"Man kann sich für höhere Ligen empfehlen"

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Die 50-jährige Geschichte Hansa Rostocks ist eine sehr ereignisreiche.

Letzter DDR-Meister, mit zwölf Bundesligateilnahmen erfolgreichste Mannschaft der ehemaligen DDR im wiedervereinigten Deutschland und die ehemalige Heimat vieler legendärer Kicker.

Seit einiger Zeit geht es aber stets bergab. Seit 2010 spielt man nur noch drittklassig, dort kämpft die Hansa im Abstiegskampf um das sportliche Überleben.

Teil dieser Rostocker Geschichte sind seit einem bzw. einem halben Jahr auch zwei Österreicher. Marco Kofler wagte im vergangenen Winter von Wacker Innsbruck den Sprung nach Deutschland, sein Tiroler Landsmann Julius Perstaller folgte ihm ein halbes Jahr später aus Ried.

„Ich habe den Schritt nicht bereut“, meint Kofler, dem zuletzt bei der 1:4-Niederlage gegen Magdeburg sein erster Liga-Treffer für Hansa gelang, im Gespräch mit LAOLA1.

Schwere Situation

Hansa Rostock hat viel Glanz der vergangenen Tage verloren, steht in der dritten Liga nur einen Punkt vor Abstiegsrang 18. „Wir haben uns die Saison ganz anders vorgestellt. Wir sind im Herbst gut gestartet, auch im Pokal (Niederlage im Elfmeterschießen gegen Kaiserslautern, Anm.). Dann hatten wir unter unserem alten Trainer Karsten Baumann eine Serie, wo wir 13 Spiele nicht gewinnen konnten“, versucht Kofler die Lage zu erklären. „Da sind wir einfach in einen „Strudel“ hineingeraten, aus dem wir mit dem neuen Trainer Christian Brand wieder ein bisschen herausgekommen sind.“

Während der 26-Jährige sowohl unter dem alten Coach als auch unter Neo-Trainer Brand im defensiven Mittelfeld gesetzt ist, tut sich Perstaller schwer, auf sich aufmerksam zu machen. Unter Brand spielte der Stürmer in zehn Spielen erst 70 Minuten, wurde kurzfristig sogar in der zweiten Mannschaft geparkt und erzielte in der gesamten Saison erst einen Treffer.

Kofler fasste bereits drei Sperren aus
Foto: © getty

„Am Anfang ist es gut gelaufen, doch dann haben wir eine schlechte Phase gehabt, in der es mir auch nicht gut gegangen ist. Dann habe ich immer weniger gespielt, war immer seltener in der Startelf“, weiß der ebenfalls 26-jährige Perstaller, das von ihm mehr erwartet wird.

Der neue Übungsleiter macht den beiden Tirolern auf jeden Fall Mut, dass man auch dieses Jahr den Klassenerhalt schafft. „Wir sind auf einem guten Weg, die Frühjahrs-Vorbereitung hat eigentlich gut ausgesehen, das erste Spiel ist aber gleich in die Hose gegangen. In der dritten Liga ist viel Kampf angesagt, das haben wir vielleicht ein wenig vernachlässigt“, so der Ex-Rieder.

Fanliebling Kofler

Einen Teil der Historie Hansa Rostocks prägt auch die starke Ultras-Szene. „Für viele gibt es nichts anderes als am Wochenende ins Stadion zu gehen, das merkt man auch am Spielfeld“, berichtet Perstaller fasziniert. Selbst in dieser Saison pilgern durchschnittlich 13.486 Anhänger zu den Heimspielen.

Die Fans sind ob der mäßigen Leistungen auf dem Platz momentan allerdings nicht begeistert. „Für sie ist der Verein alles und sie können schon Druck machen. Wenn wir verlieren, steht man natürlich auch am Zaun und muss sich rechtfertigen, da die Leistungen nicht gut waren. Die Fans fahren zu den Auswärtsspielen mitunter zehn Stunden hin und wieder zurück, da verlangen sie eine anständige Leistung“, kann Kofler den Unmut verstehen.

Er selbst gilt als Fanliebling. Man schätzt seine kämpferische Leistung, das war bei Wacker nicht immer so. „Ich bin kein Filigrantechniker, ich komme eher durch den Kampf ins Spiel. Die Leute mögen mich, aber von einem Fanliebling möchte ich auch nicht reden“, relativiert der Defensivspieler.

Ein Standing, dass sich Perstaller noch erarbeiten muss: „Hätte ich zehn Tore mehr geschossen, wäre ich sicher ein größerer Fanliebling. Der Kofi hat im letzten Jahr eingeschlagen und mitunter den Abstieg verhindert. Da ist es logisch, dass er einen guten Stand hat.“

Bekannte Aufgabe

Beide Spieler, die auch schon gemeinsam die Tiroler Akademie durchliefen, kennen den Abstiegskampf bereits bestens aus den Jahren beim FC Wacker. Eine Erfahrung, die in der aktuellen Situation weiterhilft? „Es ist schon eine ähnliche Situation, weil sich das ganze Umfeld alles ganz anders vorstellt. Klar habe ich Erfahrung im Abstiegskampf, aber auf die hätte ich gerne verzichten können“, würde Kofler lieber wieder einmal in den oberen Tabellenbereichen stehen.

Foto: © GEPA

Sein Wechsel vom Tiroler Traditionsklub zu jenem aus Rostock kam für viele überraschend, auch für ihn selbst: „Es war an einem Wochenende, zwei Tage vor Transferschluss. Mich hat Florian Klausner, der damalige Wacker-Sportdirektor, angerufen und mir vom Interesse Hansa Rostocks berichtet. Die Zeit in Innsbruck war eine schöne. Aber es ist immer negativ gelaufen, die letzten drei Jahre waren für den Kopf zach. Daher habe ich mir gedacht, es würde nicht schaden, etwas anderes zu erleben und von zuhause weg zu kommen.“

Am Transfer von Perstaller sechs Monate später war er zumindest nicht unbeteiligt. „Es war schon ein Zufall, er hat mich nicht hinauf transferiert. Sie haben einen Stürmer gesucht und haben sich umgeschaut. Aber er hat natürlich nicht gesagt: ‚Nein, den braucht's nicht holen‘“, schildert der achtfache U21-Nationalspieler.

Empfehlung für Höheres

Das Auslandsabenteuer soll für die Beiden aber nicht in der deutschen 3. Liga enden, wie sie unisono erklären: „Wenn es in der 3. Liga gut läuft, kann man sich auch für höhere Ligen empfehlen.“

Unbedingt einmal im Ausland spielen, wie es viele österreichische Bundesligaspieler als Ziel ausgeben, wollten beide nicht, aber „wenn sich die Möglichkeit ergibt, dass man nach Deutschland wechseln kann, dann nimmt man die Chance gerne an“, erklärt Kofler.

Gleichzeitig lobt er auch das Niveau der dritten Liga: „Einige Mannschaften könnten sicher in der österreichischen Bundesliga mithalten, aber ich möchte auch den österreichischen Fußball nicht schlecht machen.“

Den Heimatverein immer noch im Herzen

Auch wenn Perstaller und Kofler mittlerweile rund 950 Kilometer von der Tiroler Heimat entfernt wohnen, verfolgen sie die Entwicklungen bei ihrem Heimatverein Wacker Innsbruck weiterhin gespannt: „Wir versuchen jedes Spiel zu sehen.“

Beim  letzten Aufstieg der Schwarz-Grünen waren beide noch aktiv mit von der Partie. Kofler erkennt Parallelen zwischen dem damaligen Team und dem Wacker der Gegenwart: „Sie spielen erfolgreichen Fußball, nicht immer den schönsten, aber den haben wir damals auch nicht gespielt.“

Geht es nach dem Defensivspieler, gehört der Tabellenführer der Ersten Liga eine Spielklasse höher: „Innsbruck gehört einfach aufgrund des Umfelds, der Fans und dem Stadion in die Bundesliga.“

Ein Satz, den man nahezu eins zu eins auf Rostock umlegen kann.


Julian Saxer

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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