"Pöltl war ein Spätentwickler"

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Hubert Schmidt kannte Jakob Pöltl lange, bevor dieser auch nur von der NBA zu träumen wagte.

Seit Österreichs größte Basketball-Hoffnung 13 Jahre alt war, hat Schmidt mit ihm als Trainer gearbeitet – in der Akademie der Vienna D.C. Timberwolves, als U16-Teamchef, als Trainer in der 2. Bundesliga und als Assistant Coach des Herren-Nationalteams, als Pöltl erstmals schnuppern durfte.

Noch heute steht der langjährige LAOLA1-Redakteur in ständigem Austausch mit dem 20-jährigen Wiener. „Wir schreiben uns regelmäßig und skypen auch hin und wieder“, berichtet der 36-Jährige, der aktuell Head Coach der Timberwolves ist.

Wie war Pöltl als Jugendlicher? Wann war klar, dass er etwas Besonderes ist? Wie geht er mit dem Hype um seine Person um? Was sind seine größten Herausforderungen in der NBA?

Niemand kann all diese Fragen besser beantworten als sein langjähriger Trainer.

LAOLA1: Du wirst als Pöltl-Mentor und Pöltl-Experte beschrieben. Wie siehst du das?

Hubert Schmidt: Mentor ist stark übertrieben und nicht wirklich passend. Dieses Wort hört man immer über Holger Geschwindner, den „Mentor“ von Dirk Nowitzki. Eine solch große Rolle habe ich in der Entwicklung von Jakob auf keinen Fall gespielt. Ich hatte das Glück, schon früh, seit seinem 14. Lebensjahr, mit ihm arbeiten zu dürfen. Es gab viele individuelle Trainings, Gespräche und Tipps. Er hat auf seinem Weg aber auch von einigen anderen Trainern profitiert und wurde von seinen Eltern geleitet. Aber Experte lasse ich schon gelten – ich verfolge ihn als Trainer und Journalist schon seit Ewigkeiten sehr genau.


LAOLA1: Wie ist dir der junge Pöltl in Erinnerung geblieben?

Schmidt: Als Spätentwickler, der mit Begeisterung dabei war. Er war schon immer mit sehr viel Ballgefühl ausgestattet und hat sich auch ohne Ball super bewegt. Es war immer sehr angenehm, mit ihm zu arbeiten: Er nimmt Feedback auf und setzt es um, macht es einem Trainer wirklich leicht. Er war sehr gut erzogen, bescheiden, aber nicht verschreckt.

LAOLA1: Wenn du Spätentwickler sagst, meinst du seine Physis oder das Basketballerische?

Schmidt: Körperlich! Ich habe ein Foto vom U14-Nationalteam daheim, wo er mit einem anderen Timberwolves-Spieler zu sehen ist – da war er vielleicht zwei Zentimeter größer. Der andere ist jetzt 1,85 Meter, Jakob ist 2,13 Meter! Im U14-Nationalteam war er deswegen auch noch nicht in der Starting Five. In diesem Alter ist es extrem – manche sehen schon aus wie 17, manche erst wie 12. Jakob hat eher wie 12 ausgesehen. Er war aber damals schon ein sehr guter Basketballer.

Der junge Jakob Pöltl

LAOLA1: Wann ist er dann gewachsen?

Schmidt: Im ersten U18-Jahr ist er richtig in die Höhe geschossen. Da war er dann überragend.

LAOLA1: Trotz dieses Wachstumsschubes ist er koordinativ sehr stark.

Schmidt: Der Grundstein wurde schon viel früher gelegt. Einerseits sind das die Gene, andererseits war es wichtig, dass er schon sehr früh Sport betrieben hat – diese Dinge kann man später kaum mehr aufholen. Während des Wachstumsschubes hat man dann gesehen, dass sich die Hebel verändert haben. Wir haben damals vermehrt an seinem Wurf und auch an der Rumpfstabilität gearbeitet. Sonst ist es einfach eine Frage der Zeit, bis die „Langobarden“ mit ihrem Körper zurechtkommen. Entscheidender war fast der Kopf. So mancher biegt in diesem Alter in eine andere Richtung ab.

LAOLA1: Wann war von der Position her klar, dass er Center ist?

Schmidt: Auch wenn er im College zwei Jahre als Center eingesetzt wurde, ist er für mich kein reiner Center. Instinktiv hat er schon früh unter dem Korb gespielt, wir haben aber in der Akademie sehr viel von außen mit ihm gearbeitet. Wir haben ihn im Nachwuchs dazu angehalten, mehr von außen zu machen, ihn bewusst nicht eingeschränkt. Am College hat er sich durch diese Spezialisierung im Low-Post-Spiel sehr stark verbessert. Meiner persönlichen Meinung nach war diese Spezialisierung in Utah zu extrem. Im letzten Spiel gegen Gonzaga zum Beispiel gab ihm die Defense unter dem Korb kaum Raum. Er hätte von seinen Fähigkeiten her locker auf den High-Post-Bereich ausweichen und Sabonis von dort attackieren können, wurde aber im gesamten Spiel kein einziges Mal auf dieser Position forciert. Die Frage ist, wohin der Basketball geht. Die Warriors spielen oft mit Draymond Green, der von den Anlagen her auch Small Forward spielen könnte, als Center. Es geht nicht mehr so um die traditionelle Position, sondern immer mehr um die Aufgaben, die man auf dem Spielfeld erfüllen kann. Pöltl kann als nomineller Center auch Sachen von außen machen. Wichtig ist, dass er auch Leute, die von außen spielen, verteidigen kann – dazu hat er definitiv die Anlagen. Es gibt Mannschaften, die immer noch mit zwei echten Riesen spielen, also könnte er auch nominell als Power Forward spielen. Er hat im Nationalteam auf dieser Position 27 Punkte gegen Litauen gescort.

LAOLA1: Wann war klar, dass er etwas Besonderes ist?

Schmidt: Man hat schnell gesehen, dass er besondere Anlagen hat. Aber man konnte ja nicht wissen, wie groß er wirklich wird. Er hätte ja auch „nur“ zwei Meter groß werden können. Es war also nicht absehbar, dass er als potenzieller Top-15-Pick endet. Es ist stückchenweise gekommen. Er hat neue Herausforderungen immer sofort gemeistert. Am ehesten waren es die ersten internationalen Vergleiche in der U16, wo er herausgestochen ist und nach denen man recht fix damit rechnen konnte, dass er eine internationale Karriere vor sich hat.

Schmidt gibt Pöltl Anweisungen (c) Wolfgang Horak

LAOLA1: Vermutlich hat ihm das von der Bodenhaftung her sogar geholfen, dass er nicht von Anfang an als Wunderkind gegolten hat, oder?

Schmidt: Er war als U16-Spieler bei der U18 dabei und in der Starting Five. Damals musste man ihm noch sagen: „Du bist so talentiert, es reicht nicht, wenn du da nur mitspielst, du musst aktiver den Ball fordern!“ Das hat sich dann aber ziemlich schnell geändert. Im ersten U18-Jahr hat er einen Riesenschritt gemacht, auch vom Zugang her – da wollte er schon viel bewusster Verantwortung übernehmen. Wenn ein Spätentwickler nicht entmutigt wird, hat er es grundsätzlich leichter, weil er größere Schritte machen kann.

LAOLA1: Seine Eltern waren beide Volleyballer. Wie hast du sie in den vergangenen Jahren erlebt?

Schmidt: Sie sorgen immer für eine gute Balance. Sie sind bodenständig und geben einem auch zu verstehen, dass Sport nicht alles im Leben ist. Sie haben ihm eine gesunde Lebensweise, die Sensibilität für die richtige Ernährung und auch den nötigen Ehrgeiz mitgegeben. Sie geben Jakob sehr viel Rückhalt und sind fähig, ihm gute Ratschläge zu erteilen.

LAOLA1: Wie weit verbreitet war sein Spitzname „Baum“?

Schmidt: Bei den Timberwolves nennen wir ihn alle so. Aber natürlich ist das erst gekommen, als er wirklich groß wurde.

LAOLA1: Im Alter von 15 Jahren hat er im Cup gegen BC Vienna zum ersten Mal in der Kampfmannschaft gespielt. Wie war das damals?

Schmidt: Unsere guten Jugendspieler kommen bei den Herren dran, wenn sie aus der U16 draußen sind. Sein Gegner war Zarko Rakocevic, der kurz davor noch in der Euroleague gespielt und 30 Kilo mehr hatte. Damals hat er sich schon sehr gut geschlagen. In seiner zweiten Saison in der 2. Bundesliga war er dann der beste Spieler des Teams und einer der besten in der Liga.

LAOLA1: Da haben sich sicher einige europäische Klubs um ihn bemüht.

Schmidt: Deutschland, Spanien, Italien – Interesse gab es von überall. Er hätte Optionen gehabt, früher ins Ausland zu gehen. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass er ein Spätentwickler war, dass er nicht schon mit 16 Jahren das Elternhaus verlassen wollte. Um persönlich zu reifen, war es wahrscheinlich die richtige Entscheidung. Ich glaube, er hat ein gutes Gefühl dafür, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um den nächsten Schritt zu machen. Er lässt sich nicht verrückt machen, sondern entscheidet ganz souverän – das zeichnet ihn aus.

Hubert Schmidt im LAOLA1-Interview

LAOLA1: Hast du erwartet, dass es für ihn am College so gut läuft?

Schmidt: Man kann es nie genau wissen. Die Familie hat sich extrem genau informiert und Utah sehr bewusst ausgewählt, die Utes wollten ihn unbedingt. Im Endeffekt muss man sich aber selbst durchsetzen. Man kann sich ja nicht darauf verlassen, in die richtige Situation zu kommen, sondern muss selbst etwas dazu beitragen. Es war lange Zeit nicht klar, ob er ans College geht oder vielleicht als Profi zu einem Klub in einer europäischen Topliga. Es ist im Hinblick auf seine Chancen auf die NBA nahezu perfekt gelaufen, würde ich sagen.

LAOLA1: Wann war für dich klar, dass er es in die NBA schafft?

Schmidt: Dass er die Anlagen hat und dass es möglich ist, war schon seit Jahren klar. Aber genauer waren die Chancen vor dem Wechsel ans College schwer einzuschätzen. Als er dann im ersten Mock-Draft von ESPN unter den Top 20 gelistet war, wurde es sehr, sehr realistisch. Bei Kristaps Porzingis, der super beweglich, 2,21 Meter und ein guter Werfer ist, muss man nicht warten, ob der sich am College durchsetzt, dessen NBA-Potenzial hat man in Spanien auch gesehen. Wenn einer von der österreichischen Bundesliga ans College wechselt, ist die Einschätzung schon schwieriger, weil es wenige Vergleichswerte gibt. Deswegen war vorher niemandem klar, ob er es schaffen wird.

LAOLA1: Wo siehst du basketballerisch die größten Herausforderungen für ihn in der NBA?

Schmidt: Er kann im „Pick and Roll“ sicher auch in der NBA erfolgreich sein, weil er sich ohne Ball super bewegt. Außerdem ist er ein extrem gescheiter Spieler, weshalb er sich in jede Mannschaft einfügen kann. Die „Post ups“ werden sicher eine Herausforderung, wobei er anfangs wohl nicht so viele Bälle am „Low post“ bekommen wird wie jetzt am College. Es wird sehr darauf ankommen, was sein neues Team in ihm sieht und wie er in der Offense eingesetzt wird. Die größte Herausforderung wird wahrscheinlich, sich auf das im Vergleich zum College noch um eine Stufe athletischere Spiel einzustellen.

Coach Schmidt (links hinten) und Pöltl (2.v.l.h.) im Timberwolves-Nachwuchs

LAOLA1: In welchem Team würdest du ihn gerne sehen?

Schmidt: Wenn ihn die Celtics wirklich wollen, wäre er dort sehr gut aufgehoben. Die haben mit Brad Stevens einen guten Trainer und könnten einen Center wie ihn gebrauchen. Dort hätte er bei einem guten Team die Chancen auf Spielzeit. Das wäre die ideale Kombination: Ein funktionierendes Team, in dem er etwas beitragen kann.

LAOLA1: Wie geht er mit dem Hype um seine Person um?

Schmidt: Einerseits freut es ihn sicher, andererseits muss man das ja auch managen, er soll sich ja nicht zu viel damit beschäftigen müssen. Sein Umfeld hat die richtigen Schritte eingeleitet, damit der Hype nicht zur Belastung wird. Wie zu erwarten war, geht er sehr professionell damit um. Er steht zwar mittlerweile jeden Tag in der Zeitung, ist aber nicht so oft in Österreich. Selbst wenn ihn Leute erkennen, hält es sich noch in Grenzen, er ist ja nicht David Alaba.

LAOLA1: Was bedeutet das für den österreichischen Basketball, wenn er es in die NBA schafft?

Schmidt: Es ist wichtig, dass man aufzeigt, dass das kein Austro-Amerikaner ist oder irgendeiner, der aus dem Nichts in die NBA kommt. Er hat wie alle anderen hier in Österreich im Nachwuchs gespielt, eifrig trainiert und es mit der richtigen Einstellung und dem nötigen Talent geschafft. Es war bisher immer im Hinterkopf, dass wir zwar gute Spieler hatten, es aber nie einer in die NBA geschafft hat. Jetzt sehen die Jungen: Es ist keine Ausrede, aus Österreich zu sein. Es gibt hierzulande viele Standorte, an denen im Nachwuchs gut gearbeitet wird. Wir müssen uns nicht kleiner machen, als wir sind.

Das Gespräch führte Harald Prantl


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