Szenekenner Peter Kleinmann platzt der Kragen

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Peter Kleinmann kennt Österreichs Sport-Szene wie kein Zweiter. Der "Mister Volleyball" mischt überall mit. In Rio war er oft an der Seite von Sportminister Hans Peter Doskozil zu sehen.

Der 68-Jährige ist von den klaren Worten des Ministers in Sachen Sport angetan und überzeugt davon, dass Doskozil den Worten auch Taten folgen lässt. Im LAOLA1-Interview wettert Volleyball-Präsident Kleinmann gegen die heimische Sport-Infrastruktur und die Fördervergabe, sieht aber ein Licht am Ende des Tunnels.

LAOLA1: Sportminister Doskozil hat in Rio einige Zukunfts-Pläne für den heimischen Sport verraten. Du warst dabei, wie beurteilst du die Aussagen des Ministers?

Peter Kleinmann: Hans Peter Doskozil, wie ich ihn kennen gelernt habe, schaut einem gerade in die Augen und sagt Ja und Nein. Mein Eindruck ist, dass er das, was er sagt, ehrlich meint und auch umsetzen will. Ich glaube, dass wir gute Chancen haben, dass er den Worten auch Taten folgen lässt. Er hat in seiner Bestandsaufnahme alles auf den Punkt gebracht. Er hat erwähnt, dass wir derzeit eine undurchsichtige Fördervergabe haben. Von mir aus auch durchsichtig, aber viele verschiedene Institutionen wie Bundessport-Förderungsfonds, Team Rot-Weiß-Rot, die Sporthilfe, wir haben das Projekt Rio gehabt und die Sektion Sport im Ministerium – fünf verschiedene Stellen. Doskozil möchte, dass das Geld in erster Linie bei den Athletinnen und Athleten, bei den Vereinen und bei den Trainern landet. Seiner Meinung nach landet das Geld derzeit nicht dort. Um das zu ändern, ist eine glasklare Struktur notwendig, eine einzig notwendige Stelle, die das Geld vergibt und die darf nicht politisch gelenkt werden.

LAOLA1: Sollte die Person, die dieser Stelle vorsteht, aus dem Ausland kommen oder kann das auch jemand aus Österreich sein?

Kleinmann: Mir geht es dabei gar nicht um die Position oder die Person. Zuerst geht es um die Strategie. Dann wird ein Konzept erstellt und die Strategie dabei ist: Förderung aus einer Stelle, keine Parteipolitik im Sport und das Geld soll bei den Athletinnen und Athleten landen. Das sind für mich die klaren Aussagen des Ministers und ich habe das Gefühl, dass Doskozil jemand ist, bei dem der Sport eine Chance hat. Der sich in der Sache etwas überlegt und auch umsetzt.

LAOLA1: Wie schnell müssen bzw. können Strategie und Konzepte jetzt auf dem Tisch liegen?

Kleinmann: Die Zeitschiene hat der Minister in seinem Vortrag klar umrissen. Im September soll das Konzept fertig sein. Dann will Doskozil das Ganze gesetzlich verankern und da wird die Deadline wohl Juni 2017 sein. Aber das ist jetzt eine persönliche Mutmaßung von mir.

LAOLA1: Doskozil hat in Rio einiges gesagt, das geändert werden soll. Bist du damit vollinhaltlich einverstanden?

Kleinmann: Es war unmissverständlich, was er gesagt hat. Es waren ganz klare Aussagen. Jetzt kann natürlich jeder sagen, na ja, gesagt ist schon viel geworden und jetzt schauen wir einmal, was passiert. Ich sage aber, dass er einer der Menschen ist, die das, was sie sagen, auch umsetzen. Siehe tägliche Turnstunde im Burgenland. Es wird natürlich Widerstände geben. Eine der Hauptaussagen von Doskozil ist - und das muss man ja einmal zu Ende denken - dass er völlig überrascht war, dass nur 40 Prozent des Geldes der Dachverbände bei den Vereinen und bei den Athletinnen und Athleten ankommt. Er sagt, dass er will, dass 80 Prozent beim Sport landen. Das ist einmal eine Ansage, die ich sehr interessant finde, weil ich sage, dass diese gesamten für die Gesundheit präventiven Maßnahmen, die die Dachverbände verrichten und die für die Republik Österreich sehr wichtig sind, nicht aus dem Sportbudget kommen sollen. Diese Summen sollen aus dem Gesundheits- und Sozialbudget kommen. Und das ist der völlig richtige Weg. Ich hoffe, dass er diese große Aufgabe auch schafft.

LAOLA1: Sind die Dachverbände nur eine Außenbaustelle und sollte man sich auf die neue Sportstruktur konzentrieren?

Kleinmann: Das erste ist die zuvor angesprochene Strategie, auf die man sich einigen muss. Dem wird ein Konzept folgen und das wird die neue Struktur des Sports in Österreich sein. Dach- und Fachverbände sind für mich immer eine eigene Geschichte, solange es um den Sport geht. Wir haben ein Sportbudget von 80 Millionen Euro von der besonderen Sportförderung. Davon haben 50 Prozent die 60 Fachverbände, 45 Prozent die drei Dachverbände und fünf Prozent die Mehrsparten-Verbände wie das ÖOC, BSO und das Paralympische Komitee. Aber von den 45 Prozent der Dachverbände landet nur ein kleiner Teil im Sport und der größte Teil landet in den für die Gesundheit präventiven Maßnahmen. Und das spricht erstmals ein Minister offen an und sagt, dieses Geld möchte ich bitte für den Sport haben.

LAOLA1: Wie groß sollte die Experten-Gruppe sein, die sich künftig um den heimischen Spitzensport kümmert?

Kleinmann: Es geht nicht um die Anzahl der Personen, sondern um deren Qualität. Die Personen, die die Qualitäten haben, solche Dinge zukunftsorientiert umzusetzen, sind überschaubar.

LAOLA1: Was sind deine persönlichen Wünsche an den Sport in Österreich?

Kleinmann: Wenn ich mir Neuseeland anschaue, dann holt dieses Land mit seinen 4,5 Millionen Einwohner überdurchschnittlich viele Medaillen. Welche Strategie und welches Konzept verfolgt Neuseeland? Das muss man sich genau anschauen. Ich weiß aber ganz sicher, dass dort das Geld bei den Sportlern landet, dass dort das Geld bei den Trainern landet und dass die Verbände, die das Geld an diese weitergeben, zu kontrollieren haben, ob das, was da strategisch geplant ist, auch umgesetzt wird. Und wenn die das nicht machen, dann muss man ihnen das Geld auf der Stelle wieder wegnehmen. Wir brauchen das Rad nicht neu erfinden. Es gibt gute Konzepte rund um den Globus und es gibt Menschen, die wissen, wie das funktioniert. Die müssen wir nur an die richtigen Positionen setzen.

LAOLA1: Der Sportminister hat auch in Sachen "tägliche Turnstunde" bereits Nägel mit Köpfen gemacht. Geht das in die richtige Richtung?

Kleinmann: Jetzt haben wir zum ersten Mal den politischen Willen die tägliche Turnstunde umzusetzen. Und zwar von Doskozil als Sportminster und Nissl als Landeshauptmann im Burgenland. Bislang ist die Idee nur am politischen Willen gescheitert. Die Politiker haben die tägliche Turnstunde eh super gefunden, waren aber nicht bereit, dafür Geld in die Hand zu nehmen. Jetzt gibt es 30 Millionen Euro pro Jahr für drei Jahre finanziert. Wir haben über 200 Schulen im Burgenland, die das ab September umsetzen wollen, wir haben 20 Leute aus dem Sport, die im Burgenland angestellt werden, um den Sportunterricht abzuhalten. Wir haben also ein Pilotprojekt, dass in einem Bundesland die tägliche Turnstunde flächendeckend umgesetzt wird. Und da sind wir wieder bei der Einstiegsfrage: Doskozil hat davon geredet und er hat es auch umgesetzt! Der macht, was er sagt, und das gefällt mit ehrlich gesagt sehr, sehr gut.

LAOLA1: Wohin soll die Reise in Sachen Schulsport gehen?

Kleinmann: Kinder und Jugendliche sollen von Sportfachleuten eine gute Ausbildung im Sport bekommen. Wir haben jetzt einiges zusammengebracht. Es wurde im März 2015 gesetzlich bestimmt, dass Sport ein Bildungsziel im Schulwesen ist. Das hat es ja vorher nicht gegeben. Es steht dort drinnen, dass Kinder und Jugendlich zu einer sportlich, aktiven Lebensweise ausgebildet werden müssen. Dazu brauchen wir kompetente Personen. Diese kompetenten Personen kommen meiner Meinung nach aus dem Sport. Die sind dafür ausgebildet. Die Meinung, dass das nur Lehrerinnen und Lehrer unterrichten sollen, die aus der Pädagogischen Akademie kommen, ist falsch.

LAOLA1: Warum?

Kleinmann: Ich weiß, dass 62 Prozent der Lehrkräfte in den Pflichtschulen in Wien, die Turnen unterrichten, nicht in Bewegung ausgebildet sind, aber in Pädagogik. Jetzt kommt das Schlagwort – ja, aber die Trainer sind nicht in Pädagogik ausgebildet. Dann halte ich dagegen, warum dürfen Leute, die in Pädagogik ausgebildet sind, aber nicht im Sport, die Kinder bewegen? Aber warum dürfen Menschen, die im Sport ausgebildet sind, aber nicht in der Pädagogik, Kinder nicht bewegen? Wir haben jetzt ein gesetzliches Modell geschaffen, dass Trainer in drei Monaten die Zusatz-Ausbildung in Bewegungs-Coach und Freizeit-Pädagogen machen können und damit die Berechtigung haben, zusätzlich zu den Lehrkräften, Kinder in den Schulen zu beaufsichtigen. Da gibt es natürlich Widerstände, weil es heißt, dass die fachlich nicht so gut sind. Dem widerspreche ich vehement, denn es ist ja auch nicht so, dass alle Lehrerinnen und Lehrer in jenen Gegenständen, in denen sie ausgebildet sind, alle top sind. Ich sage einmal so, die Lehrer sind zum Großteil top ausgebildet, aber es gibt in jedem Unterrichtsgegenstand gute und schlechte. Das gibt es in Latein, in Mathematik, in Englisch und das gibt es im Sport.

LAOLA1: Ein heiß diskutiertes Thema ist auch immer wieder die Infrastruktur. Wie schaut deine Bestandsaufnahme aus?

Kleinmann: Das hat der Minister vorsichtig formuliert. Ich bin da weniger vorsichtig. Ich sage, Österreich hat die schlechteste Sport-Infrastruktur in Europa. Wir haben in Wien keine Ballsporthalle und kein Stadion, in dem ein Europacup-Finale im Fußball stattfinden kann. Das ist aber kein Wiener Problem, sondern ein Problem in ganz Österreich. Infrastruktur ist immer das wichtigste! Mir erzählen immer Leute ganz wichtig ist der Trainer, und ganz wichtig ist der Athlet, ich sage immer, ganz wichtig ist die Infrastruktur und ich kann das anhand eines Beispiels ganz einfach erklären. Ich habe einen Top-Trainer und einen super Athleten, aber kein Wasser im Schwimmbecken. Darf ich bitte wissen, was mir die beiden Top-Leute bringen? Also, als erstes brauche ich die geeignete Infrastruktur, dann kommen die Athleten und dann die Trainer. Und das ist in Österreich ein Grundproblem. Ich habe immer gesagt: Wir haben in Österreich im Sport folgende Probleme zu lösen: Nur 28 Prozent unserer Kinder betreiben Sport, das heißt im Umkehrschluss, dass sich 72 Prozent unserer Kinder nicht bewegen. Der Sport kann also nur aus 28 von 100 Kindern Talente forcieren. Abgesehen davon, dass das ein gesundheitliches Desaster ist. Das zweite ist, wir haben keine Sport-Infrastruktur. Die Kinder können nirgendwo hingehen, um ihren Sport zu betreiben. Das dritte ist, wir haben den Beruf Jugend-Trainer sozial nicht abgesichert. Es kann bei uns kein Mensch als Jugend-Trainer leben. Diese drei Dinge sind verantwortlich, warum wir im Sport in Wahrheit so schlecht sind. Wir sitzen alle gemeinsam in diesem Boot und müssen das lösen. Und wir werden das lösen!

 

Das Gespräch führte Peter Rietzler

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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