Raich: "Mir war immer klar, dass es weitergeht!"

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Als Benjamin Raich bei der ÖSV-Einkleidung eine Begrüßung aus Sölden für den Ö3-Wecker einsprach, verwies er darauf, dass diese nur dann gespielt werden darf, wenn er auch wirklich startet.

Spätestens seit Mittwoch ist klar: Aufwecker Robert Kratky kann den Knopf drücken und den Sager abspielen. Denn der „Blitz aus Pitz“ feiert rund acht Monate nach seinem bei der WM in Garmisch-Partenkirchen erlittenen Kreuzbandriss ein Comeback.

Ausgerechnet auf dem Hang, auf dem der sonst so erfolgsverwöhnte Tiroler noch nicht einmal aufs Stockerl gecarvt ist.

Diesmal geht es aber um etwas ganz Anderes, wie Benjamin Raich im LAOLA1-Interview klarstellt: „Meine Latte liegt in dieser Saison woanders!“

Schritt für Schritt zurück in die Weltspitze, lautet die Devise. 


Raich: Ich war eigentlich ganz zufrieden. Das Knie war stabil, ich hatte keine Schmerzen. Das war schon einmal wichtig. Ein bisschen Abstand zur Spitze ist schon noch da, aber ich bin im Vergleich mit den anderen auch bei den Schneetagen im Rückstand. Aber wenn ich mich überwinden und mich voll runterhauen kann, dann kann ich sicher mitfahren.

LAOLA1: Hermann Maier hat im Gespräch mit LAOLA1 gemeint, dass es vielleicht gar nicht so schlecht ist, dass Sie sich verletzt haben, weil Sie dadurch ihre Festplatte löschen konnten und jetzt befreit neu durchstarten können. Sehen Sie ihr Comeback als Neustart?

Raich: Das hat schon was, keine Frage. Nach so einer Verletzung machst du einen Schnitt. Ich konnte reflektieren, hatte plötzlich Zeit zu überlegen, in welche Richtung es gehen kann. Es war immer klar, dass es weitergehen wird, aber ich habe dieses Comeback, diesen Weg zurück, auch als Chance gesehen.

LAOLA1: Mussten Sie aufgrund der Verletzung etwas an der Vorbereitung verändern?

LAOLA1: Herr Raich, Sie feiern am Sonntag und also 249 Tage nach ihrem Kreuzbandriss ein Comeback. Wie hart und schwierig war der Weg zurück?

Benjamin Raich: So eine Reha ist kein Honiglecken, aber mir hat es trotz der schwierigen Umstände irgendwo getaugt. Letztenendes war es eine gute Erfahrung für mich. Natürlich will man sich nicht verletzen, aber wenn es schon passiert, muss man auch etwas für sich mitnehmen. Und es ist ja zum Glück alles gut verlaufen.

LAOLA1: Haben Sie im Sommer aufgrund der Verletzung mehr tun, mehr arbeiten müssen als in der Vergangenheit?

Raich: Mehr tun alleine ist nicht die Kunst, sondern das Richtige zu machen. Weil motiviert sind die anderen auch. Ich habe viel probiert. Aber wie sich das auswirkt, werden wir erst in den nächsten Monaten sehen.

LAOLA1: Wie schwer ist es Ihnen gefallen, sich bei den ersten Fahrten auf Schnee zu überwinden?

Raich: Natürlich muss man sich, wenn man nach so einer langen Zeit wieder den ersten Schritt macht, überwinden und Vertrauen gewinnen. Wir sind in Sölden über den Weltcuphang runtergefahren, das ist immer wieder eine Überwindung, da kompromisslos zu fahren. Das war für mich der nächste Schritt – und hoffentlich der letzte.

LAOLA1: Glaubt man den Trainern, dann sind Sie in den ÖSV-internen Zeitläufen schon wieder vorne dabei. Wie ist es Ihnen dabei gegangen?

Raich: Wie gesagt. Ich hatte anders Zeit. Sonst hetzt man von Rennen zu Rennen, dann ist die Saison vorbei, man testet Ski, die Vorbereitung startet und schon ist der Herbst wieder da. Durch die Verletzung musste ich den ganzen Aufbau anders gestalten. Man baut das Ganze von Grund auf auf, was sonst nicht mehr passiert. Vielleicht ist das ein Schlüssel, dass man gewisse Fehler, die sich eingeschlichen haben, ausmerzt.

LAOLA1: Was haben Sie für sich selbst, ganz persönlich, von dieser schweren Verletzung mitgenommen?

Raich: Vieles. Im Leben lernt man immer dazu, wird reifer. So eine Verletzung nimmt natürlich Einfluss, das ist auf gewisse Art und Weise schon sehr prägend. Ich bin die letzten 15 Jahre doch auf sehr hohem Niveau gefahren, habe auch sonst immer alles gegeben. Das kostet natürlich Kraft, wenn man immer Vollgas gibt. In der Reha habe ich gemerkt, dass es wichtig ist, auch einmal Stopp zu sagen, ein bisschen Tempo raus zu nehmen und nach Luft zu schnappen.

LAOLA1: Stopp haben auch die Athletinnen und Athleten zu den von der FIS präsentierten Materialreform gesagt …

Raich: Ein Teil der Athleten. Sehr viele, aber bei weitem nicht alle.

LAOLA1: Sie waren jedenfalls einer der Ersten, der vor gut einem Jahr in einem Interview vor den „gefährlich breiten Ski“ gewarnt hat.

Raich: Ich habe im Prinzip schon seit Jahren genau das gefordert, wie es jetzt kommt. Endlich passiert etwas! Ich bin ich sehr zuversichtlich, dass wir einen sehr guten Schritt in die richtige Richtung machen. Wenngleich auch noch andere Schritte in anderen Bereich gemacht werden müssen.

LAOLA1: Stichwort Pistenpräparierung?

Raich: Ich habe mit meinem Umfeld daheim schon sehr oft Pisten präpariert, deshalb weiß ich auch, dass es sehr schwierig ist, das immer optimal zu machen. Noch schwieriger, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel bei einer Abfahrt der Start auf 3.000 und das Ziel auf 1.000 m ist. Oben scheint die Sonne, da ist ein Nordhang, da hat es plus 10 Grad, oben minus 15 Grad. Das Ziel muss eine gleichmäßige Präparierung sein, aber das ist nicht immer so leicht umzusetzen.

LAOLA1: Stichwort Kurssetzung?

Raich: Das Tempo muss wieder kontrolliert werden. Man kann auch über die Anzüge diskutieren. Aber da hat jeder Läufer seine eigenen Interessen. Wenn ich mit den aktuellen Gegebenheiten gut zurecht komme, werde ich nicht fordern, dass es geändert wird.

LAOLA1: Waren Sie überrascht, dass doch so viele Athletinnen und Athleten die Petition unterschrieben haben?

Raich: Losgegangen ist es ja damit, dass über 40 m Radius gesprochen wurde. Wenn es 35 m gewesen wären, hätte ein großer Teil weniger unterschrieben. Viele werden sicher diese Meinung haben, viele, und das glaube nicht nur ich, das hat auch Kilian Albrecht in einem Interview gesagt, haben deshalb unterschrieben, weil der Kollege auch unterschrieben hat. Ich habe jetzt schon den Eindruck, dass es viele gibt, die sagen: „Das passt!“

LAOLA1: Aber es gibt auch viele, denen passt auch die angepasste Reform noch nicht?

Raich: Veränderungen sind immer schwierig. Und ich verstehe ja auch, dass die Jungen Angst haben. Sie sind mit dem Material, das wir heute fahren, groß geworden und zufrieden. Aber diesmal ist es kein Schnellschuss, da wird nicht wieder irgendwas probiert, sondern man hat das ganz genau getestet, sich angeschaut, welcher Druck bei welchen Belastungen zustande kommt. Und mit dem Ergebnis dieser Tests war klar, dass etwas passieren muss.

LAOLA1: Es ist natürlich Hätti-Wari, aber denken Sie manchmal darüber nach, dass die Verletzung vielleicht nicht gewesen wäre, hätte die FIS schon früher reagiert?

Raich: Vielleicht hätte es geholfen, wahrscheinlich wäre es besser ausgegangen, aber es war auch ein Fehler von meiner Seite da. Ich mache keinem einen Vorwurf, Verletzungen wird es mit dem neuen Material auch geben. Vorwürfe muss man sich nur dann gefallen lassen, wenn jetzt wieder nichts passiert.

LAOLA1: Wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Stephan Schwabl

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