Fenninger Nationenwechsel nein, Konsequenzen ja

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Es ist eskaliert.

Eine Phrase, die Jugendliche oftmals verwenden, um eine durchzechte Partynacht zu beschreiben, trifft perfekt auf die aktuelle Situation zwischen ÖSV und Anna Fenninger zu.

Der Skiverband forderte sein weibliches Aushängeschild offenbar mehrfach auf, sich vom deutschen Manager Klaus Kärcher zu trennen, die 25-Jährige wiederum drohte mit drastischen Mitteln.

Rücktritt oder Nationenwechsel

Sogar ein Rücktritt der Salzburgerin wurde thematisiert. Ein wirkliches Karriereende spricht sie in ihrem Mail allerdings nie an.

„…Ich will nun ausdrücklich klarstellen, dass das vom Verband mit der nunmehr auch sportlichen Druckausübung verfolgte Ziel mit Sicherheit nicht zu erreichen ist. Bevor ich diesem Wunsch entspreche, werde ich meine aktive Karriere beim ÖSV mit sofortiger Wirkung beenden“, so die Passage.

Sie droht ausdrücklich nur dem ÖSV mit einem Rücktritt, von einem Rückzug aus dem Skirennsport ist nichts zu lesen. Damit kündigt sie indirekt einen Nationenwechsel an, sollte der ÖSV nicht einlenken.

ÖSV kontert Kritik

Inzwischen meldete sich der ÖSV via Pressemitteilung zu Wort und zeigt sich verwundert über die Vorwürfe.

"Der ÖSV hat sogar eine Zusammenarbeit im Rahmen der Reglements und unter Berücksichtigung bestehender Vereinbarungen angeboten. Leider ist das Management von Anna diesem Angebot nicht gefolgt, womit für eine Zusammenarbeit derzeit die Gesprächsbasis fehlt", so ein Auszug der Meldung.

Einer, der sich vor über 20 Jahren in einer ähnlichen Situation befand, ist Günther Mader. Der Tiroler wollte sich dem Verband ebenfalls nicht beugen und erreichte nach langem Hin und Her, mit Robert Trenkwalder seinen persönlichen Trainer zu bekommen.

"Ich habe gesehen, dass es keinen Sinn macht. Du musst das als Läufer auch durchstehen. Die Saison und das Training stehen an, wenn nur herumgehackt wird, fördert das das Sportliche nicht. Ich habe es nur so durchgebracht, weil ich mir alles selbst finanziert habe", so Mader im Gespräch mit LAOLA1.

ÖSV gibt nach und lässt Fenninger machen

Scheinbar ebenso unwahrscheinlich ist die Variante, dass der ÖSV zurückrudert und Fenninger einfach machen lässt. Schon in der Vergangenheit bewies Präsident Peter Schröcksnadel, nicht vor drastischen Maßnahmen zurückzuschrecken. Vor drei Jahren forderte er sogar Marcel Hirscher auf, sich von seinem damaligen Berater Michael Holzer zu trennen und unter seine Fittiche zu kommen. Hirscher lenkte ein, bekam aber sein „Team im Team“ mit Trainer, Physiotherapeut und Pressesprecher. Die Situation ist ähnlich, aber nicht wirklich vergleichbar. Holzer war zwar Hirschers Manager und Mentor, international angesehener „Big Player“ wie Kärcher war er aber nicht. „Du darfst Verantwortung nie abgeben“, sagte Schröcksnadel damals allgemeingültig in einem Interview. „Oft wird gesagt: das Umfeld ist schuld. Dann verändere halt das Umfeld.“ Wer den 74-Jährigen kennt, weiß, dass er Macht nur äußerst ungern abgibt und sehr unnachgiebig sein kann. "Der Verband will verhindern, dass die Guten irgendwo alleine trainieren, und die anderen sich nicht weiterentwickeln", so Mader. Ein kompletter Rückzug vom Verband gilt daher als ausgeschlossen.

Wahrscheinlichkeit: 10%

"Es geht um Geld"

Der 50-Jährige sieht einen klaren Grund für den Streit: "Es geht natürlich um Geld. Der ÖSV hat einen Vertrag mit Audi und sie will einen mit Mercedes. Der ÖSV ist ein Verband und muss schauen, dass er sich erhält. Wenn jeder tut, was er will, kann sich der Verband schlechter verkaufen."

"Diese Probleme wird es immer geben. Die Interessen des Verbandes auf der einen Seite und die der Läufer auf der anderen Seite. Der Läufer will in seiner aktiven Zeit so viel wie möglich verdienen, das passt nicht immer mit den Interessen des Verbandes zusammen", analysiert Mader.

Was er komisch findet, ist, dass es ÖSV und Fenninger nicht schaffen, "sich an einen Tisch zu setzen und die Sache auszureden. Das finde ich schade."

"Abgang nicht leistbar"

An einen Nationenwechsel glaubt der Salomon-Rennchef nicht. "Das geht nur mit einer Freigabe vom ÖSV, die bekommst du im Prinzip nicht."

Laut Kilian Albrecht, der gegen Ende seiner Karriere für Bulgarien an den Start ging, könne sich der ÖSV einen Abgang der Ski-Queen nicht leisten. "Anna ist die beste Athletin, die sie haben - das können sie sich gar nicht leisten, wenn sie gehen würde", so der Shiffrin-Manager bei "Sky".

Fenninger gibt nach und feuert Kärcher

Diese Variante gilt als ausgeschlossen. Die Olympiasiegerin feierte unter dem Deutschen ihre größten Erfolge und wuchs zum internationalen Star. Werbedeals mit Pepe Jeans und anderen großen Marken fädelte ihr Manager geschickt ein. Wie sie immer wieder betont, gibt er ihr den nötigen Rückhalt und schirmt alle unwichtigen Nebengeräusche von ihr ab. Man hat das Gefühl, je stärker der ÖSV verlangt, dass Fenninger sich von Kärcher trennen soll, desto enger wird die Bindung zwischen Sportlerin und Berater. "Ich kenne ihren Manager nicht, daher kann ich dazu nichts sagen", hält Mader sich zurück.

Wahrscheinlichkeit: 5%

"Der ÖSV sollte ihr entgegen kommen. Am meisten Geld kommt über die Top-Athleten herein, das ist, glaube ich, gar nicht das Problem. Der ÖSV ist gewöhnt, Macht zu haben. Da passt es ihnen einfach nicht, dass ein Manager kommt, der auf Anna und ihre Rechte schaut und einen guten Job in der Vermarktung macht."

Doch wie geht es weiter? LAOLA1 analysiert gemeinsam mit Günther Mader die vier möglichen Szenarien:

Fenninger wechselt Verband

In diesem Fall würde sich der ÖSV ins eigene Fleisch schneiden. Statt dem weiblichen Superstar eine gewisse Freiheit zu gewähren, würde dieser zu einer anderen Nation „fliehen“. Bereits in der Vergangenheit verlor der ÖSV Fahrer/innen wie Marc Girardelli (Luxemburg), Josef Strobl (Slowenien) oder Elfriede Eder (Grenada) an andere Nationen. Einziger Unterschied: Keiner dieser Läufer/innen war zum Zeitpunkt des Nationenwechsels ein derart großer Star wie Fenninger jetzt. Bereits in der Vergangenheit sickerte immer wieder durch, dass sich Deutschland um die Salzburgerin bemühen soll. Angst und bange muss uns um unsere zweifache Gesamtweltcupsiegerin aber nicht werden, denn auch für sie hätte ein Nationenwechsel möglicherweise tiefgreifende Konsequenzen: Sie dürfte nicht bei den Olympischen Spielen starten und der ÖSV könnte ihr alle FIS-Punkte streichen lassen. So müsste „Gold-Anna“ wieder von ganz vorne bzw. hinten (in Sachen Startnummer) anfangen. Mader: "Dann musst du mit null FIS-Punkten anfangen und bei irgendwelchen FIS-Rennen mit Startnummer 140 beginnen. In einem Winter schafft man es von den Punkten her wahrscheinlich gar nicht, das alles aufzuholen." Weitere Folgen sind nicht ausgeschlossen. Zudem beteuerte die dreifache Weltmeisterin erst vor kurzem, niemals solche Überlegungen anzustellen, weil sie „mit Herz und Seele Österreicherin“ ist.

Wahrscheinlichkeit: 15%

ÖSV gibt Fenninger Team im Team

Die wohl wahrscheinlichste Variante ist die unspektakulärste. In diesem Fall würden beide Seiten aufeinander zugehen und das Gespräch suchen. Kärcher bleibt Fenningers Manager und kümmert sich um die Belange des Ski-Stars, das zudem ihr „Team im Team“ bekommt bzw. behält. Finanzieren müsste sie sich dieses wohl selbst, was sie aber verkraften würde. So bleibt Fenninger offiziell beim ÖSV, die Zusammenarbeit wird aber auf das Minimum beschränkt. Ähnlich, wie es bei Mader der Fall war: "Darauf wird es wahrscheinlich hinauslaufen. Beide Seiten müssen aufeinander zugehen."

Wahrscheinlichkeit: 70%

 

Matthias Nemetz

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