Okotie: Was passiert mit dem "Held der Nation"?

Aufmacherbild

Vor genau einem Jahr avancierte Rubin Okotie zum Fußball-Helden der Nation.

Am 15. November schoss er Österreich zum 1:0-Erfolg gegen Russland – und das bereits zum zweiten Mal in diesem für ihn so goldenen Herbst 2014, ein Monat zuvor war ihm gegen Montenegro das gleiche Kunststück gelungen.

Im Rückspiegel betrachtet, waren diese beiden Heimsiege zwei enorm wichtige Schritte auf dem letztlich souveränen Weg nach Frankreich.

365 Tage später schaut die sportliche Welt des 28-Jährigen weniger rosig aus. Dies ist weniger auf das Nationalteam bezogen, wo die Vormachtstellung von Marc Janko im Angriff auch von seinem Backup anerkannt wird.

Okotie und der fehlende Flow

Die persönliche Situation bei Arbeitgeber 1860 München ist jedoch eine ungleich schwierigere. Zwar befand sich der Traditionsverein auch vor zwölf Monaten in sportlichen Turbulenzen, Okotie selbst traf jedoch trotzdem scheinbar nach Belieben.

„Ich befinde mich momentan definitiv nicht in einem solchen Flow. Wir spielen keine gute Saison, stehen hinten drinnen, haben erst Anfang November unseren ersten Saisonsieg gefeiert. Natürlich leiden wir Spieler unter dieser Situation, ich bin auch nicht zufrieden, wie es bis jetzt gelaufen ist“, klagt der Stürmer.

Ein Treffer und zwei Assists lautet in dieser Spielzeit die bislang magere Ausbeute im Dress der „Löwen“. Zum Vergleich: Zum selben Zeitpunkt in der Vorsaison hatte Okotie bereits acht Volltreffer gelandet, bis Weihnachten 2014 waren es deren zwölf. Im zwischenzeitlich von einer Verletzung beeinträchtigten Kalenderjahr 2015 durfte er bis dato nur zwei Liga-Tore bejubeln.

Strafraum-Szenen als Mangelware

Was sich trotz gleichbleibend schwieriger Situation des Vereins für ihn persönlich geändert hat, lässt sich leicht erklären:

„Der Unterschied ist, dass wir uns in der Offensive schwerer tun. Letzte Saison war es so, dass wir immer unsere Tore gemacht haben, allerdings auch viele Gegentore kassierten. Wir hatten jedoch eine gute Offensive, wo wir in jedem Spiel ein paar Chancen hatten. Im Moment haben wir die wenigsten Tore in der Liga und extreme Probleme in der Offensive.“

Gerade einmal acht Treffer brachten die Sechzger bislang zustande, dafür kassierte der Tabellen-Vorletzte in 14 Runden auch „nur“ 15 Gegentore. Wie sehr man als Stürmer unter dieser eher defensiven Herangehensweise leiden würde?

„Extrem. Vor allem bin ich ein Stürmer, der seine Stärken im Strafraum hat. Wenn du dann im Spiel kaum solche Szenen hast, ist es schwierig. Aber du musst dich eben anders für die Mannschaft aufopfern, viel Laufarbeit leisten, versuchen die Bälle zu halten. Primär brauchst du als Stürmer jedoch Szenen im Strafraum, und die sind im Moment Mangelware. Wir müssen als Mannschaft besser daran arbeiten, dass wir gefährlicher werden, wieder mehr Torchancen herausarbeiten und die auch konsequent verwerten.“

Vier Trainer und drei Sportdirektoren in knapp eineinhalb Jahren

Benno Möhlmann ist in Okoties knapp eineinhalb Jahren in der bayrischen Metropole bereits sein vierter Trainer, davor durften Salzburgs Meistermacher von 2012, Ricardo Moniz, Markus von Ahlen und Torsten Fröhling ihr Glück versuchen.

Dazu ist Oliver Kreuzer, der Anfang November sein Amt antrat, der dritte Sportdirektor, mit dem er im selben Zeitraum konfrontiert ist.

Bei 1860 ist es sehr turbulent. Da konnte sich bis jetzt nie etwas finden, weil alle drei, vier Monate ein neuer Trainer da war, damit auch ein neues System und neue Spieler. Man kann nur hoffen, dass endlich Ruhe einkehrt

Rubin Okotie

Dieser arbeitete einst in selber Funktion bei Red Bull Salzburg und Sturm Graz, wo er 2011 nach dem Meistertitel seinen Hut nahm. „Als ich bei Sturm spielte, war er schon weg. Aber er war noch öfters in Graz, da haben wir uns kennengelernt“, erzählt Okotie.

Möhlmann kennt die 2. deutsche Liga aufgrund der Erfahrung von 504 Meisterschaftsspielen an der Seitenlinie wie kaum ein anderer, was seinen Schützling zuversichtlich stimmt: „Diese Routine merkt man auch. Er weiß natürlich, dass die Situation nicht optimal ist, aber er strahlt die nötige Ruhe und eine lockere Art aus.“

Es konnte sich nie etwas finden“

Generell sei die Personalfluktuation im Verein jedoch beinahe „rekordverdächtig“. Diesbezüglich macht vor allem der Vergleich zum ÖFB-Team, bei dem Kontinuität das oberste Gebot ist, sicher:

„Man merkt den Unterschied. Hier ist es natürlich etwas anderes, weil man die Jungs schon ewig kennt und man mit ihnen Erfolge gefeiert hat. Bei 1860 ist es sehr turbulent. Da konnte sich bis jetzt nie etwas finden, weil alle drei, vier Monate ein neuer Trainer da war, damit auch ein neues System und neue Spieler. Man kann nur hoffen, dass endlich Ruhe einkehrt.“

Sein anfänglicher Erfolg bei den „Löwen“ war fraglos ein wichtiges Argument für die Rückkehr ins Nationalteam, weshalb sich der Wechsel nach München sicherlich bezahlt gemacht hat. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass das Testspiel gegen die Schweiz Okoties letzter Auftritt als 1860-Legionär ist.

„Es ist schon sehr anstrengend. Seit eineinhalb Jahren geht es jetzt gegen den Abstieg. Speziell in der zweiten Liga ist das sehr schwer, jedes Spiel ist ein brutaler Kampf“, betont der Wiener, der die Möglichkeit eines Tapetenwechsels nicht ausschließt.

Wechsel im Winter „vielleicht ein Thema“

Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Die EURO könnte sich für ihn natürlich als Sprungbrett erweisen. Andererseits könnte auch der Verein selbst in Versuchung geraten, zuvor noch Geld mit seinem EM-Teilnehmer zu verdienen.

Er selbst wolle sich auf jeden Fall einmal auf die Spiele bis zum Winter konzentrieren. Ob sich danach in der Übertrittszeit im Jänner etwas tun könnte? „Das kann ich jetzt noch nicht sagen, aber vielleicht ist es ein Thema, ja.“

Bevor diese Gedanken konkretisiert werden, bietet sich gegen die Schweiz noch einmal die Möglichkeit, in der ÖFB-Elf ein Ausrufezeichen zu setzen.

Okotie ist nicht der erste Spieler mit Durststrecke im Verein, an dem Marcel Koller festhält. Der Teamchef wird auch nicht müde, an dessen Tore gegen Montenegro und Russland zu erinnern, wenn die Frage auftaucht, ob Janko unersetzbar sei.

Es gibt keinen Grund, etwas zu ändern“

Der 13-fache Internationale wiederum ist dankbar für die Gelegenheit, im Kreis der rot-weiß-roten Auswahl von den Vereinsproblemen abschalten und Selbstvertrauen tanken zu können.

Kommt er als Joker aufs Feld, bieten sich auch immer wieder Torchancen: „Weil es hier eben etwas anderes ist, wir eine brutal gute Mannschaft haben, wo du sehr gut eingesetzt wirst. Das macht als Offensivspieler wirklich Spaß.“

Spaß macht auch der Blick zurück auf den Herbst 2014. Ansprüche leitet er daraus jedoch keinesfalls ab:

„Inzwischen ist es eine andere Situation. Die Elf hat sich gefunden, sie machen das sehr gut. Es gibt keinen Grund, etwas zu ändern. Die Spieler, die hinten dran sind, müssen bereit sein, wenn sie gebraucht werden.“

So wie Okotie vor genau einem Jahr.


Peter Altmann

Zum Seitenanfang» 0 Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen

COMMENT_COUNT Kommentare