"Ich lag heulend am Badezimmerboden"

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Einerseits ist ihr zum Weinen. Andererseits wäre da sogar ein Grund, um zu lachen.

Zwischen diesen beiden Extremen pendeln die Emotionen von Beate Schrott.

Die Hürdensprintern, die uns mit ihrem siebten Platz bei den Spielen in London verzückte, kommt vier Jahre später im Vorlauf über Rio de Janeiro nicht über enttäuschende 13,47 Sekunden sowie den 45. Platz von 46 gewerteten Athletinnen durch. "Katastrophal!", um es in einem ihrer Worte zu sagen.

Was ihre Laune in der vielleicht bittersten Stunde ihrer Karriere etwas erhellt? Praktisch zeitgleich kürt sich der US-Amerikaner Christian Taylor im Dreisprung mit 17,86 Meter zum Olympiasieger. "Er ist mein Freund", verrät Schrott erstmals.

Reißleine gezogen erst nach Zusammenbruch

Die 28-jährige versucht den Olympia-Flop möglichst nüchtern zu analysieren. Eine Schlappe, die durch die schwachen Leistungen in dieser Saison ohnehin zu befürchten gewesen war. Die Niederösterreicherin gesteht, dass ihre Übersiedlung vor zwei Jahren nach Hegelo (NED) zu US-Coach Rana Reider ein Schuss in den Ofen gewesen sei und dass sie vor eineinhalb Monaten endgültig die Reißleine gezogen habe.

Allerdings erst nach einem besorgniserregenden Zusammenbruch. "Mir ist es so schlecht gegangen, dass ich mich am Badezimmerboden wohler gefühlt habe als in meinem Bett. Dort am Boden bin ich gelegen. Heulend", schildert sie den Medienvertretern.

Beate Schrott nach ihrem Olympia-Lauf über...

...den Bruch mit Trainer Reider:

"Ich habe meine Zelte in Holland abgebrochen, weil ich gesehen habe, dass das nicht das Richtige für mich war. Ich bin wieder in ein starkes Übertraining gekommen. An den richtig schlechten Zeiten heuer konnte man sehen, dass das Training mein System einfach überforderte. Und ich weiß, dass das nicht mein Leistungspotenzial ist. Ich habe letztes Jahr bewiesen, dass ich unter 13 Sekunden rennen kann. Heuer bin ich nicht über 13,40, 13,60 - oder wenn die Bedingungen schlecht waren - 13,80 hinausgekommen. Katastrophal! Das ist das Letzte, was man sich für eine Olympia-Saison wünscht."

...enttäuschte Erwartungen:

"Seit vier Jahren ist alles auf Rio ausgerichtet. Ich habe Sponsoren, die mich bisher unterstützt haben. Sponsoren, die mir nach London noch eine Medaille zugetraut hätten. Seit vier Jahren trainiere ich ohne Ende für dieses eine Ziel. Die Saison auf einer sauschnellen Bahn mit 13,60 zu starten, war schon eine Watschn ins Gesicht. So ist es aber weitergegangen: Eine Watschn nach der anderen."

...die Zeit zwischen ihrem Zusammenbruch und Olympia:

"Ich bin nach Österreich zurück. Ohne Trainer musste ich schauen, wie ich weitermache. Ich habe mit meinen Bruder trainiert. Philipp Unfried, der mich damals in London betreute, hat mir sehr geholfen, hat sich in Rio um meiner angenommen, wofür ich ihm extrem dankbar bin. Das kann ich nicht als selbstverständlich ansehen, da ich vor zwei Jahren von ihm weggegangen bin. Dass er da jetzt so drübersteht, ist großartig."

...Versuche, noch die Kurve zu bekommen:

"Es tut mir wahnsinnig leid, weil ich weiß, dass mir Menschen sehr viel zugetraut haben, dass ich viele enttäuscht habe. Ich kann nur sagen, dass ich ALLES in meiner Macht stehende getan habe. Ich habe nix ausgelassen: Ich bin nach Holland gezogen, habe damals meinen Freund verloren, war eineinhalb Jahre lang nicht bei meiner Familie, habe mir jeden Tag auf der Bahn den Allerwertesten aufgerissen, Meditation und andere mentale Techniken erlernt, habe bis zum Schluss nicht aufgegeben. Doch es ging nicht auf. Ich bin auch dem ÖOC sehr dankbar, dass sie mir die Chance für Olympia gegeben haben."

...den Versuch, mit Reider darüber zu reden:

"Schon im April habe ich zweimal meine Unzufriedenheit über das Training zum Ausdruck gebracht. Er meinte, dass er es umstellt, aber wir haben infolge trotzdem meiner Meinung nach nicht das Richtige trainiert. Ich habe dann angefangen, mich gegen gewisse Dinge zu wehren, aber wahrscheinlich viel zu spät. Ich habe das Training nicht ausgehalten - andere halten es aus. Tiffany Porter - eine Trainingskollegin von mir - ist eben 12,87 gelaufen. Ich sage keineswegs, dass er ein schlechter Trainer ist, sondern dass es einfach nicht das Richtige für mich war."

...warum sie nicht schon früher mit Reider gebrochen hat:

"Gute Frage. Ich hätte schon früher gehen sollen. Aber wer will ohne Trainer zu Olympischen Spielen fahren? Hätte sich Philipp nicht um meiner angenommen, wäre ich komplett alleine dagewesen. Das war einfach etwas, wovor ich Angst hatte."

...den Zusammenbruch:

"Mir ist es so schlecht gegangen, dass ich mich am Badezimmerboden wohler gefühlt habe als in meinem Bett. Dort am Boden bin ich gelegen. Heulend. Mein Freund hat mich dann aufgehoben und mich wieder aufgebaut. Das war genau der Zeitpunkt, an dem ich beschloss, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Nach der Trennung von meinem Trainer sind dann aber so viele positive Menschen in mein Leben getreten, die dafür verantwortlich sind, dass ich die Stärke gefunden habe, heute hier zu laufen. Ich hatte die Hoffnung, hier 13,10 zu laufen, auch wenn die Wahrscheinlich recht groß war, dass das nicht klappt. Dennoch glaube ich, dass man sich solchen Situationen stellen muss. Schließlich kannst du dir nur wegen Dingen in den Hintern beißen, die du nie probiert hast."

 

Aufgezeichnet von Reinhold Pühringer

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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