"Auf mich wartet kein Paparazzi"

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"Nicht so, wie wenn du bei Euro-Millionen gewinnst"

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Österreich geht mit einem jungen und runderneuerten Team in die A-WM in Tschechien.

Ein NHL-Legionär wie Michael Raffl trägt bei der Mission Klassenerhalt natürlich besondere Verantwortung, noch dazu wenn er mit dem Selbstvertrauen von 21 Saison-Treffern in der stärksten Liga der Welt anreist.

Ein zufriedenes Fazit kann der 26-Jährige im LAOLA1-Interview mangels Playoff-Teilnahme mit seinen Philadelphia Flyers jedoch trotzdem nicht ziehen. Zudem spricht der Kärntner über die rot-weiß-roten WM-Aussichten, die schwierige Ausgangsposition für NHL-Legionäre in spe und erklärt, warum Philadelphia wie Villach ist.

>>>TV-TIPP: LAOLA1.tv zeigt Österreich-USA am Dienstag um 20 Uhr LIVE<<<

LAOLA1: Als NHL-Legionär sind hier natürlich viele Augen auf dich gerichtet. Wie wohl fühlst du dich im Rampenlicht?

Michael Raffl: Darüber denke ich nicht zu viel nach. Ich weiß, was ich mache, um der Mannschaft zu helfen. Aber von meiner Rolle her ändert sich nicht zu viel. Ich werde mein Bestes geben.

LAOLA1: Aber dass man vorangehen muss, wenn man in der NHL spielt, versteht sich vermutlich von selbst.

Raffl: Natürlich hat man mehr Druck als andere. Aber man muss lernen, damit umzugehen. Einen großen Kopf mache ich mir deswegen, ehrlich gesagt, wirklich nicht.

LAOLA1: Seit elf Jahren ist Österreich eine klassische Fahrstuhl-Mannschaft. Was macht dich zuversichtlich, dass es bei der WM in Tschechien erstmals seit 2004 mit dem Klassenerhalt klappt?

Raffl: Eine A-WM ist nie leicht, dort sind alle Gegner sehr gut. Aber wir haben eine junge, hungrige Truppe. Das hilft schon. Wir müssen einfach in den Spielen, wo wir wissen, dass wir mitspielen können, wirklich unsere Leistung abrufen. Mit dem neuen Trainer-Team und den vielen Jungen kommt ein bisschen frischer Wind herein. Das hat ein bisschen gefehlt in den letzten Jahren. Das taugt mir.

LAOLA1: Du hast Teamchef Dan Ratushny erst hier persönlich kennengelernt, hast aber über deinen Bruder Thomas, der in Salzburg für ihn spielt, sicher deine Informationen. Was ist er für ein Typ?

Raffl: Ein ganz ruhiger und smarter Typ. Ich bin erst seit wenigen Tagen hier, habe ihn also noch nicht in einem Spiel erlebt. Aber er hat in Salzburg einen guten Job gemacht. Es schaut so aus, als hätte er immer alles unter Kontrolle. Es gibt eine Linie und die zieht er durch. So soll’s auch sein.

LAOLA1: Du wirst einige der jungen Spieler vermutlich vorher auch nicht gekannt haben. Wie viel Zeit braucht es, um sich aufeinander einzuspielen?

Raffl: Das geht relativ schnell. Den Großteil kennt man, die Neuen lernt man kennen. Das gehört sowieso dazu. In dieser Situation ist ein Eishockey-Spieler jedes Jahr. Wenn man zu einer Mannschaft kommt, gibt es immer Neue. Das lernt man mit der Zeit.

LAOLA1: Du persönlich kommst mit viel Selbstvertrauen, nachdem du für Philadelphia 21 NHL-Tore erzielt hast. Inwiefern war das der nächste Step?

Raffl: Ich habe mich zuletzt schon sehr auf die Chance gefreut, bei der Weltmeisterschaft zu spielen. Denn schon acht Spiele vor dem Ende der Regular Season war ziemlich sicher, dass wir das Playoff nicht erreichen werden. Das war eigentlich das erste Mal in meiner Karriere, dass man nur für die Ehre gespielt hat. Klar, man versucht zu gewinnen, aber ein wirkliches Ziel hat man nicht mehr. Das war schon komisch. Hierher zu kommen und zu wissen, dass der Klassenerhalt unser erklärtes Ziel ist, macht es ganz anders. Da braucht man sich nicht künstlich motivieren und es liegt auf der Hand, dass man bereit sein muss.

LAOLA1: Trotzdem: Auch wenn ihr die Mannschaftsziele bei den Flyers verpasst habt, persönlich kannst du ja nur ein positives Fazit ziehen, oder?

Raffl: Persönlich ist immer schwierig in einer Eishockey-Mannschaft. Das ist nicht wie in anderen Sportarten. Ich würde lieber fünf, sechs Tore hergeben, dafür stehen wir in den Playoffs und ich kann noch um etwas spielen.

LAOLA1: Das stimmt schon. Andererseits herrscht gerade in der NHL riesiger Konkurrenzkampf und man muss auch die persönliche Performance im Auge haben.

Raffl: Natürlich. Ich habe mir das auch sehr hart erarbeitet, wo ich jetzt sein darf. Ich habe sicherlich auch das nötige Glück gehabt. Natürlich macht mich das schon stolz.

Michael Raffl hat sich im Kreis der Philadelphia Flyers etabliert

LAOLA1: Du sagst, Berube hat dich besser gemacht. Was sind nach zwei Jahren NHL die Bereiche, in denen du dich am meisten weiterentwickelt hast?

Raffl: Schwer zu sagen, aber ich hatte viele verschiedene Rollen, also bin ich sicherlich ein kompletterer Eishockey-Spieler geworden. Drüben ist alles schneller, es ist einfach ein anderes Eishockey. Daran muss man sich erst gewöhnen.

LAOLA1: Du hast oftmals in der Linie mit den beiden Stars Claude Giroux und Jakub Voracek gespielt. Welche Rolle spielt gerade Giroux für dich? Ihr scheint eine besondere Chemie zu haben.

Raffl: Die beiden sind wahrscheinlich zwei der besten Spieler weltweit. Mein Ziel sollte es sein, dass ich Zweikämpfe gewinne, die Scheibe in ihre Hände gebe und zum Tor fahre. Irgendwann bist du offen und sie finden dich. Dann musst du den Puck nur mehr reinhauen. Giroux ist auch privat ein guter Freund von mir. Wir haben grundsätzlich eine junge Mannschaft mit vielen lässigen Typen.

LAOLA1: Am Mittwoch spielst du im Test gegen Kanada gegen Giroux. Ist das eine merkwürdige Situation?

Raffl: Es hat schon Trash Talk gegeben. Er freut sich schon sehr und ich mich natürlich auch. Das wird eine coole Sache. Er ist erst am Sonntag in Wien gelandet, aber wir werden sicher auf einen Cafe gehen.

>>>TV-TIPP: LAOLA1.tv zeigt Österreich-Kanada am Mittwoch um 18:30 Uhr LIVE<<<

LAOLA1: In der NHL ist man vermutlich nie save. Aber fühlst du dich nach deinen Leistungen inzwischen als fixer Bestandteil der Liga?

Raffl: Ich denke, die Kennenlernphase ist vorbei, aber man darf da drüben nie aufhören, an sich zu arbeiten und muss versuchen, besser zu werden. Sonst ist man schneller weg, als man glaubt. Aber ich glaube, ich habe vielen Leuten bewiesen, dass ich da drüben spielen kann.

LAOLA1: Das NHL-Business ist ein brutales. Du wirst auch Kollegen erlebt haben, die von einem Tag auf den anderen ihren Spind räumen mussten, weil sie ins Farmteam versetzt oder getradet wurden. Für einen Europäer ist das schon etwas anderes, oder?

Raffl: Etwas ganz anders. Man lebt sich jedoch ein. Aber ich glaube schon, dass es ein bisschen die Einstellung zum Eishockey und zum Leben ändert.

NHL-Legionäre als Zugpferde? Raffl stört sich an der Punkteregel

LAOLA1: Man würde meinen, dass man den Boom, den ihr als NHL-Legionäre ausgelöst habt, für die ganze Sportart nützen könnte. Wo müsste man diesbezüglich den Hebel ansetzen?

Raffl: In der Liga ist es schwierig. Jeder Trainer will gewinnen. Ich habe das zum Beispiel in Schweden gesehen: Egal ob du Aus- oder Inländer bist, dort hat gespielt, wer besser ist. Bei uns in der Liga ist es leider noch immer so, dass sehr viele Ausländer hier sind, die jungen Österreichern den Platz wegnehmen.

LAOLA1: Ideal wäre vermutlich, wenn man als Österreicher nicht erst mit 21 oder 22 mehr Eiszeit bekommt, sondern schon mit 17, 18 oder 19.

Raffl: Ich habe mit 16 das erste Mal in der Kampfmannschaft gespielt. Ich kann dir sagen: Ich war als Junger nicht besonders, ich habe einfach meine Chance bekommen. Als 21-Jähriger ist man nicht mehr jung, in diesem Alter muss man fast in seiner Prime sein. Vielleicht kann man sich körperlich noch weiterentwickeln, aber der Hockey-IQ muss mit 21 fertig ausgebildet sein. Aber wenn du keine Chance im Powerplay und in Unterzahl bekommst, oder nicht an der Seite von zwei guten Mitspielern spielst, kriegst du eben kein Selbstvertrauen und traust dich nichts. Ein Trainer will gewinnen, du spielst in der vierten Linie und chipst die Scheibe, obwohl der Junge vielleicht das Talent hätte, ein guter Spieler zu werden. Aber man hält ihn auf einem Level – zumindest in dieser Liga -, auf dem er sich nie weiterentwickelt, und dann sagt man: „Der Junge hat das Potenzial sowieso nie gehabt.“ Und das, obwohl er eigentlich sehr talentiert war. Aber wenn du in solch eine Rolle gedrängt wirst, kommst du nie mehr weg.

LAOLA1: Wenn man einmal 21 Tore gemacht hat: Was ist das nächste Ziel für die kommende Saison?

Raffl: Das zu bestätigen, ganz einfach. Noch einmal 20 oder mehr schießen. Ich will immer besser werden. Wenn ich als Eishockey-Spieler nicht mehr besser werden kann, höre ich auf. So möchte ich nicht sein, dass ich nur irgendwie bei einer Mannschaft dabei bin.

LAOLA1: Die NHL-Playoffs sind voll im Gange. Schaut man sich die Spiele überhaupt an, wenn man nicht dabei ist?

Raffl: Mehr oder weniger nur die Highlights. Es gibt mir ein bisschen ungutes Gefühl im Magen, solche Spiele anzuschauen.

LAOLA1: Thomas Vanek und Michael Grabner sind noch in den Playoffs. Habt ihr so eine Art Wettrennen, wer als erster Österreicher den Stanley-Cup erobert?

Raffl: Ich würde es beiden vergönnen. Ich hoffe, einer von beiden gewinnt ihn. Da gibt es kein Wettrennen, dafür sind wir zu gute Freunde.

LAOLA1: Kannst du auf den Punkt bringen, woran die Flyers in dieser Saison gescheitert sind.

Raffl: Ein großer Punkt war die Konstanz. Wir haben viel zu viele Spiele mit einem Tor Unterschied verloren. Wenn man solche Spiele verliert, kommt man in der NHL nicht weit. Den Großteil haben wir eh relativ okay gespielt, aber wenn man vor allem auswärts keine positive Bilanz hat, wird es schwer in dieser Liga, dass man in die Playoffs kommt und erfolgreich ist.

LAOLA1: Head Coach Craig Berube wurde entlassen. Was bedeutet das für dich? Er hat regelmäßig auf dich gesetzt.

Raffl: Er war sehr streng, aber er hat mich als Spieler besser gemacht, weil er sehr hart zu mir war. So ist eben das Business. Jetzt kommt ein neuer Trainer, und das bedeutet eine neue Chance für alle. Das gibt natürlich eine Extramotivation für den Sommer, dass man sich reinhaut.

LAOLA1: Was kann man als Spieler dagegen tun? Wenn du noch einmal 17 wärst, würdest du angesichts dieser Situation in der Liga schauen, dass du so schnell wie möglich ins Ausland kommst?

Raffl: Keine Ahnung. Das muss jeder selbst für sich entscheiden, aber es wird immer schwieriger. Ich weiß noch, als Greg Holst Trainer beim VSV war, haben wir teilweise mit fünf Linien trainiert. Er hat immer eine junge Linie mit aufs Eis genommen, damit sie Erfahrung sammelt und sich ans Niveau anpassen kann. Und daran passt man sich auch an. Egal wie gut du bist, du lernst dazu und wirst besser. Das hat es auch in Villach nicht mehr gegeben. Darüber war ich eigentlich schon sehr enttäuscht.

LAOLA1: Im aktuellen Nationalteam-Kader stehen neben dir nur zwei weitere Legionäre. Siehst du bei einigen der Jungen Potenzial fürs Ausland? Es muss ja nicht gleich die NHL sein.

Raffl: Es sind einige Spieler dabei, die mehr spielen könnten, wenn sie eine Chance kriegen. Der „kleine Cijan“ (Alexander Cijan, Sohn von KAC-Legende Thomas Cijan, Anm.d.Red.) hat mich brutal überrascht. Der müsste eigentlich in irgendeiner Mannschaft die Chance bekommen, mit zwei Ausländern zusammenzuspielen. Aber jeder Trainer steht unter enormem Druck. Ich würde natürlich auch nicht meinen Job verlieren wollen. Wenn ich als Trainer irgendwo bin, will ich gewinnen. Und dann tust du natürlich in den Schlüsselsituationen die Erfahrenen rein.

LAOLA1: Inwiefern?

Raffl: Eishockey ist Business, und es gibt wichtigere Sachen als Eishockey. Du musst schon einen klaren Kopf bewahren. Ich habe ja selbst miterlebt, dass ich meine Sachen packen musste. Dann gilt es, dass du durchbeißt und nicht aufgibst. Am Ende zahlt es sich vielleicht aus, für andere leider nicht. Das ist eben Business.

LAOLA1: Das klingt natürlich sehr realistisch und nüchtern. Man wird Eishockey-Spieler, weil es als Kind das große Hobby war. Wird das durch den Business-Faktor getrübt oder lebt man trotzdem noch seinen großen Traum?

Raffl: Es war immer mein Traum! Aber ich weiß auch, wie viel harte Arbeit dahintersteckt. Es ist nicht einfach so, wie wenn du bei „Euro-Millionen“ gewinnst. Ich muss jeden Tag um meinen Platz kämpfen, es ist jeden Tag eine Schlacht für mich, wenn ich aufs Eis gehe. Das ändert schon ein bisschen die Einstellung. Wenn ich zurückdenke, wie ich vor vier, fünf Jahren am Eis trainiert habe und wie ich jetzt trainiere, das ist wie Tag und Nacht.

LAOLA1: Bei größerem Konkurrenzkampf muss man mehr die Ellbogen ausfahren.

Raffl: Das lernt man, sonst ist man weg.

LAOLA1: Ändert sich nach solch einer guten Saison das Leben abseits des Eises? Dein Bekanntheitsgrad, wenn du durch Philadelphia gehst, dürfte gestiegen sein.

Raffl: Schlimm finde ich das eigentlich nicht. Wenn man mit den „Big Boys“ wie Giroux unterwegs ist, die erkennt man wirklich. Mich lässt man eher in Frieden. Auf mich wartet kein Paparazzi (grinst). Aber man erkennt einen schon.

LAOLA1: Wie schlimm sind in Philadelphia für das Umfeld wie Medien oder Fans sportliche Durststrecken? In den anderen Sportarten läuft es für die Teams aus Philly ja auch nicht unbedingt bestens.

Raffl: Zufrieden sind die Leute nicht, sie sind schon sehr kritisch. Aber das macht das Ganze interessanter. Philly ist eine sehr sportverrückte Stadt. Das erinnert mich sogar ein bisschen an Villach. Wenn du in Villach nicht gut spielst, wirst du auch angeredet, wenn du über den Hauptplatz gehst. In Philadelphia ist es das Gleiche.

LAOLA1: Mit Vanek, Grabner und dir hat Österreich derzeit drei NHL-Legionäre. Was macht dir Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit Zuwachs gibt?

Raffl: Eine junge Mannschaft bei der A-WM. So etwas taugt mir. Ich hoffe, dass dies auch zu Änderungen in der Liga führt. Die Punkteregel macht es den Jungen nicht leichter, und viel kommt auch nicht nach. Ich bin nicht genug in Österreich, dass ich das beurteilen kann, aber ich habe irgendwie das Gefühl, dass sich das noch immer ein bisschen in die falsche Richtung entwickelt.

LAOLA1: Aber als Fazit lässt sich sagen, dass man in Österreich das Vorbild, das ihr als NHL-Legionäre darstellt, nicht vollinhaltlich nutzt?

Raffl: Man redet in der Liga schon so lange, dass die Punkteregel wegkommt. Die wurde damals eigentlich eingeführt, damit die Jungen besser werden. Es wurde zumindest so verkauft, dass es den Österreichern hilft. Aber eigentlich hat es die Liga kaputt gemacht. Inzwischen ist man so weit, dass es ohne Punkteregel nicht mehr geht, weil es nicht genügend österreichische Spieler gibt.


Das Gespräch führte Peter Altmann


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