Die Weltmeisterin, die um Olympia bangt

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Sechs Grad. Wind. Es sieht nach Regen aus.

Ein Wetter, eigentlich gemalt für eine Tasse Tee und die Kuscheldecke vorm Fernseher.

Ins Gesicht peitschendes, eiskaltes Wasser und klamme Finger sorgen da alleine schon in der Vorstellung für Gänsehaut.

Jedoch nicht bei Corinna Kuhnle. „Ich habe mich gefreut wie ein kleines Kind, das endlich wieder auf den Spielplatz darf“, beschreibt die Niederösterreicherin jenen Moment, als vor kurzem der Wildwasserkanal auf der Wiener Donauinsel nach dessen Winterpause den Betrieb wieder aufnahm.

Der Kuscheldecke erteilt sie einen Korb. „Dass es kalt ist, daran bin ich gewohnt.“

Drei Rennen, drei Chancen

Den 250 Meter langen Wildwasser-Kanal, der auf Knopfdruck bis zu zwölf Kubikmeter Wasser pro Minute über den Kurs pumpt, nennen die österreichischen Wildwasser-Kanuten seit dessen Eröffnung 2013 ihr Zuhause. Und das meinen sie wörtlich. „Ich verbringe hier mehr Zeit als in meinem Wohnzimmer“, meint Kuhnle ernst.

Da das „Wohnzimmer“ im Winter ruhte, übersiedelte ein Großteil der österreichischen Nationalmannschaft zuletzt nach Australien. Die dort herrschenden Trainingsbedingungen gepaart mit den vergleichsweise paradiesischen 25 Grad Wasser-Temperatur ermöglichten eine „gute Vorbereitung“ auf die Olympia-Saison.

Corinna Kuhnle und Co. trainieren wieder in heimischen Gewässern
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Quod erat demonstrandum holte sich Kuhnle in Down Under prompt den Sieg bei den Australian Open.

Eine laut Kuhnle „erste Standortbestimmung“, die Selbstvertrauen gibt. Dieses wird die Heeressportlerin auch brauchen, will sie heuer den Sprung zu Olympia schaffen. Schließlich ist sie in der Olympia-Qualifikation gehörig unter Zugzwang geraten. Zum Unterschied zu vielen anderen Sportarten, ist nämlich bei den Wildwasser-Kanutinnen weniger die internationale als vielmehr die nationale Ausscheidung das große Kriterium.

Mit der Olympia-Dritten Violetta Oblinger-Peters, der EM-Dritten Viktoria Wolffhardt sowie der ehemaligen Junioren-Europameisterin Lisa Leitner gibt es neben Doppel-Weltmeisterin Kuhnle noch drei weitere Athletinnen von internationalem Format, wobei Wolffhardt zuletzt vermehrt auf den Canadier setzte.

Sie alle greifen nach dem einen Startplatz in Rio. Über dessen Vergabe entscheidet ein einfacher und klarer Modus: Wer bei der WM 2015 in London, der EM 2016 in Liptovsky (12. Mai/SVK) sowie dem Weltcup in Ivrea (5. Juni/ITA) die beste Österreicherin ist, bekommt das Ticket.

Sollten sich bei den drei Rennen drei unterschiedliche Läuferinnen als beste Österreicherin klassieren, wird jene zu Olympia geschickt, die bei der WM am besten abgeschnitten hat – was dann Oblinger-Peters wäre. Die 38-Jährige hatte nämlich bei der aus ÖKV-Sicht nicht gerade berauschenden WM in London mit Rang 14 den Quotenplatz für Österreich eingefahren.

Vorteil Oblinger-Peters

Für Kuhnle bedeutet das, dass sie sich nur noch mit zwei internen Siegen den Traum von ihren zweiten Olympischen Spielen erfüllen kann.

Im Duell mit Oblinger-Peters liegt der Druck somit auf Kuhnle. Dabei gilt die Höfleinerin insbesondere in physischer Hinsicht als Ausnahme-Erscheinung. Selbst im internationalen Vergleich. Ihre zwei Gesamtweltcup-Siege in Folge untermauern, dass sie vom Potenzial her im Kampf um die Medaillen vermutlich die aussichtsreichste aus dem ÖKV-Quartett wäre.

Bei der 28-Jährigen tauchte jedoch in der Vergangenheit immer wieder die Schwierigkeit auf, ihr Können gerade bei Großereignissen auf das Wasser zu bringen.

Violetta Oblinger-Peters hat derzeit die besten Karten auf das Olympia-Ticket
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Die Frage nach einem mentalen Problem ist naheliegend. „Meine Arbeit mit einem Mental-Coach gehört für mich genauso zu meiner Vorbereitung wie beispielsweise mein Konditions-Training“, entgegnet Kuhnle professionell.

Professionell deshalb, weil das Thematisieren mentaler Schwächen für einen Sportler prinzipiell knifflig ist. Je mehr man darüber redet und sinniert, ausgerechnet unter gewissen Gegebenheiten zu scheitern, desto präsenter und größer wird das Problem. Ein Teufelskreis.

Ihre konkrete Arbeit im mentalen Bereich sieht sie vergleichbar mit jener eines Ski-Fahrers. „Auch, weil die beiden Sportarten einander ähneln. Da und dort liegt der Fokus auf dem Kurs. Du musst die Strecke visualisieren“, gibt sie einen Einblick

Der Druck, den sie durch die Ausgangslage in der Quali hat, spüre sie nicht mehr als sonst. „Der ist immer da und er ist nichts Negatives.“

Nächstes Kräftemessen Anfang April

Das große Plus von Oblinger-Peters liegt in ihrer Erfahrung sowie ihrem technischen Vermögen. Gatte Helmut zog sich im Vorjahr vom aktiven Kanu-Sport zurück und konzentriert sich nun voll auf die Betreuung von Violetta.

Das Paar, das mit seinen beiden Söhnen zwischen Rennen und Trainingslagern hin- und hertingelt, geht dabei eigene Wege. Die Vorbereitung in Australien machten die Oblingers nicht mit, sie schlugen lieber in Brasilien ihre Zelte auf.

Das nächste Mal ernst wird es für Österreichs Kanutinnen bereits Anfang April, dann entscheidet ein internes Ausscheidungsrennen auf der Wiener Donauinsel darüber, welche Boote zur EM bzw. zu welchen Weltcups entsendet werden.

Und das bei wahrscheinlich ähnlichen Witterungs-Bedingungen wie jetzt.

 

Reinhold Pühringer

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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