiten kennengelernt hatte, leugnet Özcan nicht: „Es ist natürlich schön. Jeder würde lügen, wenn er sagt, Lob oder eine Auszeichnung tut ihm nicht gut.“

„Korkmaz und Knasmüllner haben großes Potenzial“

In Ingolstadt stehen mit Ümit Korkmaz und Christoph Knasmüllner zwei weitere Österreicher unter Vertrag, die sich in der abgelaufenen Saison ein wenig schwerer taten. „Beide sind Spieler, die sehr großes Potenzial haben und uns noch sehr weiterhelfen können“, meint der 28-Jährige.

„Wir müssen uns auf den neuen Trainer einstellen, welche Wünsche und Vorlieben er hat. Mein Ziel bleibt immer gleich: Konstant zu spielen und mich so gut wie möglich in der zweiten Liga zu etablieren“, erklärt Özcan.

Die Bundesliga im Blick

Im Laufe dieser Saison wurde sein Vertrag bis 2016 verlängert, ein langfristiger Vertrauensbeweis. Dass er diesen ausschließlich in der zweiten Leistungsstufe erfüllt, ist nicht von vornherein gesagt, denn in der Audi-Stadt gibt es durchaus ehrgeizige Pläne.

„Wenn man so einen Hauptsponsor auf der Brust trägt, ist das Ziel schon die Bundesliga“, verdeutlicht der Vorarlberger, für den dieses Unternehmen jedoch keine Hauruck-Aktion ist:

„Man kann immer nach oben schielen. Wir sind Sportler, gehen immer auf den Platz, um zu gewinnen. Aber man darf es nicht übertreiben. Man darf nicht von heute auf morgen den Riesen-Schritt wagen, dann kommt man ins Wanken. Der Verein wird super geführt, wir haben ein Konzept über die nächsten drei, vier Jahre. Wenn wir das Konzept einhalten können, glaube ich, dass etwas sehr Gutes entstehen kann.“

„Jeder Mensch hat schwierige Zeiten im Leben“

Schritt für Schritt hat sich auch Özcan wieder aus seinem Karriere-Tief gekämpft. Nachdem es bei Hoffenheim nicht wie gewünscht lief und auch ein leihweiser Wechsel zu Besiktas Istanbul nicht den erhofften Turnaround brachte, wurde es längere Zeit still um ihn.

Während es Korkmaz auf 26 Einsätze brachte (18 davon als Joker), muss Knasmüllner weiterhin auf den Durchbruch warten. Der 21-Jährige, einst beim FC Bayern und Inter Mailand unter Vertrag, stand nur in sieben Begegnungen auf dem Feld.

Woran es bei Knasmüllner fehlt, möchte Özcan nicht erläutern, sagt nur: „Es ist nicht meine Aufgabe, andere Spieler zu bewerten. Ich helfe den beiden, bin da für sie. Wichtig ist, dass sie nicht aufgeben.“

Keine großen Töne bezüglich ÖFB-Team

Nicht aufgegeben hat der Schlussmann auch das Ziel weiterer Einsätze im Nationalteam. Vorerst geht er den Kampf um einen zweiten Länderspiel-Einsatz jedoch eher defensiv an, zumindest verbal:

„Für mich war es schön, beim letzten Lehrgang nach fünf Jahren wieder dabei zu sein, und zeigen zu können, was ich kann. Aber ich bin kein Mann der großen Töne. Es ist keine One-Man-Show, sondern wir sind hier im Auftrag der Nation und haben ein wunderschönes Spiel in einem vollen Stadion vor der Brust, haben uns eine wunderbare Ausgangsposition erarbeitet. Das hat absolute Priorität.“

Geduld hat Özcan in seiner Karriere ohnehin schon genügend bewiesen.

Peter Altmann

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