Schlierenzauer: "Es ist aggressiver geworden"

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Gregor Schlierenzauer hat auf seine enttäuschende Olympia-Saison mit einer Materialumstellung reagiert. Der erfolgsverwöhnte Skisprungstar setzt im anstehenden WM-Winter auf ein anderes Bindungssystem, das einen angriffslustigeren Sprungstil ermöglicht.

"Es ist aggressiver geworden. Von der Technik her ist es auch kein Geheimnis, dass die ganze Sache aggressiver wird. Da muss man mit und richtig Gas geben", erläuterte der ehemalige Seriensieger, der acht Jahre eine andere Bindung verwendet hatte.

"Ich war einer der wenigen, der noch die Sicherheitsbindung gesprungen ist."

Gefährlich

Allerdings könne das neue System unter gewissen, äußeren Umständen auch gefährlich sein. "Dann kann es leider in die falsche Richtung gehen - mit Stürzen. Es gibt leider um einiges mehr Knieverletzungen, das muss man auch dazusagen, weil es im Endeffekt keine Sicherheitsbindung gibt. Der Grat ist schon sehr schmal, speziell mit dem neuen System."

Außerdem komme die schnelle Luftfahrt durch die engen Anzüge als Risikofaktor hinzu.

Die Bindung habe aber natürlich auch Vorzüge. Unter Umständen könne der Schuss aber nach hinten losgehen. "Das Ski-Körpersystem wird direkter, auch in der Luft. Wenn man es erwischt, dann geht es natürlich ab. Aber wenn nicht, dann wird man gleich durchgereicht", betonte er im Gespräch mit der APA.

"Schuld ist man immer selber"

Im vergangenen Winter hatte Schlierenzauer nicht nur auf beiden Schanzen den als Saisonziel ausgerufenen Olympiasieg klar verpasst, er war auch bei der Tournee (8.) und im Gesamtweltcup (6.) nicht auf gewohnt hohem Niveau.

Die Hauptursache sei aber nicht das Material gewesen. "Schuld ist man immer selber", gab sich der zweifache Gesamtweltcupsieger selbstkritisch.

Schließlich habe er über die Jahre mit der alten Bindung ja die Rekordzahl von 52 Weltcup-Siegen erreicht.

Der Kopf wollte nicht mehr

Die letzten zwei davon gelangen ihm gleich zu Beginn der Vorsaison, danach ging es tendenziell bergab. "Die Bindung war nach wie vor konkurrenzfähig. Ich war speziell am Anfang sehr gut unterwegs, aber mit dem anderen System kannst du dir mehr Fehler erlauben", erklärte Schlierenzauer.

Auch die mentale Komponente spiele eine große Rolle. "Es geht um den Kopf. Wenn der Kopf nicht will, dann wird man nur schwer gut sein", meinte Schlierenzauer.

Genau der besagte Kopf wollte im Frühling zunächst nicht mehr. Er trug sich mit Gedanken, eine Auszeit zu nehmen, die er aber bald wieder beiseiteschob.

Zugang ist anders

Mitentscheidend dafür war der Wechsel des Cheftrainers, denn zu Neocoach Heinz Kuttin fand er sofort einen guten Draht.

"Das Bauchgefühl, die Gespräche waren auf Anhieb sehr gut", sagte der Stubaier über den Nachfolger von Alexander Pointner, mit dem er zuletzt im Clinch gelegen war.

"Es ist auf jeden Fall etwas ganz Anderes vom Zugang her. Das ist gut, aber die Saison, das Zusammenarbeiten ist noch sehr jung."

Glück ist das Ziel

Konkrete Ziele für die in einer Woche beginnende Saison habe er sich gemeinsam mit Kuttin vorläufig noch keine gesetzt. "Heinz hat gesagt, dass das Ziel in diesem Jahr ist, dass die Athleten in Planica glücklich in Urlaub gehen können. Ich glaube, das trifft es recht gut."

Die Platzierung als solche stehe nicht unbedingt im Vordergrund. "Wenn man sehr gut springt und Fünfter wird, ist man innerlich ja auch zufrieden. Wenn die Sprünge gepasst haben, wenn man keine Topsprünge macht und man wird durch Zufall auch Fünfter, dann hat man nicht so eine Freude. Das glaube ich ist für mich speziell heuer so ein bisschen die Kernaussage."

Lerneffekt

Denn mittlerweile habe er gelernt, Erfolge nicht als selbstverständlich zu nehmen. "Dass es nicht immer so sensationell laufen kann, wie in den letzten Jahren, das war mir immer klar." Besonders schade sei, dass es ausgerechnet eine Olympiasaison "erwischt" hat. Im Nachhinein sieht er es aber sogar positiv. "Wer weiß, wenn alles sensationell gelaufen wäre, ob ich dann überhaupt noch springen würde."

Das Ausrufen von Olympiagold als erklärtes Saisonziel hält er rückblickend für keinen Fehler. "Wenn heuer Olympia wäre, würde ich genauso sagen, mein Ziel ist Gold. Wenn es nicht läuft, wird es negativ ausgelegt, das ist auch klar. Es wollte nicht sein, ich muss noch einiges dazulernen. Ich habe hoffentlich noch schöne Jahre vor mir."

Der noch fehlende Olympiatitel sei nach wie vor sein großer Traum.

Leitwolf mit 24 Jahren

Nicht nur der Trainerwechsel, auch der Rücktritt von Thomas Morgenstern hat das Teamgefüge verändert. "Es ist schon irgendwo ein sehr komisches Gefühl, weil ich doch eigentlich noch jung bin. Früher waren mit Höllwarth, Widhölzl und Koch viele Arrivierte über 30 dabei. Jetzt bin ich als 24-Jähriger doch schon ein bisschen der 'Leitwolf', das ist schon irgendwie komisch", sagte Schlierenzauer.

Dass der Weltcupauftakt nicht in Skandinavien, sondern wieder in Klingenthal über die Bühne geht, findet der ÖSV-Star gut.

Aufgrund neuer Windnetze hofft er diesmal auf fairere Bedingungen als im Vorjahr, als der Tiroler aufgrund von Windturbulenzen unverrichteter Dinge vom Schanzenturm abgetreten war.

Noch kein Schneesprung

Wie seine Teamkollegen reist Schlierenzauer ohne Schneesprünge in den Beinen nach Deutschland. Das treffe aber auch auf die anderen Topnationen zu, gab er zu bedenken.

"Wir haben in der Vorbereitung nichts dem Zufall überlassen mit der Eisspur in Oberstdorf. Es ist vielleicht gar kein Nachteil, wenn die Saison so lange dauert, dass man davor nicht schon ewig auf Schnee unterwegs ist."

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