Lukas: "Wurden zu wenige Konsequenzen gezogen"

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Philipp Lukas durfte während des International Break verschnaufen. Statt Österreich Cup hieß es für den Kapitän des EBEL-Spitzenreiters neue Kräfte tanken.

Nach der slowakischen WM-Depression entschloss sich der 32-Jährige nämlich, weitreichende Konsequenzen zu ziehen. Mit dem Abstieg zur B-Nation stand zugleich sein Abschied fest.

„Ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass alle Cracks aus demselben Grund dabei waren. Unter anderen Umständen wäre ich vielleicht noch dabei“, bringt der 114-fache Internationale gegenüber LAOLA1 seine Frustration zum Ausdruck.

Während die einstigen Kollegen beim Vier-Nationen-Turnier nur Letzter wurden, konnte Lukas „diese Tage genießen.“ Entspannung ist längst der Anspannung gewichen, auf die Black Wings Linz wartet am Dienstag das Gastspiel beim meisterlichen Verfolger Salzburg (ab 19:10 Uhr im LIVE-Stream).

Was er zum „Bullen“-Triumph beim Salute zu sagen hat, wie er zur Rolle als Viertlinien-Angreifer steht, und welche ÖEHV-Tendenzen ihn zum Rücktritt bewogen, erklärt der gebürtige Wiener im Interview.

LAOLA1: Philipp, das Nationalteam verlor in Klagenfurt gegen die Schweiz (Anm: 1:4) sowie Slowakei (Anm: 1:2). Wie beurteilst du als nunmehr Außenstehender die Leistungen?

Philipp Lukas: Mit den Ergebnissen der relativ jungen Mannschaft sollte man nicht unzufrieden sein. Beide Nationen waren im letzten Jahrzehnt fast immer unter den Top-10 der Welt. Eigentlich spielte das Ergebnis keine Rolle. Es ist wichtig, Erfahrung gegen solche Gegner zu sammeln. Umso öfter Talente auf hohem Niveau agieren, desto mehr lernen sie und können sich verbessern.

LAOLA1: Inwiefern ist eine Entwicklung trotz des geringeren Tempos in der EBEL denn möglich?

Lukas: Das Nationalteam spiegelt die Liga wieder. Auf internationalem Level ist das Tempo höher, da brauchen wir eine Gewöhnungsphase. Wir können nicht so konstant mithalten, dadurch werden wir undiszipliniert und nehmen Strafen. Hätte die EBEL ein ähnliches Niveau wie die Schweizer Liga, wo viele Einheimische zum Einsatz kommen und sich gegen starke Konkurrenz weiterentwickeln, würde Österreichs Team anders dastehen. Die Gründe liegen sicher nicht allein bei der Liga. Die Schweiz ist generell eine Nation, die schon jahrelang am eigenen Nachwuchs feilt und neue Talente rausbringt.

LAOLA1: Du hast unlängst deine Karriere in „Rot-weiß-rot“ für beendet erklärt. Kannst du uns deine Beweggründe darlegen?

Lukas: Unter anderen Umständen wäre ich vielleicht noch dabei. Ich habe mein Land gern vertreten, war immer bereit, alles in die Waagschale zu werfen. Leider hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass alle Cracks aus demselben Grund dabei waren. Ich wählte einen Mannschaftssport als Beruf, weil mir der Teamgeist sowie Zusammenhalt gefällt. Die besten Erlebnisse hatte ich, wenn Einer für den Anderen kämpfte. Da kann man mehr erreichen, als oftmals möglich erscheint. Ich habe kein Problem, wenn wir als Außenseiter oder in der A-Gruppe verlieren – solange wir es als Mannschaft tun.

LAOLA1: Warum gab es diese bedenkliche Entwicklung?

Lukas: Meiner Meinung nach wurden zu wenige Konsequenzen gezogen, um den Zusammenhalt zu erhalten beziehungsweise wiederherzustellen. So ist der Spaß auf der Strecke geblieben. Daher war es soweit, mich anderweitig zu beschäftigen. Es gibt ein Leben nach dem Eishockey. Ich kann die Zeit sicher nützen, um mich für mein Leben nach dem Sport weiterzubilden. Die jüngeren Spieler sollten nicht nur die Chance bekommen reinzuschnuppern, sondern das Kommando langsam übernehmen.

LAOLA1: Welchen Einfluss hatte die Selbstzerfleischung während der WM, als sich Mannschaft und Präsident Dieter Kalt gegenseitig den Schwarzen Peter zuschoben, auf deinen Beschluss?

Lukas: Ich spielte im Nationalteam, als wir die Erfolge feierten. Logischerweise ist es einfacher, wenn alles läuft. Demnach war die B-WM sehr viel Spaß. Wenn man fünf von fünf Spielen gewinnt, ist alles eitel Wonne. Zuletzt haben Spieler bei Niederlagen leider mit dem Finger auf andere gezeigt. Für den Job benötigt man eine Oberhand, die das Ganze in die richtige Richtung weist. Wenn es Anweisungen gibt, müssen diese befolgt werden. Leider gehört es etwas zur österreichischen Mentalität: Gibt man einem den kleinen Finger, will er sofort die ganze Hand. In der A-Gruppe sind wir Außenseiter, daher sollte eigentlich jeder an Bord sein und die Vorgaben einhalten. Um das durchzusetzen, kann es keine Privilegien für gewisse Spieler geben. Es muss eine gewisse Diktatur geben. Wenn einer nicht spurt, sollte es egal sein, wie er heißt oder wo er spielt. Zuletzt marschierte jeder auf Zehenspitzen, keiner wollte dem anderen auf die Füße treten. Doch wenn man etwas erreichen will, ist das manchmal nötig. Vor allem wenn es zurecht erfolgt, kann sich keiner beschweren.

LAOLA1: Teamchef Viveiros betont stets, er wolle Ehre und Stolz in das National-Programm bringen. Glaubst du, dass die geforderte Mentalität endlich wieder Einzug hält?

Lukas: Ehre und Stolz sind von jedem Spieler selbst mitzubringen. Am Verband, der Organisation und dem Betreuerstab liegt es, dies zu erhalten. Eine Linie und Führung sollte im ÖEHV vorhanden sein, jene gehört dann beibehalten. Sicher geht es ebenso um organisatorische Sachen. Generell hat sich beim ÖEHV während der Jahre wenig geändert, weder im Positiven noch im Negativen. Ich bin zu jedem Turnier gekommen und wusste genau, was auf mich zukommt. Es bringt nichts, anzukommen und jedes Mal zu raunzen.

Für das Nationalspiel wird Lukas nach 114 Spielen nicht mehr auflaufen

LAOLA1: Was fehlte euch im Speziellen?

Lukas: Ich habe mich nie darüber aufgeregt. Bei mir ging es nicht um Hotel, Essen oder wie viel Geld wir bekommen. Darüber haben sich andere Spieler beschwert. Warum ist das so wichtig? Eigentlich sollten wir uns darum kümmern, zusammenzuwachsen und in die gleiche Richtung zu gehen. Vor der WM sind jedoch erneut Diskussionen aufgekommen. Wenn der Verband etwas besser macht, ist das schön. Wenn es der Verband nicht schafft, muss man sich damit abfinden. Entweder kommen Leute und geben alles oder eben nicht. Kommen und raunzen führt zu der Scheiß-Stimmung. So hat alles angefangen zu stinken. Es hat überhaupt keinen Spaß mehr gemacht.

LAOLA1: Inwiefern können Viveiros und Assistent Rob Daum diesen Trend zum Positiven drehen?

Lukas: Man muss die Richtung, mit jungen Spielern zu arbeiten, durchziehen, Geduld bewahren und eine Fortbildungs-Phase in Kauf nehmen. Manny kann mit Talenten gut umgehen, das bewies er beim KAC. Rob ist von den Eigenschaften als Coach sowie Mensch eine absolute Bereicherung. Bevor er den Job annahm, haben wir uns unterhalten. Ich erklärte, warum ich nicht mehr dabei sein will.

LAOLA1: Eishockey Österreich schwärmt geradezu vom Linzer Head Coach. Kannst du erläutern, was Daum in der täglichen Arbeit auszeichnet?

Lukas: Er macht einen sehr fairen Eindruck und ist offen jedem gegenüber. Ganz egal welcher Spieler das ist. Vom trainingstechnischen Punkt betrachtet, gibt er genau vor, was er will. Er weiß, wie es sein soll, hat seine Vorstellung, wie Dinge erledigt werden soll. Er will es genauso haben - nicht anders. Er gibt sein Bestes, um die Mannschaft vorzubereiten. Gleiches verlangt er von uns. Er erwartet bei der Ausführung Perfektion, auch im Training.

LAOLA1: Die Black Wings haben zuletzt etwas Vorsprung eingebüßt, der Polster auf Salzburg beträgt noch fünf Zählern. Wie greift ein solch ruhiger Typ wie Daum in kritischen Phasen ein?

Lukas: Was sagen laute Worte mehr als leise Töne? Er muss nicht laut werden, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist nicht seine Art und Weise, diese braucht er auch nicht. Nach der letzten Pause hatten wir keine leichte Auslosung, viele Auswärtsspiele standen auf dem Programm. Wir haben uns nicht so schlecht geschlagen.

LAOLA1: Euer Betreuer war zuletzt beim Nationalteam im Einsatz, litt darunter die Vorbereitung auf das brisante Duell mit Salzburg?

Lukas: Co-Trainer Mark Szücs organisierte die Einheiten. Wir haben Donnerstag bis Samstag jeweils Off- und On-Ice  gearbeitet. Ab Sonntag haben wir mit Rob spezifisch Richtung Dienstag trainiert. Ich denke, die Pause hat uns ganz gut getan. Wir müssen nur schauen, dass wir sofort wieder bereit sind. Es gilt den Spielrhythmus, die Intensität und den Hunger wiederzufinden. Wenn man einige Tage hat zu entspannen, muss man auch wieder die Anspannung finden. Umso schneller, umso besser.

LAOLA1: Die Mozartstädter rüsteten für das Red Bulls Salute unter anderem mit NHL-Legende Marty Turco auf, mit Erfolg. Sie konnten das Final-Turnier der European Trophy für sich entscheiden. Wie hast du das Brimborium der vergangenen Woche erlebt?

Lukas: Ich habe es nicht großartig verfolgt, sondern versucht, die Tage zu genießen und abzuschalten. Natürlich spricht es sich herum, Turco und der Erfolg sind für die Liga positiv. Dass so ein großer Name bei einem österreichischen Klub unterschreibt, bedeutet gute Werbung. Wenige Klubs könnten so einen Spieler finanziell stemmen. Andererseits dürfen wir uns von deren Erfolg beim Salute nicht ablenken lassen. Wir konzentrieren uns darauf, das Potenzial auszuschöpfen, um einen guten Auftakt in den Saison-Endspurt zu haben.

LAOLA1: Ein Wort noch zu deiner Rolle: Als Kapitän spielst du lediglich in der vierten Reihe, dennoch singt Daum eine Lobeshymne auf dich (hier geht’s zum Interview). Wie schwer ist es, sich mit deiner veränderten Ausgangslage zu begnügen?

Lukas: Ich schieße gerne Tore und stehe im Powerplay auf dem Eis – keine Frage. Bisher war ich es so gewöhnt. Die Rolle ist neu, aber keine mit der ich mich nicht identifiziere. Ich habe Spieler erlebt, welche in eben jener Situation vor Beschwerden vergessen haben, den Fokus auf das Wesentlich zu richten. Ich sehe mich weiter als wertvollen Teil. Nicht nur weil ich das „C“ auf der Brust trage. Sicher sind die Prioritäten anders. Wir sind nicht auf dem Eis, um Tore zu schießen, sondern um Schwung in die Mannschaft zu bringen. Wir wollen durch Kampfkraft und Teamwork das Momentum auf unsere Seite ziehen. Falls ich nichts mehr zum Erfolg beitragen könnte, hätte ich auf jeden Fall ein Problem.

Das Gespräch führte Christoph Köckeis

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