Brändle: "Die schweren Stürze machen ängstlich!"

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Irrer Stress im Hauptfeld, geniales Volksfest entlang der Strecke und Tag für Tag unbezahlbare Erfahrungen und Erlebnisse – Österreichs Trio hatte am Ruhetag erstmals Zeit, die vielen Eindrücke beim Tour-de-France-Debüt sacken zu lassen.

Heute startet Teil 2 der "Tour der Leiden". Am französischen Nationalfeiertag wartet auf der 10. Etappe die erste schwere Bergankunft in den Pyrenäen.

Marco Haller (Katusha), Georg Preidler (Giant-Alpecin) und Matthias Brändle (IAM Cycling) sind trotz zum Teil schwerer Stürze noch im Rennen. In einer Österreicher-Gruppe tauschen sich die drei Fahrer via "WhatsApp" regelmäßig aus. "Sonst gibt es im Feld auch Momente, in denen man ein bisschen plaudern kann", so Preidler.

Über die Pyrenäen und die Alpen wollen sie noch nicht sprechen. Dafür lassen sie die ersten neun Tage Revue passieren. LAOLA1 begleitete die 102. Auflage der "großen Schleife" durch Frankreich in der Normandie und in der Bretagne. Fazit: Der "Mythos Tour" lebt. Das weltweite Interesse ist gewaltig. Die jungen Österreicher sind im Peleton angekommen, die persönlichen Erfolge lassen noch auf sich warten.  

Marco Haller durfte mit seinem russischen Rennstall bereits über einen Etappensieg jubeln. Teamkollege Joaquim Rodriguez gewann die spektakuläre Ankunft des 3. Teilstücks in Huy (BEL). Dennoch ist der 24-jährige Kärntner alles andere als zufrieden.

LAOLA1: Wie sieht deine Bilanz nach neun Etappen aus?

Marco Haller: Die Beine sind super, aber ich habe es noch nicht wirklich zeigen können. Es überwiegt ein wenig die Enttäuschung, da wir die eine oder andere Chance auf einen Etappensieg ausgelassen haben.

LAOLA1: Du sprichst die 7. Etappe am Freitag an, als sich dein Kapitän Alexander Kristoff den Sprinter-Kollegen Cavendish, Greipel, Sagan und Degenkolb geschlagen geben musste…

Haller: Es war ein perfektes Finale für uns. Bis 350 Meter vor dem Ziel haben wir alles richtig gemacht. Dann hat uns vielleicht ein bisschen die Coolness gefehlt, dazu gab es ein paar Kommunikations-Probleme im Sprintzug. Da haben wir uns von der Konkurrenz von hinten her überrumpeln lassen. Das schmerzt. Wir waren richtig gut und haben die Chance aus taktischen Gründen vergeigt. Bitter.

LAOLA1: Wie fühlt sich das Tour-Debüt nach der ersten Woche an?

Haller: Der Stress ist unbeschreiblich, speziell im Feld. Das Drumherum ist okay, das Team schirmt uns sehr gut ab. Da haben wir unseren Frieden, können in Ruhe essen und uns voll auf den Job konzentrieren. Auf den Flach-Etappen geben nicht nur die Sprinter-Teams, sondern auch drei, vier weitere Mannschaften richtig Gas. Die wollen ihren Gesamtfahrer schützen und dabei geht manchmal der Platz auf der Straße aus.

LAOLA1: Wie oft warst du bereits auf dem Boden?

Haller: Zwei Mal! Aber das reicht vollkommen.

LAOLA1: Wie geht es deiner Hand?

Haller: Naja, das Hämatom hat sich fast wieder aufgelöst. Die Stelle ist zwar noch ziemlich angeschwollen, aber ich befinde mich auf dem Weg der Besserung.

LAOLA1: Wie wichtig ist der erste Ruhetag?

Haller: Wenn man die Rundfahrt mit einem gewissen Weitblick betrachtet, dann kommt der Ruhetag gelegen. Die Pause brauchen alle. Wir sitzen bei hohen Geschwindigkeiten seit über einer Woche auf dem Rad. Dazu kommt der große mentale Stress. Das wird von den Zuschauern meistens sehr unterschätzt. Vor dem TV-Schirm schaut das vielleicht nicht so aus, aber die Fahrt im Hauptfeld ist geistig sehr, sehr zehrend.

LAOLA1: Das Wetter hat auf den letzten Etappen mitgespielt. Das war sicher eine Hilfe, oder?

Haller: Freilich, von der Seite betrachtet, waren die letzten Tage sicher angenehmer. Der Wind war überschaubar, die Straßen waren trocken, das Wetter fein. Der Stress hat sich immerhin erst auf den letzten 50 Kilometer richtig aufgeschaukelt. Wie es ausschaut, ist nicht nur das Wetter besser, sondern auch ein paar Fahrer wahrscheinlich schlauer…

LAOLA1: Hast du dich bereits mit den Pyrenäen beschäftigt?

Haller: Ehrlich gesagt, schaue ich da noch gar nicht drauf. Das macht für mich keinen Sinn. Wir haben gesehen, dass für jeden Fahrer die Tour schneller vorbei sein kann, als man glaubt. Deshalb schauen mein Team und ich von Tag zu Tag. Das gibt genug zu denken. Dann werden wir sehen, wie es uns in den Bergen geht.

Matthias Brändle setzte mit Rang 7 im Auftakt-Zeitfahren ein Ausrufezeichen. Der 25-jährige Vorarlberger will versuchen, nach den Pyrenäen in die Offensive zu gehen.

LAOLA1: Wie fällt dein bisheriges Resümee aus?

Matthias Brändle: Der Prolog war ein super Start für mich. Ich habe dann leider zwei Stürze gehabt. Es waren zwei richtig schwere Stürze, aber ich bin halbwegs gut davongekommen. Von daher muss ich zufrieden sein.

LAOLA1: Wie schaut es sportlich aus?

Brändle: In den Pyrenäen wird es schwer, dass eine Gruppe durchkommt. Nach den drei Bergankünften sind aber zwei, drei Etappen dabei, wo ich erwarte, dass am Ende Ausreißer gewinnen können. Da hoffe ich, bei einer Gruppe dabei zu sein und werde angreifen.

LAOLA1: Wie leer ist der Akku nach neun der 21 Etappen?

Brändle: Meine Beine sind natürlich schon ein bisschen müde. Ich habe dieselbe Frage auch einigen Kollegen gestellt und dabei haben alle bereits über eine gewisse Müdigkeit geklagt. Von daher geht es wohl jedem im Feld gleich.

LAOLA1: Was überrascht dich bei deiner Tour-Premiere am meisten?

Brändle: Wenn ich die Tour de France mit dem Giro vergleiche, dann ist der Giro viel angenehmer zu fahren. Es ist weniger Stress im Feld. Das ganze Drumherum ist bei der Tour cooler. Manche Etappen zu fahren, wie das 2. und 3. Teilstück in Holland und Belgien, war nicht lustig. Die Fahrer lassen sich gegenseitig keinen Zentimeter Platz, die Zuschauer stehen am Streckenrand weit in der Straße drinnen. Das ist echt gefährlich. Wenn man dann noch zwei schwere Stürze erlebt, fängt man an, ein wenig ängstlich zu werden. Aber so ist das, der erste Teil der Tour liegt hinter uns, die letzten Tage waren okay.

LAOLA1: Die Wettersituation hat sich gebessert. Sorgt das auch für eine gewisse Entspannung?

Brändle: Naja, zu warm ist auch nicht meine Sache. Bei über 30 Grad fühle ich mich nicht mehr sehr wohl. Ich wäre bei der ersten Etappe in Utrecht sicher noch schneller gefahren, wenn es etwas kühler gewesen wäre und die kurze Strecke ein paar Kurven mehr gehabt hätte.

LAOLA1: Wie lautet dein weiterer Plan für deine erste Tour?

Brändle: Zuerst will ich die Pyrenäen heil überstehen und dann hoffe ich, dass meine Kraft noch reicht, um vor den Alpen richtig in die Offensive zu gehen. Das habe ich eigentlich die letzten Tage auch ins Auge gefasst. Doch da war auf jeder Etappe sehr früh klar, dass es auf einen Massensprint hinausläuft, da wären solche Aktionen reine Kraftverschwendung gewesen. Ich habe für mich entschieden, lieber im Feld zu bleiben und Kräfte zu sparen.

Georg Preidler liefert bisher ein unauffälliges Debüt ab. Der 25-jährige Steirer war gut klassiert, ehe er bei einem Sturz auf der 4. Etappe, den Marco Haller auslöste, zu Boden ging und viel Zeit einbüßte.

Dennoch ist der Giant-Alpecin-Profi mit 27:22 Minuten Rückstand auf Leader Chris Froome als 83. mit Abstand der bestklassierte Fahrer des heimischen Trios. Matthias Brändle ist 128. (+38:03 Minuten), Marco Haller liegt auf dem 169. Zwischenrang (+53:16 Min.).

Peter Rietzler

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