Saison-Review: Hollywood lässt grüßen

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Das war sie, die Biathlon-Saison 2012/13.

9 Weltcupstationen, 16 Staffelbewerbe (inkl. Mixed), 52 Einzelkonkurrenzen und eine unglaubliche Weltmeisterschaft.

Neue Helden wurden geboren, alte tauchten unerwartet wieder auf und wieder andere sagten für immer "Lebewohl".

Pleiten, Pech und Pannen gehörten ebenso zum Winter wie Rekorde, Siegesserien und Kuriositäten.

Wir rollen den 35. Biathlon-Weltcup noch einmal auf. Im großen Saisonrückblick gibt es die besten Bilder, die stärksten Sprüche sowie zahlreiche Tops und Flops:

Saison-Dominatoren

Sie hat die Konkurrenz nach Belieben dominiert. Elf Siege sowie insgesamt 19 Podestplätze beweisen, dass in diesem Winter kein Kraut gewachsen war, um Tora Berger zu schlagen. Die Norwegerin ist die neue Königin unter den Biathleten und zermürbte den Rest der Welt mit unglaublicher Konstanz, einer ruhigen Hand am Schießstand und ihren berühmt-berüchtigten Schlussrunden. Die 32-Jährige machte es Magdalena Forsberg (2000/01, 2001/02) und Raphael Poiree (2003/04) gleich und gewann sämtliche Disziplinenwertungen.

 

Er hatte den Druck des Titelverteidigers und hielt diesem bravourös stand. Mit 19 Podestplätzen (darunter zehn Siege) pulverisierte er sogar den Rekord von Ole Einar Björndalen und darf sich zurecht als Nachfolger von "Mr. Biathlon" bezeichnen. Martin Fourcade ist der neue König der Loipenjäger und demonstrierte in beiden Disziplinen seine Ausnahmeklasse. Neben zahlreichen Laufbestzeiten ist auch sein perfektes Wochenende in Ruhpolding (sämtliche Scheiben getroffen) noch in bester Erinnerung. Wie Berger räumte auch er alle Kristallkugeln ab.

 Weltmeisterschaft

Nové Město na Moravě war im Februar Austragungsort der 46. Weltmeisterschaften und überzeugte auf ganzer Linie. In der Vysočina-Arena sowie auf der Strecke herrschte unglaubliche Stimmung, mehr als 200.000 enthusiastische Fans machten die vermeintlich nicht zu toppenden Titelkämpfe in Ruhpolding 2012 vergessen.

 

Aus sportlicher Sicht waren es vor allem die Norweger, die sich als eifrige Medaillensammler erwiesen. Acht Mal Gold bedeuteten Rekord, die "gierigsten" Wikinger waren Tora Berger (4x Gold, 2x Silber, 0x Bronze), Emil Hegle Svendsen (4-0-1) und Tarjei Boe (3-0-0). Mit viel Übergepäck reiste zudem Weltcupsieger Martin Fourcade (1-4-0) ab, darüber hinaus glänzte die Ukrainerin Olena Pidhrushna (1-1-1).

 

Tops


+ + + Überraschungssieger Jean Philippe Leguellec sorgte im Sprint von Östersund für den ersten kanadischen Weltcup-Erfolg im Herren-Biathlon. Bei den Damen war das Myriam Bedarf in den 90er Jahren fünf Mal gelungen. + + +

+ + + Bei der WM-Staffel wurde die dreifache Junioren-Weltmeisterin Laura Dahlmeier ins kalte Wasser geworfen, doch die 19-Jährige übergab souverän mit null Fehlern auf Position eins liegend (am Ende Rang fünf, Anm.). Auch im Weltcup gelangen ihr anschließend zwei Top-Ten-Ergebnisse in Oslo sowie drei weiterere in Sotschi und Khanty-Mansiysk. Als Schlussläuferin der Staffel bei der Olympia-Generalprobe hielt sie die Konkurrenz in Schach und führte die deutschen Damen zum Sieg . + + +

 

+ + + Die WM im eigenen Land schien zu beflügeln: Gabriela Soukalova schaffte in dieser Saison den Durchbruch: Mit vier Weltcupsiegen sowie zwei weiteren Podestplätzen landete sie am Ende im Gesamtweltcup auf Rang sechs. Dazu gab es vor heimischen Publikum WM-Bronze mit der Mixed-Staffel gemeinsam mit Ondřej Moravec, der in Oslo seinen ersten Weltcup-Sieg einfuhr. Weitere zwei Male kam dieser aufs Podest und insgesamt sieben Mal unter die besten Zehn. Am Ende durfte er sich über den zwölften Platz im Gesamtweltcup freuen. + + +

 

+ + + Die Polin Krystyna Palka überraschte mit Silber in der WM-Verfolgung sowie zwei weiteren WM- und vier Weltcup-Top-Ten-Plätzen. Auch Landsfrau Monika Hojnisz wusste zu glänzen und gewann sensationell WM-Bronze im Massenstart. Nicht zu vergessen Magdalena Gwizdons Sieg im Sprint von Sotschi. Balsam für die Seele der polnischen Athleten, denen zahlreiche staatliche Zuschüsse gestrichen werden. + + +

+ + +  Miriam Gössner feierte ihren ersten Weltcupsieg in der Verfolgung von Pokljuka und das mit fünf Fehlern. Dies gelang zuletzt Uschi Disl im Jänner 2005, allerdings gab es nie zuvor den Fall, dass die nachfolgende Athletin fehlerfrei blieb. Die Deutsche triumphierte insgesamt drei Mal in dieser Saison und landete weitere vier Male auf dem Stockerl. + + +



Flops

 

+ + + Die schwedische Mannschaft enttäuschte in diesem Winter. Eine Bronze-Medaille sprang bei der WM durch Fredrik Lindström im Einzel heraus, ansonsten konnte kein weiterer Podestplatz geholt werden. Im Gesamtweltcup liegt keine Dame unter den besten 60. Nach dem Rücktritt von Magdalena Forsberg (Interview) sprangen mit Anna Carin Olofsson-Zidek und Helena Ekholm zwar zwei Ladies viele Jahre in die Bresche, inzwischen haben sich allerdings auch die beiden vom aktiven Sport verabschiedet. Starker Nachwuchs? Fehlanzeige! + + +

 

+ + + Bei der Olympia-Generalprobe in Sotschi gab es jede Menge Kritik an der Strecke, die mit ihrem sehr steilen Anstieg und den vielen Richtungswechseln zu gefährlich sein soll. Gestandene Läufer wie Ole Einar Björndalen und Carl Johan Bergman kamen beim ersten Rennen auf der Olympiastrecke zu Fall. ÖSV-Damen-Cheftrainer Walter Hörl beschrieb sie folgendermaßen: "Es ist keine schöne, sondern eine gekünstelte Strecke. Viele Kurven, sehr schnelle Abfahrten."

+ + + Der Deutsche Arnd Peiffer lieferte nach zwei Siegen im letzten Jahr eine enttäuschende Saison ab. Kein einziges Mal landete er auf dem Podest (zweimal Rang vier) - viel zu wenig für seine Ansprüche. Ebenso ging es dem Biathlon-König Ole Einar Björndalen, auch ihm gelang als bestes Einzelergebnis ein vierter Platz. + + +

 

+ + + Nastassia Dubarezava wurde gleich zwei Mal disqualifiziert: Im WM-Einzel legte sie sich beim zweiten Schießen hin, anstatt stehend zu schießen. Bereits in Pokljuka wurde sie im Sprint aus der Wertung genommen, nachdem sie auf die falschen Scheiben zielte. + + + 

 

+ + + Erstmals holte der DSV keine Goldmedaille bei einer WM. Eine Silberne durch Andrea Henkel (Einzel) sowie Bronze durch die Herren-Staffel waren die durchwachsene Ausbeute. Bei den Damen gingen zudem zwei unglaubliche Erfolgsserien zu Ende: In Oberhof blieben die Gastgeberinnen erstmals seit Februar 2004 (Einzel) ohne einen Podestplatz. Zudem reichte es nach 19 Großereignissen en suite mit Gold, Silber oder Bronze für die DSV-Staffel bei der WM nur zu Rang fünf.  + + +

 

Die Sprüche des Jahres:

ÖSV im Fokus

Herren:

Es war wahrlich nicht schwer, die Bilanz aus der Vorsaison (ein Staffel-Podestplatz) zu überbieten, was auch locker erledigt wurde. Und doch war das erste Jahr unter der Ägide von Trainer Remo Krug eine ständige Achterbahnfahrt. Nach verheißungsvollem Saisonstart mit zwei Podestplätzen gab es einen Durchhänger, in Antholz war man plötzlich wieder inmitten der Weltelite (zwei dritte Ränge).

Bei der WM wurde eine Medaille als Ziel ausgegeben, wie im Vorjahr trat man die Heimreise jedoch mit leeren Händen an. Dafür eroberten die rot-weiß-roten Loipenjäger für kommenden Winter den sechsten Startplatz zurück und zeigten zum Abschluss in Khanty-Mansiysk noch einmal mächtig auf. Speziell Oldie Christoph Sumann, der zwischenzeitlich im IBU-Cup starten musste, gab mit seinem Sieg in der Verfolgung ein kräftiges Lebenszeichen von sich.

Über die gesamte Saison gesehen war es vor allem für die Routiniers nicht leicht, da von hinten die Eberhard-Brüder nachrückten und ihnen die Startplätze streitig machten. Eine tolle Saison gelang Dominik Landertinger (Gesamtweltcup-Dritter), wenngleich er das eine oder andere Mal mit dem fehlenden Glück haderte. Auch Simon Eder zeigte nach durchwachsenen Jahren auf und bewies als Gesamt-Elfter, das mit ihm wieder zu rechnen ist.

Damen:

Auch bei den Damen war ein Aufwärtstrend nicht zu übersehen. Speziell Iris Schwabl gab mehrfach Anlass zur Freude, lieferte die Steirerin doch mit 124 Punkten die stärkste Saison ihrer Karriere ab. Romana Schrempfs Winter war ein ständiges Auf und Ab, das Schießen erwies sich weiterhin als ihre Achillesferse.

Sensationell präsentierte sich Juniorin Lisa Hauser, die bei Großereignissen (EM, WM) nicht weniger als fünf Medaillen abstaubte und als größte Hoffnung für die Zukunft gilt. Auch ihre ersten Weltcup-Einsätze in der Staffel waren verheißungsvoll. Positiv auch die Leistungssteigerung im IBU-Cup von Katharina Innerhofer und Christina Rieder.

Kurioses


+ + + Es müssen nicht immer Zeitstrafen sein, in Khanty-Mansiysk gab es auch Gutschriften: Im Sprint wurden Vetle Sjåstad Christiansen 52 Sek. gutgeschrieben, weil an seinem Schießstand bereits eine Scheibe weiß war, als er ankam und er warten musste, bis der Fehler bereinigt werden konnte. Ähnlich erging es Michal Šlesingr in der Verfolgung, nachdem Andreas Birnbacher auf seine Scheiben zielte und er zum Warten gezwungen war - der Tscheche bekam einen 25-Sek.-Bonus und wurde Dritter. + + +

 

+ + + Nach dem Einzelrennen in Östersund ging die deutsche Miriam Gössner noch einmal auf die Strecke - sie hatte einen Zahn verloren. Es handelte sich dabei um ein Provisorium, welches sie nach einer Zahn-OP eingesetzt bekam. Die 22-Jährige nahm es mit Humor. "Ich habe ihn gleich in der zweiten Runde verloren, aber ich konnte auch nicht anhalten. Und dann sind so viele Mädels rübergelaufen, da war nichts mehr." + + +

 

+ + + Vor Schreck vergaß Jean Philippe Leguellec nach seinem Sieg in Österund zur Pressekonferenz zu gehen und machte sich stattdessen auf in den Wald zum Auslaufen. "Wenn man nie auf dem Podium stand, weiß man das ja nicht", lachte der 27-Jährige, als man ihn schließlich wiederfand. + + +

+ + + „Sister-Act“ in Hochfilzen:In Tirol ging erstmals in der Biathlon-Historie ein Staffelbewerb über die Bühne, in dem ein Teilnehmerland drei Schwestern aufbot. Das „Dreimäderl-Haus“ der GasparinsSelina, Elisa und Aita – nahm gemeinsam mit Ladina Meier-Ruge die 4x6 Kilometer in Angriff. + + +

 

+ + + Hart, härter, Biathleten. Lowell Bailey brach sich wenige Stunden vor dem Sprint in Pokljuka am Bettpfosten den großen Zeh. Rennabsage? Keinesfalls! Der US-Amerikaner ging trotz großer Schmerzen an den Start und schlug sich beachtlich. Zwei Schießfehler stehend und eine passable Laufleistung brachten ihm Rang 36 und damit immerhin fünf Weltcup-Zähler ein. + + +

 

+ + + Eigentlich sollte man meinen, Martin Fourcade hat keinen Grund, sich bei der Konkurrenz zu bedienen. Der Franzose hat sich allerdings einen Scherz erlaubt und Fritz Pinter bei der Siegerehrung der Staffel von Ruhpolding eiskalt "bestohlen" (Video). + + +

 

 + + + Zum zweiten Mal in der Historie des Biathlon-Weltcups gelang es einem Geschwisterpaar, hintereinander je ein Rennen zu gewinnen. Im Gegensatz zu Lars und Tora Berger, denen die Premiere im Jänner 2011 in Ruhpolding gelang, starten Anastasiya Kuzmina (Slowakei) und Anton Shipulin (Russland) allerdings für zwei unterschiedliche Verbände. + + +

 

Die Bilder des Jahres:

Rücktritte

 

Wie nach jeder Saison müssen die Fans auch dieses Mal von einigen langjährigen Athleten und Betreuern Abschied nehmen. Kurios war lediglich, dass der eine oder andere bereits während der Saison seinen Hut nahm. Ein Überblick:

 

+ + + Dem dreifachen Olympiasieger Michael Greis fiel beim Einzel in Östersund etwas auf: „Hey Michi, hier fehlt etwas. Und zwar etwas ganz Entscheidendes.“ Der Kampfgeist und Biss, der ihn immer auszeichnete, war verloren gegangen, er beendete daher seine Karriere. Mit Vincent Jay gab ein zweiter Olympiasieger (Sprint 2010) seinen Abschied bekannt. Nach der Verfolgung in Hochfilzen erklärte er: "Seit drei Jahren arbeite ich hart, vielleicht härter als viele andere Biathleten. Heute sehe ich es ein, dass ich es nicht mehr schaffen werde." + + +

+ + + In Hochfilzen trat sie noch im Weltcup an, vor Antholz trat sie als Sportlerin zurück: Juliane Döll. "Wie hat mein Trainer Gerald Hönig so schön gesagt: erst zu jung, dann nicht gebraucht und jetzt zu alt - einfach besonders tragisch", so Döll. Auch DSV-Kollegin Janin Hammerschmidt hatte genug. "Es macht mir keinen Spaß mehr und ich denke, wenn einem sein Sport keinen Spaß mehr macht, ist es die richtige Entscheidung, aufzuhören." + + +
 
+ + + Der Schweizer Cheftrainer Steffen Hauswald verlässt mit Saisonende den Verband. Der 49-jährige Deutsche - mit Ex-Biathletin Simone Hauswald verheiratet - zieht sich aus dem Weltcup zurück, um mehr Zeit mit seiner Familie verbringen zu können. Als wäre die Anzahl der deutschen Rücktritte nicht hoch genug, stellt auch Alexander Wolf Ski und Waffe ins Eck. "Mein großes Ziel waren die Olympischen Spiele 2014. Dafür habe ich im vergangenen Jahr alles getan. Aber es sollte einfach nicht sein", so der 34-Jährige, der nach langer Verletzung den Anschluss an die Spitze nicht mehr schaffte. + + +
 
+ + + Das WM-Einzel war gerade zu Ende, da brannten bei Agnieszka Cyl die Sicherungen durch. Die Polin händigte ihrem Team die Waffe aus und kündigte mit sofortiger Wirkung ihren Rücktritt an. Heißsporn Cyl hatte schon einmal die Karriere beendet, kehrte dann aber wieder zurück. + + +

Das Beste kommt zum Schluss

Wer - ähnlich wie wir - traurig ist, dass die Saison zu Ende ging und es siebeneinhalb Monate dauert, ehe der Olympia-Winter in Östersund startet, dem wollen wir zum Trost ein ganz besonderes Video ans Herz legen.

Der Weltverband konnte zahlreiche Stars davon überzeugen, an einem kleinen Film mitzuwirken. Simon Fourcade schlüpfte beispielsweise in die Hauptrolle und mimte den James Bond der Loipenjäger. Simon Eder und Miriam Gössner übernahmen wie Krystyna Palka die Rollen der Bösewichte, auch Darya Domracheva, Gabriela Soukalova und Kaisa Mäkäräinen gaben sich die Ehre.

"The Spy Who Loved Biathlon" heißt das gute Stück. Wir wünschen viel Spaß damit.

 

Henriette Werner/Christoph Nister

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