Wenn sich Spieler neu erfinden

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Flexibilität oder wenn sich ein Spieler neu erfindet

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Marcel Koller schätzt Variationsmöglichkeiten. Das betont er immer wieder und lebt es auch.

Zur Not schafft er sie sich selbst. Martin Harnik musste gegen die Türkei erstmals in seiner Profi-Laufbahn als Solo-Spitze ran, Christian Fuchs nach Jahren als Linksverteidiger wieder einmal wie zu Karriere-Beginn eine Etappe davor im Mittelfeld.

Mit diesen Experimenten liegt der ÖFB-Teamchef voll im Trend. In ihren Vereinen müssen seine Schützlinge ohnehin immer mehr Flexibilität an den Tag legen.

Zum „Prototyp“ dafür mutiert zunehmend Zlatko Junuzovic. Der 24-Jährige begann seine Karriere als Stürmer, war in den vergangenen Jahren in der Offensive sowohl im Zentrum, als auch auf beiden Seiten zu Hause und feierte am vergangenen Wochenende im Werder-Dress gegen Hamburg seine gelungene Startelf-Premiere als Sechser.

Koller: „Der Spieler erfindet sich dann selbst“

„Das ist schon eine sehr, sehr offensive und riskante Variante“, findet sein Vereinskollege Sebastian Prödl, betrachtet den Versuch aber als gelungen: „Sladdi ist ein ungemein laufstarker Spieler, absolviert pro Spiel ungefähr 13 Kilometer. Er kann die Löcher zumachen. Wir haben ein kreatives Überangebot im Mittelfeld, also trifft es manchmal Leute wie Mehmet Ekici, die dann auf der Tribüne sitzen müssen. Daher muss jeder Spieler flexibler werden.“

Während der Innenverteidiger wohl nicht gedacht hätte, dass er seinem Kumpel auf dem Spielfeld einmal so nahe kommen würde, fand sich Junuzovic im defensiven Mittelfeld laut eigener Aussage schnell zurecht: „Mir ist es eigentlich ganz gut gegangen. Ich weiß jetzt ungefähr in jeder Position, ob außen, vorne oder hinten, wie ich mich bewegen soll. Es ist natürlich eine neue, recht defensive Position, aber ich fühle mich recht wohl. Von dem her ist das ‚Experiment‘ gelungen.“

Koller war live im Weserstadion Zeuge dieses Experiments und nahm durchaus positive Eindrücke mit: „Er hat das wirklich gut gemacht, ist in die Zweikämpfe gegangen, hat sogar Kopfballduelle angenommen. Der Spieler erfindet sich dann selbst, sieht plötzlich, dass er das auch spielen kann.“

Wobei der Schweizer bei aller Offenheit für neue Ideen im konkreten Fall seine ursprüngliche Skepsis nur schwer verbergen konnte. Denn als Defensivkünstler machte sich Junuzovic in der heimischen Bundesliga nur bedingt einen Namen. Diesbezüglich hat er sich im Norden Deutschlands enorm entwickelt.

„Die Variabilität eines Fußballers wird immer wichtiger“

Koller: „Ich muss ehrlich sagen, als ich ihn in den ersten Spielen bei der Austria gesehen habe, hat es mich eigentlich immer ein bisschen gestört, dass er nach hinten ein bisschen schlampig war. Gut, da ist auch immer die Frage, was ihm der Trainer vermittelt hat, aber da hat er nicht so konsequent gearbeitet. Nach vorne hat er natürlich seine Fähigkeiten. Dass er in der Defensive zugelegt hat, ist für mich als Trainer natürlich wichtig, dass man nicht nur nach vorne schaut, sondern auch bereit ist, defensiv Drecksarbeit zu machen.“

Nicht auszuschließen, dass Werder-Coach Thomas Schaaf dem 51-Jährigen eine weitere Option beschert hat, sollte er Junuzovic längerfristig zum Sechser umschulen. Mit Veli Kavlak würde er im Nationalteam auf einen Kontrahenten treffen, dessen Wurzeln sich ebenfalls in offensiveren Gefilden befinden und der bei Besiktas längst die Metamorphose zum defensiven Mittelfeldspieler vollzogen hat.

David Alaba wiederum wurde im Mittelfeld-Zentrum groß, agiert dort auch unter Koller, beackerte zuvor im ÖFB-Team unter Didi Constantini den linken Flügel, avancierte jedoch erst als Linksverteidiger zum Stammspieler beim FC Bayern. Der Jungstar, der gegen Deutschland verletzt ausfällt, ist ein weiteres Musterbeispiel für einen Allrounder, wie er im Trend liegt.

„Die Variabilität eines Fußballers wird allgemein immer wichtiger“, analysiert Julian Baumgartlinger. „Wenn du variabel bist, erhöhen sich natürlich die Chancen zu spielen“, ergänzt Fuchs.

„Muss auf höchstem Niveau auf diesen Positionen denken“

Die Jobsicherheit ist fraglos eines der wichtigsten Argumente pro Flexibilität, taktische Überlegungen ein anderes. Fuchs, nunmehr bei Schalke, und Baumgartlinger sind beide bei Mainz unter Thomas Tuchel, einem der Aushängeschilder der neuen deutschen Trainer-Welle, gereift.

Oder sie sammeln diese Erfahrungen erst im Nationalteam, wie etwa Harnik gegen die Türkei. „In den letzten zwei Jahren habe ich in Stuttgart nur am rechten Flügel gespielt, habe dort recht gut auf mich aufmerksam gemacht und fühle mich dementsprechend wohl. Gegen die Türken war es eine ungewohnte Position, denn alleinige Spitze habe ich im Profi-Fußball wirklich noch nie gespielt. Ich denke aber, dass ich es recht gut gelöst habe. Ich traue mir die Position auf jeden Fall zu“, erklärt der 25-Jährige.

Eine Umstellung sei der Part des Mittelstürmers aber sehr wohl gewesen. Seine Beobachtungen: „Es ist vom ganzen Spiel her anders. Es ist weniger laufintensiv. Man ist wirklich fast nur offensiv eingebunden, muss defensiv eigentlich nur geschickt laufen und zustellen. Man kriegt mehr Bälle mit dem Rücken zum Tor, muss sich gegen zwei Innenverteidiger behaupten. Es ist nicht leichter.“

Neue Idee gegen Deutschland?

Mit seiner Schnelligkeit ist Harnik möglicherweise auch gegen Deutschland eine Option als Solo-Spitze, auch wenn er selbst mit einer Rückkehr auf den rechten Flügel rechnet.

In der offensiven Dreier-Reihe hinter dem Mittelstürmer herrscht ohnehin gewaltiger Konkurrenzkampf, selbst wenn man davon ausgeht, dass Fuchs diesmal wieder in die Abwehr zurückrückt.

Neben Harnik buhlen auch Junuzovic, Ivanschitz und Marko Arnautovic, die allesamt sowohl zentral, als auch auf beiden Flügeln spielen können, um einen Platz in der Startelf. Vier Mann für drei Plätze, sofern Marc Janko an vorderster Front beginnen sollte.

Es sei denn, Koller hat eine andere Idee. Möglichkeiten gibt es bei derart flexiblem Spielermaterial zur Genüge. So ist etwa ein Experiment mit Arnautovic als Solo-Spitze eines, das immer wieder im Raum schwebt. Neuland wäre diese Position für den Werderaner keines…

Peter Altmann/Martin Wechtl

Ebenso wie Andreas Ivanschitz. Der 28-Jährige hat im Laufe seiner vielen Profi-Jahre diesbezüglich gewaltige Veränderungen beobachtet:

„Flexibilität ist ganz wichtig geworden. Früher gab es vielleicht ein oder zwei Systeme – heutzutage vier oder fünf. Da muss man sich als Spieler anpassen und die Forderungen des Trainers umsetzen. In Mainz haben wir vier Systeme. Der Trainer macht sich jede Woche seine Gedanken, passt die Aufstellung auf den Gegner und die jeweiligen Spielertypen an. Dann kann es vorkommen, dass ich einmal mehr über die Seiten, einmal mehr im Zentrum spielen muss. Genau dann kommt es auf Flexibilität an. Ich finde diesen Trend auf jeden Fall positiv und sehr interessant.“

Auch Baumgartlinger berichtet davon, dass Tuchel „jeden Gegner bis ins kleinste Detail analysiert.“ Das daraus folgende Anpassen auf verschiedene Formationen hält der gebürtige Salzburger ob der guten Ausbildung der heutigen Spielergeneration für kein großes Problem.

„Wenn man technisch und taktisch gut geschult ist, ist es nicht so schwierig“, so der 24-Jährige, „wenn man verschiedene Positionen spielt, muss man natürlich auch immer auf höchstem Niveau auf diesen Positionen denken. Wenn man dann vielleicht wieder auf einer anderen Position ist, kann man besser nachvollziehen, was der Mitspieler gerade denkt, oder kann ihn besser unterstützen, weil man es selber schon am eigenen Leib erfahren hat.“

Harniks Umstellung

Erfahrungen bei ihren Vereinen, die vor allem die Legionäre in Top-Ligen vorangebracht haben. Für Kavlak wäre es so gesehen überhaupt kein Thema, müsste er gegen Deutschland den defensiv orientierten zentralen Mittelfeldspieler geben:

„Das ist für mich kein Problem. Ich spiele diese Position auch bei Besiktas, und dort spielen wir das gleiche System wie im Nationalteam.“

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