Taktik-Analyse: Wo blieb Kollers Reaktion?

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Für Österreichs 0:2-Pleite gegen Ungarn gibt es viele Gründe.

Zum Beispiel die harte Gangart der Magyaren, der Ausschluss von Aleksandar Dragovic oder die mangelnde Passqualität der Österreicher.

Gleichzeitig waren die Ungarn aber auch taktisch einfach besser eingestellt. Bernd Storck erahnte, was die Österreicher vorhaben würden und stellte sein Team darauf ein. Daraufhin fehlte Marcel Kollers Mannschaft ein Plan B, um spielerisch überzeugen zu können. Gelb-Rot gegen Dragovic brachte endgültig das Chaos auf den Platz.

Arnautovic verpufft

Wie erwartet, versuchte das ÖFB-Team die ungarische Defensive vor allem über links zu knacken. Marko Arnautovic war es deswegen sogar gestattet, sich bei der Defensiv-Arbeit etwas herauszunehmen, um bei Konterangriffen schnell anspielbar zu sein.

Grundsätzlich ein nachvollziehbarer Plan von Koller, doch Ungarn hatte die Lunte gerochen. Die beiden Sechser, Adam Nagy und Zoltan Gera, waren extrem darauf bedacht, den Österreichern am linken Flügel keinen Raum zu geben. Auch Dribbelkünstler Balazs Dzsudzsak arbeitete brav hinten mit. „Wir wussten, dass man die Räume von Alaba, Arnautovic und Junuzovic einengen muss“, meinte Ungarns Co-Trainer Andreas Möller nach dem Spiel.

So hatte Arnautovic links kaum einmal Platz für gefährliche Aktionen. Nur manchmal konnte er sich dank seiner technischen Klasse trotzdem durchsetzen – dann wurde es auch prompt gefährlich. Zum Beispiel in der 41. Minute, als Harnik nach Vorarbeit des Stoke-Legionärs eine Riesen-Chance vergab - zu sehen hier in den Video-Highlights:


Kein Plan B

Weil Plan A nicht funktionierte, zeigten sich die Österreicher in der Offensive ratlos. Alternativen zum Angriff über Arnautovic gab es kaum. Die rechte Seite verwaiste völlig, auch weil Martin Harnik momentan schlicht völlig außer Form agiert (siehe Einzelkritik).

Der Teamchef muss sich vorwerfen lassen, auf die eindimensionale Spielweise nicht schon früher reagiert zu haben. Die Einwechslung eines spielstärkeren Akteurs am rechten Flügel, beispielsweise Marcel Sabitzer oder Alessandro Schöpf, hätte positive Impulse bringen können.

Stattdessen änderte Koller erst etwas, als die Partie quasi schon verloren war. Bis zwölf Minuten vor Schluss mussten die Fans warten, ehe Schöpf für Harnik ins Spiel kam.

Schlendrian aus der Vorbereitung noch immer drin

Zudem setzte sich ein Problem fort, das schon in den EM-Testspielen vermehrt auftrat: Die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen waren zu groß.

Dies wirkte sich sowohl offensiv als auch defensiv aus. Im Spielaufbau klaffte zwischen Angriff und Verteidigung ein zu großes Loch. Auch deswegen fanden die Österreicher kaum geeignete Passwege durch die ungarischen Reihen. Spielerische Dominanz suchte man vergeblich.

Stattdessen sorgte am ehesten noch das Gegenpressing für Gefahr. Immer wenn das ÖFB-Team den Ball in der gegnerischen Hälfte schnell zurückeroberte, zeigten sich die Ungarn verwundbar. Deswegen wirkte Österreich am besten, wenn das Tempo hoch gehalten wurde. Vor allem zu Spielbeginn gelang dies einige Male recht gut.

Alabas Stangenschuss resultierte beispielsweise aus einem gewonnen Zweikampf von Julian Baumgartlinger – einem der wenigen in Normalform agierenden ÖFB-Akteure.

Opfer des eigenen Fore-Checkings

Die Arbeit gegen den Ball funktionierte aber nicht immer so perfekt wie in dieser Situation. Wie schon gegen die Niederlande fehlte die Kompaktheit bei den Österreichern. Die Abwehr stand zu tief, um das vorne von Marc Janko und Zlatko Junuzovic forcierte Angriffspressing zu unterstützen. 

"Wir waren in der Defensive zu wenig kompakt. Die Räume zwischen den Linien waren zu groß". analysierte Koller.

So konnte sich Ungarn teilweise recht leicht freispielen. In der 62. Minute rächten sich die österreichischen Raumaufteilungsprobleme mit dem Gegentor endgültig. Sabitzer provozierte vorne einen langen Ball der Ungarn. Weil die Verteidigung aber gleichzeitig zu tief stand, wurde Österreich Opfer des eigenen Forecheckings.

Adam Szalai hatte nach dem hohen Pass viel Platz, um im Zwischenlinienraum die Kugel zu verarbeiten. Bis Österreichs Mittelfeld den Raum zumachen konnte, bekam er schon Unterstützung von Kleinheisler und Dzsudzsak. Ein Doppelpass später lag das ÖFB-Team 0:1 hinten.

Taktik-Blogger Istvan Beregi (thetacticalanalyst.wordpress.com) zeigt das Problem mit einem wunderbaren Analyse-Video auf:

Chaos nach dem Platzverweis

Das richtige Chaos brach bei Österreich aber erst nach dem Dragovic-Platzverweis aus. Eine Klasse-Mannschaft reagiert darauf normalerweise mit einem gefestigten Ersatz-System, das zunächst für defensive Stabilität und infolgedessen auch offensiv für Gefahr sorgt.

Österreich war an diesem Tag aber keine Klasse-Mannschaft. Baumgartlinger rückte für Dragovic zurück in die Innenverteidigung. Dazu agierte Arnautovic noch höher als bisher. Das Mittelfeld wurde dadurch komplett aufgegeben. Deswegen konnte man weder spielerisch etwas ausrichten, noch war man durch die fehlende Besetzung in der Mittelfeld-Zentrale vor ungarischen Kontern gefeit.

Hohe Bälle in die Spitze hätten in dieser Phase ein Mittel sein können, doch mit Janko nahm Koller vorzeitig seinen besten Kopfballspieler vom Platz. Für ihn kam Okotie, dessen ausweichende Bewegungen an die Seiten in dieser Situation eher einen negativen Effekt hatten.

Spannend wäre ein Schlussphase mit zwei Mittelstürmern gewesen. So jedoch blieb Österreich bis zum Schluss harmlos. Die Fehler gilt es nun zu analysieren und abzustellen. Gegen Portugal wartet taktisch ein ganz anderes Spiel auf das ÖFB-Team. Das könnte eine Chance sein.

 

Jakob Faber

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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