Der ewige Gigi

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Eine ganze Generation Fußball-Fans muss googlen, wenn sie nach der letzten italienischen Nummer eins vor Gianluigi Buffon befragt wird. Francesco Toldo ist die Antwort.

13,8 Prozent der italienischen Staatsbürger, also rund 8,5 Millionen, sind 14 Jahre oder jünger. Seit sie auf der Welt sind, steht er im Tor der „Squadra Azzurra“, Gigi Nazionale. Stellt sich im italienischen Nationalteam die Tormannfrage, dann geht es nur darum, wer die Nummer zwei und wer die Nummer drei ist.

Wer Buffon bei der EURO 2016 in Frankreich beobachtet, der merkt schnell, dass es diesem Mann mehr Spaß macht denn je. Besingt Buffon vor dem Anpfiff die „fratelli d’Italia“, tut er das inbrünstig wie kaum ein zweiter. Klatscht er dann mit seinen Gegenspielern ab, tut er das mit einem breiten Grinsen, das an die Vorfreude eines kleinen Kindes beim Bestellen des geliebten Gelato erinnert.

Die Aura eines, der schon alles gesehen hat

Während der 90 Minuten auf dem Feld präsentiert sich der Goalie agil und in Bestform. Und nach dem Sieg hängt er sich an die Querlatte, um zu feiern. Wären da nicht die vielen grauen Bartstoppel, die sich zunehmend lichtenden Schläfen und vor allem diese unglaubliche Aura eines, der schon alles gesehen hat, niemand käme auf die Idee, dass dieser Mann Ende Jänner seinen 38. Geburtstag gefeiert hat.

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160 Länderspiele hat Buffon schon bestritten, insgesamt waren es 965 Pflichtspiele, in denen er zwischen den Pfosten stand. Wer sich alle Auftritte der Tormann-Legende am Stück ansehen will, benötigt dafür rund zwei Monate.

Der Glaube an das Nationalheiligtum Calcio

Am 19. November 1995 stand der Keeper aus der Toskana zum ersten Mal im Tor des AC Parma. Der 17-Jährige brachte den späteren Meister AC Milan zur Verzweiflung, allen voran die beiden Weltfußballer Roberto Baggio und George Weah, gegen die er jeweils im Eins-gegen-Eins die Oberhand behielt. Weah hat in seiner Heimat Liberia inzwischen Wahlkämpfe um diverse politische Ämter, unter anderem das des Staatsoberhauptes, hinter sich gebracht. Buffon spielt immer noch.

Und er hat sich längst den Ruf des besten italienischen Torhüters aller Zeiten erworben. Obwohl die Konkurrenz durch Dino Zoff, der mit 40 Jahren noch Weltmeister wurde, ziemlich groß ist. Doch auch Buffon, mittlerweile dreifacher Vater, wurde schon Weltmeister. 2006, als Italiens Fußball ob des Manipulationsskandals endgültig im Chaos zu versinken drohte, führte er die Nationalmannschaft in Deutschland zum ganz großen Triumph und gab seinen Landsleuten den Glauben an das Nationalheiligtum Calcio zurück.

Loyalität und Kratzer

Dass er anschließend als Weltmeister mit Juventus Turin den bitteren Gang in die Serie B antrat und in den Provinzstadien von Cesena, Rimini, Arezzo und Frosinone mit demselben Ehrgeiz wie noch kurz zuvor bei der WM 2006 aufzutreten, war ein beispielloses Zeichen der Solidarität.

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Obwohl Juventus auf dem Stiefel gleichwohl der beliebteste und meistgehasste Klub ist, können sich alle auf Buffon einigen. Die über Jahrzehnte hinweg überragenden Leistungen des Portiere ringen jedem großen Respekt ab.

Und vielleicht sind es auch die kleinen Kratzer, die sein Image immer wieder abgekriegt hat, die ihn letztendlich trotzdem noch menschlich erscheinen lassen. Buffon war wegen illegaler Wetten angeklagt, gab einst zu, Depressionen gehabt zu haben und hat zu Beginn seiner Karriere mit dem Faschismus sympathisiert.

Letzteres bezeichnete er längst als „Fehler aus Ignoranz“. Inzwischen gilt Buffon als Anhänger des Sozialdemokraten Matteo Renzi und lässt sich bei Antirassismus-Kampagnen auch nicht zweimal bitten.

Der Zufall und ein Kameruner waren schuld

Dabei war es – wie so oft im Leben – Zufall, dass aus Buffon überhaupt ein Tormann wurde. Ursprünglich bildete Parma den jungen Mann im defensiven Mittelfeld aus. Erst als sich die beiden Goalies der Nachwuchsmannschaften verletzten, stellte er sich zwischen die Pfosten. Dabei erinnerte er sich an Thomas N’Kono – Kameruns Teamtormann, der ihn bei der WM 1990 so sehr beeindruckt hatte. „Ihm zu Ehren habe ich meinen Sohn Louis Thomas genannt“, verriet er einmal.

Tausende Tormänner haben seither Buffon zu ihrem Vorbild auserkoren. Und unzählige italienische Talente sind am Label „neuer Buffon“ gescheitert. Aktuell ist es Milans 17-jähriges Wunderkind Gianluigi Donnarumma, das als Buffons legitimer Nachfolger gilt. Auch ein Gigi. Der Druck ist riesig.

Doch Buffon wird dem Teenager noch ein wenig Zeit geben. Denn die WM 2018 ist das erklärte Ziel. Solange läuft auch sein Vertrag bei Juventus noch.

Es wäre die sechste WM-Teilnahme des Italieners – ein neuer Rekord, von denen er schon so viele in der Tasche hat. Und es würde sich ein Kreis schließen. Am 29. Oktober 1997 ist Buffon in Moskau zum ersten Mal im Tor der „Squadra Azzurra“ gestanden. Der Mann, für den er damals eingewechselt wurde: Gianluca Pagliuca. Der Autor dieser Zeile musste das googlen.

Harald Prantl


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