Schicksalstage in "Blau-weiß"

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Mike Stewart wirkt locker, zugleich kann er die Anspannung nicht leugnen. Er versprüht Optimismus, bleibt dabei aber höchst fokussiert.

Immer wieder schweift der 39-Jährige mit seinen Gedanken ab. Verständlicherweise. In Villach dreht sich dieser Tage alles um ein Thema – das Spiel bei den Vienna Capitals. Zweifelsohne das bislang bedeutendste der Saison 2011/12.

Die Qualifikationsrunde der EBEL nähert sich der Zielgerade. Noch drei Endspiele um die Playoff-Tickets. Es geht um alles. Oder eben nichts.

>>>Vienna Capitals vs. VSV, LIVE-Stream bei LAOLA1.tv ab 19:10 Uhr<<<

„Für beide Teams ist es von großer Bedeutung. Wir gehen in das letzte Wochenende, jeder Punkt ist wichtig. Wir werden sicher bereit sein“, verspricht der Head Coach in seinem unverwechselbaren kanadisch-kärntnerischen Dialekt gegenüber LAOLA1.

Stewarts Schicksal ist unmittelbar an das sportliche Abschneiden des VSV gebunden.

Ausstiegsklausel im Vertrag

Nachdem der langjährige Kapitän bereits in der Vorsaison als Nachfolger Johan Strömwalls einsprang, unterzeichnete er im Sommer einen Drei-Jahres-Kontrakt. Jener beinhaltet seitens des Arbeitgebers eine Ausstiegsklausel bei Verpassen des Viertelfinales. Soweit denkt noch niemand, die Tabelle liest sich nämlich durchaus hoffnungsvoll.

Punktegleich doch mit einem Spiel in Verzug rangiert man hinter Überraschungs-Leader Znojmo, eine Niederlage in der Bundeshauptstadt wäre demnach noch auszumerzen. Halten sich die „Adler“ indes schadlos, würden damit die Titel-Träume der Capitals wohl endgültig begraben werden.

Von der ersten Sekunde an sollte man daher auf  überfallsartige Sturmläufe gefasst sein, so Stewart: „Wir müssen uns auf die ersten 20 Minuten konzentrieren. Beide Teams werden rauskommen, mit einem hohen Tempo sowie viel Energie agieren.“

„Wichtig, als Einheit aufzutreten“

Der selbsternannte Meisterschafts-Anwärter ist zum Siegen verdammt. Eine Situation, welche Villach aus dem letzten Aufeinandertreffen bereits bestens bekannt ist. Damals stand der Traditionsverein mit dem Rücken zur Wand und am Ende ein wenig ruhmreicher 1:0-Kampfsieg. Zwei Wochen später darf man in der eishockeyverrückten Draustadt wiederum mit der Postseason spekulieren. So schnelllebig ist eben der Sport.

„Wir haben zuletzt gut gespielt. Was in der Vergangenheit passierte, ist vorbei. In Wien ist es niemals leicht. Sie haben eine tolle Eishalle. Wir erwarten einen sehr aggressiven Gegner“, warnt Stewart vor überschwänglicher Euphorie. Wie die Caps zu knacken sind, glaubt der ehemalige Verteidiger zu wissen.

„Im letzten Duell haben beide Goalies stark gehalten. Wir müssen neuerlich viel Verkehr vor Reinhard Divis erzeugen und Schüsse auf das Tore abgeben. Bei den Special Teams wird es enorm wichtig sein, als Einheit aufzutreten.“ Jener typische Zusammenhalt kehrte im Verlauf zurück in das Lineup. Vom dem VSV, der sogar acht Spiele am Stück verlor, war in den letzten Wochen nichts zu sehen.

Findungsprozess für alle Beteiligten

„Wie funktionieren wir als Team am besten? Diese Erkenntnis und die richtige Chemie zu finden, das dauerte etwas. Wir haben einige Cracks verpflichtet, seitdem ist unsere Bilanz gut“, sinniert Stewart, der ebenfalls eine Art Findungsphase erlebte.

Knapp ein halbes Jahr nach dem Karriereende fand sich die einstige Leitfigur plötzlich in der Rolle des Entscheidungsträgers wieder. Trotz 21 Saisonen im Profi-Geschäft eine gänzlich unbekannte Konstellation. Frühere Kollegen mit dem Auge eines Betreuers zu sehen, Anweisungen zu geben und wenn notwendig durchzugreifen - ein nicht zu vernachlässigender Einschnitt.

„Von Partie zu Partie arbeitet man an verschiedensten Sachen. Es gilt zu erkennen, wo wir schon gut sind und in welchen Bereichen eine Verbesserung erforderlich ist. Das ist ein Prozess für beide Seiten gewesen. „Work in Progress“ sozusagen.“

Um persönliche Befindlichkeiten auszuräumen, eine neutrale Sicht auf die Performances Einzelner zu behalten und die unabdingbare Autorität zu verkörpern, ging Stewart auf Abstand.

VSV und Capitals kämpfen um die Playoffs

„Als Coach musst du dich distanzieren“

„Wir reden ganz normal miteinander, ich bin jedoch kein Typ mehr zum Abhängen. Als Coach musst du dich distanzieren, um zu zeigen, wer der Chef ist. Wir sind keine Freunde, das ist Fakt. Vor allem in meinem Alter wusste ich, dass es wichtig ist, Entfernung herzustellen“, gibt der in Calgary geborene Austro-Kanadier zu bedenken.

Ungern spricht er über sich selbst, viel lieber lobt er die Entwicklung seiner Schützlinge. Eishockey ist sein Leben, seine Leidenschaft. Er genießt die tägliche Arbeit im „Rink“. Anders als die junge Trainer-Generation im Fußball bleibt er dabei zumeist Statist, versichert Stewart schmunzelnd. Ganz kann er es trotzdem nicht lassen: „Außer wir sind für eine Übung zu wenig, dann muss ich eben teilnehmen.“

Welche Gefahren selbst eine Zuschauer-Rolle birgt, beweist das Beispiel Lindy Ruff. Thomas Vaneks Vorgesetzter bei den Buffalo Sabres erlitt beim Zusammenprall mit seinem Defender Jordan Leopold einen dreifachen Rippenbruch. „Es ist eben ein beinharter Sport.“

Härte bewies die VSV-Ikone nicht nur als Profi, zur Not schlägt er ebenso im Umgang mit den Cracks einen etwas raueren Ton an.

Undiszipliniertheiten als Feuertaufe

„Wenn es nötig ist laut zu werden, mach ich das. Es ist eine Mischung. Die Jungs müssen ganz genau wissen, wie unser Gegner spielt, welches System und welchen Plan sie zu verfolgen haben. Sie darauf perfekt vorzubereiten ist mein Job“, erklärt Stewart, der sich selbst als „hart aber fair“ beschreibt. Die erste Feuertaufe meisterte er jedenfalls mit Bravour.

Durch Undiszipliniertheiten schwächte sich der sechsfache Meister häufig. In Kombination mit einem anhaltenden Formtief zog dies eine hartnäckige Negativspirale nach sich. Experten äußerten Zweifel am Durchsetzungsvermögen des VSV-Feldherren. Konsequenzen wurden nicht publik, intern jedoch mit Nachhaltigkeit gezogen.

„Wenn eine Mannschaft aggressiv spielt, nimmt man eben Strafen. Die unnötigen sind inakzeptabel. Die Mannschaft ist über einzelne Befindlichkeiten zu stellen. Da musste ich auf den Tisch hauen. Vor allem weil es angesprochen wurde, aber dennoch passierte. Es ist auch ein entscheidendes Thema in der Qualifikationsrunde.“

Da wäre Stewart mental also erneut beim Freitag angelangt. Wie bereitet man nun das Team auf ein solches Schlüsselspiel vor? Was kann ein Coach machen, um den Hauptdarstellern Druck zu nehmen?

Ein Frage der Fitness und des Kopfs

„Wir hatten einige Meetings, über Systeme, Taktik oder den Gegner. Wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Cracks. Jeder muss wissen, was in der jeweiligen Situation zu erledigen ist. Wir haben häufig darüber gesprochen, wie wichtig die Partie ist. Wenn man körperlich bereit ist, hat man jedenfalls 50 Prozent erfüllt.“ Und die verbleibenden 50 Prozent sind „reine Kopfsache“.

Routine nimmt in der Hinsicht eine übergeordnete Funktion ein. Gerhard Unterluggauer (36), Kapitän Marco Pewal (33) oder die im Saison-Verlauf engagierten Leistungsträger Markus Peintner (31), Mike Craig (40), Shayne Toporowski (36) und Rob Shearer (35) sind gefordert, den Unerfahreneren Halt zu geben.

Besonders die aus der Verzweiflung getätigten Einkäufe avancierten zu wahren Glücksgriff. Dank der Unterstützung jener soll die Trendwende demnächst vollendet werden.

„Locker und konzentriert sein“

„Die Transfers haben sehr geholfen. Sie sind nämlich Führungsleute in der Kabine. Es war völlig egal, wie jung oder alt jemand ist. Die Qualität gibt den Ausschlag“, betont ein heilfroher Stewart. Und er ist fest davon überzeugt, dass die zuvor erwähnten 100 Prozent gegen die Capitals abgerufen werden.

„Ich glaube, wir sind gut vorbereitet. Nun ist es Zeit für Eishockey. Wir müssen 60 Minuten stets dran bleiben und an den Erfolg glauben, egal was passiert.“ Wie er die Mannschaft in der Kabine nochmals einschwört, davon hat der Trainer genaue Vorstellungen.

„Ein Sportler funktioniert am besten, wenn er locker und konzentriert ist. Das klingt leicht, ist jedoch schwierig hin zu kriegen. Ich werde ihnen sagen: Jungs wir müssen zeigen, dass wir unbedingt siegen wollen. Von der erste Minute weg, heißt es fokussiert und bereit sein, zu arbeiten.“

Diese Einstellung lebt Stewart mustergültig vor.

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Christoph Köckeis

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