Lahnsteiner: "Anna ist für mich DIE perfekte Athletin"

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Sie ist Freeskierin, Film-Produzentin und Mentalcoach - Sandra Lahnsteiner.

Das Multitalent arbeitete zehn Jahre lang mit Anna Fenninger zusammen und begleitete diese bis zu ihrem Olympiasieg.

Zudem gründete die 34-Jährige die Plattform "Shades of Winter" und brachte bereits zwei Filme heraus.

Im großen LAOLA1-Interview spricht sie über ihren neusten Streifen Pure, den sie bereits in Wien vorstellte und bei dem sie sowohl als Athletin als auch als Produzentin mitwirkte.

Zudem verrät sie, wie es ist, mit Anna Fenninger zur arbeiten und was die 25-Jährige so einzigartig macht.


LAOLA1: Warum bist du Freeriderin geworden? Was fasziniert dich daran?

Sandra Lahnsteiner: Ich habe das Skifahren immer geliebt und zwar in allen Facetten. Vom Rennlauf über die Arbeit als Skilehrerin bis hin zum Abseitsfahren, für das ich irgendwann meine Liebe entdeckt habe. Als Freeriderin kann ich genau das machen, was ich immer machen wollte: Die Suche nach dem besten Schnee mit dem Reisen durch unheimlich schöne Länder verbinden.

LAOLA1: Welches Land fandest du bisher am spannendsten?

Lahnsteiner: Das ist schwer zu sagen. Ein sehr schöner und intensiver Trip war das Skifahren in Marokko. Das ist etwas sehr Außergewöhnliches. Dabei ging es nicht so sehr um die Performance beim Skifahren, sondern viel mehr um die Verbindung von Land, Leuten, Kultur und Skifahren in einem mehr oder weniger exotischen Land, in das andere Leute zum Sommerurlaub reisen. Extrem schön ist Skifahren auch in Japan, weil es unglaubliche Mengen an Tiefschnee gibt. Die größte Herausforderung für mich als Freeskier ist das Fahren in Alaska. Dort fährst du so steile Hänge, die du bei uns gar nicht fahren kannst. Nicht vergessen darf man, dass wir in Österreich in einem der schönsten Spielplätze – nämlich den Alpen – leben. Die sind einfach extrem vielseitig und haben viel zu bieten, deshalb müsste man gar nicht wegfahren, um alles mögliche ausprobieren zu können.

LAOLA1: In der internationalen Freeski-Szene bist du sehr bekannt, in Österreich allerdings weniger… Stört dich das, immerhin warst du selbst einmal alpine Rennfahrerin?

Lahnsteiner: Das bereue ich auf keinen Fall. Der Rennlauf hat zu Recht eine riesige Bedeutung in Österreich und der ganzen Welt, aber ich blicke nicht mit einem wehen Auge zurück, weil ich, lange bevor es in Richtung Profisport ging, gemerkt habe, dass ich einfach nicht schnell genug war. Ich bin unglaublich froh, dass sich meine Karriere als Athletin so entwickelt hat, wie ich es mir zu einem früheren Zeitpunkt nicht zu träumen gewagt hätte.

LAOLA1: Hast du dieses große Potenzial in Anna vermutet, als du angefangen hast, mit ihr zu trainieren?

Lahnsteiner: Ja. Ich habe Marcel und Anna schon sehr früh gekannt und beide waren im Salzburger Landesskiverband immer DIE Top-Talente, ebenso in der Skifachhochschule. Sie haben einfach alles in Grund und Boden gefahren, weil sie eine so gute Technik hatten. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass sie sich auf derart hohem Niveau weiterentwickeln und so vielseitig werden konnten.

LAOLA1: Du bist eine ihrer wichtigsten Bezugspersonen, warum arbeitest du nicht mehr mit ihr zusammen?

Lahnsteiner: Es war einfach an der Zeit. Als Sportler braucht man gewisse Veränderungen, irgendwann ist man gesättigt und braucht neue Reize. Ich sehe das nicht negativ und habe immer gewusst, dass es irgendwann passieren wird. Mit so einem Erfolg aufzuhören, ist natürlich besonders schön. Ich trainiere auch seit vier Jahren mit Nicole Schmidhofer und bin froh, dass ich dadurch die Verbindung zum alpinen Hochleistungssport halten kann. Mit der Anna habe ich aber weiterhin Kontakt.

LAOLA1: Du hast das Coaching erwähnt, warum ist Mental-Training im Sport so wichtig?

Lahnsteiner: Es ist nicht für jeden gleich wichtig. Im Sport geht es immer darum, Leistung zu einem gewissen Zeitpunkt abzurufen. Oft kommt dazu, dass man mit großem Druck umgehen muss. Der eine kann es besser, der andere weniger gut. Mentales Training hilft, genau in solchen Situationen bei sich zu bleiben und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wenn man sich zu sehr ablenken lässt und zu viel über die Konsequenzen nachdenkt, vergisst man leicht den Grund, warum man es eigentlich macht – in diesem Fall die Liebe zum Skifahren. Deswegen kann man mit einfachen Techniken den Sportler in seinem Selbstbewusstsein stärken, seine Stärken hervorarbeiten und  so die Leistung auf den Punkt bringen.

LAOLA1: Kannst du dich auch selbst mental coachen?

Lahnsteiner: Gewisse Techniken wende ich auch bei mir selbst an, aber ich analysiere auch immer wieder Situationen, in denen es nicht funktioniert hat. Das ist nur menschlich, es ist eine Bilderbuch-Vorstellung, dass es immer funktioniert. Für mich die größte Herausforderung ist zum Beispiel der Switch zwischen Produzentin und Athletin. In dem Moment, in dem ich Produzentin bin, habe ich an alles Mögliche zu denken, an die Konsequenzen, ans Budget usw. Genau daran darf ich als Athlet nicht denken. Dieser Switch passiert etwa in Alaska innerhalb von wenigen Sekunden. Manchmal ist es mir sehr gut geglückt und manchmal weniger gut. Ich verwende oft gewisse Atemtechniken, um meine eigenen Stärken hervorzurufen. Das ist in vielen Lebenssituationen ganz wichtig.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Henriette Werner

 

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LAOLA1: Warum hast du Shades of Winter gegründet und was genau stellt diese Plattform dar?

Lahnsteiner: Ich habe lange Freeski-Filme geschaut, bevor ich jemals selbst vor der Kamera gestanden bin. Als das dann 2008 der Fall war, habe ich sehr schnell herausgefunden, dass es eine große Leidenschaft von mir ist. Die Arbeit mit Fotografen, das Filmen am Berg… das alles erfordert eine Kreativität, die ich zuvor nicht an mir kannte. Man ist quasi der Pinsel an der großen, weißen Leinwand. Das ist extrem spannend. Und nach einer Saison, in der ich ausschließlich mit männlichen Freeski-Pros unterwegs war, habe ich 2009 den Gedanken entwickelt, einen reinen Mädels-Film zu produzieren. Daraus ist meine erste Produktion „Girls Ski Movie – As we are“ entstanden. Der zweite Film "Pure" ist die größte europäische Freeski-Produktion. Mittlerweile habe ich auch „Shades of Winter“ gegründet, die Plattform der weltbesten Freeskierinnen, die über den Film hinausgehen soll. Wir machen heuer das erste Mal „Shades-of-Winter-Camps“, um andere Frauen zu motivieren und inspirieren. Da geht es nicht nur, um höher, schneller, weiter, steiler, sondern um die Abenteuerlust, die uns alle vereint.

LAOLA1: Wie kann man sich deine Arbeit genau vorstellen?

Lahnsteiner: Ich bin immer auf der Suche nach dem besten Schnee auf den verschiedensten Plätzen dieser Erde, um die besten Bilder für einen neuen Film einzufangen. Meine Filme zeigen die besten Freeskierinnen, die auf der ganzen Welt ihre Skills und Peformances zeigen. Es ist genial und inspirierend, mit anderen Athleten zu arbeiten, die die gleiche Leidenschaft haben – das Skifahren – und die gleiche Motivation: Selbst besser zu werden, sich zu pushen und das Limit nach oben zu schrauben. Wir leben dafür, die coolsten Lines zu fahren und gemeinsam mit dem Kamerateam die besten Bilder einzufangen.

LAOLA1: Was ist das Besondere an "Pure" und worin unterscheidet er sich von vorherigen Filmen?

Lahnsteiner: Das Besondere an Shades of Winter generell ist, dass es nur Frauen sind. Darüber hinaus ist eine Filmproduktion auf sehr hohem Niveau – von der Kamera, dem Storytelling und dem kompletten Produktionsablauf her. Wir werden immer wieder mit den ganz Großen genannt und sind international sehr gut im Gespräch, was natürlich wunderschön ist.

LAOLA1: Was gefällt dir persönlich an "Pure" am meisten?

Lahnsteiner: Mir war die Geschichte mit dem kleinen Mädchen ganz wichtig, da spielt vielleicht auch mein Hintergrund als Mentalcoach eine Rolle. Es war mir ein Anliegen, dass es nicht nur ein sogenannter Ski-Porno ist, in dem nur Action vorkommt, sondern, dass der Film ein bisschen mehr hat. Es geht um die unterschiedlichen Gefühlen – wie Glück oder Angst, die wir alle erleben - ohne, dass man Profi-Freeskier sein muss. Mein Ziel ist es, dass sich möglichst viele mit dem Film identifizieren können.

LAOLA1: Die spektakulären Bilder im Film lassen den Zuschauer unwillkürlich auch an die Gefahren des Freeridens denken. Wie schaltest du die Angst vor Stürzen aus und wie kann man Risiken minimieren?

Lahnsteiner: Es gibt natürlich Momente, in denen man Unbehagen empfindet. Das Wichtigste ist, zuvor ein gutes Risikomanagement zu machen. Wir wissen alle, dass wir beim Freeskiing ein gewisses Restrisiko haben. Dieses gilt es, mit einer ordentlichen Planung, der richtigen Technik und der richtigen Herangehensweise an einen Berg, zu minimieren. Angst ist nicht das richtige Wort, ich glaube, man sollte eher von Respekt sprechen. Dieser ist wichtig, man sollte nicht den Superhelden spielen, dann wird es gefährlich. Man muss bedenken, dass man als Mensch am Berg ganz klein ist. Wenn wir einen Fehler machen, ist es der Lawine egal, wer da gerade fährt. Deswegen sollte man auch Nein sagen, wenn es zu gefährlich ist. Man sollte auf sein Bauchgefühl hören, wenn man das Gefühl hat, es passt etwas nicht. Keine Line dieser Welt ist es wert, sein Leben zu riskieren. Ich bin absolut nicht lebensmüde, ich liebe meine Leben und meinen Sport und es gibt Grenzen. Klar, will man diese im Profisport ausloten, aber ich versuche, sie nicht zu überschreiten.

LAOLA1: Du arbeitest auch als Coach und kennst Olympia-Siegerin Anna Fenninger sehr gut, ihr habt zehn Jahre lang zusammen trainiert. Wie ist die Arbeit mit ihr und wie würdest du sie als Mensch beschreiben?

Lahnsteiner: Die Arbeit mit Anna war extrem bereichernd, kein Jahr war wie das andere. Alle zehn Jahre waren anders, im Aufbau, in der Arbeit mir ihr und sie hat sich auch als Persönlichkeit unheimlich weiterentwickelt. Ich bin extrem stolz und froh, Teil davon gewesen zu sein. Es war eine coole Erfahrung, aber auch sehr herausfordernd, Jahr für Jahr, weil immer wieder neue Situationen auf uns zu gekommen sind. Vom Einstieg in den Weltcup, wo wir alle wissen, wie schwierig es teilweise war, bis dorthin, wo der Erfolg angefangen hat… Es waren wunderschöne zehn Jahre, die heuer gekrönt worden sind. Sie ist für mich DIE perfekte Athletin: Extrem ehrgeizig, zielstrebig und fokussiert. Sie weiß, wohin sie will, verfügt über social skills und ist zudem immer noch die Anna geblieben. Nicht umsonst gilt sie für die jungen Skifahrer als Vorbild.

LAOLA1: Was sagst du zu ihrem Olympiasieg? Du sollst ihr ja am Vorabend noch eine SMS geschrieben, was stand darin?

Lahnsteiner: Wenn ich jetzt sage, ich war den Träne nahe, als ich den Olympiasieg mitbekommen habe, ist es beinahe schon gelogen. Es war für mich ein ganz emotionaler Moment, in dem viele Bilder abgelaufen sind - von dem Zeitpunkt an, als ich mit der vierzehnjährigen Anna angefangen habe, zu arbeiten. Obwohl ich nahe dran war, kann man als Außenstehender nicht wirklich begreifen, was ein Olympiasieg für einen Sportler bedeutet... Was genau in der SMS stand, müsste ich jetzt nachschauen. Aber ich glaube, dass es etwas war wie: „Bleib bei dir, glaub an dich und drucks obe!“. Es ging um Schlüsselkompetenzen, wie sich nicht ablenken zu lassen und an das zu glauben, was man selbst kann. Das ist auch der Leitsatz in meinem eigenen Leben und in meinen Coachings, dass man an seine eigenen Stärken glauben und sein eigenes Ziel verfolgen soll. Und sich nicht davon abbringen lässt, auch wenn einem Steine in den Weg gelegt werden.

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