Marcel Hirscher: "Das ist am brutalsten"

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Marcel Hirscher ist wieder da.

"Der war doch nie weg", mag manch einer jetzt denken. Um dem einen oder anderen gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: War er doch. Kurz nach seinem fünften Gesamtweltcupsieg in Folge tauchte der Ski-Star Ende März unter. Keine Interviews. Keine Pressetermine. Keine öffentlichen Auftritte. Kaum Social-Media-Aktivitäten.

Nach dieser dreimonatigen Pause feierte der 27-Jährige nun sein "Comeback". Bei einer Wanderung in seiner Salzburger Heimat Annaberg meldete er sich erstmals wieder zu Wort. Es scheint, als hätte ihm die Auszeit sehr gut getan. LAOLA1 durfte sich vor Ort selbst davon überzeugen und fasst die wichtigsten Aussagen des 39-fachen Weltcupsiegers zusammen.

Ein gut aufgelegter und lockerer Marcel Hirscher über den Grund seiner Pause, (Ab)Normalität, EURO, Motivationsprobleme, mögliche Auszeit vom Weltcup und mehr.

MARCEL HIRSCHER...

... ÜBER DEN GRUND FÜR DIE LANGE PAUSE: Ich wollte einfach Abstand gewinnen und nicht überall meinen Senf dazugeben. Das hat mir wirklich gut getan. Es sind immer noch drei Monate bis zum Weltcup-Start, ab jetzt bin ich wieder voll da.

... ÜBER SEINEN FITNESSZUSTAND: Mir geht es wirklich sehr gut, die Pause hat sich bezahlt gemacht. Ich habe keinerlei Schmerzen und fühle mich wie mit 18 Jahren, vielleicht sogar ein bisschen besser. Ich konnte jeden Tag trainieren und meine Einheiten voll durchziehen. Mein Trainer hetzt mich über die „Blutwiese“, wie ich den Hang nenne. 400 Meter bergauf, aber im Sprint, und das nicht nur ein Mal.


... ÜBER SEINEN WEITEREN PLAN: Wenn der Sommer so kühl bleibt, sollten wir in Österreich gute Bedingungen vorfinden. Ich bin zuversichtlich, dass wir hier bleiben und auf dem Gletscher trainieren können. Ich denke, dass ich die ersten Schwünge auf Schnee in Österreich machen werde. Nach Übersee werde ich definitiv nicht reisen.

... OB ER SCHON AUF URLAUB WAR: Nein, wir waren nur eine Woche Rad fahren auf Mallorca. Im Herbst werde ich aber wahrscheinlich noch auf Urlaub fahren. Wenn der Moment kommt, an dem ich auf Urlaub fahren möchte, mache ich es.

... ÜBER NEUE WEGE IN DER VORBEREITUNG UND MÖGLICHE MOTIVATIONSPROBLEME: Ich bin mittlerweile schon neun Jahre dabei. Es ist immer alles geplant – ich weiß genau, an welchem Tag was ansteht. Training, Pressetermin, Interview, Rennen. Ich versuche deshalb einfach, aus diesem Alltag auszubrechen und etwas anders zu machen. Vielleicht fahre ich im Herbst noch ans Meer. Dann komme ich eben mit einer guten Farbe zum Weltcupauftakt.

... ÜBER DAS ANSTEHENDE GLETSCHERTRAINING: Das ist die mühsamste Zeit im Jahr. Du bist auf so viele Sachen angewiesen und hast es eigentlich nicht selbst in der Hand. Das Wetter, die Schneeverhältnisse - du musst wirklich darum kämpfen, gute Bedingungen vorzufinden. Wir brauchen Rennbedingungen, alles andere ist kein wirkliches Training sondern eher Bewegungstherapie.

Marcel Hirscher zeigt ausgewählten Journalisten bei einer Wanderung jenen Berg, auf dem er aufgewachsenen ist. LAOLA1 war mit dabei.

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"Heute ist fast eine Art Kick-off für die neue Saison. Ich freue mich schon auf alles, was jetzt kommt", sagte Hirscher zur offiziellen Begrüßung. Sein Vater Ferdinand hatte die Stuhlalm ab 1989 gepachtet.

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Oben angekommen dürfen die historischen fünf Kristallkugeln für ein Foto natürlich nicht fehlen...

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 ... OB DAS LEBEN IM SOMMER „NORMALER“ IST ALS WÄHREND DER SAISON: Sicher teilweise. Einen Tag hier, dann dort – das ist nicht das normale Leben. Der Skizirkus ist teilweise wirklich ein Zirkus. Viele Sachen sind hektisch und stressig. Jeder Tag ist eine neue, riesengroße Herausforderung. Das alles mag mitunter surreal erscheinen. Wobei: Der Skisport ist sicher immer noch nicht so weit entfernt vom normalen Leben wie andere Sportarten.

... OB EIN NORMALES LEBEN IN ÖSTERREICH FÜR IHN ÜBERHAUPT MÖGLICH IST: Sicher nicht so wie für viele andere. Mit gewissen Abstrichen geht es aber. Ich versuche, das Leben immer mehr zu leben. Auf diverse Dorffeste muss ich nicht unbedingt gehen. Mir ist es lieber, zu Hause mit meinen Freunden Zeit zu verbringen oder zu grillen. Oder ich mache mir einen schönen Abend mit Laura. Daheim in Annaberg ist die Barriere jedenfalls am kleinsten. Die kennen mich, wie ich noch in die Hose gemacht habe.

... WARUM ER NICHT EINFACH LÄNGERE ZEIT IN EIN ANDERES LAND REIST: Sicherlich kommt mir dieser Gedanke ab und zu. Österreich ist aber einfach eines der schönsten Länder der Welt. Wenn man viel herumkommt, weiß man noch mehr zu schätzen, wie gut es uns geht. Ganz so einfach ist es für mich nicht, hier ins Strandbad zu gehen. Aber das ist nicht so schlimm.

... ÜBER DIE STUHLERALM, AUF DER ER AUFGEWACHSEN IST: Bis ich sieben Jahre alt war, waren wir hier oben. Bis ich 14 Jahre alt war, waren wir auch noch öfters hier, vor allem im Sommer. In den ersten sieben Jahren hatte ich kein warmes Wasser. Es war nicht schlimm, man gewöhnt sich daran. Einmal nur lauwarmes Wasser zu haben, ist ein Luxusproblem. Andere haben es ihr ganzes Leben so oder noch schlechter.

... ÜBER DIE EURO UND DAS ABSCHNEIDEN DES ÖFB-TEAMS: Der Druck auf unser Team war schon sehr groß. Die Erwartungen von Öffentlichkeit und Medien waren gewaltig. Mehr kann ich nicht sagen. Es fällt mir als Einzelsportler schwer, die Situation in einem Mannschaftssport zu beurteilen. Generell hat mir die EURO sehr gut gefallen, es waren einige magische Momente dabei. Es war vielleicht ein bisschen unglücklich, dass in der K.o.-Phase eine Hälfte so gut und die andere nicht ganz so gut besetzt war. Ich habe mir fast alle Spiele angesehen und hatte Spaß.

Wandern mit Marcel #Hirscher #Berge

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... WANN ER DEN GRÖSSTEN DRUCK HATTE: Von der Öffentlichkeit sicher bei der Heim-WM in Schladming. Jeder hat sich eine Goldmedaille erhofft, am Ende habe ich es zum Glück irgendwie durchgewurschtelt. Für mich persönlich sind aber Situationen beim Weltcupfinale am schlimmsten. Wenn du beim letzten Rennen weißt, du brauchst den und den Platz. Und wenn es nur zwei Punkte sind, die du benötigst. Du weißt, du musst 15. werden und darfst einfach nicht einfädeln, das ist furchtbar. Der Druck wird einfach so groß. Und am brutalsten ist es, wenn du im Gesamtweltcup Zweiter wirst. In meiner Situation sowieso, weil ich ihn schon gewinnen konnte. Aber auch generell. Dann werde ich lieber Fünfter, hatte eine solide Saison mit ein oder zwei Siegen.

... OB ER BEREITS AN DEN NÄCHSTEN GESAMTWELTCUPSIEG DENKT: Auch wenn man es nicht glauben mag: Der Gesamtweltcup steht vor einer Saison nie im Fokus. Etwas so Großes kann nie das Ziel sein, man kann es nicht planen. Du kannst darauf hinplanen, bei einer WM an genau diesem Tag voll da zu sein. Das geht beim Gesamtweltcup nicht. Obwohl ich in der vergangen Saison einen persönlichen Punkterekord aufgestellt habe, wird es immer zäher. Ich merke einfach, dass richtig viele junge Fahrer von unten Druck machen. Im Slalom werden die Leute immer spritziger. Henrik (Kristoffersen/Anm.) hat eine ganz neue Art entwickelt, Slalom zu fahren – und die ist sehr schnell. Es wird also auf keinen Fall leichter sondern richtig hart.

... OB ES MÖGLICH IST, DASS ER EINMAL NICHT MEHR AUF DEN GESAMTWELTCUP LOSGEHT: Das ist vorstellbar. Es ist möglich, dass ich einmal drei Abfahrten in Folge fahre. Aber noch nicht jetzt. Du kannst heutzutage nicht in allen vier Disziplinen gleichzeitig top sein. Nach Bode Miller hat das keiner mehr geschafft und ich glaube nicht, dass es überhaupt noch möglich ist. Deshalb müsste man für so einen Plan in anderen Bereichen zurückstecken.

... ÜBER EINE MÖGLICHE AUSZEIT VON EINER SAISON: Ich habe schon oft darüber nachgedacht. Die Frage ist, ob man danach noch den Anschluss findet. Wenn du einmal eine ganze Saison weg bist, ist das sicher sehr schwer. Denkbar ist, dass ich einmal mehrere Rennen auslasse. Gut möglich, dass ich irgendwann wirklich etwas Außergewöhnliches mache, aber es wird sicher nicht heuer passieren. Solche Sachen könnte sicher nicht jeder Athlet machen, aber ich dürfte es, denke ich.

 

Aufgezeichnet von Matthias Nemetz

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