Endstand
3:0
1:0, 2:0
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"Uns fehlen die Eier!": Müller wütet - und erhält Zuspruch

Das Bayern-Urgestein findet im Interview nach der Pleite gegen Leverkusen klare Worte und nimmt die Mannschaft in die Pflicht.

Foto: © getty

Der große FC Bayern München erlebt gegen Bayer Leverkusen eine der empfindlichsten Niederlagen der vergangenen Jahre.

Dass der Serienmeister das Spiel gegen die vor Selbstvertrauen strotzende "Werkself" verliert, geht in Ordnung. Die Art und Weise, wie man schlussendlich in die 0:3-Pleite schlitterte, mit Sicherheit nicht.

Während auf der einen Seite nun endgültig vom ersten Meistertitel geträumt wird, hängt in München wieder einmal der Haussegen schief.

Elfmal in Folge konnten die Bayern zuletzt die Bundesliga gewinnen, die Zeiten der Dominanz scheinen mittlerweile in weite Ferne gerückt. War man in der Vorsaison nur gerade so noch am letzten Spieltag an Borussia Dortmund vorbeigezogen, liegt Leverkusen nun bereits fünf Punkte vor dem FCB.

Und ist - wie das direkte Duell beweist - aktuell die klar bessere Mannschaft.

Müller lässt Gefühlen freien Lauf

"Die Bayern gewinnen heuer eher noch die Champions League als die Bundesliga", glaubt "Sky"-Experte Lothar Matthäus nach dem Abpfiff. Zu stark präsentiere sich das weiterhin ungeschlagene Leverkusen in dieser Saison, der Sieg über den Konkurrenten könnte nun den entscheidenden "Boost" bedeuten.

Die Enttäuschung und Ernüchterung ist auf Bayern-Seite groß. Vor allem aus Urgestein Thomas Müller bricht es im Interview heraus: "Uns fehlen, um unseren Oliver Kahn zu zitieren, teilweise die Eier und diese Freiheit in unserem Spiel."

In Ballbesitz sieht er seine Mannschaft viel zu verkopft und zieht Vergleiche mit dem Gegner: "Wenn du Leverkusen siehst: Da ist doch nicht jeder Schachzug geplant. Da taucht ein Grimaldo plötzlich rechtsaußen auf, obwohl er Linksverteidiger ist. Die zocken einfach, die spielen Fußball!"

"Wovon ich spreche, sind Entscheidungen vor allem mit Ball, das hat was mit der Spielintelligenz zu tun, mit der Selbstständigkeit", meint der 34-Jährige. Im Training würde das immer hervorragend funktionieren, wenn es darauf ankommt dann aber viel zu selten.

Der Sieg für Bayer sei "absolut verdient", meint er abschließend, "Die Analyse können wir kurz halten."

Tuchels Systemänderung sorgt für Unverständnis

Die Frage, ob die mangelhafte Ummünzung von Trainings- auf Spieltagsperfomance auch an Cheftrainer Thomas Tuchel liegen könnte, lässt Müller nicht zu: "Es waren heute genügend Spieler von internationalem Format auf dem Platz, deswegen brauchst du gar nicht gegen den Trainer zu gehen", entgegnet er dem Interviewer scharf.

Dennoch sieht sich Tuchel auch nach dem Leverkusen-Spiel wieder Kritik ausgesetzt, was primär an der überraschenden Grundausrichtung, mit der er seine Elf auf den Platz schickte, liegt. Erstmals lief der FC Bayern in dieser Saison in einer Dreier- bzw. Fünferkette auf und wich somit vom bewährten 4-2-3-1-System ab.

Fragwürdig erscheint diese Entscheidung zudem deswegen, weil das verfügbare Spielermaterial nicht wirklich mit der Formation vertraut war. Neuzugang Sacha Boey - eigentlich Rechtsverteidiger - musste als linker Schienenspieler ran und sah besonders beim 0:1 sehr schlecht aus, als er viel zu weit einrückte und komplett auf Torschütze Stanisic vergaß.

Desweiteren findet TV-Expertin Julia Simic: "Dass du komplett aus deinem Rahmen und deiner Formation rausgehst, um sich an einen Gegner anzupassen, gefällt mir nicht." Auch deswegen, weil sich ein Verein wie der FC Bayern zumindest auf nationaler Ebene niemals an einen Gegner anpassen sollte, sondern umgekehrt.

Stanisic-Leihe wird engültig zum Fauxpas

Tuchel selbst bemüht sich im Interview, das Geschehene mit seiner gewohnt analytischen Art aufzuarbeiten, gibt aber auch zu, dass Müller mit seiner Kritik "nicht unrecht" habe.

"Wir hatten eine ganze Woche Zeit, uns darauf vorzubereiten. Wir wollten sehr offensiv verteidigen und den Spielfluss von Leverkusen gar nicht aufkommen lassen. Aber wir haben wahnsinnig schlechte Entscheidungen getroffen", so der Coach.

Auch Sportdirektor Christoph Freund stimmt Müller zu: "Das ist mittlerweile eine alte Leier bei uns. Wir trainieren gut und dann sieht es im Spiel nicht so aus. Es geht nichts leicht von der Hand, wir haben wenige gelungene Spielzüge und erarbeiten uns gegen tief stehende Gegner fast keine Chancen."

Ein Blick auf die Statistiken von Stürmerstar Harry Kane bestätigen diese These: Der Engländer kommt nach 90 Minuten auf zwei Ballkontakte im gegnerischen Strafraum und einen einzigen Abschluss: "Als Mittelstürmer bist du einfach von der Mannschaft abhängig", weiß auch Lothar Matthäus.

Dass ausgerechnet Leihgabe Josip Stanisic zum Dosenöffner für Leverkusen wird, streut zusätzlich Salz in die Wunde. Die Entscheidung, den Kroaten im Sommer an die Werkself abzugeben, bereut man in München schon länger, was auch an der weiterhin dünnen Personaldecke liegt. 

Xabi Alonso setzte im Topspiel dann überraschend auf Stanisic anstelle von Starspieler Jeremie Frimpong. Es sollte sich als kluger Schachzug erweisen, am Ende trafen beide Spieler und mit Alejandro Grimaldo auch der dritte "Schienenspieler".

Das Paradebeispiel eines funktionierenden Systems - ganz anders als bei den Bayern.


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