Was steht in einem Scouting-Bericht?

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Das schweizerische Monthey – unweit des Genfer Sees gelegen - stand in der Vorwoche im Blickpunkt der Scouting-Welt:

Knapp 140 NHL-Scouts waren vor Ort, um den U18-Teams der Schweiz, Finnland, Schweden, Tschechien und der USA auf den Zahn zu fühlen.

LAOLA1.at wirft einen Blick in die Laptops der Scouts: Wie sieht ein typischer Bericht nach so einem Turnier aus?

Schwedens Nachwuchs beeindruckte

Zwar fehlten die Top-Stars einiger Nationen, entweder weil sie zeitgleich für die U20-Teams spielten oder schon im Sommer ins kanadische Junioren-Eishockey abgewandert sind.

Doch vor allem Schweden hatte einige interessante Spieler an Bord. Für die europäischen Scouts war es auch die erste Möglichkeit das Team USA zu begutachten.

 

Deren Top-Guys Clayton Keller und Kiefer Bellows schossen ihre Mannschaft auch zum ungefährdeten Turniersieg und untermauerten ihren Status als Erstrunden-Kandidaten.

 

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Wie schaut eine Bewertungsskala aus?

Meine Turnierberichte für das amerikanische Scouting-Magazin „Red Line Report“ waren rein verbal und relativ formlos, doch die NHL-Scouts haben klare Parameter für ihre Reports.

Zwar bedienen sich alle des Scouting-Programms „Rinknet“, das die 30 Teams mit Spielplänen und Kadern aller Ligen und Turniere versorgt, doch jedes Team hat seine eigene Bewertungsskala.

Meist liegt die Zahlenskala dabei zwischen 1 (schlechtester Wert) und 9. Warum so viele Zwischenstufen und nicht nur etwa 1 – 5 oder 6? Ganz einfach:

Die Erfahrung zeigt, dass viele Scouts, wenn sie sich bei Spielern nicht ganz sicher sind, gerne am Mittelmaß orientieren. Eine breitere Skala zieht das Feld dann doch etwas auseinander, die einzelnen Kategorien sind natürlich verbal abgegrenzt.

Einige Späher legen mehr Wert auf die Noten, andere mehr auf den verbalen Teil. Einige bewerten eher höher, andere niedriger – gute Headscouts kennen ihre Pappenheimer und gewichten deren Berichte dementsprechend.

Die Kategorien:

NHL-Note – eigentlich die wichtigste Kategorie – welche Rolle nimmt der Spieler in einigen Jahren (etwa mit 23, 24 ein)? Wenn dem Spieler in den meisten Reports kein NHL-Potential zugetraut wird, kann der Head Scout schon das Lesen einstellen…

8.6 - 9 Franchise Player – das sollte nur Stars wie Jonathan Toews, Steve Stamkos oder Sid Crosby vorbehalten sein, viele Amateur Scouts vergeben bei 18-jährigen diese Note überhaupt nicht.

8- 8.5 Impact Player – hat herausragende Qualitäten, kann das Spiel mit diesen beeinflussen, auf ihn ist in wichtigen Momenten Verlass. Erik Karlsson, Shea Weber oder John Tavares sind Leute, die mir hier einfallen würden. Gehört Thomas Vanek in Hochform dazu oder eher zur nächsten Gruppe?

7 – 7.9 Quality NHL Player – ein Schlüsselspieler, der seine Qualitäten zum Wohle des Teams regelmäßig einbringt. Michael Grabner und Michi Raffl, wenn fit und in Form, könnten zu dieser Gruppe gehören, aber vielleicht eher in der Mitte oder am unteren Ende der Skala.

6.5 – 6.9 Capable or Role Player – NHL-Stammspieler, in einer limitierten oder klar definierten Rolle. Ein regelmäßig eingesetzter Enforcer könnte hier eher reinpassen als ein weit talentierterer, aber inkonstanter Scorer.

6 – 6.4 Depth Player – Austauschbarer Spieler, sehr gut in der AHL, kann in der NHL immer wieder aushelfen. Könnte mir vorstellen, dass Thomas Raffl ohne Verletzung in diese Kategorie fallen würde.

5 – 5.9 Solider AHL-Player – Möglicher NHL-Kandidat, aber in einer oder mehreren Facetten seines Spiels zu limitiert. Kann für kurze Zeit in der NHL aushelfen.

4 – Fringe AHL Player – auf AHL Niveau austauschbar

3 Solider Semi-Pro Player – ECHL Spieler, kann sich vielleicht in die AHL hinaufkämpfen

2 Semi Pro Player – wird über ECHL oder ähnliche Ligen nicht hinauskommen

1 Reject – sollte Schlittschuhe an den Nagel hängen

Die Noten von 1 – 3 werden in der Realität eher kaum vergeben. Scouts halten sich mit Berichten für offensichtlich unbrauchbare Spieler eigentlich nicht auf. Es reicht schon eine 4 oder 5, um den Spieler hinsichtlich seines NHL-Potentials durchfallen zu lassen.

Potential richtig bewerten

Wohlgemerkt, ich habe die Beispiele der Österreicher aus heutiger Sicht genommen, selbst da lässt sich vortrefflich streiten. Das Problem für die Amateur Scouts ist ja, wie sie das Potential der 18-Jährigen bewerten.

Bei Thomas Vanek würden die Voraussagen und der Karriereverlauf wohl übereinstimmen, bei Michi Grabner vielleicht auch. Doch bei den Raffl-Brüdern etwa würden die Reports in diesem Alter kein NHL-Potential voraussagen, beide sind Late Bloomers, wie sie immer wieder vorkommen, bei Thomas steht allerdings eine endgültige Bewertung auf NHL-Niveau noch aus.

Beach machte sich viele Scouts zum Feind

Weitere Kategorien

Doch natürlich sind die NHL Marks nicht die einzigen Bewertungskategorien.

Eine „Game Mark“ ist noch leicht zu erklären – wie hat der Spieler im Spiel oder Turnier agiert?

Einige Teams verwenden auch eine „Want Mark“ – was ist das?

Ganz einfach – eine wichtige Ergänzung zur NHL-Mark. Wie sehr will der Scout diesen Spieler wirklich draften? Ein Spieler mit einer hohen NHL-Note kann etwa eine niedrige Want Mark haben, vor allem, wenn es abseits des Eises große Probleme gibt.

Bestes Beispiel: Der Ex-Salzburger Kyle Beach, der sich in seinem Draftjahr mit seinem Benehmen abseits des Eises viele Scouts zum Feind machte.

Umgekehrt kann ein limitierter Spieler einen Scout zum Fan haben, etwa wenn er ungeachtet seiner körperlichen Defizite, die ihm auf NHL-Niveau wohl stark einschränken werden, kämpft und kämpft und kämpft. Solche Spieler werden gerne zu Tryouts eingeladen.

Die Einzelkategorien:

Auch hier wieder eine Notenskala von 1 – 9, von 1 (Unbrauchbar) über 4 als Beispiel Marginal, 5 in Ordnung, 6 Gut bis zu 9 (Überragend).

Spieler, die in einer Kategorie mit 3 (Schlecht) bewertet werden, kommen eigentlich nicht in Frage. Wichtig dabei allerdings: Die Bewertungen sollen das Steigerungspotential widerspiegeln.

Vor allem beim Eislaufen ist das einzubeziehen: Ist ein Spieler aufgrund derzeit noch mangelnder Beinkraft (gilt für fast alle Junioren) ein schwacher Skater oder hat er ganz einfach unkorrigierbare Mängel wie etwas Markus Pirmann?

Skating - Schnelligkeit/Antritt/Beweglichkeit. Effektive Schrittlänge? Beinkraft. Balance. Hat er einen Extragang, erreicht er seinen Top-Speed schnell?

Puck Skills – Scheibenkontrolle unter Druck. Wie verarbeitet er Pässe? Kommen seine Zuspiele aufs Blatt? Hat er sanfte Hände oder ist er ein Holzhacker? Wie ist sein Schuss – ansatzlos, hart, schnell, genau, abfälschbar. Ist er ein Playmaker, Finisher, ein Skilled Defender? Verarbeitet er die Scheibe gut oder explodiert sie auf seinem Stock?

Hockey Sense – Wie sind seine Entscheidungen unter Druck? Antizipiert er Spielentwicklungen? Folgt ihm der Puck oder jagt er ihm nach? Verarbeitet er das Spiel in hohem Speed? Kann er sein Spiel auf ein höheres Niveau verlagern oder agiert er immer im selben Trott? Fällt ihm das Spielen leicht oder muss er für einfache Dinge große Anstrengungen unternehmen?

Competitiveness – Ist er einfach oder schwer von der Scheibe zu trennen? Bringt er seine Fähigkeiten unter Druck ein? Hat er Präsenz auf dem Eis? Steckt er Checks ohne Probleme ein, teilt er welche aus? Ist er in den Ecken Erster oder Zweiter? Möchtest du ihn in deinem Team haben oder lieber als Gegner?

Responsibility – Wie benimmt er sich auf dem Eis und auf der Bank? Ist er ein Leader, ein Mitläufer oder eine One-Man-Show? Vertraut ihm der Coach in wichtigen Momenten? Hat er eine gute Arbeitseinstellung und setzt er sich für das Team ein? Nimmt er dumme Strafen?

Rick Dudley wollte es genau wissen

Mögliche Unterkategorien

Das wären fünf Grundkategorien, die in irgendeiner Form in den Reports aller Teams vorkommen.

So begann es für mich auch bei den Atlanta Thrashers, als Rick Dudley dann als neuer GM übernahm, blies er die Reports auf 16 Kategorien auf.

Das ergab in einigen Fällen durchaus Sinn, so wurde etwa das Eislaufen in „Speed“ und „Beweglichkeit“ untergliedert. Ein Spieler wie Raffi Rotter etwas beweist, dass ausgezeichnete Mobilität nicht unbedingt mit Tempo auf der Langstrecke einhergehen muss, ersteres ist allerdings heutzutage ohnehin wichtiger.

Auch die Aufteilung in offensiven und defensiven Hockey Sense ergibt durchaus Sinn, ebenso wie man Pässe und Schüsse einzeln bewerten sollte. Wenn ein Defensivverteidiger aber halt den ganzen Abend oder gar das ganze Turnier ohne Schuss aufs Tor auskommt, muss letztere Kategorie halt leer bleiben.

Ebenfalls zu vertreten: Ein hoher „Compete“-Faktor muss nicht unbedingt mit physischer Härte Hand in Hand gehen, daher kann man auch das trennen.

Unterschiedliche Aufbereitung

Diese Kategorien – für Torhüter gibt es natürlich andere Kriterien – sind also in ihrer Form durchaus vorgegeben, aber es gilt natürlich das gleiche wie für Lehrer:

Die einen bewerten strenger, die anderen lassen im Zweifelsfall auch Fünfe gerade sein. Die verbalen Berichte fallen aber noch unterschiedlicher aus: Der eine kommt mit wenigen Standardphrasen und einem geringen Wortschatz aus, man merkt, dass ihm Englisch in der Schule wohl nicht leicht gefallen ist.

Andere wiederum machen aus ihren Berichten kleine Kunstwerke, doch zu ausschweifende Berichte sind auch nicht gut, schließlich wollen sie ja gelesen werden.

Einige Scouts gehen sehr auf Details zum Spiel ein („Hat in der 15. Minute knapp danebengeschossen“), andere haben immer das große Bild vor Augen („Braucht noch Muskelkraft, hat aber dann das Zeug für einen soliden Drittlinienspieler“).

Für alle gilt: Nicht viel Zeit für offenbar untaugliche Spieler verwenden, bei einer NHL Mark von 4 oder darunter können die Einzelkategorien und ein langer Report schon entfallen – „Klein, kein Speed, schwache Hände“ – so liest sich ein sogenannter „Eliminierungsreport“…

Ein Blick in die Zukunft

Egal, welche Noten und welche Worte der Amateur Scout findet – im Gegensatz zum Pro Scout, der schon das fertige Produkt auf NHL-Niveau sieht, muss er 17- oder 18-Jährige auf das Alter von 23 oder 24 projizieren.

Wer wie in Monthey in vielleicht zwei Spielen pro Team mehr als 100 Spieler zumindest scannen oder gar bewerten muss, weiß, wie schwer dieser Job sein kann…

 

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