Vettori: 'Schönreden tun wir uns gar nichts'

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Ernst Vettori hat schon angenehmere Zeiten als sportlicher Leiter des ÖSV erlebt.

Er war dabei, als die österreichischen Adler bei der WM in Oslo alles abräumten. Er erlebte hautnah mit, wie sie ihre Tournee-Rekordserie Jahr für Jahr ausbauten. Er war so nah dran wie kaum ein Zweiter, als Gregor Schlierenzauer, Thomas Morgenstern und Co. dem Weltcup über Jahre ihren Stempel aufdrückten.

Inzwischen ist die Konkurrenz nicht nur ebenbürtig, sondern am heimischen Adlerhorst vorbeigezogen. Schlierenzauer (Trennung von Freundin Sandra) wurde für Bischofshofen sogar aus dem Team genommen, seine Vierschanzen-Tournee war damit vorzeitig beendet.

„Es wird nicht besser, wenn man eine nach dem anderen auf den Deckel kriegt“, erklärt Vettori im Gespräch mit LAOLA1. „Derzeit sei er nicht in der Verfassung, sich zu steigern. Daher haben der Olympiasieger von 1992 in Albertville, ÖSV-Sportdirektor Hans Pum und Cheftrainer Heinz Kuttin entschieden, die Reißleine zu ziehen. „Ich war ja immer dabei und habe gesehen, dass Gregor sich sehr schwer tut“, litt Vettori mit seinem Schützling mit.

Diethart scheitert in der Bischofshofen-Qualifikation

Nachrücker Thomas Diethart erging es sogar noch schlechter. Der Niederösterreicher, der in den letzten Wochen und Monaten mit einem hartnäckigen Formtief sowie Verletzungsproblemen zu kämpfen hatte, verpasste den Wettbewerb der Top-50 und scheiterte in der Qualifikation.

„Es gibt keine Wunder“, meint Vettori, der sich dennoch erhofft hatte, dass der Bischofshofen- und Tournee-Triumphator von 2014 den einen oder anderen Weltcuppunkt ergattert.

Für Topergebnisse müssen weiterhin andere sorgen, wobei nach aktuellem Stand mit Michael Hayböck und Stefan Kraft nur zwei österreichische Adler dafür in Frage kommen. Die mannschaftliche Geschlossenheit, jahrelang ein Markenzeichen des ÖSV, ging weitgehend verloren.

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Posted by Michael Hayböck on Montag, 4. Januar 2016

Vettori kann dem Krisengerede nichts abgewinnen

„Wir haben eine Situation, die nicht so schlecht ist, wie sie geredet wird“, hält er nichts vom Krisengerede in einigen Medien.

Der 51-Jährige Tiroler begrüßt, dass nun auch andere Nationen den Ton angeben. „Das macht ja den Sport aus. Wenn immer die gleiche Nation gewinnt, wird man sich selbst doch irgendwann nicht mehr dafür interessieren. Bei uns ist alles breit gemischt.“

Von Japaner über Slowenen, von Deutschen über Norweger - sie alle sind den Österreichern ebenbürtig. Oder sogar einen Schritt voraus. Von der einstigen Dominanz ist nichts mehr zu sehen, bislang lautete die Taktik nach außen hin aber, Stärke zu zeigen.

Der Eindruck des Schönredens könnte entstehen, doch das lässt Vettori nicht auf sich sitzen. „Schönreden tun wir uns ganz sicher nichts. Wir lassen uns die Sache aber auch nicht schlechtreden. Wir haben noch Chancen, in der Gesamtwertung der Tournee aufs Stockerl zu kommen. Wenn man das Ziel vorher definiert, ist es sehr ehrgeizig und ein gutes Ziel.“ Es konnte schließlich „nicht ewig so weitergehen“, dass ausschließlich Österreicher das oberste Stockerl schmücken.

"Schönreden tun wir uns ganz sicher nichts. Wir lassen uns die Sache aber auch nicht schlechtreden."

Ernst Vettori

ÖSV hat auch im Conti-Cup Probleme

Damit mag er Recht haben, doch sollten im ÖSV längst die Alarmlichter angegangen sein. „Wir sind mit der momentanen Lage sicher nicht zufrieden und auch nicht glücklich“, gesteht der Absamer doch ein. Sofort richtet sich der Blick wieder nach vorne, denn das heiße nicht, dass nicht jeder alles probiere. „Und darum geht es bei mir. Wenn ich sehe, dass alle mit hundertprozentigem Ehrgeiz dabei sind, dann schaut auch irgendwann was dabei raus.“

Bis Österreich jedoch wieder eine Mannschaft hat, in der fünf, sechs oder gar sieben Athleten jederzeit zu einem Stockerlplatz in der Lage sind, könnte aber einiges Wasser den Inn entlang fließen.

Auch der Unterbau sorgt für Sorgenfalten, denn im Conti-Cup fehlen ebenfalls die Topergebnisse vergangener Tage. Vettori macht keinen Hehl daraus, dass auf den gesamten ÖSV-Adlerhorst harte Arbeit zukommt, das betreffe auch den Juniorenbereich und die Trainingsgruppe 2.

Man dürfe aber auch nicht vergessen, dass sich das Team derzeit im Umbruch befindet. „Viele Leistungsträger haben aufgehört. Jetzt gilt es, ein neues Team zu formen. Das geht nicht von heute auf morgen, man muss die Dinge in Ruhe angehen.“

Vettori: "Ein normaler Prozess"

Als großes Ziel gibt der Skisprung-Chef aus, „in ein, zwei Jahren wieder mannschaftlich geschlossen stark“ zu sein. Solange müsse man sich gedulden. „Es ist ein ganz normaler Prozess, den jede Nation mal durchlebt. Das bleibt niemandem erspart, auch uns nicht.“

Der Zeitpunkt ist dennoch denkbar ungünstig, steht doch mit der Skiflug-Weltmeisterschaft am Kulm ein absolutes Highlight unmittelbar vor der Tür. Die Vorzeichen stehen speziell im Teambewerb nicht allzu günstig, doch davon will Vettori nichts wissen.

„So lasse ich das nicht gelten. Jetzt schon zu hören, dass die Weltmeisterschaft im Arsch ist, das geht nicht. Wir haben zwei Athleten auf einem hohen Niveau.“ Der Druck, der auf ihm und seinem Team lastet, ist spürbar.

Seine Reaktion wiederum verständlich, hat er doch schon deutlich angenehmere Zeiten als sportlicher Leiter erlebt.

Christoph Nister

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