Wie funktioniert das Phänomen Marcel Hirscher?

Aufmacherbild
 

Die Ski-Welt staunt über das Phänomen Marcel Hirscher. Jemanden wie den neuen Seriensieger im Weltcup gibt es nicht noch einmal.

Ein Österreicher, der Rennen gewinnt und trotzdem erfrischend anders ist, das entspricht nicht den außerhalb der rot-weiß-roten Landesgrenzen weit verbreiteten Klischees über die in den Ski-Gymnasien „gezüchteten“ ÖSV-Rennmaschinen.

Bei Marcel Hirscher ist das anders, obwohl auch er in einer Ski-Schule war, nämlich in der Ski-Hotelfachschule Bad Hofgastein, die er 2007 abschloss.

Im selben Jahr wurde er auch Junioren-Weltmeister im Riesentorlauf in Flachau.

Jede Menge Superlative

Heute, knapp fünf Jahre sind seit dem ersten großen Erfolg vergangen, gehen einem fast schon die Superlative aus.

Fünf Saisonsiege hat der 22-Jährige in diesem Winter bereits gefeiert, damit ist er DER Winner-Typ im Weltcup-Winter 2011/2012. Und natürlich auch die Nummer 1 im Gesamt-Weltcup.

Nach seinem Double am Chuenisbärgl, das übrigens noch keinem Läufer zuvor gelungen ist, hat er im Gesamt-Weltcup 230 Punkte Vorsprung auf den Kroaten Ivica Kostelic.

Mit seinen Siegen in Zagreb und Adelboden stellte der Salzburger den Start-Rekord des großen Ingemar Stenmark ein.

Bodenständigkeit ist nur ein Faktor

Hirscher selbst findet es lustig, „auf welche Überlegungen die Leute kommen“. Er selbst wusste nicht, dass Stenmark auch einmal die ersten drei Rennen in einem Jahr gewonnen hat, hat es sich aber gedacht, denn: „Der hat ja glaub ich gleich einmal so gut wie alle gewonnen.“

Die Bodenständigkeit auch in der Stunde großer Erfolge und Triumphe ist nur ein Faktor, warum es beim neuen Shooting-Star in diesem Winter so gut läuft, weshalb der Knoten geplatzt ist.

LAOLA1 nimmt das Phänomen Marcel Hirscher unter die Lupe und sucht nach Gründen für den aktuellen Höhenflug.

SCHRECKLICH NETTE FAMILIE

Vor Weihnachten freute sich der begnadete Techniker auf die holländische Nudelsuppe von der Mama. Ein Klassiker zum Fest im Hause Hirscher. Nach seinen Erfolgen in Adelboden, bei denen Papa Ferdl natürlich dabei war (dazu weiter unten mehr, Anm.), wollte der „Racer“ auch deshalb schnell heim, weil dort seine Mutter Sylvia mit Oberschenkelhalsbruch ans Bett gefesselt ist. Seit dreieinhalb Jahren ist außerdem Freundin Laura Teil des „Hirscher-Clans“. Bei Weltcup-Rennen sieht man die fesche Studentin aber nur selten. „Gäbe es kein Sex-Verbot, hätte ich sie schon öfter eingeladen“, scherzt ihr Freund.

MÄNNERBUND FÜRS LEBEN

Die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist mehr als nur eine familiäre Angelegenheit. Der Papa ist immer dabei und in seinem gelben Ski-Anzug schon von Weitem zu erkennen. Vor den Rennen gibt es letzte Tipps, gleich danach das erste Feedback. Der 56-Jährige ist früher selbst Rennen gefahren, unter anderem auch gegen Hermann Maier, als dieser noch nicht der „Herminator“ war, und leitet auch heute noch die Skischule Annaberg. Dass Marcel das Zeug zum Phänomen hat, erkannte der Vater schon früh: „Aus der Skischule weiß ich, wie sich andere Zweijährige anstellen. Der Marcel ist gleich parallel gefahren und nach jedem Sturz selbst aufgestanden.“

DER DRITTE IM BUNDE

Service-Mann Edi Unterberger ist eine Legende. Der Salzburger präparierte schon die Atomic-Bretter von Hermann Maier, Michael Walchhofer oder Aksel Lund Svindal. Heute ist er dafür verantwortlich, dass Marcel Hirscher bei allen Bedingungen schnelle Schwünge ziehen kann und dafür das richtige Material an den durchtrainierten Beinen hat. „Das Gefühl zu haben, mit dem richtigen Set-Up unterwegs zu sein, ist die Basis der Sicherheit, die du haben musst, um schnell zu sein“, so der 22-Jährige, der gemeinsam mit seinem Vater und Edi Unterberger stundenlang tüftelt und testet, um den perfekten Ski anschnallen zu können.

DEN KOPF FREI MACHEN

Nach seinen ersten Erfolgen im Weltcup merkte der Youngster schnell, dass man als Ski-Hero hierzulande mehr zu erledigen hat, als nur schnell Ski zu fahren. Homepage, Self-Marketing, Interview-Anfragen, Gespräche mit Sponsoren, Fotoshootings – und all das neben Training, Vorbereitung und Rennen. Um  Organisation von Kommunikation und Vermarktung kümmert sich die Agentur „mensch & marke“, die auch Rainer Schönfelder, ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel oder den Österreichischen Schwimm-Verband betreut. Gemeinsam wurde das „RA:CE“-Konzept entwickelt, mit dem das neue Siegergesicht jetzt vermarktet werden soll.

MEHR ALS EIN SKIFAHRER

Ich geb‘ Gas, ich will Spaß! Dieser Spruch hat bei Marcel Hirscher in allen Lebenslagen Gültigkeit. Auf den Skipisten sowieso, aber auch bei seiner Freizeitgestaltung. Auf der Motocross-Maschine schenkt er sich genauso nichts wie bei winterlichen Drifts mit dem ÖSV-Audi hinter dem Elternhaus. Fallschirmspringen, Wellenreiten, Mountainbiken, die Liste ließe sich beliebig verlängern. Und wenn Zeit bleibt, dann wird Computer gezockt. Während seiner Verletzungspause arbeitete sich Hirscher bei „Dirt 3“ in der Gamer-Weltrangliste bis auf Rang 33 vor. Verbesserung nicht ausgeschlossen, denn in den nächsten Tagen wird wieder gezockt.

IN DER RUHE LIEGT DIE KRAFT

Dahoam is‘ dahoam. Nirgendwo sonst kann Marcel Hirscher so gut seine Batterien aufladen, wie in der Heimat. Um die Belastung aus den Muskeln zu kriegen, hat er sich für die Tage zwischen Adelboden und Wengen ein „Wellness-Special“ auferlegt. Wie schon nach den anstrengenden, intensiven Tagen vor Weihnachten. Auch wenn die jüngsten Erfolge Kraft geben, das Programm der letzten Zeit hatte es doch in sich. „Flug, Autofahrt, Ankommen, Ausradeln, Auslaufen, den Körper versorgen, Rennen fahren. Im Weltcup geht es streng zu.“ Nach Wengen stehen mit den Slaloms in Kitzbühel und Schladming zwei absolute Highlights des Winters an. „Danach wird es ein bissl ruhiger, denke ich.“

KRISTALLKLARE VISION

Okay, Marcel Hirscher ist die Nummer 1 der Ski-Welt. Überlegene Führung im Gesamt-Weltcup dank Siegen am laufenden Band. Die Konkurrenz staunt über den Erfolgslauf – und hat den 22-Jährigen mittlerweile auch für die große Kristallkugel auf der Rechnung. Auch wenn Ivica Kostelic vor kurzem noch im LAOLA1-Interview meinte: „Für einen Läufer, der nur die technischen Disziplinen fährt, ist es sehr schwer, auch am Ende ganz vorne zu sein.“ Dafür, so der Kroate weiter, müsste er in Slalom und Riesentorlauf dominieren. Das tut Hirscher im Moment, der Rechenschieber bleibt aber vorerst noch daheim am Schreibtisch. „Bis das ein Thema ist, fahren noch viele gute Skirennläufer den Berg hinunter.“

Stephan Schwabl

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen