Fairalls tränenreiche Rückkehr: "Bin so dankbar"

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Wer gewinnt die Vierschanzentournee? Steckt der ÖSV in einer Krise? Warum springt Gregor Schlierenzauer hinterher?

Es sind die bestimmenden Themen dieser Tage, die Medien berichten über kaum etwas anderes.

Wie unbedeutend diese Facetten des Sports plötzlich werden können, bewies Nick Fairall.

Ein Jahr nach seinem schrecklichen Sturz in Bischofshofen, bei welchem er einen Lendenwirbelbruch zugog und seither an den Beinen gelähmt ist, kehrte er zurück. Im Rahmen einer Pressekonferenz schilderte er, was ihm widerfuhr, wie er trotz allem den Mut nie verloren hat und wie es ihm heute geht.

Von einem Moment auf den anderen war der Sport nur noch eine Randnotiz. Gewinnen oder verlieren? Krise oder Erfolgslauf? Alles unwichtig.

Fairall ist "unglaublich dankbar"

"Ich bin so unglaublich dankbar", erklärte Fairall unter Tränen. Dankbar für die unfassbare Unterstützung seiner Kollegen, ehemaliger Athleten und Fans. Dankbar für die erstklassige medizinische Versorgung, für die Hilfe der Therapeuten und dafür, dass er wieder Teil der Skisprung-Familie sein durfte.

"Mir ist bewusst, dass ich das nie zurückzahlen kann, was mir gegeben wurde", rang er 26-jährige US-Amerikaner nach Worten und gab ein Versprechen ab: "Ich werde weiter kämpfen, damit sich all die Investitionen lohnen."

Auch ein Jahr nach dem Sturz ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Ärzte können ihm nicht sagen, ob er je wieder laufen kann. "Es ist wie mit Schneeflocken. Sie sehen alle ähnlich aus und sind doch verschieden. Jede ist einzigartig. So ist es mit meiner Verletzung."

Den Traum vom Comeback verfolgt er dennoch hartnäckig. "Ich will wieder Skispringen", stellte er klar. Dafür wolle er alles geben, auch wenn der Weg steinig ist.

Ich hätte all die negativen Aspekte verfolgen und mich davon runterziehen lassen können. Ich wollte aber das Positive hervorkehren und optimistisch bleiben.

Nick Fairall

LAOLA1 hatte die Ehre, nach dem offiziellen Teil unter vier Augen mit dem vor Kampfgeist und Lebenswillen strotzenden Olympiateilnehmer sprechen zu dürfen.

"Ich hätte niemals gedacht, dass so viele Leute hier auftauchen würden", zeigte er sich vom Medienrummel um seine Person überrascht. Im großen Interview spricht er über das Gefühl der Rückkehr vor Ort und verrät, warum es Spitzensportlern möglicherweise leichter fällt, mit einem solchen Schicksalsschlag umzugehen.

LAOLA1: Nick, wie fühlt es sich an, wieder mit deinen Teamkollegen zusammen zu sein?

Nick Fairall: Es fühlt sich überragend an. Ich liebe es, wieder in meiner gewohnten Umgebung zu sein, bei dem Sport, den ich so sehr liebe. Ich genieße es, so gut ich kann, hier zu sein. Allein hier dabei sein zu dürfen, bestärkt mich in meinem Wunsch, unbedingt wieder Skispringen zu können.

LAOLA1: Unglaublich viele Menschen wollten deine Geschichte hören. Überrascht dich das?

Fairall: Definitiv ja. Ich hätte niemals gedacht, dass so viele Leute hier auftauchen und sich für mich interessieren würden. Es ist genial. Ich kann kaum in Worte fassen, wie dankbar ich für alles bin. Hoffentlich hat jeder gesehen, dass ich wirklich verdammt dankbar bin.

LAOLA1: Hat der Anblick der Paul-Außerleitner-Schanze spezielle Gefühle in dir geweckt?

Fairall: (lacht) Ja, dass ich unbedingt wieder Skispringen will. Weißt du, ich erinnere mich noch an meinen letzten Sprung und welch gutes Gefühl ich während des Fluges hatte. Klar, die Landung war ziemlich vermasselt, aber ganz ehrlich, es ist ein tolles Gefühl, wieder hier zu sein.

LAOLA1: Keine schlechten Erinnerungen?

Fairall: Ich will mich nicht an schlechten Dingen aufhängen. Ich hätte natürlich all die negativen Aspekte verfolgen und mich davon runterziehen lassen können. Ich wollte aber das Positive hervorkehren und optimistisch bleiben. Das Positive für mich ist ganz klar das Fliegen und das Gefühl beim Springen. Absolut unglaublich.

1 Year Later and Im Back!!So Excited to be back here in Bischofshofen, it just motivates me to continue working hard so...

Posted by Nick Fairall on Dienstag, 5. Januar 2016

LAOLA1: Zahlreiche Kollegen, Ex-Sportler und Fans haben gespendet, um dir bei deiner Reha zu helfen. Wie empfindest du diesen überwältigenden Zuspruch?

Fairall: Weder habe ich je daran gedacht, noch erhofft, soviel Hilfe zu erfahren. Es erstaunt mich immer noch Tag für Tag. Die Großzügigkeit der anderen Athleten und der Fans verblüfft mich völlig. Du hast ja gesehen, dass es mich zu Tränen gerührt hat. Ich kann dir sagen, so etwas passiert mir nicht oft. Selbst Leute, die ich noch nie getroffen habe und gar nicht kenne, haben mich unterstützt.

LAOLA1: Du hattest während der Fahrt ins Krankenhaus ein Schlüsselerlebnis. Kannst du das kurz schildern?

Fairall: Ich kann mich nicht mehr ganz genau erinnern, wo das passiert ist, aber ich weiß noch, dass ich gefragt habe, ob man mir meine Skisprungschuhe ausziehen könnte. Der Sanitäter sagte mir, ich hätte sie nicht mehr an. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich eine sehr, sehr ernste Verletzung erlitten hatte. Es war nicht wie sonst, wo du schnell wieder zurück willst, es war dieser Moment, in dem ich realisiert habe, dass es richtig ernst ist.

LAOLA1: Was ging am Morgen nach der Notoperation in dir vor?

Fairall: Es war alles wie verschleiert und ich hatte große Schmerzen. Als mich die Ärzte aufklärten, konnten sie mir keine genauen Zeitpläne bezüglich meiner Rehabilitation sagen. Ich hatte die Wahl, welche Richtung ich einschlage und ich habe sofort entschieden, ich will das positiv angehen.

LAOLA1: Eine bemerkenswerte Reaktion.

Fairall: Vielen Dank. Es gab und gibt natürlich schwierige Zeiten, aber wenn du daran glaubst und kämpfst, wird es sukzessive besser. Ich hatte viel, viel, viel mehr gute als schlechte Tage.

Ich bedaure nicht, dass ich gesprungen bin und definitiv auch nicht, dass ich diesen Sport ausgesucht habe.

Nick Fairall

LAOLA1: Hast du dich jemals gefragt: Warum ich?

Fairall: (überlegt lange) Nicht wirklich. (überlegt wieder) Aufgrund meiner Einstellung und mentalen Stärke bin ich froh, dass es mich erwischt hat und keinen anderen Springer. Ich wünschte keinem anderen, dass er sich verletzt. Leider habe ich mich schwer verletzt, aber ich bedaure nichts. Ich bedaure nicht, dass ich gesprungen bin und definitiv auch nicht, dass ich diesen Sport ausgesucht habe. Schon gar nicht, wenn ich daran denke, was er mir gegeben hat.

LAOLA1: Mit Vanessa Sahinovic und Kira Grünberg teilen in Österreich zwei Athletinnen ein ähnliches Schicksal wie du und sind ebenfalls sehr zuversichtlich, was ihre Zukunft betrifft. Denkst du, dass Sportler mit solchen Schicksalsschlägen besser umgehen können?

Fairall: Ich weiß nicht, ob es generell für Sportler einfacher ist. Für mich war es nicht immer einfach, ich musste daran arbeiten. Als Athlet kennt man aber die Situation, wenn man verletzt oder krank ist, dass man sich zurück kämpft und Ziele setzt. Viele Leute können das, aber Athleten arbeiten tagtäglich daran. Daher würde ich sagen, es ist bestimmt hilfreich, ein Spitzensportler zu sein, es ist aber sicher kein Muss, mit einer solchen Situation klarzukommen und positiv zu bleiben.

LAOLA1: In einem Facebook-Video sieht man dich ein paar Schritte mit Gehhilfen laufen. Welche Prognosen bekommst du von den behandelnden Ärzten?

Fairall: Da bin ich mithilfe eines Stützapparates gegangen. Dabei werden Knöchel und Knie fixiert und Hüfte und Bauch gestützt. Das erlaubt mir, Schritte zu gehen, aber es ist nicht wie das normale Gehen. Ich bin aber aufgestanden und gegangen durch meine eigene Kraft. Es war unglaublich für mich, dazu in der Lage zu sein, es war ein wichtiger Schritt in meiner Entwicklung. Erst war ich im Bett, dann wollte ich in den Rollstuhl, von dort in den Stützapparat. Erst konnte ich überhaupt nicht gehen damit, dann wurde es länger und länger.

Just start with small steps, then over time you'll have made a huge difference! But it all starts with the first step.#F---YouChairWith Jess Tidswell

Posted by Nick Fairall on Freitag, 24. Juli 2015

LAOLA1: Im wahrsten Sinne Schritt für Schritt?

Fairall: Ungewollt, aber ja. (lacht)

LAOLA1: Glaubst du an Wunder oder würdest du eine komplette Genesung deinen physischen und psychischen Qualitäten zuschreiben?

Fairall: Ich denke, es ist eine Mischung aus beiden Faktoren. Wunder passieren durch einen selbst. Man kann sich selbst überraschen und mehr erreichen, als man für möglich hält.

LAOLA1: Sollte sich dein Traum vom Skisprung-Comeback nicht erfüllen, hast du einen Plan B?

Fairall: Absolut, ich habe schon viel ausprobiert. Ich will unbedingt den Pilotenschein machen - und ich werde ihn auch ganz sicher machen. Ich bin erst 26 Jahre alt, nicht viele in meinem Alter haben konkrete Pläne, was sie genau machen wollen. Sie erachten es gar nicht als notwendig, sich über all das Gedanken zu machen. Ich will es ähnlich angehen, der Fokus gilt meiner vollkommenen Genesung. Ich will zurück auf die Schanze, ganz klar, aber ich werde jeden Aspekt und jeden Schritt, den ich mache, versuchen zu genießen.

LAOLA1: Du hast angedeutet, ein Buch schreiben zu wollen. Gibt es bereits Konkretes zu berichten?

Fairall: Ich habe begonnen, mir Notizen zu machen. Ich bin dabei, alle sieben Sachen zusammenzubekommen. Ich bin aber noch in der Startphase dieses Projekts, es gibt daher noch keinen genauen Plan, wann das Buch fertig sein soll. Ich hoffe aber, dass es bald ist.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christoph Nister

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