Ungefähr wie bei Google

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Ist Red Bull Salzburg die Sensation im europäischen Nachwuchs-Fußball? Darüber scheiden sich offenbar die Geister. Ich bleibe dabei: Der Einzug ins „Final Four“ ist eine Sensation, aber es kommt nicht überraschend. Es hat sich schlichtweg in den vergangenen fünf Jahren abgezeichnet.

Drehen wir das Rad der Zeit zurück. Denn schließlich ist Rapid daran schuld. Nein, das ist kein Versuch von billigem Kommerz-Traditions-Populismus. Den überlasse ich den Verantwortlichen. Wir schreiben den 12. August 2012, als Neo-Sportdirektor Ralf Rangnick seinem neuen Team im Liga-Alltag auf die Beine sah. Da lag die Düdelingen-Blamage erst einige Tage zurück und dennoch war es jenes 0:2 gegen Rapid, das ihm zu verstehen gab: Es muss sich etwas ändern. Es fand ein Paradigmen-Wechsel statt, der nun seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte – Red Bull gehört zu Europas Nachwuchs-Elite.

Es ist alles andere als selbstverständlich, dass ein österreichischer Vertreter unter den letzten Vier im wichtigsten europäischen Nachwuchs-Bewerb steht. Das gab es noch nie. Salzburg wird sich im April in Nyon im Halbfinale mit dem FC Barcelona messen. Im zweiten Spiel der Vorschlussrunde kämpfen Real Madrid und Benfica Lissabon um den Einzug ins Finale. Bis auf die Salzburger sind nur noch Teams dabei, die allesamt mehrmals den Europapokal der Landesmeister oder die Champions League gewonnen haben. Die Youth League selbst gibt es erst seit 2013 und wurde vom FC Barcelona und zuletzt zwei Mal vom FC Chelsea gewonnen. Die junge Historie des Bewerbs zeigt, dass es immer wieder „kleinere“ Klubs nach Nyon geschafft haben.

Alle "Final Fours" der Youth-League-Geschichte:

Saison Final 4
2016/17 FC Barcelona, Real Madrid, Benfica Lissabon, FC Salzburg
2015/16 FC Chelsea, Paris SG, Real Madrid, RSC Anderlecht
2014/15 FC Chelsea, Shakhtar Donetsk, RSC Anderlecht, AS Rom
2013/14 FC Barcelona, Benfica Lissabon, Schalke 04, Real Madrid

Bis Dienstag hatten sich aber immer nur Teams aus den Top 10 der UEFA-Verbands-Rangliste für das Finalturnier qualifiziert. Österreich liegt aktuell auf 15.

Auch deswegen ist Salzburgs Erfolg sensationell, aber keineswegs überraschend. Mit Rangnick kam die deutsche Fußball-Schule nach Salzburg, die jene aus den Niederlanden ablöste. Junge Spieler und noch jüngere fanden den Weg nach Salzburg, die sich hier entwickeln und in weiterer Folge für hohe Ablösesummen abgegeben werden sollten. Rangnick verwies immer wieder auf den Sonderfall Marc Janko, der als einziger bis zum Zeitpunkt seines Amtsantritts eine ordentliche Millionen-Ablöse einspulte. Nun ist es Alltag. Über 100 Millionen Euro hat Salzburg in den vergangenen Jahren eingenommen. Mehr als 50 Millionen Euro Reingewinn durch Transferablösen zeigen, was auch in Österreich möglich ist. Bestes Beispiel ist und bleibt Sadio Mane, der für vier Millionen aus Metz kam und Salzburg letztlich nach seinem Wechsel von Southampton zu Liverpool 23 Millionen Euro einbrachte. Auch aus Leipzig flossen viele Millionen, aber eben nicht nur. Kevin Kampl, Alan und Jonatan Soriano sorgten etwa für mehr als 30 Millionen Euro, die in die Vereinskassa gespült wurden.

Salzburg hat sich 2012 offiziell als Ausbildungsklub deklariert und das Geld fortan auch dorthin investiert. 2014 wurde die Fußball- und Eishockey-Akademie in Liefering eröffnet. Die soll 35 bis 45 Millionen gekostet haben. Das ist nicht wenig Geld, aber offenkundig wurde es sinnvoll investiert. „Wir sind, was Infrastruktur aber auch Personalstruktur anbelangt, ganz weit vorne“, weiß Akademie-Leiter Ernst Tanner, was er an Red Bull hat. „Das ist bei anderen Vereinen nicht möglich und daraus ziehen wir unsere Vorteile.“ Die Trainingssteuerung läuft höchstprofessionell, der medizinische Apparat ist enorm, die Leistungsdiagnostik läuft via Red-Bull-Partner in Thalgau und die Kooperationen mit den Schulen funktionieren. Tanner nennt es „ein stimmiges Gesamtbild“.


LAOLA1-Lokalaugenschein in der RB-Akademie:


Und dazu gehören allen voran Menschen: Mitarbeiter aus der Region, Fachleute aus In- und Ausland sowie die Talente aus der ganzen Welt. Wer in die Akademie eintritt, wird als Gast von sämtlichen Mitarbeitern freundlich begrüßt. Wer mit den Betreuern spricht, wird professionell behandelt. Wer die Talente sieht, versteht, was hier passiert. Es wirkt nicht aufgesetzt, es wirkt so, als hätten alle Spaß an ihrer Arbeit. Weil sie sich auch verwirklichen können. Es ist ungefähr so, wie sich viele das Arbeiten bei Google vorstellen – ich inklusive: Es wird alles zur Verfügung gestellt, du hast sämtliche Möglichkeiten, mach‘ was draus. Kombiniert mit Kompetenz und Talent als Antrieb für erfolgreiche Arbeit. In einem erfolgsorientierten Umfeld kann das funktionieren. Und tut es offenkundig auch.

Sicher, all das kostet Geld und in diesem Fall sprechen wir hier natürlich von einem Millionen-Budget, das einen Bundesligisten in der Liga halten würde. Aber wer sich zu einem Ausbildungs-Klub erklärt, muss auch dahingehend investieren, um seiner Philosophie treu zu bleiben. Red Bull ist in Salzburg offiziell „nur“ noch Hauptsponsor, doch natürlich der mit dem meisten Vermögen sowie dem größten Einfluss im österreichischen Fußball. Die einzige Frage ist: Wird das Geld richtig eingesetzt? Ja. Es hat schon einen Grund, warum Liverpool, Manchester City und die Bayern mehrmals in Liefering vorbeigeschaut haben.

Doch Geld alleine spielt keinen Fußball. Salzburg ist der beste Beweis dafür. Andernfalls hätten es die „Bullen“ zumindest einmal in die Gruppenphase der Champions League geschafft. Und dort waren sie bislang noch nie. Der aktuelle Nachwuchs-Erfolg hat ja auch weniger mit dem Neubau der Lieferinger Akademie zu tun, diesen gibt es schließlich erst seit September 2014. „Ältere“ Spieler wie Xaver Schlager (19) waren zu Jahresbeginn 2015 schon Teil der Lieferinger Profis in der Ersten Liga. Auch ein Schlüssel für den Erfolg dieses Teams, denn die Profi-Erfahrung haben Spieler der anderen Teams bis auf wenige Ausnahmen nicht. Hinzu kommt die Durchgängigkeit. Jedes Red-Bull-Team spielt denselben erfolgreichen Fußball. Und die Wichtigkeit des Miteinanders zeigt sich auf und außerhalb des Platzes. Eklats? Fehlanzeige.

Zusammen sind sie stark. In allen YL-Partien war Salzburg die bessere Mannschaft, weil der seit 2012 durchgezogene Spielstil vor allem hier Früchte trägt. Vier Spieler, die am Dienstag spielten, waren schon 2015/16 dabei. Sechs Österreicher standen gegen Atletico in der Startelf und spielten die Spanier teilweise an die Wand. Nicht weil Millionen für sie bezahlt wurden, sondern weil Millionen investiert werden, damit sie irgendwann vielleicht auch Millionen einbringen. Diese Spieler sind schon länger dabei, wurden hier stets weiterentwickelt. Dass das funktioniert, ist für österreichische Verhältnisse sensationell, aber eben keineswegs überraschend. Und soll es auch nicht bleiben.

„Weil wir weitere gute Jahrgänge hinten dran haben. Da braucht es auch Glück, aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass es nicht das letzte Mal sein wird, so weit zu kommen“, meint Tanner, den Rangnick auch aus gemeinsamen Hoffenheimer Zeiten kennt und 2012 (wie damals auch Jochen Sauer, nun im Nachwuchs der Bayern federführend) hierher lotste. Die Salzburger Kader sind ein Beweis für flächendeckendes Scouting. Die Hausaufgaben wurden erledigt.

Zu Beginn der Red-Bull-Ära wollte Salzburg mit den ganz Großen mitspielen. Erfolglos. 2012 erklärten sich die Salzburger zum Ausbildungsklub, holten sechs von acht möglichen nationalen Titeln, streiften seither über 100 Millionen Euro Transfereinnahmen ein und stehen im Halbfinale der Youth League.

Sensationell? Überraschend? Wie wäre es mit einem anderen Wort: richtig.

Textquelle: © LAOLA1.at

Barca-Scout findet Gefallen an Salzburgs Xaver Schlager

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