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Bernhard Raimann: So lief seine Debüt-Saison in der NFL

Während die NFL-Saison für seine Indianapolis Colts zunehmend den Bach runter ging, zeigte Bernhard Raimann zunehmend vielversprechende Ansätze.

Bernhard Raimann: So lief seine Debüt-Saison in der NFL Foto: © GEPA

Man kann durchaus von einer katastrophalen Saison der Indianapolis Colts sprechen.

Für Österreichs NFL-Export Bernhard Raimann könnte dieser kurzfristige Frust jedoch mittelfristig von Nutzen gewesen sein.

Denn der erste rot-weiß-rote Feldspieler in der NFL-Geschichte bekam in dieser Spielzeit genügend Einsatzzeit – und das ist bekanntlich das, was er am dringendsten gebraucht hat.

Die Colts haben die Saison mit einer Bilanz von 4-12-1 abgeschlossen. Dies ist nicht nur angesichts der deutlich höheren Erwartungshaltung vor Saison-Beginn enttäuschend.

Historische Pleiten wie die 36:39-Niederlage in Minnesota nach 33:0-Pausenführung oder unfassbare 33 Gegenpunkte in einem Viertel beim 19:54 gegen Dallas kommen als Tiefpunkte dazu.

Zehn der letzten elf Matches gingen verloren. Die etwas kuriose Niederlage zum Abschluss gegen Houston sprach Bände – beide Duelle mit dem Nachzügler nicht gewonnen zu haben, ist fast schon eine Kunst.

Unerwartet problematisches Umfeld

Bereits mitten in der Saison zog Indy die Reißleine und ersetzte Head Coach Frank Reich durch Ex-Center und Trainer-Novizen Jeff Saturday, dessen fehlende Erfahrung an der Seitenlinie sich nicht verbergen ließ.

Soll heißen: Raimann kam in ein problematischeres Umfeld, als man dies vor der Saison erwarten konnte – jedenfalls in eines, in dem man schwer glänzen kann.

Geglänzt hat auch der 25-Jährige kaum. Sein persönliches Zeugnis lässt sich jedoch als solide bezeichnen, weil er sich zunehmend gesteigert und genügend Potenzial gezeigt hat – und genau das möchte man von einem Rookie sehen.

Beeindruckende Fortschritte in der zweiten Saison-Hälfte

LAOLA1 fragt bei Kevin Hickey von "The Colts Wire" nach seiner Einschätzung von Raimanns Debüt-Saison. Der Journalist ortete einen "holprigen Start", nach dem sich Raimann jedoch gut eingelebt habe:

"Nachdem er sich als Starting Left Tackle etabliert hatte, konnte er Fortschritte in seiner Entwicklung machen. Wir wussten bereits im Vorfeld, dass er Zeit brauchen würde, um sein Spiel weiterhin zu entwickeln, wenn man bedenkt, dass er noch recht neu auf der Tackle-Position ist."

Raimann blockte für Altstar Matt Ryan
Foto: © GEPA

Zur Erinnerung: Der Burgenländer wurde erst am College umgeschult. Ursprünglich kam er als Tight End in die USA. Während andere Prospects teils ihr sportliches Leben lang nichts anderes gemacht haben, als sich auf ihrer jeweiligen Position auf die NFL vorzubereiten, gewinnt Raimann erst auf NFL-Niveau weitere Erfahrung auf seiner Position.

Zum Teil ist es sicher auch die Vision, wie gut Raimann fertig ausgelernt einmal sein kann, die das Draft-Interesse der Colts forcierte.

Um selbiges zu rechtfertigen, muss man auch tatsächlich dazulernen, und das tat der Drittrunden-Pick laut Hickey: "In der zweiten Saison-Hälfte machte er beeindruckende Fortschritte und hat sich als Pass Protector sehr vielversprechend präsentiert."

Der Saturday-Faktor

Saturday mag die Colts als gesamte Organisation nicht wirklich nach vorne gebracht haben, aber O-Line-Expertise kann man ihm schwerlich absprechen. Raimann wiederum gilt als coachable. Dass er unter der Anleitung von Peyton Mannings früherem Center einiges gelernt hat, wäre ein nachvollziehbarer Gedanke.

Auch Hickey vermutet, dass dies geholfen haben könnte, sieht Saturday als Head Coach jedoch eher in der Rolle des Supervisors und Motivators. Wie viel Hands-on-Coaching er in den Österreicher investiert habe, sei so gesehen fraglich:

"Ich bin mir sicher, dass er ihm Tipps gegeben hat, weil er extrem erfahren ist und einen sehr smarten Football-Verstand hat. Aber wie sehr Bernhards Entwicklung direkt mit Saturday in Verbindung gebracht werden kann, lässt sich für mich nicht exakt beantworten."

Exzellent gegen Dallas

Besser bewerten lässt sich, was man auf dem Feld sehen konnte.

"Insgesamt würde ich seine Saison mit C+ inklusive steigender Tendenz bewerten", verteilt der Reporter eine Note, die hierzulande gutem Durchschnitt entspricht und genügend Luft nach oben für weitere Verbesserungen lässt.

Dem Experten fällt es nicht schwer, im Rahmen dieser Aufwärtstendenz eine Highlight-Performance zu picken:

"Das Spiel, das mir am meisten aufgefallen ist, war jenes in Woche 13 gegen die Dallas Cowboys. Trotz der schwierigen Aufgabe, Pass Rusher wie Micah Parsons, der ein Kandidat für den Defensive Rookie of the Year ist, DeMarcus Lawrence oder Dorance Armstrong zu blocken, war Raimann exzellent."

Laut Pro Football Focus habe er bei 42 Pass-Blocking-Snaps nur ein einziges Mal Druck auf den Spielmacher – einen Quarterback-Hit – zugelassen.

"Angesichts dessen, wie schlecht die Offense gespielt hat, war es ermutigend zu sehen, dass er in einem harten Matchup zu einem Lichtblick wurde", lobt Hickey.

Duelle mit elitären Quarterback-Jägern

Dass man als Left Tackle in der NFL auf prominente Pass Rusher treffen kann, liegt in der Natur der Dinge.

Raimanns Liste an Gegenspielern in der jüngeren Vergangenheit liest sich auch abseits von Parsons und Lawrence mit Matt Judon (Patriots), Chandler Jones (Raiders), Brandon Graham (Eagles), Alex Highsmith (Steelers), Danielle Hunter (Vikings) oder Khalil Mack (Chargers) alles andere als übel. Gemeinsam bringen es die genannten Herren auf 23 Pro-Bowl-Berufungen und rund 500 Karriere-Sacks.

"Dies sind allesamt Elite-Pass-Rusher, die auf jeweils ihre eigene Art und Weise einzigartig sind", betont Raimann auf der Colts-Homepage und beschreibt seine Erkenntnisse:

"Es hat mich gelehrt, dass die kleinen Details, die du richtig machst, dir helfen können, ein Duell zu gewinnen. Gleichzeitig nützen diese Jungs jede Kleinigkeit, die du falsch machst, aus."

Es ist unwahrscheinlich, dass Saturday (r.) die Colts weiter anführt
Foto: © getty

Auch Raimann selbst findet, dass er in der zweiten Saison-Hälfte an Konstanz gewonnen hat. Eine Einschätzung, die Saturday teilt:

"Bernie ist Woche für Woche besser geworden. Er war mit einigen der profiliertesten Pass Rusher konfrontiert. Seine Technik wurde besser. Sie ist nicht perfekt, das weiß er, aber er verfolgt diese Perfektion."

Das Fazit des Head Coaches: "Er macht Fortschritte, er lernt das Spiel. Wir sind ein Team, das nur ein Spiel gewonnen hat, seit ich hier bin, also werden wir keine Parade veranstalten, aber ich bin zufrieden, wie er in seine Position hineinwächst."

Das wichtige zweite Jahr

Dass der Left Tackle als Beschützer des Quarterbacks eine erstens enorm wichtige und zweitens alles andere als einfache Position ist, ist bekannt.

Umso wichtiger ist für sämtliche NFL-Franchises eine adäquate Besetzung. Für Raimann bedeutet dies den Auftrag, 2023 den nächsten Schritt zu machen – mal ganz abgesehen davon, dass von Rookies generell im zweiten Jahr ein deutlicher Sprung erwartet werden darf, nachdem sie die NFL-Erfordernisse eine Saison lang hautnah gespürt haben.

Was die sportliche Führung der Colts angeht, gibt es derzeit viele Fragezeichen. Raimanns Standing in der kommenden Saison wird natürlich auch davon abhängen, wer ihn dann betreuen wird.

Gleichzeitig gilt es, mehr Konstanz auf die Quarterback-Position zu bringen. In dieser Saison versuchten sich Altstar Matt Ryan, der frühere Super-Bowl-Champion Nick Foles sowie der unerfahrene Sam Ehlinger – die ideale Lösung auf der Spielmacher-Position war nicht dabei. Nach selbiger fahnden die Colts seit dem plötzlichen Rücktritt von Andrew Luck vergeblich.

Raimann hat sich eine faire Chance erarbeitet

Raimann betreffend, geht Experte Hickey davon aus, dass er eine faire Chance bekommen wird:

"Ich denke, er hat genug getan, um in der nächsten Saison um den Job als Starting-Left-Tackle kämpfen zu dürfen. Die Colts brauchen so oder so mehr Kadertiefe auf den Tackle-Positionen, aber wenn sie ersthafte Konkurrenz für Raimann verpflichten, wird ihn das nur noch besser machen."

Man dürfe weiterhin nicht vergessen, dass Raimann erst vor drei Jahren zum Tackle umgeschult wurde und die Lernphase noch nicht abgeschlossen sei. Er müsse weiter an Masse und Stärke zulegen, um für die Duelle mit den Quarterback-Jägern beständig gewappnet zu sein.

Das Zwischenfazit nach Saison eins fällt jedoch so aus, dass Raimann auf Jahre für den recht brutalen Kampf auf dem NFL-Arbeitsmarkt gerüstet sein sollte, wenn er aus den Erlebnissen im Rookie-Jahr die richtigen Rückschlüsse zieht:

"Er hat alle Anlagen, um ein solider Starter auf der Left-Tackle-Position in der NFL zu sein. Er muss einfach den Weg fortsetzen, auf dem er sich gerade befindet."

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