Wie schafft man es in die NHL?

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Scouting Report: NHL-Verträge für europäische Cracks

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Die NHL-Signing Deadline für europäische Spieler ist vorbei, Ex-EBEL-MVP Derek Ryan zog mit seinem Vertrag in Carolina das große Los, Thomas Raffl ging leider leer aus.

LAOLA1 wirft einen Blick auf die letzten Tage und auf die Grundlagen des Vertrags zwischen der NHL und der IIHF:

Sonntag, ca. 19.30 Uhr: Das Fußball-EM-Qualifikationsspiel gegen Russland ist im vollen Gange, ein Auge habe ich auf dem Bildschirm, ein Auge auf meinem Laptop. An einem Sonntag im Juni ist eishockeytechnisch nicht viel los, da kommt unvermutet eine E-mail mit dem Titel "Thomas Raffl" herein. Absender: Die Winnipeg Jets. Lapidarer Einzeiler: "Nehme an, du kennst diesen Spieler, was kannst du uns über ihn vor allem als Person sagen?"

Raffls Beschreibung

Nun, die Antwort fiel etwas umfassender und natürlich positiv aus, zusammengefasst: Solid Citizen, Team Player, arbeitet hart an sich selbst, kommt mit allen Coaches gut aus. Was danach geschah, kann ich im Detail nicht sagen, auf eine Nachfrage in Winnipeg am Montagnachmittag kam die ebenso lapidare Antwort: "Wir haben beschlossen, kein Angebot zu unterbreiten."

Die Jets und die Vancouver Canucks – gerüchtehalber auch interessiert – orientierten sich anderweitig, der NHL-Traum des ÖEHV-Teamkapitäns liegt für zumindest ein weiteres Jahr auf Eis. Salzburg-GM Stefan Wagner kann am Ende eines stressigen Tages aufatmen, sein Keyplayer bleibt ihm auch in der nächsten Saison erhalten. Aber warum diese Hektik gerade am Montag und warum unterschrieb Derek Ryan in Carolina auch an diesem Tag?

Der Grund dafür ist das 2013 abgeschlossene Transferagreement zwischen der NHL und der IIHF und die Grunddaten darin. Einige Auszüge aus diesem Vertrag, den zwölf europäische Verbände bzw. Ligen (nicht so Russland) unterschrieben haben.

Wann und welche Spieler aus Europa können einen Vertrag mit einem NHL-Team unterschreiben?

Grundsätzlich können europäische Spieler, die über 18 Jahre alt sind, nicht mehr draftfähig sind (heuer älter als Jahrgang 1994) und deren Rechte von keinem anderen NHL-Team gehalten werden, unter Vertrag genommen werden. Ein NHL-Vertrag überlagert automatisch den mit einem IIHF-Team, der abzugebende Klub hat daher kein Einspruchsrecht. Das Gleiche gilt auch – allerdings mit einigen Ausnahmen – für nordamerikanische Spieler, die in Europa unter Vertrag stehen. 

Das Sonderrecht als Free Agent

Das Fenster für solche Verträge öffnet sich jedes Jahr mit dem letzten Saisonspiel eines Spielers (entweder beim Klub oder, wenn er bei einer WM spielt, eben dort) und endet am 15. Juni, 23 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Danach geht nichts mehr, auch eventuelle Ausstiegsklauseln oder Nebenabsprachen verlieren ihre Gültigkeit. Einige Spieler einigen sich aber auch schon während der Saison mit NHL-Teams – dass der Deutsche David Wolf vor einem Jahr nach Calgary gehen würde, rutschte schon vor Weihnachten durch, ohne dass es offiziell gemacht werden durfte.

Ausnahmen zu dieser Deadline: Spieler, die bei keinem Team in Europa unter Vertag stehen, gelten als "Free Agents" und können auch nach dem 15. Juni einen Vertrag unterschreiben. Für sie würde es noch Sinn machen, in ein NHL-Camp einzurücken, für Spieler wie Raffl natürlich nicht.

Gibt es noch weitere Deadlines in diesem Agreement?

Ja, den 15. Juli und den 15. August. Die gelten für von NHL-Teams gedraftete Spieler. Natürlich nur logisch, dass ein Spieler, der Ende Juni gedrafted wird, nicht Mitte Juni unterschreiben kann. Bis zum 15. Juli kann er einen NHL-Kontrakt ohne Probleme unterschreiben, bei einem Signing bis zum 15. August wäre ein Aufschlag von 100.000 Dollar fällig. Danach geht endgültig nichts mehr.

Was bekommen die europäischen Teams, wenn ihre Spieler NHL-Verträge unterschreiben?

Das ist im Agreement genau festgehalten: Pro Spieler werden von der NHL jeweils 240.000 Dollar an den Nationalverband, wo der Spieler zuletzt gespielt hat, überwiesen. Das gilt für die ersten zehn Spieler pro Saison und Verband, danach erhöht sich der Betrag auf 325.000 Dollar pro Spieler. Das betrifft natürlich vor allem Verbände wie Schweden oder Finnland, die jedes Jahr sehr viele Spieler an die NHL verlieren.

VSV könnte kassieren

Das Geld wird von der NHL in zwei Tranchen ausbezahlt, die Hälfte am 30. September, die andere Hälfte am 30. Mai des Folgejahres.

Ryan wurde EBEL-MVP 2014. Der VSV könnte vom NHL-Wechsel profitieren

Was passiert mit diesem Geld?

Das ist in diesem Vertrag nicht festgehalten, offenbar können die Landesverbände selbst entscheiden, wie dieses Geld aufgeteilt wird. In Schweden gilt meines Wissens die Faustregel, dass der Betrag unter den Teams, für die der Spieler in den letzten vier Jahren gespielt hat, aufgeteilt wird. Wäre ich also Villach oder Fehervar, würde ich im Falle Derek Ryan schon an der Muschel hängen und dieser Sache nachgehen, da könnte noch ein schönes Zubrot herausschauen.

Die IIHF-Teams müssen ihre Spieler also trotz Vertrags gehen lassen? Ist das fair?

Darüber können wir natürlich diskutieren, auch ob die oben angeführten Beträge marktgerecht sind. Nur: Solche Verträge gab es schon bis 2008, dann stellten die Verbände genau diese Fragen und unterschrieben keine neue Vereinbarung mit der NHL. Das Resultat: Ziemliches Chaos, fast alle Spieler ließen sich Ausstiegsklauseln einbauen, unterschrieben mittels dieser in der NHL und die europäischen Teams gingen leer aus. Noch dazu konnte das auch im Juli oder August passieren, eine geordnete Saisonplanung war daher nicht möglich. Reumütig einigten sich die europäischen Verbände im Jahre 2013 wieder mit der NHL, alles nach dem Motto: "Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach."

Ausnahme Russland

Einzig die KHL bzw. Russland lebt schon seit Jahren ohne Transferabkommen mit der NHL. Sie sagen, nicht zu Unrecht, dass dieses Abkommen eine Einbahnstraße sei und Spieler wie Malkin oder Ovechkin mit 240.000 Dollar natürlich nicht einmal annähernd abgegolten seien. Diese Argumente kann man verstehen, weiter kommen die Russen aber nicht mit ihnen. Für die zehn Spieler, die heuer von der KHL in die NHL wechselten, bekommen die Teams dort keinen Cent…

Sind die NHL-Verträge auch durch dieses Abkommen festgelegt?

Nein, da greift das CBA ("Collective Bargaining Agreement") der NHL. Darin sind grundsätzlich Vertragslänge und –höhe genau angegeben. Das hängt aber vom Alter des Spielers ab und da wird es kompliziert.

Zunächst einmal: Das Alter des Spielers gilt nicht zur Vertragsunterschrift, sondern am 15. September des jeweiligen Jahres. Bis 27 Jahre sind die Parameter genau vorgegeben, handelt es sich doch um sogenannte "Entry-Level-Contracts". Die sind grundsätzlich immer "Zwei-Weg-Verträge" mit genau festgelegten Vertragslängen.

Als Beispiel: Michi Raffl unterzeichnete seinen ersten Vertrag mit den Flyers, als er 24 Jahre alt war. Entgegen damals lautenden Meldungen war die Länge mit einem Jahr vorgegeben.

Anders bei Derek Ryan: Als 28-jähriger unterliegt er nicht mehr dem „Entry-Level-System“, weder Vertragshöhe noch länge sind definiert. Trotzdem musste er sich mit einem Zwei-Weg-Vertag für ein Jahr zufriedengeben.

Die Summen:

600.000 Dollar für die NHL

150.000 Dollar für die AHL – allerdings mit einer Garantie von 185.000 Dollar für die Saison, selbst wenn er diese durchgehend in der AHL verbringt. Sonst werden die jeweiligen Gehälter aliquot verrechnet.

Agenten versuchen natürlich stets, für ihre Klienten das Beste herauszuholen, dazu kommt auch noch die Tendenz der NHL-Teams, Verträge bis zur Deadline hinauszuzögern.

Das dürfte auch der Grund sein, warum Derek Ryans Vertrag erst gestern abgeschlossen wurde. Doch er hatte vielleicht auch einen kleinen Vorteil, der auf Thomas Raffl nicht zutraf: Carolina-Coach Bill Peters coachte Ryan (und Michael Grabner) schon für zwei Jahre in Spokane…

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