Ligetys Plädoyer

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"War an Schwarz-Weiß-Filme der Anfänge erinnert"

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"Die Gerüchte sind wahr: Michael von Grünigen und Alberto Tomba geben ihr Comeback!“ So überspitzt kommentiert Ted Ligety die angekündigten Regel-Änderungen im Riesentorlauf.

Ab der Saison 2012/13 soll der Mindest-Radius für RTL-Skier von derzeit 27 Meter auf 40 Meter angehoben werden. Damit will die FIS einen Schritt Richtung mehr Sicherheit machen.

Ligety macht keinen Hehl daraus, was er von dieser Regel-Änderung hält: Nichts! In seinem Blog legt der US-Amerikaner ausführlich dar, warum die Material-Änderung der falsche Weg ist.

"Habe mich wie Phil Mahre 1984 gefühlt"

"Ich schreibe das, weil ich erstmals die Chance hatte, einen Prototyp eines 40-Meter-Radius-Skis zu testen. Und ganz ehrlich: Sie sind sch…“, so der regierende RTL-Weltmeister. "Ich habe mich wie Phil Mahre 1984 gefühlt.“

Er habe keinen einzigen Schwung ziehen können, nur mit Rutschphasen war es möglich, um die Tore zu kommen.

Auch sein Teamkollege Warner Nickerson absolvierte Testfahrten. "Als ich ihm zugesehen habe, war ich an die Szenen aus den Schwarz-Weiß-Filmen von den Anfängen des Ski-Sports erinnert", berichtet Ligety. "Unten angekommen, meinte Warner, er hatte Angst, bei jedem Tor einzufädeln, weil die Spitzen so lange sind."

Zurück in den 80ern

Zu seiner "Ankündigung" der Comebacks von Tomba und Von Grünigen meint der regierende Weltmeister: "Da gibt es ein Problem: Ihre Skier aus den 90ern wären nicht egal."

Er führt aus, dass sich die Ski-Radien im Riesentorlauf in den letzten 17 Jahren kaum geändert hätten. 1996 sei man mit einem ähnlichen Radius gefahren, wie heute. Sein Head-Rennleiter Rainer Salzgeber habe 1993 mit einem 32-Meter-Radius WM-Silber gewonnen.

"Um die Zeit einzuordnen: In den Kinos liefen "Schindlers Liste“ oder "Schlaflos in Seattle“. Und der erste Präsident Bush übergab gerade die Amts-Geschäfte an den neu gewählten Bill Clinton."

Um einen ähnlichen Radius zu finden, wie er nun zum Einsatz kommt, müsse man in die 80er-Jahre zurückgehen. "Winkt der sportlichen Entwicklung, den sauberst möglichen Schwung zu fahren, zum Abschied."

Als Top-Carver befangen?

Ihm sei bewusst, dass er befangen wirken könnte, da es bei ihm in den letzten Jahren gut gelaufen sei.

Tatsächlich hat sich Ligety in den letzten Saison zum führenden Riesentorläufer entwickelt. Er gewann seit 2008 drei Mal den Disziplinen-Weltcup und sicherte sich 2011 WM-Gold.

"Wenn die Regel-Änderungen den Sport wirklich sicherer machen und ihn nicht ruinieren würden, dann wäre ich für sie, auch wenn sie zu meinem Nachteil wären. Aber so wie die Regeln nun dastehen, sehe ich keinen Fortschritt im Interesse der Sicherheit."

Alternativ-Vorschläge

Als einfachen "Nein-Sager" darf man den Noch-26-Jährigen jedenfalls nicht einstufen, macht er sich doch wie viele Athleten Gedanken über den Skisport. Und er hat auch Alternative-Vorschläge.

"Wenn man das Tempo rausnehmen will, dann soll man die Rennanzüge verbieten und uns mit normaler Ski-Bekleidung fahren lassen. Ein anderer Ansatz ist die Kurssetzung, damit die Kurse runder gesetzt werden.“

Back in the 80ies - Stenmark als Vorbild?

Geschwindigkit wird nicht sinken

Mit dem neuen Material erwartet Ligety hingegen genau das Gegenteil: "Die Trainer werden direkter setzen, damit wird die Geschwindigkeit nicht geringer werden."

Zudem habe die FIS bereits in der Vergangenheit Fehler gemacht, etwa als man vor einigen Jahren die Skier breiter gemacht und die Standhöhe reduziert hat. "Damit wurden mehr Kräfte auf die Knie verlagert, was zu mehr Verletzungen führte. Schmalere Skier wären in dieser Sache das einzig richtig gewesen und das ist auch das einzige, was bei den neuen Regeln Sinn macht."

Drei schwere Verletzungen im RTL

Ein weiterer Aspekt, der Ligety sauer aufstößt, ist die Tatsache, dass gerade im Riesentorlauf so eine radikale Änderung vorgenommen wird.

Denn der RTL sei bei weitem nicht die gefährlichste Disziplin im Weltcup: "Es gab in den letzten beiden Jahren unter den Top-Athleten im RTL drei schwere Verletzung." Und alle drei hätten unterschiedliche Ursachen.

Thomas Fanara blieb 2009 in Beaver Creek an einer Torstange hängen und wurde ausgehoben. Dabei riss er sich das Kreuzband. "Marcel Hirscher hat sich seinen Knöchel wegen schlechter Pisten-Präparierung gebrochen“, führt Ligety aus. "Er fuhr mit Nummer 2 und da war ein großes Loch, in das er mit voller Geschwindigkeit reinfuhr." Der dritte Fall ist Benjamin Raich, der sich seine Knie-Verletzung beim Teambewerb bei der WM zuzog.

"Ein akzeptables Gefahren-Niveau"

"Wenn man mich fragt: Drei Verletzungen in zwei Jahren ist ein akzeptables Gefahren-Niveau. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das Material nicht die Schuld trug.“

Verletzungen habe es im Ski-Sport schon immer gegeben und werde es immer geben. „Wenn du einen 195cm-Hebel an den Füßen hast, ist die Gefahr da, dass du dich bei einem Sturz verletzt.“

"Ski-Sport ist gefährlich"

"Die Wahrheit ist: Ski-Rennsport ist gefährlich: Das war immer so und wird immer so sein", so Ligety.

"Und bitte versteht mich nicht falsch: Ich bin für Sicherheit. Dafür, Vorkehrungen zu treffen, um unnötiges Risiko zu verhindern. Aber wenn ich mich frage, ob Riesentorlauf "super-gefährlich“ ist, ist die Antwort NEIN."

Vorteil für große Athleten

Ligety fürchtet, dass die neuen Regeln jeglichen Spaß aus dem Ski-Sport nehmen und zukünftige Generationen abschrecken werden.

Er erwartet, dass starke und große Athleten bevorzugt werden, kleine, quirlige - wie etwa Hirscher oder Fanara - hingegen benachteiligt.

"Sonst muss ich die VHS von 1984 abstauben"

Er hoffe, dass dies alles nur eine "List" der FIS sei, um zu sagen: "Wir haben versucht, den Sport sicherer zu machen."

"Ansonsten staube ich besser die VHS-Kassetten von Sarajewo 1984 ab und beginne, den Stil von Phil Mahre und Ingemar Stenmark zu studieren", schließt Ligety mit einer weiteren Spitze."

Philipp Bachtik

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