USA träumen von der goldenen Tennis-Generation

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George W. Bush erklärt dem irakischen Diktator Saddam Hussein den Krieg, Arnold Schwarzenegger wird zum Governeur von Kalifornien gewählt und Andy Roddick gewinnt die US Open.

Das Jahr 2003 hatte es aus US-amerikanischer Sicht wahrlich in sich. Bei Bush und Schwarzenegger konnte man damit rechnen, dass es sich um geschichtsträchtige Ereignisse handeln würde.

Dass allerdings auch Roddicks Triumph in Flushing Meadows einmal zum sporthistorischen Erfolg mutieren würde, dies konnte sich vor über zwölf Jahren noch niemand vorstellen.

Kein Grand-Slam-Titel seit Roddick

Kein US-Amerikaner konnte nämlich seitdem ein Grand-Slam-Turnier bei den Herren für sich entscheiden.

Unvorstellbar für eine Nation, die in dieser Sportart Legenden und Spieler-Größen wie Pete Sampras, Andre Agassi, Jim Courier, Jimmy Connors, John McEnroe oder Arthur Ashe hervorbrachte und dazu noch über zahlreiche Top-Akteure wie Michael Chang, Todd Martin, Vitus Gerulaitis oder eben Roddick verfügte.

Unüberwindbare Tennis-Giganten

Vor allem bei Letzterem war man sich im US-Herren-Tennis sicher, dass noch einige Major-Erfolge folgen sollten. Doch mit dem Beginn der Ära Roger Federer erwies sich diese Hoffnung als Trugschluss.

Vier Mal erreichte „A-Rod“ noch ein Grand-Slam-Finale, jedes Mal unterlag er dort dem Schweizer Großmeister. Zudem kamen mit Rafael Nadal, Novak Djokovic und Andy Murray weitere unantastbare Giganten auf.

Die Altstars Courier, Agassi und Sampras

„Ich bin mir sicher, dass Andy  zu einer anderen Zeit noch einige Majors gewonnen hätte“, sagte erst vor wenigen Wochen Wien-Finalist Steve Johnson im Rahmen der Erste Bank Open in der Wr. Stadthalle. Eine Meinung, mit der der ehemalige College-Spieler nicht alleine steht.

USA lechzen nach „The Next Big Thing“

Und wenn schon für einen Ausnahme-Athleten - wie Roddick es war - kein Vorbeikommen an den großen Vier war, dann war es für Spieler der erweiterten Weltklasse wie Mardy Fish, James Blake oder Sam Querrey so gut wie unmöglich.

Die USA lechzen also nach dem großen Superstar, sozusagen dem „Next Big Thing“ im Herren-Tennis. Und nach über einem Jahrzehnt scheinen die Chancen auf ein baldiges Ende der Wartezeit gut zu stehen.

Hoffnungsvolle Top-Talente

Mit Frances Tiafoe, Taylor Fritz, Tommy Paul, Michael Mmoh und Reilly Opelka haben die Amerikaner eine Gruppe hoffnungsvoller Top-Talente in den eigenen Reihen, die in den kommenden Jahren für viel Furore auf der ATP-Tour sorgen sollen.

Bei den Herren schaut es wirklich vielversprechend aus. Wir haben eine Gruppe von 17 bis 19-Jährigen, die gerade erst durch die Junioren gekommen sind und sich gegenseitig nach oben pushen.

US-Verbands-Boss Gordon Smith ist guter Dinge

„Die Leute sollten wirklich gespannt auf uns sein. Ein paar von uns werden sich in der Zukunft richtig gut schlagen“, macht Fritz, der heuer schon zwei Challenger-Turniere gewann und sich bereits in die Top 200 spielte, den heimischen Fans den Mund wässrig.

Verbands-Boss sieht goldene Zukunft

Gordon Smith, der Boss des amerikanischen Tennis-Verbands USTA, ist ebenfalls mehr als zuversichtlich. „Bei den Herren schaut es wirklich vielversprechend aus. Wir haben eine Gruppe von 17-19-Jährigen, die gerade erst durch die Junioren gekommen sind und sich gegenseitig nach oben pushen.“

„Ich glaube, dass wir in den nächsten beiden Jahren einige junge US-Amerikaner sehen werden, die den Sprung in die Top 100 schaffen und danach noch viel mehr erreichen werden“, ist Smith guter Dinge.

60 Millionen Dollar teurer Prestige-Projekt

Damit nichts dem Zufall überlassen ist, hat der Verband bereits vor einigen Jahren ein Mega-Projekt abgesegnet, das mittlerweile kurz vor der Fertigstellung steht. Im November 2016 wird in Florida ein Trainingszentrum eröffnet, das alle Stückeln spielen soll: Der USTA National Tennis Campus.

Das Prestige-Projekt in Lake Noona

Das 60 Millionen Dollar teure Prestige-Objekt in Lake Noona, nur 30 Minuten von Disney World und den Universal Studios entfernt, erstreckt sich über 25 Hektar und umfasst 102 Tennisplätze, zwei Hotels, Unterkünfte für Spieler, Büros, Fitness-Studios, Trainingsräume und Umkleidekabinen.

Lendl und Fish als Coaches

Unter anderem werden dort ehemalige Spieler-Größen wie Ivan Lendl, Mardy Fish und Jill Craybas als Trainer arbeiten.

„Meistens werden die jungen Profis natürlich auf der Tour sein. Hier wird aber der Ort für sie sein, wo sie trainieren, die Saison-Vorbereitung absolvieren oder an anderen Dingen arbeiten können“, so Smith.

„Zudem können sie sich dort Therapien unterziehen lassen und mit einem Ernährungs-Experten ein Programm ausarbeiten. Diese Weltklasse-Einrichtung wird die beste sein, die man für Geld errichten kann“, führt er in bester amerikanischer Manier aus.

Gemeinsam an einem Strang

Profitieren soll davon unter anderem das zuvor angesprochene Quintett, das derzeit noch hauptsächlich im bisherigen USTA Trainings-Zentrum in Boca Raton beheimatet ist.

Neben dem außergewöhnlichen spielerischen Talent sollen die Akteure auch überdurchschnittlich ehrgeizig und – bei Einzel-Sportlern nicht immer Fall – ungewohnt teamfähig sein.

„Wir trainieren gemeinsam und sind im Umgang miteinander sehr entspannt“, erzählt Paul. „Ich glaube nicht, dass wir irgendwann einmal untereinander streiten würden. Dafür kennen wir uns zu gut.“

Fritz bestätigt: „Wir pushen uns gegenseitig. Ich glaube, das ist etwas, was frühere Generationen nicht so gemacht haben bzw. nicht machen konnten, weil sie nicht so viele Leute gleichzeitig auf so einem hohen Level hatten.“

Hochgejubelte Talente der Vergangenheit

Allerdings warnt er auch davor, den jungen Spielern zu viel Druck aufzuerlegen. „Das ist niemals gut“, erinnert er an frühere Super-Talente, die schon früh hochgejubelt wurden und dann nie die hohen Erwartungen erfüllen konnten.

So wurde Donald Young schon mit 15 Jahren mit Superstars wie Agassi und Sampras verglichen und mit millionenschweren Ausrüster-Verträgen ausgestattet. Über zehn Jahre später kämpfte er sich erst jetzt mühsam in die Top-50-Regionen.

Young war zu seiner Junioren-Zeit die Nummer eins der Welt. Auf Rang drei lag damals mit Ryan Sweeting ebenfalls ein US-Amerikaner, der in Folge allerdings mehr mit der Hochzeit und Scheidung von Hollywood-Superstar Kaley Cuoco für Schlagzeilen sorgte als mit seinen Erfolgen auf dem Tennis-Court.

Fritz: „Haben aus unseren Fehler gelernt“

Dies sind nur zwei Beispiele von vielversprechenden amerikanischen Talenten, die ihre damals gegebenen Versprechen nie umsetzen konnten. Dementsprechend bittet Fritz auch um Geduld für sich und seine Kollegen: „Ich glaube, dass wir vorsichtig sein und uns die Junioren-Erfolge nicht zu Kopf steigen lassen sollten.“

„Schon früher haben wir in Amerika vom „Next Big Thing“ gesprochen und dann ist nichts passiert: Ich glaube, dass alle aus diesen Fehlern gelernt haben. Wir sollten uns einfach immer nur auf den nächsten Schritt konzentrieren.“

Opelka: "Es wird noch einige Zeit dauern"

Dies ist auch als Wink mit dem Zaunpfahl Richtung US-Medien zu verstehen. Junioren-Wimbledon-Sieger Reilly Opelka, aktuell die Nummer 975 der Welt, ist bereits einiges gewohnt: "Die Medien fragen uns immer wieder, ob wir deshalb viel Druck spüren. Ich kann nur sagen, dass ich keinerlei Druck verspüre", gibt er sich betont cool.

"Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir es an die Spitze schaffen. Das Durchschnittsalter in den Top 100 liegt bei 28 Jahren. Die heutigen Spieler sind körperlich extrem fit und stark. Man benötigt viel Erfahrung und Konstanz, um da oben mitspielen zu können."

Doch auch wenn es noch ein, zwei Jahre dauern sollte: Derzeit scheint es schwer vorstellbar, dass diese fünf jungen Herren nicht den Sprung nach oben schaffen und damit den Grundstein für eine goldene US-Herren-Tennis-Generation sorgen sollten.

LAOLA1 stellt das Quintett abschließend jeweils in einem Kurz-Porträt vor:

Frances Tiafoe

„Ich habe schon mit zwölf Jahren gewusst, dass ich Profi werde. Tennis ist einfach mein Leben“, erklärte der damals 14-Jährige vor drei Jahren in einem Interview mit der "New York Times". Schon zu dieser Zeit galt der Sohn zweier Einwanderer aus Sierra Leone als absolutes Ausnahme-Talent. Ein Jahr später gewann er als jüngster Spieler aller Zeiten die prestigeträchtige Orange Bowl. Heuer feierte er in Winston-Salem gegen James Duckworth bereits den ersten Sieg auf ATP-Ebene. Zudem gewann er seinen ersten Future-Titel. Das Jahr beendete er als Nummer 178 der Welt. Ray Benton, der Boss des Tennis-Zentrums in der Kleinstadt College Park (Maryland), wo Tiafoe seine ersten professionellen Schritte machte, erklärt das unglaubliche Talent des 1,88 Meter großen Rechtshänders so: „Frances hat sich nicht für Tennis entschieden, Tennis hat sich für ihn entschieden.“

Taylor Harry Fritz

Noch zwei Plätze vor Tiafoe ist der erst vor kurzem 18 Jahre alt gewordene Taylor Fritz im ATP-Ranking zu finden. Innerhalb von zwei Wochen gewann der 1,93 Meter große Kalifornier in Sacramento und Fairfield zwei Challenger-Turniere in Folge. Damit ist er erst der neunte Spieler der Geschichte, der als 17-Jähriger mehr als ein Challenger-Event für sich entscheiden konnte. Zu diesem elitären Kreis gehören unter anderem Rafael Nadal, Novak Djokovic, Juan Martin Del Potro oder Tomas Berdych. Kurz zuvor sicherte sich der Sohn der ehemaligen Top-Ten-Spielerin Kathy May den Junioren-Titel bei den US Open, wo er im Endspiel über Landsmann Tommy Paul triumphierte. „Er hat mächtige Schläge und eine Monster-Vorhand“, sagt ihm unter anderem Pete Sampras eine große Karriere voraus. „Er hat eine großartige Zukunft vor sich.“

Tommy Paul

Im Finale der US Open setzte es für Paul zwar eine knappe Niederlage, dafür gewann der 18-Jährige aus New Jersey wenige Monate davor das Endspiel der French Open gegen Fritz. Es war dies übrigens das erste rein US-amerikanische Junioren-Finale in Roland Garros. Erst kurz danach wechselte Paul, der übrigens ein großer Fan von Andy Roddick ist und auch fast immer mit Kapperl auf den Platz kommt, auf die  Profi-Tour. Trotzdem arbeitete er sich im Jahresverlauf von Rang 915 bereits in die Top 300 nach vorne. Tendenz stark steigend!

Michael Mmoh

Der in Saudi-Arabien geborene Michael Mmoh war im Spätsommer hinter Fritz die Nummer zwei im Junioren-Ranking und ist der Sohn des ehemaligen nigerianischen Tennis-Profis Tony Mmoh, der während seiner Karriere in North Carolina ansässig wurde. Mutter Geraldine ist eine Irin mit australischem Pass. Aus diesem ungewöhnlichen Gen-Pool entwickelte sich ein mit außergewöhnlichen körperlichen Fähigkeiten gesegneter 17-jähriger Teenager, dessen Namen er der Basketball-Legende Michael Jordan zu verdanken hat. „Michael ist einer der größten Athleten, die man jemals auf einem Tennisplatz sehen wird“, weiß Kollege Reilly Opelka. Auch die Top-Stars haben sich mit Mmoh bereits angefreundet: Novak Djokovic lud den Youngster heuer in Wimbledon vor seinem Halbfinal-Match gegen Richard Gasquet zum Sparring ein. Eine Einladung, die Mmoh mit Freunden annahm. 

Reilly Opelka

Neben dem French-Open- und dem US-Open-Sieger stellen die USA bei den Junioren auch den amtierenden Wimbledon-Champion. Die Stärken von Reilly Opelka erkennt man auf einen Blick: Der in Michigan geborene 2,10 Meter-Riese gilt jetzt schon als Aufschlag-Kanonier erster Güte. Bereits seit fünf Jahren trainiert er im Verbands-Stützpunkt in Boca Raton, wo vor allem der ehemalige Roddick-Coach Tom Gullikson als einer seiner größten Förderer gilt. Aufgrund seiner Körpergröße hatte Opelka allerdings schon desöfteren mit Verletzungen zu kämpfen. Der ehemalige Profi und jetzige Coach Justin Gimelstob weiß: „Reilly ist ein unglaublich talentierter Kerl. So große Spieler wie er benötigen aber normalerweise etwas mehr Zeit, um den Sprung auf die Profi-Tour zu schaffen.“

 

 

Christian Frühwald

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