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"Nach Niederlage haben wir schlaflose Nacht"

Große Gewinner sind schlechte Verlierer.

Zumindest kommt einem dieser Gedanke, wenn man mit den beiden Bryan-Brüdern Bob und Mike über ihr Erfolgsgeheimnis spricht.

„Wir hassen es, zu verlieren. Wir hassen es viel mehr, als dass wir gewinnen wollen“, erklärt Bob wenige Minuten nach ihrem 74. gemeinsamen Turniersieg in der Wr. Stadthalle.

Kurz zuvor setzten sich die US-Zwillinge im Finale der Erste Bank Open gegen die an zwei gesetzten Max Mirnyi/Daniel Nestor (BLR/CAN) in zwei Sätzen durch.

Schlaflose Nacht bei Niederlage

„Nach jeder Niederlage haben wir eine schlaflose Nacht vor uns. Deshalb arbeiten wir auch weiterhin hart an uns.“

Dabei könnten sich die beiden 33-jährigen Brüder aus dem kalifornischen Camarillo gemütlich zurücklehnen und das Leben genießen. Über acht Millionen US-Dollar haben sie bereits jeweils an Preisgeld eingesackt.

In Wimbledon egalisierten sie mit dem elften Grand-Slam-Titel den bisherigen Rekord der „Woodies“ (Anm.: Woodbridge/Woodforde). "So etwas ist natürlich ganz groß. Wimbledon war wirklich speziell und sehr emotional.“

„Wollen Nummer 1 bleiben“

„Wir haben aber auch nach 13 Jahren noch viele große Ziele. Wir wollen Nummer eins bleiben und denken nicht über Geld nach. Es geht um Siege und Titel. Jeder Sieg ist etwas Besonderes. Ganz egal ob es in Wimbledon oder in Los Angeles ist“, so Mike, der aber erneut auf die verhassten Niederlagen verweist. „ Es ist einfach schön, ein Turnier zu verlassen, und das einzige Team zu sein, das nicht verloren hat.“

„So haben uns natürlich nur zweitausend Zuschauer gesehen und nicht ein paar Millionen. Das ist natürlich ein großer Unterschied. Dieser Trend wird sich in Zukunft wohl nicht so bald ändern. Deshalb müssen wir mit dem zufrieden sein, was wir haben.“

„Keiner kümmert sich um uns“

Mit einem Nadal oder Federer können sich die Zwillinge nicht vergleichen. Nur selten werden die Doppel-Stars in Europa auf der Straße erkannt. „Am ehesten noch in London. Ansonsten kümmert sich keiner um uns. Wir lieben unseren Sport und bei den Turnieren kennen uns die Leute eh. Das ist für uns also schon in Ordnung. Es macht Spaß, Autogramme zu geben und Zeit mit den Fans zu verbringen.“

Berühmt sind die Bryans allerdings für ihre besonders Art des Jubels: Nach einem besonders wichtigen Punkt springen sie mit der Brust aufeinander zu. „Das ist die sogenannte ‚Chest bomb‘“, erklärt Bob.

„Die haben wir nicht erfunden, aber wieder zurückgebracht. Die Jensen-Brüder Luke und Murphy haben das immer gemacht. Wir zahlen ihnen dafür jedes Mal 25 Dollar Tantiemen“, scherzt Mike.

„Musik gehört zu unserem Leben einfach dazu“

Apropos Tantiemen: Auch die Musik spielt eine große Rolle im Leben der Bryans. Seit dem frühen Kindesalter spielen die zwei ein Instrument, Bob auf dem Klavier, Mike das Schlagzeug. Zudem pflegen sie engen Kontakt zu weltbekannten Bands wie Maroon 5 oder den Counting Crows.

„Musik gehört zu unserem Leben einfach dazu. Es wäre toll, wenn es mehr Spieler auf der Tour geben würde, die auch Musikinstrumente spielen können. Früher war das öfter der Fall - McEnroe, Noah, Wilander. Das hat sich mittlerweile aufgehört. Leider haben wir nie singen gelernt“, ärgert sich Mike.

Die Brüder dürfen sich immerhin damit trösten, im Tennis weiterhin die erste Geige spielen zu können.

Christian Frühwald

Vielleicht lag es gerade an dieser Abneigung gegenüber Niederlagen, dass die Bryans heuer erst zum zweiten Mal überhaupt in der Wr. Stadthalle zu sehen waren. Bei ihrer Premiere vor neun Jahren musste sich das Duo schon in Runde eins verabschieden.

Trotz knapp 1.000 gespielter Matches auf der ATP-Tour können sich die beiden noch genau an diese Partie erinnern. “ Wir haben auf Court B gegen Haggard/Coetzee gespielt. Danach wollten wir nie wieder nach Wien kommen“, scherzt Mike.

Bryans schwärmen über Wien

 „Heuer hatten wir aber wieder Lust auf Wien. Es war eine lustige Woche. Die Stadt ist wunderschön und wir hatten eine tolle Zeit. Das Essen ist großartig und auch die Fans waren nett.“

Beinahe wäre aber erneut in der ersten Runde Endstation gewesen. Gegen den Wiener Alex Peya und dessen deutschen Partner Christopher Kas mussten sie zwei Matchbälle im zweiten Satz abwehren, ehe sie sich knapp im Champions Tiebreak durchsetzten.

„Da sieht man, wie knapp es bei uns zugeht. Es ist wie auf des Messers Schneide. Wir haben in den letzten Monaten oft im Champions-Tiebreak verloren. Jetzt haben wir das Glück anscheinend auf unsere Seite gezwungen.“

An die vor vier Jahren erfolgte Abschaffung des dritten Satzes haben sich die Bryan-Brüder trotzdem gewöhnt. Im Gegensatz zu anderen Doppel-Spezialisten kritisieren sie die Regeländerung nicht.

„Es ist stressiger als früher. Früher konnte man es ein bisschen ruhiger angehen. Wenn man sich die Rankings anschaut, hat sich nach vier Jahren aber nicht viel verändert. Die Top-Spieler stehen immer noch vorne.“

Mehr Einzelspieler im Doppelbewerb

Dank des neuen Regelwerks versuchen aber auch immer mehr Einzelspieler ihr Glück im Doppel. Mittlerweile ist ein gutes Doppel-Ranking nicht mehr dringend notwendig, um im Hauptbewerb antreten zu dürfen.

„Dadurch ist das Doppel so attraktiv wie nie“, freut sich Mike über die größere Konkurrenz. „Zu den besten Einzelspielern kommen die Doppel-Legenden der vergangenen Jahre dazu.  Für die Fans ist das eine tolle Sache. Wir haben keine leichten Matches mehr. Noch vor fünf Jahren haben wir in den ersten Runden oft mit 6:1, 6:0 gewonnen. Mittlerweile ist es viel schwieriger.“

Bryans beklagen sich über TV

Für die Brüder ist dies  auch der einzige Weg, um den Doppelbewerb wieder bekannter zu machen. „Wir brauchen mehr Popularität in diesem Sport. Leider dominiert das Fernsehen alles und das haben wir nicht auf unserer Seite.“

So waren bei ihrem Finalsieg in Wien die TV-Kameras bereits ausgeschaltet. Obwohl die aktuelle Nummer eins der Welt gegen die Nummer drei spielte und hochklassiges Tennis bot.

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