ÖEHV-Nachwuchs im Check

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Scouting Report: ÖEHV-Nachwuchs auf dem Prüfstand

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Das in Vorarlberg und Liechtenstein ausgetragene EYOF – kurz für „European Youth Olympic Festival“ – stellte Österreichs Eishockeynachwuchs auf eine Stufe, mit der er sonst gar nichts zu tun hat.

Mit Russland, Finnland, Tschechien, Schweiz und der Slowakei konnte sich unser U17-Nationalteam mit Gegnern messen, die in WM-Jahrgängen (U18 und U20) ein bis zwei Leistungsklassen über uns agieren. Als Veranstalter war Österreich gesetzt, somit kam es zu einem Leistungsvergleich mit weit überlegenen Eishockeynationen.

Gewaltiger Leistungs-Unterschied

Wie fiel dieser Vergleich aus? So wie erwartet für Kenner der Materie, für verblendete Funktionäre, Fans und Angehörige wohl eher desaströs.

Das 0:5 gegen Russland liest sich auf dem Papier noch annehmbar, das 1:10 gegen Finnland und 1:9 gegen die Slowakei (Spiel um Platz fünf) natürlich katastrophal.

Gesamt-Schussverhältnis in den drei Partien: 28:104. Bezeichnend, dass die beiden Torhüter Jakob Holzer und Maxi Haselbacher wahrlich nicht die Schwachpunkte des Teams waren.

Was sind die Erkenntnisse eines solchen Turniers?

Von der Weltspitze (anhand der Teams von Turniersieger Russland und Finnland gemessen) sind wir Lichtjahre entfernt und das gilt unabhängig von der Stärke der jeweiligen Jahrgänge. Es überrascht mich keineswegs, nach 20 Jahren Beobachtung von Weltmeisterschaften im Nachwuchsbereich ist das für mich keine Erkenntnis, die das Zugticket nach Schruns wert gewesen wäre.

Doch die ÖEHV-Führungsspitze, mit Präsident Dieter Kalt und Vize Peter Schramm vertreten, konnten sich vor Ort überzeugen, wie gering die Zielsetzungen von Sportdirektor Alpo Suhonen („Wir wollen uns mit der U18 und U20 in der A-Gruppe etablieren“) mit der Realität verhaftet sind.

Mitglieder des Austrian Hockey Boards, mit der Nachwuchs-Weltspitze nicht vertraut, saugen solche Aussagen natürlich dankbar auf, doch Fakt ist: Wir stehen in der Nachwuchs-Weltrangliste zwischen Platz 15 (U20) und 18 (U18), im Seniorenbereich spiegelt unser jahrelanges Fahrstuhldasein diesen Spannbreite wieder.

Top-10 meilenweit entfernt

Die Top-10 sind nicht einmal mit dem Fernglas auszumachen, selbst die Teams dahinter wie Deutschland, Dänemark, Norwegen oder Belarus – selbst von den Spitzennationen meilenwert entfernt - sind uns haushoch überlegen.

Geben die nächsten Jahrgänge Aussicht auf Besserung? Für mich nicht, das Team in Schruns wurde ja schon als „Zukunft Talente Team“ deklariert und damit offensichtlich einer erhöhten Wertschätzung unterzogen.

Nationen wie Slowenien, Ungarn, Italien werden im Nachwuchs – und damit konsequenterweise auch im Seniorenbereich – weiter unsere Kragenweite sein. Deswegen geht unser Eishockey nicht unter, doch ein gewisser Realitätssinn sollte doch Einzug halten.

Die "russischen Bären" waren nicht nur körperlich überlegen

Woran haperte es in Schruns?

Natürlich an allem, vom Tempo bis zu den individuellen Fähigkeiten. Doch besonders offensichtlich waren die körperlichen Defizite.

 

Das Spiel gegen die Finnen wirkte etwa so, als ob diese – weil der ursprüngliche Gegner nicht angereist war – ihre kleinen Brüder als Trainingspartner mitgebracht hätten. Im Durchschnitt schien jeder Finne einen Kopf größer und ca. 10 kg schwerer zu sein, die wenigen versuchten Checks unserer Cracks wurden von den Suomis nicht einmal registriert.

Dass unser Team mit fünf Spielern des Jahrgangs 1999 gemeinsam mit der Schweiz die meisten jüngeren Jahrgänge im Turnier aufbot, sollte nicht als Ausrede herhalten.

Körperliche Defizite fatal

Diese körperlichen Defizite machten natürlich jeglichen Versuch mitzuhalten zunichte.

Das Team von Headcoach Roger Bader verbrauchte fast seine ganze Energie, um im eigenen Drittel nicht völlig aus der Position zu geraten oder einfach überrannt zu werden, sodass jeder Shift einem physischen und mentalen Überlebenskampf gleichkam.

Kein Wunder, dass die Mannschaft im letzten Spiel gegen den am Papier noch leichtesten (von gleichwertig natürlich keine Rede) Gegner Slowakei völlig kraftlos dastand und nur noch einen Punchingball darstellte.

Es mangelt an Qualität und Quantität

Diese qualitativen Defizite kommen natürlich auch von mangelnder Quantität im Spielerbereich.

 Wenn die wenigen EBYSL- und EBJL-Teams schon Probleme haben, drei volle Blöcke zu stellen, kann von den Auswahltrainern nur wenig aussortiert werden. Die EBEL-Teams wären  – weit mehr als wegen der Punkteregel -  gut beraten, aufgrund der körperlichen Defizite ihrer Spieler an die Kandare zu nehmen.

Doch die Bereitschaft vieler Cracks, mehr als nur das Notwendigste zu tun, lässt natürlich auch zu wünschen übrig.

Wenn ein (bereits verabschiedeter) Caps-Nachwuchs-Crack in 60 Minuten mit einem eigens dafür abgestellten Konditionstrainer jede Gelegenheit wahrnimmt, die Einheit mittels mehrerer Pausen zur Getränkeaufnahme und –abgabe zu verkürzen, darf nicht verwundern, dass dessen Karriere schon vorbei war, bevor sie eigentlich begonnen hat. Sicher kein Einzelbeispiel…

Holzer konnte sich oft auszeichnen

Scouting beim EYOF

Ohne Vorkenntnisse aus dem Sommer und den Ligen hätte das Turnier natürlich kaum neue Erkenntnisse gebracht, zu overmatched war das Team von Roger Bader.

Schade, dass zwei Spieler nicht dabei waren: Fabio Artner (1999, Capitals), ein smarter und talentierter Center, zog sich im letzten Testspiel einen Seitenbandriss zu. Stürmer Benjamin Baumgartner (Davos) war aufgrund der Turnierbestimmungen als 14-jähriger noch nicht zugelassen.

Mit Lukas Wolfshofer und Dominic Thalhammer verletzten sich zwei Cracks im ersten Spiel, sodass Bader dann nur mehr auf 10 Angreifer zurückgreifen konnte.

Im letzten Spiel spannte er mit Pilloni, Obersteiner und Witting die einzigen Offensivwaffen in eine Reihe, das machte dann allerdings auch keinen Unterschied mehr.

Welche Cracks aus diesem Team gilt es weiter zu fördern und zu beobachten?

Yannic Pilloni (1998, Center, SC Bern): Trotz durchschnittlicher Größe körperlich weiter als seine Teamkameraden, konnte daher auch in Zweikämpfen bestehen und einige Chancen kreieren. Sehr guter Motor und Spielverständnis. Fragen: Wie wird er sich im Seniorenbereich körperlich durchsetzen können und wie groß ist sein Abschlusspotential? Sohn von Agent Patrick Pilloni.

Daniel Obersteiner (1998, Center, KAC): Gute Skills, sieht das Eis gut, kann sich im 1-1 durchsetzen. Körperlich mit Defiziten.

Samuel Witting (1998, Flügel, KAC): Talentiert, gute Geduld mit dem Puck, ab und zu etwas zu verspielt. Weit talentierter als sein älterer Bruder Marcel aber ebenfalls körperlich limitiert.

Paul Sztatecsny (1998, Verteidiger, LA Stars): Steht stabil auf den Eisen, kann Gegner eisläuferisch vom Tor fernhalten und zum Umschaltspiel beitragen. Gerät auch kaum in Panik.

Jakob Holzer (1998, Torhüter, KAC): Hielt das Ergebnis gegen Russland mit einigen gutes Saves in Grenzen. Gute athletische Fähigkeiten, relativ kompakt, aber die Kombination von viel „Paddle-Down“ und nur durchschnittlicher Größe macht ihn in den oberen Ecken verwundbar.

Maximilian Haselbacher (1999, Torhüter, Omaha Lancers AAA): Spielt seit einigen Wochen in Nordamerika, ob ihn das weiterbringt, wird die Zukunft zeigen. Hat schnelle Beine, zeitweise etwas hyper, muss weit ruhiger werden. Macht sich etwas kleiner, als er ist. Butterfly müsste auch breiter werden.

Jonas Kofler (1998, Verteidiger, Oberthurgau): Konvertierter Stürmer, sollte auf Verteidigerposition bleiben. Neben dem verletzten Wolfshofer einziger Defender mit Gardemaß, zeigte Bereitschaft zu physischem Spiel. Ein gewisser „Mean Streak“ war festzustellen, hätte Anlagen für einen „Rough-and-Tumble-Defender“. Spiel mit dem Puck auf diesem Niveau nicht zu bewerten.

 

Bernd Freimüller

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