"Es gibt nur eine Streif oder ein Lauberhorn"

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Was Hermann Tilke für die Formel 1, ist Bernhard Russi für den Skirennsport. Der Schweizer Olympiasieger von 1972 konzipiert die besten Abfahrtspisten der Welt.

Auch die "Birds of Prey", auf der es bei der Ski-WM in Beaver Creek am Samstag um Gold bei den Herren geht, trägt seine Handschrift. Aber nur zum Teil, wie Russi betont. Denn der wahre Pisten-Architekt sei der Erschaffer dieser Welt.

Mit "Russis Ride" ist ein Streckenteil der legendären "Raubvogelpiste" in den Rocky Mountains, auf der sich der Österreicher Hermann Maier mit acht Triumphen als Rekordsieger verewigt hat, nach dem Ex-Rennläufer aus Andermatt benannt. Russi hat aber schon bei der ersten Colorado-Weltmeisterschaft seine Finger im Spiel gehabt.

Die beste Abfahrt der Welt

Die "Birds of Prey" war in den letzten Jahren sehr Österreicher-freundlich

Damals fuhren die Herren zwar auch schon in Beaver Creek, aber noch auf der im Ort endenden Piste "Centennial". "Der damalige Besitzer wollte die beste Abfahrt der Welt haben", erinnert sich Russi an 1989.

Er könne das schon machen, habe er George Gilett damals gesagt. "Aber da brauche ich zuerst ein Erdbeben. Viel zu viele Gleitstücke, es war eine echte Kopfweh-Partie."

Das Ergebnis ist bekannt. Russi kam die Idee einer Schlangenform. Auf der "Rattlesnake" genanten Bobbahn fuhr der Deutsche Hansjörg Tauscher zum Sensationssieg. Russi: "Wahrscheinlich kam das alles zehn Jahre zu früh. Die heutigen Halfpipe-Maschinen wären für die Rattlesnake ideal gewesen."

Bei der nächsten Kandidatur von Vail sei daher klar gewesen, dass etwas anderes her muss. "Wir sind den ganzen Sommer herumgelaufen und haben dann das ideale Gelände gefunden, auch wenn das Ziel nicht mehr direkt im Dorf war.

Der Sport war jetzt wichtiger", erinnert sich Russi an den Moment, an dem die "Raubvogelpiste" entdeckt worden war.Alsbald durfte Russi Hand anlegen. "Ich betone, ich 'durfte' diese Piste anlegen", so Russi.

Viele Besichtigungen notwendig

Bernhard Russi ist der "Hermann Tilke des Skisports"

Die irdische Herangehensweise verläuft bei Russi meist nach dem gleichen Schema. Er verwendet Karten mit Höhenlinien.

"Da kann ich schon herausarbeiten, wie gut sich das Gelände entwickeln könnte", erklärt er den ersten Schritt. Sich den Berg aus dem Helikopter anzuschauen, bringe wenig. Vielmehr heißt es in Stufe zwei: Laufen, laufen und nochmals laufen.

Olympia 2018 in Pyongchang

Und zwar den Berg hinunter, wie etwa in Pyongchang, wo 2018 die nächsten Winterspiele stattfinden. "Ich bin gut zwanzig Mal den Berg runter, habe mit verschiedenfarbigen Bändern rote, schwarze, blaue und gelbe Linien gemacht.

Die werden per GPS auf einen Plan übertragen. Aus der Mischung aller Farben entsteht dann eine Ideallinie", erklärt Russi.

Aufgrund des entstandenen Profils kann der "Meister" dann auch abschätzen, wo und wie Sprünge eingebaut werden können. Denn die sind seine Leidenschaft und das werde man auch bei Olympia in Südkorea erkennen.

"Da wird es viel Airtime geben", verspricht Russi schon für den Herren-Test im Jahr 2016 viel Action. Springen, das ist ein Markenprodukt Russis. "Ich sehe die Leute halt gerne fliegen. Ich bin überzeugt, die Zuschauer wollen das auch. Ich versuche immer möglichst etwas zu finden, wo der Athlet sein Können zeigen kann."

Vorbild seien durchaus die klassischen Pisten mit ihren "beklemmenden" Passagen wie Mausefalle oder Hundsschopf.

Zwei Dutzend Russi-Abfahrten

"Es war ein Vergnügen. Denn der Berg hatte schon alles. Wir mussten eigentlich nichts tun als die Linie zu finden und dann den Berg auf zu machen."

Gut zwei Dutzend Strecken hat der mittlerweile 66-jährige Russi, einst ein großer Abfahrts-Kontrahent von Franz Klammer, mitgestaltet. Vor allem neue Skigebiete greifen gerne auf seine Expertisen zurück. Aare, Calgary, die Face in Val d'Isere, Kvitfjell in Norwegen sind Beispiele.

Ein "Meisterwerk" will Russi nicht nennen. "Die größten Herausforderungen waren immer die schlechten. Da hast du nur Kopfschmerzen, weil bei allen Bemühungen am Ende dann meist trotzdem nichts Gutes herauskommt. Du versuchst es eben, es einigermaßen hinzukriegen."

Die Gründe liegen für Russi auf der Hand. "Du kannst eine Berg nicht ändern. Deshalb will ich auch nicht stolz sein über die Birds of Prey. Ich kann ja nicht wahnsinnig viel dafür, dass derjenige, der diese Welt erschaffen hat, bereits ein Skifahrer war. Als er den Berg hier erbaut hat, hat er es eben so gemacht."

Kein Vergleich zu den Klassikern

"Alles Sachen, die man heute nicht mehr anbieten dürfte." Russi versucht es trotzdem. L'Ancolie etwa, jene nur fünf Meter schmale Engstelle zwischen Felsen auf der "Face" in Frankreich. "Das sieht schrecklich aus, die Fahrer müssen abbremsen. Es sorgt aber für Aufmerksamkeit und ist Gesprächsthema."

Die modernen Strecken sind mit den "Klassikern" aber nicht vergleichbar. "Es gibt nur eine Streif oder ein Lauberhorn." Russis persönliche Hitliste wird angeführt von Beaver Creek, dann kommt gleich Rosa Khutor in Sotschi. "Weil von der Natur her schon so viel da war. Das ergibt meist die besten Strecken."

Den Vergleich mit Tilke findet Russi zulässig. "Auch ich versuche, da und dort Monaco einzubauen", versichert er. "Wenn man mit der Strecke einfach außen rum könnte, ich sehe aber links einen kleinen Taleinschnitt mit Felsen, dann entscheide ich mich für diesen."

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