"Ich wollte All-In gehen"

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"Da musst du die Eier haben und es durchziehen"

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Marcel Hirscher hat es getan.

Als erster Österreicher seit Hermann Maier 2005 gewann er das erste Weltcup-Rennen der Saison in Sölden.

"Ich habe echt eine Freude. Ich bin so knapp dran am Weinen“, zeigt er sich danach emotional wie selten zuvor. "Ich war so erledigt, meine Beine haben gezittert. Es war ein harter Kampf, meine Zehennägel brennen jetzt noch.“

Vom perfekten Schwung will der Salzburger trotzdem nichts wissen. "Nein. Da geht noch etwas“, lautet die Ansage, die die Konkurrenz nach dem großen Vorsprung des dreifachen Gesamtweltcupsiegers am Rettenbachferner in Angst versetzen wird.

Fragen nach dem Gesamtweltcup winkt der 25-Jährige nach dem ersten Saison-Rennen ohnehin ab.

Wie er den Sieg einordnet, er den Druck in den letzten Wochen gesehen hat, warum Ted Ligety das Rennen nicht auf die leichte Schulter genommen habe und das "depperte grüne Schild", verrät er LAOLA1.

MARCEL HIRSCHER...

 

… ÜBER SEINE GEDANKEN NACH DEM RENNEN:

Den Vorsprung habe ich nicht glauben können. Aber voll cool, ich habe echt eine Freude. Ich bin so knapp dran am Weinen. Das ganze Team hat sich so reingehängt und es hat sich ausgezahlt. Ich bin überglücklich. Es war einer der schwersten Durchgänge, die ich jemals hatte. Ich war so erledigt, meine Beine haben gezittert. Es war ein harter Kampf, meine Zehennägel brennen jetzt noch. Wenn du alles riskierst und alles gewinnst, ist es das beste Gefühl, das du haben kannst.

… ÜBER SEINEN TOLLEN ZWEITEN LAUF:

Ich habe mitbekommen, dass Ted einen Fehler hatte und Neunter war. Das hat aber nichts geändert. Ich habe mir bereits vor dem Lauf vorgenommen, zu riskieren. Ich wollte All-In gehen. Ich wollte nicht Vierter oder Fünfter werden und mir dann vorwerfen, nicht alles riskiert zu haben.

… ÜBER DEN STELLENWERT DES SIEGES:

Ich weiß, wie wichtig das für Österreich ist. Ich kann mich gut erinnern, als Hermann Maier das letzte Mal gewonnen hat. Da waren alle Zeitungen bumvoll. Das hat einen besonderen Stellenwert. Schladming ist mit Sölden sicher gleichzustellen. Sölden hat eine riesige Bedeutung, das ist mir bewusst. Es ist wichtig für die ganze Nation. Vielleicht jubelt ja auch der Ski-Tourismus und die Ski-Marken. Nicht über mich, sondern über die Bilder, die um die Welt gehen.

… ÜBER SEINE REAKTION IM ZIEL:

Ich habe es nicht gleich gesehen. Das depperte grüne Schild hat nicht gleich geleuchtet. Das verwirrt mich immer. Dann habe ich 1,58 gesehen und mir gedacht, das kann es nicht sein. Schlussendlich hat es doch gestimmt, super cool. Ich habe bei weitem nicht gedacht, dass ich so schnell war.

… ÜBER ÜBERLEGENHEIT:

Ich wusste, dass ich schnell fahren kann – intern. Das wusste ich in den letzten Jahren aber auch. Daher war die Frage, was das im internationalen Vergleich bringt. Scheinbar sehr viel.

… OB ER PERFEKT GEFAHREN SEI:

Nein. Da geht noch etwas. Ich habe zehn Schwünge angedriftet, die kann man sicher auch noch auf Zug fahren. Das ist zwar fast ein utopisches Ziel, aber wenn ich heute sagen würde, alles wäre perfekt, könnte ich auf Wiedersehen sagen.

… ÜBER SEIN RISIKO IM SOMMER:

Das war sehr mutig, aber es hat einfach mutige Schritte gebraucht. Die Jungs haben sich echt reingehaut. Vier Monate nicht Ski zu fahren, Crossfit zu trainieren, wo jeder sagt, ich würde mich zerstören, da musst du die Eier haben und es durchziehen. Das ist nicht einfach. Solche Sachen sind aber nötig, um Außergewöhnliches zu leisten.

… ÜBER SEINE GEDANKEN, ALS ER DIE PISTE GESEHEN HAT:

Voll geil, es ist eisig! Wenn es Tiefschnee gehabt hätte, wäre das nicht so cool gewesen. So sieht man auch, wie äußere Faktoren ein Rennen beeinflussen. Wenn es gatschig oder Tiefschnee gewesen wäre, wäre ich nicht so weit vorne. So realistisch muss man sein.

… OB TED LIGETY DAS RENNEN ZU LOCKER GENOMMEN HAT:

Nein. Ted ist zwar gestern mit Tiefschnee-Ski runtergefahren, hat dann aber schon noch die Riesentorlauf-Ski ausgepackt. Er ist mit Rennski und Rennanzug durchgefahren. Somit denke ich nicht, dass er es zu locker gesehen hat. Das war kein Fehler seinerseits.

… ÜBER DEN DRUCK IM VORFELD:

In den letzten zwei Wochen war ich echt nervös. Da kann es schonmal passieren, dass ich eine blöde Antwort gebe. Es war nicht leicht, jetzt fällt der ganze Druck ab. Meine Gedanken gelten nun schon wieder Levi und dem ersten Slalom. Es ist eine gewisse Genugtuung da. In meinen Körper kehrt jetzt Ruhe ein, das merke ich schon jetzt. Das will ich. Ich werde die nächsten Wochen sicher gut schlafen.

… ÜBER SEIN ERFOLGSREZEPT:

Athletisch bin ich besser als jemals zuvor. Atomic hat aber einen tollen Job geleistet. Das ist auch ein Teil vom Erfolgsgeheimnis. Es wurde sehr viel entwickelt am Ski. Wir haben noch einiges in Petto und es taugt mir total.

 

Aus Sölden berichtet Matthias Nemetz

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