Der Rookie und der Routinier

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Für den einen ist die World-Tour-Saison bereits wieder vorbei, für den anderen geht es Mitte März ins Mekka der Freerider - nach Alaska.

Die Rede ist von den beiden österreichischen Snowboardern auf der Swatch Freeride World Tour - Alexander Hoffmann und Flo Orley.

Drei Stationen sind bereits absolviert - für Orley sprangen sowohl zum Auftakt in Chamonix als auch beim dritten Stopp in Andorra mit den Plätzen zwei und drei bereits zwei Podestränge heraus, nur beim in Andorra nachgeholten Fieberbrunn-Bewerb reichte es mit Platz sechs nicht für die Top drei.

Ein zweiter Gesamtrang sowie die Qualifikation für den vierten Stopp in Alaska sind die Belohnung für den 39-jährigen Routinier. Nur die besten acht Snowboarder sind dort noch dabei.

Cut verpasst

Für Hoffmann hingegen, der seine erste World-Tour-Saison absolvierte, reichte es nach den Rängen 12, 13 und sieben leider nicht für den Cut.

"Es lief so ziemlich alles schief, was schief laufen konnte", äußert sich der 29-Jährige in seinem Blog enttäuscht, fügt aber hinzu: "Ich bin froh, ein Jahr auf der Tour verbracht haben zu dürfen und all die Leute kennen gelernt zu haben. Trotz der Bedingungen konnte ich neben den Contests den besten Powder mit ein paar der besten Freerider fahren und ein paar verrückte Parties feiern."

Der Innsbrucker fährt erst seit 15 Jahren Snowboard und ist auf Contest-Ebene seit 2005 als Freerider unterwegs. "Ich bin eher ein Spätzünder", lacht er im Gespräch mit LAOLA1. "Aber ich habe mit zwei oder drei Jahren mit dem Skifahren angefangen und bin von klein auf mit den Eltern abseits gefahren. Da nimmt man das Gefühl dafür und die Erfahrung mit."

Freeriden als Meditations-Form

Hoffmann, der sich über die Qualifier-Rennen im letzten Jahr für die World Tour qualifiziert hat, kann erstmals von seinem "Hobby" leben. "Die letzten Jahre habe ich für das Snowboarden fast nichts bekommen, es war gerade einmal das Material drinnen. Heuer hat sich mit der WorldTour einiges geändert. Ich brauche nun nicht mehr nebenbei arbeiten gehen. Das ist extrem gut, da ich nebenher molekulare Medizin studiere", so der World-Tour-Rookie.

Das klingt auf den ersten Blick nach einem sehr stressigen Programm, doch der Tiroler gesteht: "Ich habe oft das Problem, dass ich leicht die Motivation verliere, wenn ich eine Sache zu lange mache. Aber wenn ich auf die Uni gehen und Snowboarden kann, hänge ich mich in beide Sachen voll rein. Das ist für mich ein super Ausgleich."

Denn nur beim Freeriden bekommt er den Kopf frei. "Wenn ich freeride, bin ich vom Kopf her nur aufs Freeriden fokussiert. Wenn ich Auto fahre, habe ich noch tausend andere Gedanken im Kopf, aber wenn ich alleine einen Hang befahre, erlebe ich den Moment so extrem, wie in keiner anderen Situation. Man blendet alles andere aus und ist total fokussiert. Da müsste ich schon sehr gut meditieren können, um das anders auch hinzubekommen."

Kinder als Trainingsmethode

Auch auf den zweifachen Familienvater Orley übt das Freeriden noch immer eine ganz besondere Faszination aus. "Mit ein paar Freunden auf einen Gipfel zu steigen, diese Ruhe am Berg zu erleben und in unverspurte Tiefschneehänge hineinzustechen und über Felsen zu hüpfen, ist mit das Schönste, das es gibt", so der Tiroler, der nach zwei Jahren ohne Podestplätze auf der World Tour endlich wieder Erfolge feiert.

Doch das allein reiche nicht, um eine Familie zu ernähren. "Es ist eine Mischung aus Sponsorengeldern, Preisgeldern, Coaching-Jobs - Ich bin auch Snowboard-Führer und habe ein eigenes Freeride-Center in Innsbruck. In Summe bleibt halbwegs genügend übrig, damit ich im Sommer nicht allzu viel tun muss", sagt der 39-Jährige, der sich in der warmen Jahreszeit nicht mehr in der Ferne im Schnee vorbereitet.

"Ich habe zwei kleine Kinder, die sind mein Haupttraining, die muss ich auf den Berg und wieder heruntertragen usw. (lacht). Ansonsten versuche ich, mich vielseitig fit zu halten. Ich bin kein Freund von starren Trainingsplänen, das wäre für mich eine Strafe."

Mentales Training entscheidend

Apropos Vorbereitung - davon ist eine ganze Menge nötig, bevor man möglichst risikoarm einen Berg abseits der Pisten hinabrasen kann. "Für uns ist es ganz wichtig, dass wir die Linie, die wir den Berg herunterfahren, wirklich auswendig lernen. Die Linie suche ich mir nach dem aus, was spektakulär aussieht, was die Judges gut finden, wo guter Schnee ist und was meinem Fahrstil entgegenkommt."

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirkt, Sicherheit wird beim Freeriden groß geschrieben. "Das Wichtige ist, dass die Leute wissen, wie viel dahintersteckt. Wir gehen nicht rauf und springen auf gut Glück herunter, sondern bereiten uns Stunden und Tage vor. Die Rider überlegen sich jeden Absprungwinkel, versuchen auf den Fotos den Schnee zu analysieren, etc. Nur die akribische Vorbereitung macht die Show möglich", beschreibt der Routinier.

Zudem ist eine ganze Menge mentales Training nötig. "Der Unterschied zu den alpinen Rennläufern, die auch ihre Linie im Kopf haben, ist, dass wir die Strecke nicht vorher befahren können. Bei uns gibt es viele Unsicherheiten: Wie hoch ist der Felsen wirklich? Wie steil ist die Landung? Wie tief ist der Schnee? Gibt es irgendwo Steine drunter? Wenn ich dort lande, schaffe ich es noch zu meinem nächsten Felsen? Deswegen ist das Mentale bei uns viel schwieriger als bei anderen Sportarten", erklärt der Innsbrucker, der schon als Kind "ganz viel Tiefschnee gefahren und somit automatisch zum Freerider geworden" ist. Seit seinem Sieg beim Verbier Xtreme im Jahr 2000 gehört er als Profi der Freeride-Szene an und ist sehr dankbar, "seinen Traum leben" zu dürfen.

Fünf Jahre auf einem Schiff

Einen weiteren Traum will sich Orley nach seiner Freeride-Karriere erfüllen.

"Vor einigen Jahren bin ich mit meiner Frau 1,5 Jahre über den Südpazifik gesegelt. Wenn die Kinder groß genug sind, wollen wir das wieder machen. 2017 wollen wir ein Schiff kaufen und für fünf Jahre unterwegs sein."

Bis dahin wird er seine Konkurrenz aber wohl noch einige Male auf den Bergen dieser Welt beeindrucken.


Henriette Werner

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