"Erwartung der anderen ist egal"

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"Erfolge setzen Emotionen frei und machen süchtig"

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Anna Fenninger ist 25 Jahre jung, hat aber eigentlich alles erreicht, was man als Skifahrerin erreichen kann.

Eine kleine Kugel, eine große Kugel, WM-Gold und Olympia-Gold stehen auf ihrer Vita.

"Das hört sich viel und gut an, aber es reicht mir noch nicht", gibt sich die Salzburgerin im Interview mit LAOLA1 im Rahmen eines Medientages in Schladming noch längst nicht zufrieden.

Wenn sie über die Erfolge aus der Vor-Saison spricht, glänzen ihre Augen und man merkt, dass sie trotz der Titel immer noch hungrig ist.

Im großen Sommer-Interview erzählt sie vor herrlicher Kulisse, wie es ihr im anstrengenden Sommer-Training geht, warum sie es "arg" fände, wenn Mikaela Shiffrin heuer einen Super-G gewinnen würde, und warum sie der Rummel um ihre Person manchmal nervt.

 

LAOLA1: Anna, nachträglich nochmal Gratulation zur letzten Saison. Hast du schon realisiert, was du alles erreicht hast?

Anna Fenninger: Es hat sehr lange gedauert, bis ich es realisiert habe. Es ist eigentlich immer noch so, dass ich mir Gedanken mache, was das alles bedeutet. Mittlerweile denke ich aber, sagen zu können, dass ich begriffen habe, was das alles bedeutet und von meinen Gefühlen her einordnen kann.

LAOLA1: Wenn du die Erfolge reihen müsstest, was käme an erster Stelle? Der Gesamtweltcupsieg oder die Olympia-Goldmedaille?

Fenninger: Hm, schwierig. Das ist eine Gefühlssache, was einem selbst wichtiger ist. Sportlich gesehen ist es sicher der Gesamtweltcup, weil es das Schwerste ist, ihn zu gewinnen. Der Olympia-Titel ist dafür medial einfach das Wichtigste und Höchste, deshalb kann man die zwei Sachen eigentlich nicht miteinander vergleichen.

LAOLA1: Während andere gerade in den Sommerurlaub fahren, steckst du mitten in der Vorbereitung auf die kommende Saison. Wie geht es dir bis jetzt? Läuft alles nach Plan?

Fenninger: Es läuft so, wie ich es mir vorgestellt habe. In der ersten Mai-Woche habe ich schon wieder mit dem Kondi-Training begonnen. Es waren schon einige harte Wochen dabei und ich fühle mich jetzt schon gut vorbereitet und fit. Körperlich bin ich soweit, dass ich mich schon aufs Skifahren freue und es eigentlich kaum erwarten kann.

LAOLA1: Du hast gerade die harten Trainingseinheiten angesprochen. Wie schafft man es, sich Sommer für Sommer zu überwinden und zu motivieren?

Fenninger: Für mich ist es jetzt leichter geworden, weil ich weiß, wofür ich das tue. Wenn ich einen Erfolg feiere, dann setzen sich bei mir viele Emotionen frei. Das macht süchtig. In solchen harten Trainingseinheiten habe ich schon oft daran gedacht, was ich alles erreicht habe und dass ich es wieder erreichen will. Dafür mache ich es und das macht es für mich leichter.

LAOLA1: Wie sieht ein typischer Tag während des Sommertrainings aus?

Fenninger: Es ist unterschiedlich. Es kommt auch immer darauf an, in welcher Phase man ist und wie intensiv das Training ist. Wenn ich einen Tag aus Zypern hernehme, wo wir ganz zu Beginn des Trainings waren, waren wir am Vormittag vier bis fünf Stunden am Rad. Da stehen wir um sieben Uhr auf, fahren um halb neun weg und fahren bis kurz nach Mittag. Dann gehen wir Mittagessen, und haben danach eine kurze Pause. Anschließend mobilisieren wir, haben eine Rumpf-, oder eine koordinative Einheit. Es ist jeden Tag unterschiedlich, aber es ist jeden Nachmittag noch eine Einheit mit bis zu zwei Stunden dabei.

LAOLA1: Wie viel Einfluss hast du selbst auf die Trainingssteuerung?

LAOLA1: Wie hat sich dein Leben mit dem Erfolg generell verändert? Kannst du noch in Ruhe einkaufen gehen oder wirst du dann von Fans belagert?

Fenninger: Ruhig ist es definitiv nicht. Es passiert immer wieder, dass ich erkannt werde. Ob es jetzt beim Billa um die Ecke ist, oder ob es meine gewohnte Laufstrecke ist, wo mir die Leute nachschauen. Das war vor drei Jahren noch nicht so. Ab und zu ist das natürlich unangenehm, aber manchmal ist es auch cool, weil es die Bestätigung ist dass ich erfolgreich bin und das einfach dazugehört. Mit dem muss ich umzugehen lernen.

LAOLA1: Die Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit ist nach so vielen Erfolgen natürlich hoch. Hemmt dich diese oder spornt sie dich sogar an?

Fenninger: Ganz hart gesagt: Die Erwartung von den anderen ist mir eigentlich egal. Wenn ich mich darauf reduzieren würde, könnte ich keine Leistung mehr bringen, weil ich mich selbst nur unter Druck setzen würde. Für mich ist die Erwartungshaltung natürlich da und das war auch das, das mich früher oft gehemmt hat, meine Leistung zu bringen. Aber aus dem habe ich sehr viel gelernt. Ich versuche mir immer wieder bewusst zu machen, was mich erfolgreich macht. Und das ist sicher nicht die Erwartungshaltung der anderen. Natürlich gibt es Momente wo es mich ärgert, dass die Leute so viel von mir erwarten. Aber ich kann das auch verstehen, wenn ich mich in die Leute hineinversetze, wäre ich wahrscheinlich gleich.

LAOLA1: Mit Maria Höfl-Riesch hat eine Läuferin ihre Karriere beendet, die jedes Jahr um den Gesamtweltcup mitgefahren ist. „Freust“ du dich, eine Konkurrentin weniger zu haben?

Fenninger: Maria war extrem erfolgreich und letztes Jahr die härteste Konkurrentin im Gesamtweltcup. Ich denke aber nicht, dass es deshalb leichter wird. Es gibt jetzt viele Mädels, die auf einem ähnlichen Niveau sind. Was Lindsey (Vonn/Anm.) heuer macht, weiß ich nicht, das kann man schwer einschätzen. Sie war die letzten Jahre die, die es klar für sich entschieden hat. Oder auch Tina Maze das Jahr davor. Da hast du keine Chance, wenn du „nur“ 1.500 Punkte machst, da musst du schon 2.000 machen. Das ist übermenschlich. Ich glaube aber eher, dass es in den nächsten Jahren ausgeglichener ist. Ich hoffe es sogar, weil es das für die Zuseher und für uns selber spannender macht. Ich glaube, dass es einige Anwärterinnen geben wird.

LAOLA1: Zum Beispiel?

Fenninger: Neben Vonn und Maze in meiner Generation Tina Weirather oder Lara Gut. Die schätze ich extrem stark ein.

Fenninger: Wenn mir was gar nicht zusagt, mache ich es auch nicht. Dann hat es ja keinen Sinn. Ich bin aber schon sehr vielseitig und versuche, das Training abwechslungsreich zu gestalten. Wenn ich immer das gleiche mache, geht es mir irgendwann auf den Geist (lacht). Ich habe auch einen eigenen Trainer, mit dem ich alles bespreche. Wo muss ich mich verbessern und was kann ich dafür tun? Dann gibt er mir etwas vor. Es ist natürlich so, dass man die anstrengenden Sachen nicht so gerne macht wie die, die nicht so anstrengend sind. Aber die sind meistens die wichtigen. Ich weiß ja, wofür ich es mache.

LAOLA1: Setzt du beim Training auf das, was du die letzten Jahre gemacht hast oder versuchst du, neue Wege zu gehen?

Fenninger: Viele Wege führen nach Rom. Es ist nicht so, dass man das Rad fahren oder das Laufen neu erfindet, aber es gehört einfach dazu. Wo man viel ausprobieren kann, ist das Krafttraining oder die koordinativen Sachen. Ich finde, man muss neue Sachen probieren, dass man sich weiterentwickelt. Wenn ich immer dasselbe mache, werde ich ja nicht besser.

LAOLA1: Du bist jetzt 25 Jahre alt, hast aber eigentlich alles erreicht, was man erreichen kann. Du hast eine kleine Kugel, eine große Kugel, WM-Gold und Olympia-Gold. Was treibt dich an, trotzdem weiterzumachen?

Fenninger: Das hört sich viel und gut an, aber mir reicht es noch nicht. Ich habe schon noch Ziele. Ich möchte zum Beispiel einmal eine Kugel im Super-G gewinnen. Oder vielleicht sogar in der Abfahrt. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, aber letztes Jahr hatte ich eine recht gute Saison und war auch Zweite, was ich mir nie gedacht hätte. Für mich ist es cool zu sehen, dass der Weg, den ich gehe, passt. Es ist schön zu wissen, dass man etwas erntet.

LAOLA1: Denkst du, dass eine Mikaela Shiffrin schon ein Wörtchen mitreden kann?

Fenninger: Auf die bin ich besonders gespannt. In dem Alter schon so ein Niveau zu haben, es wird interessant zu sehen, ob sie es halten kann. Ich lasse mich gerne überraschen. Ich weiß nicht, wie gut sie im Speed-Bereich ist. Mit dem Alter ist es sicher noch schwierig, im Speed brauchst du eine gewisse Erfahrung, die du dir im Slalom schneller aneignen kannst als in Super-G oder Abfahrt. Ich glaube nicht, dass sie nächstes Jahr schon einen Super-G gewinnen kann. Wenn sie es kann, wäre es ganz arg.

LAOLA1: Als du zum Ende der vergangenen Saison während und nach Olympia diesen unglaublichen Lauf hattest, haben wir da die beste Anna Fenninger gesehen, die es gibt, oder denkst du, da geht immer noch mehr?

Fenninger: Ich habe damals drei Riesenslaloms gewonnen. Ich denke es würde überheblich klingen, wenn ich sage, es wäre noch besser gegangen. Natürlich gibt es immer etwas auszusetzen. Es gibt keinen perfekten Lauf, man findet immer irgendwo irgendwas. Psychisch gesehen und von der Lockerheit her war es die beste Anna Fenninger, die man bis jetzt gesehen hat. Ich war von mir selbst überrascht, wie cool ich eigentlich war. Mein Ziel ist es, da anzusetzen und weiterzumachen.

LAOLA1: Du bist auch auf „facebook“ sehr aktiv, deine Fanseite hat mittlerweile über 400.000 Fans. Machst du das aus Spaß heraus oder ist es eine Verpflichtung den Fans gegenüber?

Fenninger: Es hat angefangen und sich dann immer weiterentwickelt. Ich könnte genauso fragen: Warum gebe ich ein Interview? Das gehört einfach zu meinem Job. Auf der einen Seite tut man es gerne, auf der anderen Seite ist es oft stressig, weil man viel zu tun hat. Im Sommer vergesse ich auch hin und wieder darauf. Dann denke ich mir oft, dass ich jetzt wieder einen Eintrag machen müsste. Aber warum muss ich es eigentlich machen? Ich muss ja nicht. Irgendwo habe ich schon ein Verantwortungsgefühl den Fans gegenüber entwickelt. Deswegen mache ist es. 400.000 ist nicht gerade eine kleine Reichweite, da kann man schon ein bisschen stolz sein.

 

Das Gespräch führte Matthias Nemetz

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