Berthold: "Noch haben wir nichts gewonnen!"

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Am Montag verabschiedete Herren-Chef Mathias Berthold mit Mario Scheiber den ersten Läufer in die "Ski-Pension".

Den großen Schritt wird es aber erst nach dem Weltcup-Finale geben, kündigt der Vorarlberger im LAOLA1-Interview doch tiefgreifende Änderungen an.

"Ich möchte das System maximieren und werde hart an den Kader-Kriterien festhalten!"

Außerdem spricht der Vorarlberger über Kugel-Chancen, den erfolgreichen Einbau junger Läufer und was noch besser werden muss.

 

LAOLA1: Wie fühlt man sich als Herren-Chef, wenn man vor dem Weltcup-Finale die Chance auf Gesamt-Weltcup und drei kleine Kristallkugeln hat?

Mathias Berthold: Natürlich ist es super, wenn man bis zum Schluss die Möglichkeit hat, relativ viel zu gewinnen. Die Chancen sind da, wir wollen sie auch nützen, aber noch haben wir nichts gewonnen.

LAOLA1: Wie würden Sie die Chancen einordnen?

Berthold: Unser Ziel war es, in den Disziplinen-Wertungen vorne mitzufahren, was uns bis jetzt gut gelungen ist. Im Riesentorlauf stehen die Chancen sehr gut, in der Abfahrt gut. Im Slalom muss Marcel schon richtig gut fahren, um die Kugel noch zu gewinnen. Aber die Möglichkeit besteht, wenn die Burschen noch einmal knallhart dahinter sind.

LAOLA1: Im Gesamt-Weltcup bleibt Hirscher nach seinem Slalom-Aus in Kranjska Gora Jäger. Vor- oder Nachteil?

Berthold: Zum Thema Gesamt-Weltcup gibt es nicht viel zu sagen. Wir werden alle kämpfen bis zum Schluss, alles tun und machen, damit Marcel das Ziel noch erreicht.

LAOLA1: Vor der Saison war der Aufschrei groß, als Sie gesagt haben, dass der Gesamt-Weltcup kein Thema ist?

Berthold: Es war einfach nicht realistisch zu Saisonbeginn. Aber Marcel hat eine gewaltige Serie hingelegt, dazu kommt, dass er bei den Slaloms in Wengen, Kitzbühel und Kranjska Gora Punkte liegen gelassen hat, die sehr weh tun. Aber im Prinzip ist es wurscht, er hat so oder so eine sehr gute Saison.

LAOLA1: Und ist bis zum Schluss vorne dabei, obwohl er nur zwei Disziplinen fährt?

Berthold: Weil er Rennen gewinnt. Nur wenn du konstant ganz vorne dabei bist, hast du mit zwei Disziplinen eine Chance, um den Gesamt-Weltcup mitzufahren. Und genau das hat er gemacht.

LAOLA1: Hand aufs Herz: Haben Sie erwartet, dass die große Zukunftshoffnung nach der Verletzung bereits in der Gegenwart so aufdreht?

Berthold: Wenn ich vor der Saison sage, dass der Hirscher ein Kandidat für den Gesamt-Weltcup ist, sagen alle, dass ich einen vollen Vogel habe. Und es setzt den Burschen unter Druck. Dann wird er im ersten Rennen 6. und alle sagen: Was wollt's ihr eigentlich mit dem? Und das ist über eine ganze Saison gesehen sinnlos.

LAOLA1: Sinnlos liest sich auch der Wetterbericht für das Weltcup-Finale, die Speed-Rennen wackeln. Also Vorteil Hirscher?

Berthold: Ich fände es schade, wenn das Wetter den Gesamt-Weltcup entscheiden würde. Schade für die Fans, schade für Feuz und Hirscher und auch schade für unser Team, denn die Jungs sind alle super drauf. Ich würde mir wünschen, dass es einen sportlichen Entscheid gibt.

LAOLA1: Sehr sportlich haben sich in dieser Saison neben Marcel Hirscher auch einige andere junge Läufer präsentiert. Wie zufrieden sind Sie mit dem zum Amtsbeginn versprochenen Generationswechsel?

Berthold: Es läuft ganz gut, die Jungen haben sich in diesem Winter super präsentiert, Mayer, Mathis und Franz haben sich souverän für das Weltcup-Finale qualifiziert. Aber ich bin keiner, der sich damit zufrieden gibt, denn es gab auch weniger erfreuliche Dinge.

LAOLA1: Zum Beispiel?

Berthold: Wir haben sicher einige Siege liegen gelassen. Im Super-G waren wir gemessen an der Qualität unserer Mannschaft nicht stark genug. Auf der anderen Seite haben wir beim Finale neun Läufer dabei, was gewaltig ist.

LAOLA1: Also liest sich die Bilanz auch ohne Kugel schon sehr gut, oder?

Berthold: Sicher. Wir haben mehr Siege als im Vorjahr, haben im Nationen-Cup der Herren schon jetzt um 1.000 Punkte mehr als zum Ende der letzten Saison. Von dem her geht es also in eine sehr gute Richtung!

LAOLA1: Apropos Richtung: Der WM-Winter wird neben der Materialreform auch was die Strukturen im Herren-Team angeht einige Änderungen bringen?

Berthold: Es geht jetzt einfach darum, wie wir uns für die Zukunft neu aufstellen und in welche Richtung wir marschieren. Ich habe meine Konzepte, die werde ich nach der Saison vorstellen, dann wird budgetiert und geschaut, welche Dinge wir durchbringen. Aber ich habe einiges vor!

LAOLA1: Das hört sich nach einem radikalen Schnitt an?

Berthold: Wir wollen unser System maximieren. Dafür werden wir einen Cut machen und alle Mannschaften verkleinern. Ich möchte bei den Athleten vom Nationalteam hinunter hart an den Kader-Kriterien festhalten, um die Top-Leute wirklich bestmöglich zu fördern. Diejenigen, die bis jetzt keine Leistung gezeigt haben, werden sich auf andere Art und Weise vorbereiten müssen.

LAOLA1: Ist das die Schattenseite des Jobs als Chef-Trainer?

Berthold: Natürlich ist das nicht leicht, keine Frage. Aber wir sind keine soziale Einrichtung. Es ist unsere Intention, dass wir den absoluten Spitzensport fördern. Daran werden wir gemessen, dementsprechend bringt das Druck auf die Systeme. Einige Athleten werden in Zukunft noch härter arbeiten müssen, um sich für die Teams zu qualifizieren.

LAOLA1: Können Sie Überraschungen ausschließen?

Berthold: Nein. Es kann sicher die eine oder andere Überraschung geben.

LAOLA1: Wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Stephan Schwabl

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