"Ich rieche den Braten wieder"

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„Leider spielt das Material eine immer größere Rolle“

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Das lange Warten hat ein Ende.

Österreichs alpine Slalom-Spezialisten dürfen sich endlich auf ihren ersten Auftritt in der heurigen Weltcup-Saison freuen. Nach der erneuten Absage des Weltcupstarts in Val d´Isere,  starten Reinfried Herbst & Co am 8. Dezember in Beaver Creek durch.

Der Salzburger, der die neunstündige Zeitumstellung bereits verdaut hat, will nach einem holprigen, vergangenen Jahr bereits beim Auftaktrennen den Ton angeben.

 

Mit neuem Partner (Flyeralarm) und mehr Sicherheit im Gepäck trifft LAOLA1 den Slalom-Star zum Interview:

LAOLA1: Du sprichst selbst von einem verkorksten letzten Winter. Welche Lehre hast du aus der vergangenen Saison gezogen?

Reinfried Herbst: Grundsätzlich bezeichne ich sie lieber als etwas holprige Saison, denn es waren durchaus auch gute Leistungen dabei. Aber haben Konstanz und vor allem die Sicherheit gefehlt, welche für einen Slalomfahrer ganz besonders wichtig sind. Und ich habe sehr mit meinem Immun-System zu kämpfen gehabt. Schließlich konnte ich durch Ernährungsumstellungen und Homöopathie diese Probleme in den Griff bekommen. Es nutzt die beste Form, das beste Material nichts, wenn du im Winter immer kränklich bist und nicht an Stabilität gewinnst.

LAOLA1: Wie kann man sich diese Umstellung vorstellen?

Herbst: Ich habe den ganzen Sommer lang auf Milchprodukte verzichtet, versuche viel Gemüse und Fisch zu essen. Omega 3 ist sehr wichtig für unseren Körper. Ich habe versucht mich bewusst zu ernähren und muss sagen, dass mein Immunsystem dadurch stabiler geworden ist und ich für Krankheiten weniger anfälliger bin. Anfangs habe ich an Kampfgewicht verloren, mittlerweile habe ich mich auf meine 82 Kilo eingependelt. Früher habe ich viel Müsli gegessen, heute schaue ich, dass ich mit sehr vielen  Eiern durch den Tag komme.

LAOLA1: Du hast auch die fehlende Sicherheit angesprochen?

Herbst: Sicherheit heißt für mich, dass ich auf einem guten Niveau von zehn Läufen neun im Ziel habe. Letztes Jahr ist mir das leider nicht gelungen. Mir ist es wichtig konstant meine Leistungen zu bringen, ich muss nicht immer der Schnellste sein. Erfahrungsgemäß gewinnt der Läufer, der über den gesamten Hang schnell ist und nicht in Teilabschnitten. Wir haben 140 Tore, also zwei Mal 70. Es nutzt mir nichts wenn ich einen Durchgang schnell bin und den anderen nicht. Es ist wichtig das Gesamtpaket „Sicherheit“ groß zu schreiben. Ich merke, dass dieses Gefühl über den Sommer  und Herbst wieder zurückgekommen ist. Das ist genau was ich brauche, um gut zu sein. Ich rieche den Braten wieder.

LAOLA1: Wie fit muss man heutzutage körperlich sein, wie viel macht das Material aus?

Herbst: Man muss eine gute Basis mitbringen. Sprich Gesundheit, Gleichgewicht, Kraft und Ausdauer müssen eine Einheit bilden. Topfit zu sein ist natürlich sehr wichtig, aber jede Fitness hilft nichts, wenn du die Kraft nicht auf die Ski bringst. Leider ist es so, dass das Material eine immer größere Rolle spielt. Ich würde Schuh und Ski mittlerweile von der Wichtigkeit gleichstellen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist natürlich die Technik, die sich aber sehr gerne an das Material anpasst.

70 Prozent Material testen, 30 Prozent Training

LAOAL1: Mit wie vielen Schuhen reist ein Reinfried Herbst zu einem Rennen?

Herbst: Der Schnee ist mittlerweile so, dass er sich durch das Klima sehr schnell verändert. Das ergibt oft  die Schwierigkeit, immer den perfekten und passenden Schuh zu erwischen. Früher bin ich mit zwei Paar herumgeflogen, eines mit dem ich immer gefahren bin und das andere als Ersatz. Wenn ich jetzt wegfliege, mache ich mich mit fünf Paar Schuhen auf die Reise. Ein gutes Beispiel für mich ist Svindal.

LAOLA1: Wesshalb?

Herbst: Er ist die letzten Jahre mehrere Disziplinen mit einem Schuh gefahren. Andere Athleten reisen wiederum mit acht Paar Skischuhen an. Mittlerweile ist es schon so, dass wir 70 Prozent unserer Einheiten die wir am Schnee fahren, Material testen. Nur 30 Prozent macht dabei das Training aus, wo auf Technik und andere wertige Sachen geschaut wird.  Es ist wichtig das Material zu finden, welches kleine Fehler verzeiht, aber auf allen Schneesorten Sicherheit gibt.

LAOLA1: Wie wichtig ist ein guter Start in den Weltcup-Winter?

Herbst:  Im Grunde ist ein guter Saisonstart beflügelnd. Wenn ich das erste Rennen gewinne ist das natürlich perfekt, lande ich unter den Top sechs, ist das völlig okay und ich kann mich immer noch steigern. Ausscheiden hingegen ist einfach schlecht, weil nach dem Rennwochenende meist eine längere Pause ist. Diese Zeit zieht sich und verankert sich in deinem Kopf. Heuer ist zum Glück alles dichter gedrängt und ich werde alleine im Dezember drei Rennen bestreiten.

LAOLA1: Du hast Höhen und Tiefen durchlebt, hast du je daran gedacht den Hut drauf zu hauen?

Herbst: Solche Momente hat es gegeben, jedoch steckt der Sportler tief in mir. Solange ich nicht noch ein kleines Stück Hoffnung sehe, gebe ich nicht auf. Ich habe immer Chancen gesehen, daran habe ich mich festgeklammert. Ich bin der Meinung es ist wichtig, dass sich jeder an seiner Nase nimmt und in sich reinfühlt. Nur dann findet man heraus was einem gut tut und wichtig für einen ist.

LAOLA1: Wird man als zweifacher Papa vorsichtiger oder motiviert einen das nur noch mehr?

Herbst: Das große Risiko geht man als Slalom Läufer nicht ein. Ich fahr als Papa nicht verhaltener als vorher. Im Gegenteil, ich will Gas geben und einen Pokal gewinnen, damit mein Sohn zufrieden ist. Ich kann mich noch erinnern, vor zwei Jahren, als ich in Kitzbühel ausgeschieden bin. Ich bin sehr  enttäuscht nach Hause gekommen, habe mit meinem Sohn Lego gespielt und komplett auf das Skifahren vergessen.

Ich konnte perfekt abschalten und mich neu motivieren für Schladming. Meine Kinder lenken mich ab, bringen mich auf andere Gedanken und beflügeln mich.

LAOLA1: Was sind deine Wünsche für die Zukunft?

Herbst: Mein Wunsch ist es, dass ich mich so weiterentwickle, wie ich es jetzt wieder im Kopf habe. Sprich, das umsetzen, was ich im Training spüre. Für einen Sportler gibt es nichts Schöneres, als das er sein Hobby zum Beruf machen kann und darin erfolgreich ist. Perfekt ist es natürlich, wenn rund herum auch alles passt und meine Familie gesund ist. Ich werde mich voll einsetzten und reinhauen, damit ich diesen Winter speziell mit so vielen Heimrennen für Alarm im Stangenwald sorge.

LAOLA1: Wie lange hat ein Reinfried Herbst noch vor im Skizirkus dabei zu sein?

Herbst: Mit meinen 33 Jahren sind die nächsten drei Jahre auf jeden Fall noch ein Thema. Bis Sotschi möchte ich auf jeden Fall noch aktiv sein, länger auf keinen Fall.

 

Das Interview führte Patricia Kaiser

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