"Ich werde erst nach der Karriere reflektieren"

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U20-WM-Held 2007, EM-Teilnehmer 2008, langjähriger Legionär bei Werder Bremen und Watford, Führungsspieler im ÖFB-Team.

Sebastian Prödl gehört zu jenen Protagonisten, die den rot-weiß-roten Fußball-Aufschwung im vergangenen Jahrzehnt nicht nur hautnah erlebt, sondern auch geprägt haben.

Im LAOLA1-Interview wagt er den Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart und erklärt, auf welche Momente es für "das neue Österreich" bei der EURO in Frankreich ankommen wird. 


LAOLA1:
Wie wichtig war es, in der ersten Woche der Vorbereitung dem Trubel in Österreich zu entfliehen?

Sebastian Prödl: Sehr wichtig. Ich habe das 2008 erlebt, damals habe ich noch in der österreichischen Liga gespielt. Die Meisterschaft war Mitte April vorbei. Es folgten acht Wochen Berichterstattung, acht Wochen Druckausübung, acht Wochen Europhorie. Ich sage nicht, dass es für mich damals als jungen Spieler zu viel war, aber es war schon eine große Herausforderung, damit umzugehen. Bis auf zehn Tage in Sardinien waren wir 2008 vor der EM fast die ganze Zeit in Österreich. In der Schweiz hatten wir jetzt mehr Ruhe, weniger Stress. Das heißt gar nicht, dass wir die österreichischen Fans und die Euphorie nicht brauchen, darauf freuen wir uns riesig. Aber um nach so einer harten Saison den Kopf freizubekommen, hat die Schweiz, die optisch Österreich ohnehin ähnelt, schon gut getan.


LAOLA1: Es wird immer wieder betont, dass man den Kopf frei bekommen muss. Wie hart ist solch eine Saison wirklich? Kannst du das aus Spielersicht beschreiben?

Prödl: Einige waren im Abstiegskampf, einige im Meisterschaftskampf, andere hatten Verletzungen. Es ist schon eine lange Saison – und auch wenn es nicht jeder zugeben mag, hast du die EURO im Hinterkopf. Du spielst quasi mit Vorfreude auf die EURO, bist aber trotzdem auf den Klub konzentriert. Das sind mentale Aufgaben, die nicht so leicht zu steuern sind. Das spielt sich im Unterbewusstsein ab. Nach der Saison merkst du, dass du zwar nicht die Lust verloren hast, aber einmal komplett vom Fußball wegkommen willst. Du liest keine Zeitung, öffnest keine Internet-Apps, willst nichts über Fußball lesen. So war es zumindest bei mir. Nach einer Woche Bewegungsfreiheit freust du dich aber wieder auf den Ball. Diese Freude muss geschürt werden, und das hat gut funktioniert.

LAOLA1: Du hast den medialen Druck bei der Heim-EM 2008 angesprochen. Entwickelt man über die Jahre Strategien, damit umzugehen?

Prödl: 2008 war ich 20, jetzt bin ich 28, habe ein paar Jahre mehr auf dem Buckel, Erfahrung gesammelt und weiß, wie ich das am besten einschätzen soll. Man durchlebt auch bei solchen Themen wie Druckbewältigung einen Reifeprozess. Ich denke schon, dass ich einordnen kann, wie viel Druck man an sich ranlässt, wie viel Druck man verwendet, um sich zu motivieren und wie viel Druck man ablässt, um nicht zu straucheln.

"So ein Turnier lebt nur vom Moment. Und so einen Moment darfst du nicht verpassen. Dafür gibt es in so einem Turnier zu wenige Momente, um einen auszulassen."

Sebastian Prödl

LAOLA1: Wie funktioniert das konkret? Ist das die Erfahrung, dass man weiß: Hinter dieser Schlagzeile steckt vielleicht doch nicht so viel, wie man meinen möchte?

Prödl: Genau. Man lässt Schlagzeilen und Berichte anders auf sich wirken. Man hat eine klarere Sicht auf die Dinge. Man kann die Situationen für sich einschätzen, unabhängig davon, wie sie von anderen berichtet werden. Von dem her ist man da schon ein bisschen ruhiger.

LAOLA1: Wird das Thema Turniererfahrung deiner Meinung nach über- oder unterschätzt?

Prödl: Es wird unterschätzt, weil ein Turnier etwas ganz anderes ist als eine Quali oder ein Freundschaftsspiel.

LAOLA1: Du hast 2008 und zuvor bei der U20-WM 2007 reichlich Turniererfahrung gesammelt. Was heißt das für diese EURO?

Prödl: Jeder, der an die EURO denkt, denkt an die drei Vorrunden-Spiele. Aber für uns Spieler ist alles auf Ungarn fokussiert. Portugal und Island sind noch gar nicht in unseren Köpfen. In der Öffentlichkeit denkt jeder: Wie viele Punkte müssen wir aus diesen drei Spielen holen, um gegen wen in der nächsten Runde zu spielen? Wir Spieler beschäftigen uns gar nicht damit, was sein könnte, wenn wir aufsteigen, oder was passiert, wenn wir Ungarn schlagen und was das für das Portugal-Spiel heißt. Der Fokus liegt rein auf dem Ungarn-Spiel. Und nach dem Ungarn-Spiel auf dem Portugal-Spiel. So ein Turnier lebt nur vom Moment. Und so einen Moment darfst du nicht verpassen. Dafür gibt es in so einem Turnier zu wenige Momente, um einen auszulassen. Mit diesem Druck musst du im Spiel umgehen. Denn so groß die Berichterstattung und das Tamtam davor auch sind, so schnelllebig kann ein Turnier dann sein, wie wir 2008 erfahren durften.


LAOLA1: Damals hast du wegen deiner zweiten Gelben Karte den Moment des Showdowns mit Deutschland verpasst.

Prödl: Ich habe auch 2008 tolle Erfahrungen gemacht, unabhängig davon dass ich gegen Deutschland gesperrt war. Ich bin Gott sei Dank als Stammspieler in dieses Turnier gegangen, habe das Vertrauen bekommen. Es hat mich weitergebracht, mit so einem Druck umgehen zu lernen – als Stolz der Nation vor vollem Haus. Es war ein tolles Erlebnis. Es war ein Highlight meiner Karriere und wird es immer bleiben, auch wenn wir nur ein Unentschieden geholt haben. Genauso hoffe ich, dass die EURO 2016 ein Highlight wird – in welchem Umfang auch immer. Ich möchte auch an dieses Turnier gute Erinnerungen haben. Das ist mein einziger Wunsch.

"Wir sind Österreicher und waren vor der Ära Koller sehr stark darin, mathematisch zu denken und uns die Quali auszurechnen – wenn wir den Punkt holen und das Tor schießen, geht die und die Formel auf und wir qualifizieren uns für das und das Turnier. Nichts davon ist eingetreten."

Sebastian Prödl

LAOLA1: Wie sehr erleichtert euch das Von-Spiel-zu-Spiel-Denken, das Teamchef Koller installiert hat, das Leben? Ihr tretet in der Kommunikation sehr einheitlich auf.

Prödl: Wir sind Österreicher und waren vor der Ära Koller sehr stark darin, mathematisch zu denken und uns die Quali auszurechnen – wenn wir den Punkt holen und das Tor schießen, geht die und die Formel auf und wir qualifizieren uns für das und das Turnier. Nichts davon ist eingetreten. Wir waren damit nicht erfolgreich. Daher haben wir ein bisschen etwas umgestellt, an ein paar Schrauben gedreht und waren erfolgreich. Es wäre doch vermessen, diese Taktik und Sichtweise jetzt zu ändern.

LAOLA1: Den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun, ist selten schlau, aber vielleicht ein bisschen österreichisch. Viele ÖFB-Kicker spielen seit Jahren im Ausland. Wie unösterreichisch ist dieses Team inzwischen von der Mentalität her?

Prödl: Gar nicht unösterreichisch! Das ist das neue Österreich! Wir laufen immer noch mit dem Adler auf, fliegen gerne nach Österreich zurück, haben alle den österreichischen Pass und spielen für Österreich, um die Zuschauer stolz zu machen und erfolgreich zu sein. Ich würde eher sagen, das ist eine neue Art, die wir kreiert haben. Vor ein paar Jahren habe ich einmal von einer Marke, die wir schaffen müssen, gesprochen. Die Identifikation ist vorhanden, die Zuschauer kommen ins Stadion. Sie wissen, wozu wir in der Lage sind, was sie einfordern dürfen, was wir auch von uns selbst erwarten. Natürlich hat es damit zu tun, dass mittlerweile fast alle Spieler im Ausland Erfahrungen sammeln durften. Das ist genau der richtige Weg. Andere Nationen haben uns das vorgemacht, dass sie mit Legionären eine erfolgreiche Mannschaft zusammengebastelt haben. Der Teamchef vertraut den Spielern, für die er sich entschieden hat – und das ist sowas von österreichisch, auch wenn er ein Schweizer ist.

LAOLA1: Du bist inzwischen seit acht Jahren weg aus Österreich. Bekommt man da einen anderen Blick auf die Stärken und Schwächen Österreichs?

Prödl: Wir Österreicher sind schon ein bisschen gemütlicher. Wenn 80 Prozent reichen, gibt der Österreicher nur 80 Prozent, weil es eh reicht. Das ist leider auch in manchen Freundschaftsspielen der Fall, die wir mit Österreich bestreiten. Das würde ich als eine unserer Schwächen bezeichnen, die wir auf alle Fälle abstellen müssen. Die Arbeitsmoral, 90 Minuten Gas und immer 100 Prozent zu geben, habe ich in Deutschland eingeimpft bekommen. Das predigt uns auch der Teamchef. Es ist ganz gut, dass man diese Einflüsse aus dem Ausland hat, um sie für Österreich zu nutzen.


LAOLA1: Während der EM wirst du 29. Denkst du dir hin und wieder: Wahnsinn, wie die Zeit verfliegt?

Prödl: Das denke ich mir schon hin und wieder, aber ich fühle mich noch überhaupt nicht alt für einen Fußballer. Ich bin körperlich in einer sehr guten Verfassung und genieße es eigentlich. Ich habe Gott sei Dank die Absicherung eines langjährigen Vertrags, bin dadurch relativ ruhig und entspannt. Deswegen kann ich all meine Gedanken auf das aktuelle Geschäft fokussieren.

LAOLA1: Ist dir in deiner Laufbahn alles so aufgegangen, wie du es dir vorgestellt hast? Du spielst seit 2008 im Ausland, wo ein anderer Wind weht. Wenn dein Vertrag in Watford ausläuft, könntest du zwölf Jahre im Ausland gespielt haben.

Prödl: Ich habe mir vorgenommen, erst nach der Karriere zu reflektieren und zurückzublicken. Natürlich genießt man ab und zu das Erreichte, aber es bleibt sehr wenig Zeit, wirklich darüber nachzudenken und sich darüber zu freuen, denn der Fußball ist so schnelllebig. Ich habe natürlich das Ziel, so lange wie möglich im Ausland zu bleiben, aber es gibt dir keiner die Garantie dafür. Natürlich kannst du langjährige Verträge abschließen, aber wenn es nicht funktioniert, werden im Fußball Verträge auch wieder aufgelöst, und du musst dich anderweitig umschauen. Ich versuche, kontinuierlich weiterzuarbeiten, damit sich dieser Traum erfüllt und ich so lange wie möglich auf höchstem Niveau spielen kann. Denn ich genieße den Fußball einfach. In England habe ich jetzt noch einmal einen Input, der meiner Entwicklung gut tut, bekommen.

LAOLA1: Gilt diese Herangehensweise auch für das Nationalteam? Bei einer solch stattlichen Anzahl an Länderspielen könnte ja irgendwann der Punkt kommen, an dem man sagt: Darauf kann ich wirklich stolz sein.

Prödl: Ja, das kommt schon öfter vor. Selber weiß ich die Anzahl nie so genau, aber wenn Freunde mir mitteilen, dass ich jetzt 56 Länderspiele habe und ich noch so oder so viele Spiele brauche, um etwaige ÖFB-Größen einzuholen, erfüllt mich das schon mit Stolz. Gleichzeitig motiviert es auch, sich zu sagen: Setz noch mal einen drauf, erfülle dir noch das eine oder andere Länderspiel, weitere Träume, die eine oder andere Quali. Dann wird man sehen, was dabei herauskommt. Es ist im Fußball nie irgendetwas vorgezeichnet, du musst immer hart dafür arbeiten. Daher tut man als Profi gut daran, kontinuierlich weiterzumachen und nicht schon während der Karriere zu sehr in irgendwelchen Erinnerungen zu schwelgen oder sich irgendwie feiern zu lassen. Denn von heute auf morgen kann es genauso schnell in die andere Richtung gehen.

"Ich bin gespannt, ob Pep Guardiola bei Manchester City hinkriegt, was er mit Barcelona und Bayern hinbekommen hat und seinen Fußball-Stil auch so durchsetzt. Denn der Fußball in England ist schon ein wenig anders."

Sebastian Prödl

LAOLA1: Vor einem Jahr ging es für dich Richtung England. Dort spricht jeder über das Wunder Leicester. Wie ist deine Meinung?

Prödl: Es gibt gespaltene Meinungen. Viele sagen, dass Leicester als Meister nicht für die Liga spricht. Andere sagen, es spricht für die Liga, weil sie sehr ausgeglichen ist und auch vermeintlich kleinere Mannschaften etwas erreichen können. Ich glaube, an beidem ist etwas dran. Es ist ohne Frage eine Überraschung, aber Leicester hat sehr gute Spieler in seinen Reihen. In Deutschland hätte der Aufsteiger nach zwei Jahren in der Liga keine Chance, Meister zu werden. In England gibt es schon ein anderes Potenzial um zu investieren. Die Ausgeglichenheit in der Liga ist ein bisschen höher, was man auch daran sieht, wie souverän wir mit Watford die Liga gehalten haben. Auch vermeintlich kleinere Vereine sind dazu in der Lage, richtig konkurrenzfähig zu sein.

LAOLA1: Fängt man selbst zu träumen an, wenn man sieht, im Fußball gehen Dinge, die niemand für möglich gehalten hätte?

Prödl: Sicher träumt man. Ich glaube, das ist das beste Beispiel dafür. Natürlich glaube ich kaum, dass Leicester Serien-Meister wird, aber es gibt kleineren Vereinen natürlich die Hoffnung, dass vieles möglich ist.

LAOLA1: Machen die Großen in der Premier League Fehler? Es ist sehr viel Geld am Markt, jetzt kommt noch mehr Geld…

Prödl: Ich denke, dass die Großen keine Fehler machen, aber Leicester hat in diesem Jahr konstant auf höchstem Niveau gespielt. Der Fußball ist einfach ein Auf und Ab, genauso bei den großen Vereinen. Viele Top-Vereine, sei es Manchester United, Chelsea oder Liverpool, durchleben gerade einen Wechsel. Du siehst bei diesen Vereinen, dass sie sehr viele junge Spieler holen und versuchen, eine neue Generation aufzubauen. Der temporäre Erfolg ist natürlich erwünscht, aber nicht das Hauptziel. Arsenal kriegt es trotz des schönen Fußballs seit Jahren nicht hin, den Meistertitel zu gewinnen. Meiner Meinung nach hätten sie es irgendwann verdient, dieses Jahr wäre es möglich gewesen. Tottenham spielt einen hervorragenden Fußball und hat eigentlich lange Zeit eine gefühlte Meistersaison hingelegt.

LAOLA1: Du hast in Deutschland schon einmal diesen Guardiola-Hype miterlebt. Nun kommt er in die Premier-League zu Manchester City. Freust du dich schon?

Prödl: Ich bin gespannt, ob er bei Manchester City hinkriegt, was er mit Barcelona und Bayern hinbekommen hat und seinen Fußball-Stil auch so durchsetzt. Denn der Fußball in England ist schon ein wenig anders, ein bisschen körperbetonter. Natürlich freut es mich, wenn so ein Trainer in die Premier League kommt. Ich denke, auch Jürgen Klopp tut der Liga sehr, sehr gut.

LAOLA1: Ist für dich eine Heimkehr nach Österreich – sei es als Aktiver oder als Privatperson nach der Karriere – vorstellbar? Oder ist es denkbar, dass du im Ausland bleibst?

Prödl: Ich denke schon, dass es mich nach Österreich zurückzieht. Ob dauerhaft, kann ich heute noch nicht sagen. Weil mich das Reisen, das man im Fußball mitbekommt, als „Nomade“ zu leben, verschiedene Eindrücke zu bekommen, verschiedene Lebenseinstellungen aus diversen Kulturen mitzukriegen, immer schon interessiert hat. Auch wenn jetzt die englische Kultur nicht unbedingt meine favorisierte ist. Trotzdem spürst du gerade in London den Einfluss verschiedener Kulturen. Das würde es spannend machen, auch weiterhin im Ausland zu arbeiten. Natürlich kommt es auch auf die Familienplanung an und darauf, wo auf der Welt sich Freunde aufhalten. Ich habe keine Lust irgendwo zu wohnen, wo ich mir einen ganz neuen Freundesstamm aufbauen muss. Das Hauptziel ist also eine Rückkehr nach Österreich, aber mit der Option, Erfahrungen in anderen Ländern zu sammeln.

LAOLA1: Bist du eher der Trainer- oder Sportdirektor-Typ?

Prödl: Wenn ich nur diese zwei zur Auswahl habe, eher Sportdirektor. Man muss weitsichtiger denken, mehr planen, man bekommt eine andere Sichtweise. Man trägt nicht nur auf dem Spielfeld die Verantwortung, sondern auch rundherum.


Das Gespräch führte Peter Altmann

In dieser Woche gab es einiges zum Schmunzeln:


Der Teamchef hat einen dringenden Wunsch!


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