Die großen Fragen vor dem F1-Auftakt

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Die Rekord-Saison steht vor dem großen Auftakt.

In Melbourne findet das erste von unglaublichen 21 Rennen im Formel-1-Kalender statt. So viele gab es noch nie. 

Gejagt wird weiterhin Mercedes. Aber kann Ferrari wirklich dem Titel nahe kommen? Was machen Sorgenkinder wie Red Bull und McLaren? Und wie war das noch einmal mit den Reifen- und Quali-Regeln?

Die zehn Fragen vor dem Saisonstart.

Kann Rosberg diesmal im Titelkampf zurückschlagen?

Der Deutsche geht mit dem Schwung von drei Siegen am Ende der vergangenen Saison ins Jahr 2016 und baut auch auf eine gute Performance bei den Testfahrten in Barcelona. Kein anderer Pilot hat so viele Kilometer (3.049 - ca. zehn GP-Distanzen) in Montmelo abgespult. "Schwachstellen oder Baustellen sehe ich aktuell eigentlich nicht mehr", meinte Rosberg. Weltmeister Hamilton blieb allerdings ebenso von gravierenden Problemen verschont - auch wenn er bei den Tests vielleicht nicht am letzten Zacken unterwegs war. Sobald es um etwas geht, ist Hamilton zur Stelle. So war es zumindest in der jüngeren Vergangenheit. Sicher ist: Hamilton geht mit der Selbstsicherheit von zwei Weltmeistertiteln in den letzten beiden Jahren in die Saison, während Rosberg möglicherweise seine letzte Chance hat, im klar besten Auto den Fahrertitel zu holen. Dass er von der Öffentlichkeit zur Nummer zwei abgestempelt wurde, schmerzt den Wiesbadener hörbar: "Es ist nicht schön, solche Sachen zu hören. So sehr ich mich da raushalten will, aber ich bekomme schon mit, was die schreiben." Gespannt sein darf man auf die Machtkämpfe zwischen den beiden Titelkandidaten. Teamchef Toto Wolff kündigte zumindest an, dass man die Zügel etwas lockerer lassen würde. "Das sind wir der Formel 1 schuldig", sagt Wolff. Die Frage ist nur, wie lange.

Ist der Titel für Ferrari in Reichweite?

Nach einem guten Vorjahr sind die Ansprüche in Maranello gestiegen. Podestplätze sind nicht mehr gut genug. Boss Sergio Marchionne gab den Gewinn der Weltmeisterschaft als Saisonziel aus. Sebastian Vettel stimmt zu: "Der Titel muss der Anspruch sein, den Ferrari hat. Dafür bin ich nach Maranello gekommen. Die 1 muss zurück aufs rote Auto." Versucht man nur Druck auf Mercedes aufzubauen oder geht da tatsächlich was? Beobachter der Tests sind sich einig, dass Ferrari mit dem neuen Boliden ein weiterer Schritt nach vorne gelungen ist. Dass dieser aber so groß ist, dass man die Silbernen dauerhaft hinter sich lassen kann, darf bezweifelt werden. Gerade in der ersten Testwoche wurde die Scuderia von mehreren Problemen begleitet, während Mercedes unaufhaltsam weiterfuhr. Ist die Technik zuverlässig, sind die Roten zu Bestzeiten fähig - auch das haben die Tests gezeigt. Im Sinne des Sports ist nur zu hoffen, dass Ferrari Mercedes so nahe wie möglich kommt.

Gelingt Red Bull die Trendwende?

Die sieglose Saison 2015 hat Spuren hinterlassen, lange war nicht klar, ob und wie das frühere Weltmeisterteam weitermacht. Letztlich hat man sich mangels Alternativen doch wieder für eine Zusammenarbeit mit Renault entschieden, auch wenn der Antrieb offiziell auf den Namen Tag Heuer lautet. Diese klarere Trennung scheint der Beziehung aber vorerst gut zu tun. "Das fundamentale Prinzip lautet: 'Ihr macht das Chassis und ihr macht es gut. Lasst uns für den Antrieb sorgen", so Renault-F1-Projektleiter Cyril Abiteboul. Geht es nach Motorsportberater Helmut Marko, könne man Williams und Force India in Melbourne schlagen. Um zu gewinnen, müssten aber außergewöhnliche Bedingungen herrschen. Red-Bull-Mäzen Dietrich Mateschiz reicht das natürlich nicht. "Die Formel 1 ist nicht die Tour de France, und wir werden ganz sicher keine Nebenrolle spielen!", meint der 71-Jährige. Das Chassis scheint dem Team aus Milton Keynes wieder gelungen zu sein. Trotz des derzeitigen Friedens bleibt hinter dem Antrieb aber ein großes Fragezeichen.

Was ist von Newcomer Haas F1 zu erwarten?

Die Basis des neuen Rennstalls aus den USA ist eine gute. Mit Ferrari hat man einen vielversprechenden Motoren-Partner und die Piloten Romain Grosjean und Esteban Gutierrez haben bereits reichlich Erfahrung in der Formel 1. Die Tests liefen unterschiedlich. Nach einer starken ersten folgte eine durchwachsene zweite Woche - unter anderem aufgrund hartnäckiger Bremsprobleme. Mit der allgemeinen Performance zeigt man sich zufrieden. "Die Basis ist wirklich gut, ich habe mich sofort wohl gefühlt", sagt Grosjean. Für den Auftakt hat die Truppe rund um Gene Haas und Teamchef Günther Steiner ein großes Ziel: "Wir wollen ganz klar Punkte erreichen, auch wenn das für ein neues Team ambitioniert ist", hofft Gutierrez. Kein unmögliches Ziel, aber es wäre durchaus überraschend, würde man es erreichen können.

Wie schwierig wir die Saison für Renault F1?

Es war eine Riesenherausforderung, das auf einen Mercedes-Antrieb ausgerichtete Lotus-Auto kurzfristig umzubauen. Die Prognosen der Franzosen sind also äußerst vorsichtig. 2016 wurde also zum Übergangsjahr ausgerufen. "Das Auto liegt in Hinblick auf Abtrieb und wahrscheinlich Motorleistung klar im Hintertreffen", weiß Technikchef Bob Bell, dass noch ein weiter Weg vor dem Rennstall liegt. Auch auf die Nerven der Fahrer Kevin Magnussen und Jolyon Palmer werden auf die Probe gestellt werden. "Es war ein ziemliches Desaster, um ehrlich zu sein", meinte der GP2-Weltmeister von 2014 Palmer nach seinem letzten Testtag. Die positiven Schlagzeilen dürften sich wohl vorerst in Grenzen halten.

Steht McLaren-Honda vor der nächsten Seuchensaison?

In Woking schrillen wieder einmal die Alarmglocken. Am letzten Testtag fehlten trotz Super-Softreifen 1,5 Sekunden auf Toro Rosso. Der ehemalige Jordan-Technikchef und F1-Insider sieht das nächste Horrorjahr bevorstehen: "Für mich ist es ernüchternd zu sehen, dass ein Team von solcher Klasse seinem Geschäft derart nachgeht. Es scheint dort nicht der alte Kampfgeist zu sein", so Anderson auf "Motorsport-Total.com". Seiner Meinung nach würde auch ein anderer Motor an der Situation nichts ändern, vielmehr verstecke sich McLaren hinter den Problemen des japanischen Partners. Beide Piloten wissen um die triste Lage. "Ich denke, unsere Performance ist derzeit nicht dort, wo wir künftig in den Rennen stehen möchten", sagt Jenson Button vor seiner wohl letzten F1-Saison. Ein Ziel in Melbourne will sich das Team bewusst nicht setzen. Geduld ist gefragt.

Wer erklärt mir die neuen Reifen-Regeln?

Hier ein Versuch: Jeder Fahrer hat am gesamten Wochenende 13 Reifensets zur Verfügung. Davon werden zwei Sets von Pirelli für das Rennen beiseite gelegt, ein weiteres ist nur für Q3 reserviert. Es bleiben zehn Sets, die jeder Fahrer aussuchen darf. Neu neben den Mischungen Hard, Medium, Soft und Supersoft ist die Ultrasoft-Mischung. Vor jedem Rennwochenende nennt Pirelli jene drei Mischungen, die zur Wahl stehen. Diese Auswahl ist von der Charakteristik der Strecke abhängig. Der für Q3 reservierte Reifensatz wird von der weichsten zur Verfügung stehenden Mischung genommen. Die zwei fürs Rennen übrigen Sets wählt Pirelli aus. Nach jedem Training müssen zwei Reifensets abgegeben werden. Die restlichen vier stehen für Quali und Rennen zur Verfügung. Dazu gibt es eben noch das Q3-Extra-Set (sollte ein Fahrer so weit kommen) und die zwei von Pirelli gewählten Sets, von denen man eines verwenden muss. Man kann alle drei Mischungen fahren, aber muss zumindest zwei Mischungen einsetzen. Klar soweit? Nein? Hier ein Video, das diese durchaus eigenwilligen Regeln gut zusammenfasst: 

Macht der neue Qualifying-Modus Sinn?

"Wenn ich meinen Opa vor den Fernseher setze und Formel 1 einschalte, versteht er gar nichts mehr", sagt Carlos Sainz. Nicht nur die ältere Generation, auch jüngere Formel-1-Fans können dem Regel-Wahn nicht mehr folgen. Dieser wirkt sich in diesem Jahr bekanntermaßen auch das Qualifying aus. Es geht um die "Reise nach Jerusalem". "Der Modus setzt die Teams unter Druck", meint "Sky"-Experte Marc Surer. Er glaubt, dass sich die Fahrer auf der Strecke im Kampf gegen die Uhr (alle 90 Sekunden scheidet einer aus) gegenseitig behindern werden. Klar ist, dass auch die Top-Teams mehr gefordert sind: "Im letzten Qualifyingdrittel hat das zur Konsequenz, dass du sofort mit dem neuen Reifen rausfahren musst, um nicht rauszufliegen", sagt Mercedes-Teamchef Toto Wolff im "ORF". Dass der neue Modus zu mehr Action auf der Strecke führt, muss seiner Meinung nach nicht sein: "Das könnte bedeuten, dass in den letzten acht Minuten kein Auto mehr auf der Strecke ist, denn dann hast du nur noch den gebrauchten Reifen."

Was wird am Boxenfunk geändert?

Die Kommunikation zwischen dem Renningenieur und seinen Piloten wird weiter eingeschränkt. Schon in der Vergangenheit gab es diesbezüglich Regeln, nun wird man noch strenger. Nur noch die nötigsten Informationen sind erlaubt. Das Team darf dem Fahrer etwa nicht einmal mehr sagen, welche Reifen er beim nächsten Stopp erhält. Ebenfalls sind Informationen zum Benzinverbrauch, zur Motorleistung oder der Batterieleistung verboten. Einer langen Liste an Verboten steht eine kurze Liste des Erlaubten gegenüber. Diese umfasst praktisch nur noch den Befehl, an die Boxen zu kommen. Und zwar in der Runde des Boxenstopps und nicht mit mehr mit Vorlauf. Das wäre schon unerlaubtes Coaching. Offen ist, wie die Stewards im Falle des Regelbruchs einschreiten werden. Sicher ist: Die Fahrer werden gefordert sein. Zumindest so lange, bis die Teams Schlupflöcher im Reglement bzw. andere Lösungen gefunden haben.

Wird es das Jahr der wilden Fahrerspekulationen?

Im Vorjahr war von einer "Silly Season" wenig bis nichts zu spüren. Das wird sich in diesem Jahr ändern. Mehrere Topfahrer haben noch keinen Vertrag für das Jahr 2017. Darunter Nico Rosberg (Mercedes), Daniel Ricciardo (Red Bull), Kimi Räikkönen (Ferrari) und Jenson Button (McLaren). Die Gerüchte werden also, je länger die Saison dauert, wohl immer kurioser werden. Da Räikkönen wohl vor seinem letzten F1-Jahr steht, wird der Platz bei Ferrari besonders begehrt sein. Auch bei Red Bull hat der Kampf um die Plätze längst begonnen. "Wer nicht abliefert, der muss gehen", stellte Helmut Marko unlängst unmissverständlich klar. Weiterhin begehrt wird auch Valtteri Bottas sein. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass der Williams-Pilot seinem Landsmann bei der Scuderia nachfolgt. Lasset die Spekulationen beginnen...

 

Andreas Terler

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