Tony Martin hat sich Traum von Gelb endlich erfüllt

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Aller guten Dinge sind... vier.

Drei Tage lang hat Tony Martin vergeblich versucht, zum ersten Mal in seiner Karriere ins Gelbe Trikot des Gesamtführenden der Tour de France zu fahren.

Es schien, als würde dem 30-Jährigen das Pech an den Pedalen kleben bleiben.

Kampfschwein

In seiner Spezialdisziplin, dem Einzelzeitfahren, wurde er auf der ersten Etappe mit nur fünf Sekunden Rückstand auf den australischen Sieger Rohan Dennis (BMC) Zweiter.

Auf der zweiten Etappe fehlten ihm nur noch drei Sekunden auf den inzwischen aufgrund eines Sturzes ausgeschiedenen Fabian Cancellara, der sich als Tagesdritter Gelb aufgrund der Zeitbonifikation im Ziel sicherte.

Doch wenn es ein Wort gibt, welches den dreifachen Zeitfahr-Weltmeister am treffendsten beschreibt, ist es „Kampfgeist“. Das Wort „Aufgeben“ hingegen kennt er nicht, wie er bereits vor zwei Jahren bei der Frankreich-Rundfahrt eindrucksvoll bewies, als er nach einem schweren Sturz trotz Lungenquetschung und tiefer Fleischwunde weiterfuhr und einige Tage darauf einen Etappensieg feiern durfte (Die unglaubliche Geschichte des Tony Martin).

Am dritten Tag schließlich fehlte ihm nicht einmal mehr eine ganze Sekunde auf das legendäre Maillot Jaune – der neue Leader Chris Froome (SKY) kam 0,93 Sekunden hinter Tagessieger Joaquim Rodriguez ins Ziel, wodurch er zeitgleich gewertet wurde und Martin das Nachsehen hatte.

„Ich habe mich an das Gelbe herangepirscht. Die logische Konsequenz ist, dass ich es jetzt auch übernehme“, verkündete er dann vor dem Start des vierten Teilstückes.

Defekt lässt Chancen schwinden

Doch auch beim vierten Versuch sah alles danach aus, als würde der in Cottbus geborene Profi des Etixx-Quick-Step-Teams erneut das Nachsehen haben.

Ein Defekt in der entscheidenden Phase des Rennens ließ ihn aus der Spitzengruppe zurückfallen. Er bekam das Rad eines Kollegen und kämpfte sich mit Hilfe einiger Teamkollegen wieder an die erste Gruppe um Leader Chris Froome heran.

"Das Rad des Teamkollegen war viel zu hoch, die Bremsen waren vertauscht", beschrieb er die Probleme, mit denen er auf den letzten Kilometern zu kämpfen hatte. "Ich hatte zu diesem Zeitpunkt die Etappe eigentlich schon abgehakt.“

Trotzattacke

"Ich saß auf dem falschen Rad, war am Limit und eigentlich einfach nur froh, dass ich das Kopfsteinpflaster überlebt habe. Dann habe ich realisiert, dass es wieder nicht fürs Gelbe reicht, wenn ich nur in der Gruppe ankomme. Es war einfach eine Trotzattacke", erklärte er, wie er das Glück gezwungen hat, doch noch auf seine Seite zu kommen.

Drei Kilometer vor dem Ziel griff er nach dem Motto "Alles oder Nichts" an.

Das Risiko hat sich gelohnt, dank seiner außerordentlichen Zeitfahrqualitäten rettete er drei Sekunden vor dem herannahenden Feld ins Ziel und erfüllte sich endlich den Traum von Gelb.

Dank an Cavendish

"Das ganze Pech der letzten Tage hat sich heute in Glück gewandelt. Es war sicherlich eine der schönsten Etappen der Tour de France, auch für unser Team eine ganz spezielle. Es ist wunderschön“, fehlten dem „Panzerwagen“ nach der Etappe in der „Hölle des Nordens“ beinahe die Worte, ehe er sich überschwänglich bei seinem Team bedankte.

"Die Mannschaft und ich sind so glücklich, 1000 Dank an das ganze Team, das mich so gut unterstützt hat. Während drei Tagen haben wir so hart mit der ganzen Mannschaft gearbeitet, ohne sie hätte ich das niemals schaffen können. Ich versuche immer, alle zu überraschen und nicht bis zum letzten Meter zu warten. Ich bin früh angetreten, manchmal klappt es, manchmal eben nicht. Heute hatte ich das Glück des Tüchtigen, das läuft nicht immer so."

Sein besonderer Dank galt Sprint-Ass Mark Cavendish: "Mark ist heute 100%-ig für mich gefahren, er ist Teil dieses Sieges, man hat es auf der ersten Pavés-Sektion gesehen, dass er nur für mich gefahren ist und alles für mich getan hat".

„Tony Martin hat in der für ihn typischen Art und Weise gewonnen – nicht mit Glück, sondern allein durch durch Kraft und Mut. Nun trägt er das Gelbe Trikot bei der Tour. Ich bin so stolz auf ihn“, gab Teamkollege Mark Cavendish via Twitter die Respektzuweisung umgehend zurück.

Tränen bei Degenkolb

Doch wie so oft liegen Freud und Leid nahe beieinander - während der dreckverschmierte Martin über das ganze Gesicht strahlte, vergoss ein anderer bittere Tränen: John Degenkolb.

Martins Landsmann aus dem Preidler-Team Giant-Alpecin hatte sich auf dieser Etappe sehr viel ausgerechnet. Der Klassikerspezialist, der heuer bereits Mailand-San Remo und Paris Roubaix für sich entscheiden konnte, verpasste den Sieg allerdings um nur drei Sekunden.

Den Sprint der ersten Gruppe konnte er gewinnen, doch dass er damit einen deutschen Doppelsieg perfekt macht, kann ihn nicht trösten. Es war bereits das vierte Mal bei einer Frankreich-Rundfahrt, dass er die Ziellinie nur als zweiter Sieger überquerte. Ein Triumph bei der „Grand Boucle“ blieb dem neunfachen Vuelta-Etappensieger bislang verwehrt.

„Wir sind mit unseren Möglichkeiten hinterhergefahren“, sagte Degenkolb. „Vielleicht haben wir einen Moment zu lang gezögert, das war dann am Ende der Moment, der gefehlt hat. Ich bin einfach nur enttäuscht“.

Bis zu den Pyrenäen

Martin hingegen blickt, obwohl er seinen Erfolg noch nicht ganz realisieren konnte, bereits voraus.

"Ich hoffe, dass ich das Trikot bis zum Ruhetag behalten kann. Es kommen zwar eine sehr schwere Etappen bis dahin, doch ich kann es schaffen, zumal wir im Teamzeitfahren zu den Favoriten gehören."

Sein neuer Traum sei es, "die Pyrenäen in Gelb zu erreichen."

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